Matthias Hartmann, neuer Chef der Burg:
Wird das Theater zum Regiestar-Karusell?

Matthias Hartmann, der neue Chef an der Burg, stellt diese Woche die Details seiner ersten Spielzeit in Wien vor. Die Branche hofiert und fürchtet ihn. Weil er das Zerrbild einer Theaterindustrie zeigt, die sich kaum noch Konturen leistet.

Von Tobi Müller

In der Theaterwelt spielt Matthias Hartmann die Rolle des neureichen russischen Unternehmers. Hartmann ist immer etwas lauter, schamloser, manche finden: sexier als andere. Er ist ein Mann der klaren Urteile. Freund, Feind, Punkt. Wobei der Status von Freund zu Feind schnell wechseln kann. Mitarbeitern tritt er mit Aufforderungen zum Liebesbeweis, bisweilen auch zum Gehorsam entgegen: Mit deutscher Großsprecherei die streikende Technik im Schauspielhaus Zürich zu kontern wie vor drei Jahren war keine gute Idee. Als Hartmann den Lohnstreit verlor, konnte er sich diesen Konflikt am Ende nur persönlich erklären. Noch heute hört man von ihm, das Personal habe sein Theater „geschändet“. Das spricht für die Fantasie eines Regisseurs, weniger für das Geschick eines Intendanten. Die Segelboot-Freundschaft mit dem Zürcher Stadtpräsidenten kenterte augenblicklich.

Sicher, Stadtpräsident und Sozialdemokrat Elmar Ledergerber verhandelte mit der Gewerkschaft und machte parteitreue Zugeständnisse, die dem Schauspielhaus schadeten. Aber Hartmanns Auftritte hatten die Situation bereits zuvor verhärtet. Er begriff den Streik als Kampf der Häuptlinge, obwohl die Sache weit vor seine Amtszeit zurückging. Oder aber er sah den Konflikt als Inszenierung. Regie führen, verriet Hartmann einem jüngeren Kollegen, sei die Inanspruchnahme von Macht.

Ein weiteres Beispiel für sein feudales Politikverständnis: der Streit um die neuen Bühnen im so genannten „Schiffbau“, die unter Christoph Marthaler eröffnet wurden. Hartmann wollte auch diese Niederlage ad personam verstehen. Dabei könnte das Problem struktureller nicht sein: Das Zürcher Schauspielhaus besitzt die Immobilie Schiffbau, muss somit selbst für die Rentabilität der Hallen sorgen. Eine im Theater einzigartige – und unmögliche – Situation. Auch aus Trotz ging der Theaterdirektor am Ende so weit, in der großen Halle keine neuen Produktionen mehr zu zeigen.

Man kann das marxistisch sehen – als eine Politik des Schlimmstmöglichen, die das revolutionäre Subjekt, sprich den Theaterabonnenten, zur Revolte drängen soll. Man kann die Reaktion aber auch bloß selbstbezogen finden. Ob neomarxistisch oder narzisstisch gekränkt: Hier war Hartmanns Sturheit in der Sache richtig. Und erst noch öffentlich wirksam. Hartmann schießt konsequent zurück, wenn er glaubt, angegriffen worden zu sein. Dies über weite Distanzen. In Zürich wohnt er schon seit ein paar Monaten nicht mehr. Diese Direktion geht ohne Direktor zu Ende, ohne Publikation und, wie es aussieht, auch ohne Fest. Zürich war Durchgangsort, Wien das Ziel. Daraus hat Hartmann nie einen Hehl gemacht.

Mit seiner branchenfremden Direktheit erinnert Hartmann tatsächlich frappant an das Klischee des Russen, der mit Geld und Gattin in einer Weise protzt, wie das in Westeuropa mittlerweile verpönt ist. Es musste eine Riesenvilla am Zürichsee sein, er musste seine Zürcher Intendanz mit der teuersten Produktion eröffnen, die das Haus vermutlich je sah, er wirbt um einzelne Schauspieler mit den höchsten Gagen, die diese je verdient haben. Und seine eigenen Inszenierungen setzt er immer und immer wieder an, während er jene von berühmten Kollegen zuweilen blockiert.

Klotzen. Dass Hartmann profil vor gut einem Jahr erzählte, er habe in Zürich auf Luxus verzichtet, um darauf hinzuweisen, in Wien werde diese Askese dann an ihr Ende kommen, ist, sagen wir es vorsichtig: ein Witz. Gleichzeitig das Bild des guten Buchhalters aufrechtzuerhalten wäre da eine echte Meisterleistung. Denn Hartmann klotzt gut sichtbar. Dafür wird er, mehr leise als laut, auch bewundert. Endlich mal was anderes als der Intendant, der auf Beamten-Bescheidenheit macht und immerzu nur „auf die Stadt zugehen“ will. Hier kommt ein Kerl, der Wert darauf legt, dass man auf ihn zuzukommen hat. O-Ton Hartmann: „Ich bin 1 Meter 93 groß, spreche hochdeutsch und drücke mich klar aus.“

Vor solchen Gestalten fürchten sich viele. Nicht so sehr, weil unmittelbare Gewalt zu erwarten wäre. Sondern weil sie die eigenen Wünsche im Zerrspiegel zeigen: der Russe mit Puppe und Learjet, Hartmann mit großer Klappe und jeder Menge Kohle. In diesem Bild ist der Westen aber mindestens so interessant wie der Russe, das Theater mindestens so beachtenswert wie Hartmann selbst. Denn man kann Matthias Hartmann auch als Projektion des deutschsprachigen Theaterbetriebs sehen. Wer Hartmann wirklich ist, müssen am Ende andere klären.

