Medien: Die Geschichte einer Recherche

Vor zwanzig Jahren begann mit einem Artikel in profil die Debatte über Kurt Waldheims Kriegsvergangenheit. Der Hintergrund einer journalistischen Sternstunde.

Fast liebevoll beschrieb das US-Kultmagazin „The New Yorker“ in seiner Juni-Ausgabe 1986 profil-Redakteur Hubertus Czernin: „Er ist dreißig, ein freundlicher junger Mann mit schwarzen Haaren, einer Nickelbrille auf der Nase und einem Plastiksack voll Büchern über die Nazis in der Hand.“ Czernin war eine der Hauptfiguren in der Titelgeschichte der renommierten US-Zeitschrift. Der zentrale Akteur hieß Kurt Waldheim, ein prominenter Politiker auch in New York. Acht Jahre lang hatte er als UN-Generalsekretär am East River amtiert.

Am 3. März 1986, in der heißen Phase des österreichischen Präsidentschaftswahlkampfs, hatte Czernin in profil die Wehrstammkarte des ÖVP-Kandidaten veröffentlicht, aus der hervorging, dass Waldheim ab 1938 Mitglied der SA und des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes gewesen war. Ab März 1942 hatte er am Balkan im Stab des später als Kriegsverbrecher hingerichteten Generalmajors Alexander Löhr gedient.

Das hatte Präsidentschaftskandidat Waldheim in seiner kurz zuvor erschienenen Biografie „Im Glaspalast der Weltpolitik“ anders dargestellt: Einsatz an der Ostfront, Verwundung, Heimaturlaub, Hochzeit, Dissertation und dann – etwas ansatzlos: „Knapp vor Kriegsende befand ich mich im Raum von Triest.“ Und das alles natürlich als Gegner der Nazis.

profil präsentierte Czernins Recherchen, offenbar selbst erschrocken über deren Dimension, zurückhaltend. „Vorbild Schweiz?“ hieß die Titelgeschichte jener Ausgabe, deren Seiten 16 bis 20 die politische Geschichte Österreichs am Ende des 20. Jahrhunderts verändern sollten: Nie seit 1945 war das Land derart in zwei unversöhnliche Lager gespalten wie in den „Waldheim-Jahren“; erst damals wurde der Schleier von der Lebenslüge einer Nation gezogen. Und der Bundespräsident – ein Herr Karl aus der Beletage.

Die SPÖ verlor in der Folge erstmals eine Bundespräsidentenwahl, sicherte sich aber für weitere 14 Jahre den Ballhausplatz. Der neue Bundeskanzler Franz Vranitzky erkannte die Zeichen der Zeit: Seine nach dem Abgang Waldheims gehaltene Rede zur Verantwortung Österreichs am Nazi-Terror markierte einen Wendepunkt des politischen Diskurses. Drei Monate nach der Wahl des umstrittenen Kandidaten putschte sich Jörg Haider im September 1986 in seiner Partei an die Spitze.

Der profil-Enthüllung war ein Ränkespiel voll Vertuschung und Gemauschel vorangegangen, dessen Nebel sich erst jetzt, zwei Jahrzehnte später, lichten.

Schon vor Waldheims erster Kandidatur im Jahr 1971 waren just im nationalen „Salzburger Volksblatt“ erste Gerüchte aufgetaucht: Die ÖVP werde sich doch hoffentlich nicht vom Ondit distanzieren, ihr Kandidat sei Mitglied einer „SS-Reiterstandarte“ gewesen, sorgte sich das FP-nahe Blatt. Kaum jemand nahm davon Notiz. Die SPÖ hatte eben eine Regierung mit vier ehemaligen NS-Mitgliedern präsentiert, die diesbezügliche Reizschwelle lag also hoch.

„Dummheiten“. Erst zehn Jahre später kam das Thema wieder auf: Der amerikanische Journalist Hilel Seidmann, akkreditiert im UN-Hauptquartier, stellte dem Generalsekretär bei einer Pressekonferenz im Oktober 1980 die Frage, ob er bei der SA und bei den NS-Studenten gewesen sei. Waldheim reagierte heftig: „Das sind Dummheiten.“ Der demokratische US-Kongressabgeordnete Stephen Solarz erkundigte sich daraufhin schriftlich. Waldheim wimmelte auch ihn ab.

Fünf Jahre später kochten die Gerüchte auch diesseits des Atlantiks hoch. Zwei österreichische Journalisten, Georg Karp vom „Stern“ und der ORF-Mann Georg Tidl, nahmen die Spur auf.