Was die Branche an ihm fasziniert , ist zum einen die Schamlosigkeit des Auftritts. Zum andern sein Erfolg, auch wenn die angeblichen „Besucherrekorde“ in Zürich sich in Grenzen hielten. Neidlos muss der Betrieb aber sehen, wie Hartmanns Muskelspiel die besten Kräfte des Marktes wenn nicht bündelt, so doch anbindet. All die stummen Stimmen, die sich von ihm abgrenzen, dabei verdrängen, wie sehr Hartmanns Programm dem ihren gleicht. Oder ihren Wünschen. Als Intendant ist Hartmann ein Ähnlicher.

Eine Liste der Regisseure , die in den vergangenen vier Jahren regelmäßig in Zürich gearbeitet oder gastiert haben, verdeutlicht diese Verwechselbarkeit auf hohem Niveau: Jürgen Gosch, Jan Bosse, Rimini Protokoll, Stefan Pucher, David Bösch, William Forsythe, Alvis Hermanis, Jan Lauwers. Mit direktorialer Handschrift hat ein solches Programm wenig zu tun. Aber viel mit dem Markt und der Potenz des Intendanten. Das Karussell der besten deutschsprachigen Bühnen ist rund – viele drehen an dem Rad, wenige sitzen auf dem Pferd. Die Idee der Ära, die in einem Haus spezielle Duftmarken hinterlässt, ist nur noch romantisch. Wien wird aussehen wie ein zu groß geratenes Zürich. Zumindest an der Burg.

Die Unterschiede werden wieder feiner. Die reisenden Regiestars wurden in Zürich meist in den Schiffbau verschoben. Im Stammhaus, dem Pfauen-Plüschtheater, litt Hartmanns Programm derweil oft an Unterkomplexität. Man sprach, wie im Fall von Bernhards „Immanuel Kant“, das Hartmann unlängst dreist als Wiener Visitenkarte inszenierte (und nun am Burgtheater auch wieder aufnehmen wird, siehe Kasten rechts), immer wieder von Edel-Boulevard. Das Haus ist unter Hartmann weniger intellektuell geworden. Lange fehlten die besonderen Reihen und Diskussionen, die dazu dienen, ein Theater in seiner Stadt zu positionieren und lokale Diskurshitze zu entfachen. Das Geld wandte man fürs Kerngeschäft auf: fürs Karussell.

Dass ein Intendant an die Kasse denkt und sich als Regisseur auch mal uneitel verhält, hat nichts Ehrenrühriges. Hartmann war in Zürich oft dann gut, wenn er zeitgenössische Stücke angenehm sauber, eher minimalistisch statt ausladend präsentierte: „Blackbird“ von David Harrower etwa. Und bei seiner Inszenierung von Mark Ravenhills „Pool (No Water)“ hatte man den Eindruck, dass sich Hartmann für das moderne Künstlerdrama wirklich interessiere. Formal ähnelte diese Arbeit „1979“, einer Bochumer Inszenierung, die Hartmann immer wieder zeigen wollte, weil er da zu einem Umgang mit Videotechnik gefunden hatte, der zu seinem pop-psychedelischen Erzählstil tatsächlich gut passte. Hartmann selbst spricht seit Jahren vom „anderen Ton“, den er im Thea­ter probieren wolle. Und oft von Realität und Fiktion. Was er damit genau meint, außer den Anschluss an einen vagen Performance-Diskurs, bleibt unklar.
Klar bleibt hingegen, dass der Hausherr als Regisseur mindestens zwei sehr unterschiedliche Stile kennt und die eigene Autorenschaft damit entromantisiert. Bei einfachen Stücken ist es wohltuend, wenn sie nicht aufgeblasen werden und man stattdessen den Schauspielern zuschauen kann. Bei komplexeren Texten wie Kleists „Amphitryon“ wundert man sich, wie daraus ein Schwank werden konnte.

Chuzpe. Man kann nicht behaupten, dass Hartmann in Zürich viele Regisseure oder Autoren entdeckt habe. Allenfalls David Bösch, der jüngste, den Hartmann nun auch an die Burg holt, wäre eine Entdeckung zu nennen, obwohl der bislang hauptsächlich in Essen gearbeitet hat. Aber neue Leute haben es gerade überall schwer. Was neue Texte betrifft, wird Hartmann in einer Stadt wie Wien, die anspruchsvolle Stücke gewöhnt ist, wohl umdenken müssen. In Zürich gab es mit Ravenhill, Harrower oder Justine Del Corte vor allem leichte Kost. In Bochum hatte Hartmann Talente wie den heute etablierten Lukas Bärfuss gefördert. Hoffentlich findet Hartmann in Wien zur Chuzpe, sich selbst und anderen wieder etwas unähnlicher zu werden. Etwas weniger vorhersehbar. Russen gibt es in Wien nämlich schon ein paar mehr als in Zürich.

Fotos: Christian Riis Ruggaber

Tobi Müller, 1970 in der Schweiz geboren, war langjähriger Redakteur des „Tages-Anzeiger“ in Zürich. Er war Juror beim Berliner Theatertreffen und bei den Autoren-Werkstatttagen am Wiener Burgtheater. Seit 2008 ist er Redakteur beim Schweizer Fernsehen und freier Kulturjournalist. Er lebt in Berlin.