Bei der Vorstellung des Waldheim-Promi-Komitees im Frühsommer 1985 schockte Karp die Anwesenden mit der Frage, ob Waldheim tatsächlich bei den NS-Studenten gewesen sei. Tidl, Mitarbeiter des damaligen ORF-Magazins „Politik am Freitag“, war auf einer ähnlichen Fährte. Seine erste Anlaufstelle war das Büro von ÖVP-Obmann Alois Mock. Dessen Sekretariat zeigte sich an Tidls Informationen desinteressiert. Danach, so die Vermutungen, habe er sein Material der SPÖ angeboten.

Im September 1985 fand jedenfalls ein Treffen zwischen Hans Pusch, Berater des damaligen Bundeskanzlers Fred Sinowatz, und James Dorsey, Korrespondent der US-Nachrichtenagentur UPI, statt. Pusch servierte Dorsey eine „Waldheim-Story“, letzterer biss jedoch nicht an.

Im Oktober, also fast ein halbes Jahr vor den profil-Enthüllungen, meinte Sinowatz im burgenländischen SPÖ-Vorstand: „Waldheims braune Vergangenheit“ werde im Wahlkampf noch eine Rolle spielen.

Die ÖVP wusste, dass die Sozialisten Material gegen ihren Kandidaten sammelten: Zwei rote ORF-Redakteure hatten in einem Pissoir am Küniglberg über kursierende Gerüchte gesprochen, ein ÖVP-naher ORF-Mann saß in einer Kabine, hörte mit und infomierte den schwarzen TV-Intendanten Ernst Wolfram Marboe. Der erzählte es seinem Bruder Peter. Der spätere Wiener Kulturstadtrat Peter Marboe war damals Organisationschef Waldheims.

In diesen Oktobertagen ’85 bekam profil-Chefredakteur Helmut Voska ein reichlich unscharfes Foto zugespielt: Es zeigte eine Gruppe junger Männer in der Montur der NS-Studenten bei einer Kundgebung auf dem Heldenplatz. Einer von ihnen sah Waldheim stark ähnlich. Hubertus Czernin konfrontierte den Kandidaten mit dem Bild. Das sei nicht er, erklärte Waldheim.

Im Jänner 1986 erfuhr profil-Redakteur Otmar Lahodynsky vom Plan, in der Wiener Stiftskaserne eine Gedenktafel für den Chef der Heeresgruppe E, den als Kriegsverbrecher hingerichteten General Alexander Löhr, anzubringen. In dessen Stab soll ja auch Waldheim gedient haben, fügte Lahodynsky seiner Kurzmeldung hinzu.

In der nächsten profil-Redaktionskonferenz kam das Thema am 4. Februar wieder aufs Tapet: Chefredakteur Voska war zugetragen worden, aus den USA werde „demnächst etwas kommen“.

Wenige Straßenbahnstationen weiter stand an diesem Montag der aus New York angereiste Rechtsberater des World Jewish Congress (WJC), Eli Rosenbaum, beim Wiener Stadtpark und wartete auf einen Kontaktmann. Kennzeichen: eine Zeitung in der linken Hand. Rosenbaum beschreibt den Österreicher mit dem Tarnnamen „Schuller“ später als lang und dürr. „Schuller“ übergibt dem WJC-Mann Material über Waldheim, wahrscheinlich den Außenministeriums-Personalakt aus dem Jahr 1946, in dem die verheimlichten Details von Waldheims Kriegsvergangenheit enthalten sind. Wer war der geheimnisvolle Schuller? Waldheim selbst verdächtigte später Sinowatz-Sprecher Hans Pusch. Pusch ist allerdings keineswegs dürr.

profil-Innenpolitik-Redakteur Hubertus Czernin saß gegen Ende dieser Februarwoche 1986 im Büro eines Informanten zur Noricum-Affäre, als dessen Telefon läutete. Der Anrufer, das bekam Czernin mit, sprach über Waldheims Kriegsvergangenheit. In der folgenden Woche suchte der nun neugierig gewordene profil-Redakteur bei Waldheim ganz offiziell um Einblick in dessen Wehrmachtsakt an, der im österreichischen Staatsarchiv aufbewahrt wird. Waldheim sagte zu.

Tags darauf machte sich Czernin auf den Weg ins Staatsarchiv, wo die Papiere schon bereitlagen. Ein Blick genügte, um deren Tragweite zu erkennen: Waldheim war tatsächlich Mitglied der SA und des NS-Studentenbundes gewesen. Ein Termin bei Waldheim wurde Czernin noch für denselben Abend versprochen. Er möge ins Schloss Ebreichsdorf südlich von Wien kommen, wo die Aristo-Familie Drasche für Waldheim eine Wahlveranstaltung der nobleren Art arrangiert hatte.

„Ich bin im Foyer gesessen und habe gewartet“, erzählt Czernin. „Plötzlich kam Waldheim auf mich zu, legte mir die Hand auf die Schulter und sagte: ,Machen Sie sich keine Sorgen.‘“ Der damals 67-Jährige hatte die Lage offenbar völlig falsch eingeschätzt: Waldheims Bruder Rudolf war Czernins Physiklehrer gewesen. Er selbst hatte Czernins Großvater, den Industriellen Franz Josef Mayer-Gunthof, gut gekannt und offenbar angenommen, Czernin wolle ihn bloß vor Ungemach warnen. Wie diese Vermerke auf seine Wehrstammkarte gekommen sind, könne er sich übrigens nicht erklären, fügte Waldheim hinzu.

Foto-Streit. Am folgenden Montag, den 3. März 1986, erschienen Czernins Rechercheergebnisse in profil. Titel: „Waldheim und die SA“. Am Dienstag veröffentlichte die „New York Times“ („NYT“) eine große Waldheim-Story, wahrscheinlich basierend auf dem von „Schuller“ an WJC-Mann Rosenbaum übergebenen Material. Ein von der „NYT“ abgedrucktes Foto zeigte Waldheim an der Seite des SS-Gruppenführers Arthur Phleps im bosnischen Podgorica – einer jener Stationierungsorte Waldheims, den er in allen Biografien unterschlagen hatte. Das Foto war von einem Innsbrucker Amateurhistoriker, einem Sozialdemokraten, Anfang 1985 bei einem Antiquitätenhändler entdeckt worden. Wie es den Weg nach New York fand, ist bis heute ungeklärt.

Der „Stern“ kam zwei Wochen später in den Besitz eines Fotos von einem Aufmarsch des NS-Studentenbundes in Wien: ganz vorne offenbar der junge Waldheim. Der Präsidentschaftskandidat dementierte wieder: „Ich bin das nicht, bestimmt nicht.“ Mehrere Schulkollegen, denen das Bild vorgelegt wurde, identifizierten ihn hingegen eindeutig.

Nach den Veröffentlichungen brach ein politischer Sturm los: Die ÖVP beschuldigte die SPÖ, mithilfe des „Auslands“ einen Feldzug gegen den großen Österreicher Waldheim zu führen – ein Vorgeschmack auf die „Nestbeschmutzer“-Anwürfe während der Sanktionszeit des Jahres 2000. Die „Kronen Zeitung“ schwang sich zur Vertreterin der „Soldatengeneration“ auf und warf sich schützend vor Waldheim. Als zunehmend der World Jewish Congress mit nicht immer glücklichen Auftritten Aufsehen erregte, war der Wunschgegner gefunden: Die „Ostküste“, spöttelte man, wenn die amerikanischen Juden gemeint waren.

Die SPÖ stand der Kampagne der ÖVP („Jetzt erst recht“ hieß es auf deren Plakaten) hilflos gegenüber: Der Gegenkandidat hatte zwar gelogen, wenn er über seine Kriegsjahre gesprochen hatte – aber das schien ihm sogar noch zu nützen.

In profil deckte Hubertus Czernin monatelang immer neue Details aus Waldheims Kriegstagen auf – etwa den Umstand, dass der Kandidat just zu jener Zeit in Saloniki stationiert war, als 50.000 Juden – ein Viertel der Bevölkerung der Stadt – nach Auschwitz deportiert wurden. Waldheim will davon nichts bemerkt haben.

Immer schwerer wurde es, Falsches von Richtigem zu unterscheiden. So veröffentlichte der WJC im April die Zeugenaussage eines in Jugoslawien inhaftierten Deutschen aus dem Jahr 1947, in der Waldheim mit Kriegsverbrechen in Zusammenhang gebracht wurde. Die Aussage hielt einer Überprüfung nicht stand. Sie war eine Fälschung aus der Zeit, als Tito noch Gebietsansprüche in Südkärnten stellte. Damals etwas gegen einen Außenamtsmitarbeiter in der Hand zu haben war günstig.

Manche Journalisten gingen Fälschern auf den Leim. Der damalige „Spiegel“-Redakteur und heutige Europa-Abgeordnete Hans-Peter Martin etwa veröffentlichte ein Telegramm, das die Verwicklung Waldheims in die Deportation von Zivilisten beweisen sollte. „Es spricht nichts für die Echtheit dieses Telegramms“, schrieb Hubertus Czernin nach dessen Prüfung in profil. Eine Woche später entschuldigte sich der „Spiegel“ für die von Hans-Peter Martin servierte Ente.

Als die Sache für ihren Kandidaten Kurt Steyrer schief zu laufen begann, traten in der SPÖ auch schlichte Verschwörungstheoretiker auf den Plan, die ein teuflisches Zusammenspiel von profil und ÖVP vermuteten. Bezeichnenderweise in der Tageszeitung der Kärntner SPÖ vermutete der Leitartikler, „das konservative Wiener Wochenmagazin profil“ habe das alles bloß enthüllt, „um Waldheim bei national gesinnten Wählern anzubringen“. Bitterer Nachsatz: „Den VP-Wahlstrategen scheint eben jedes Mittel recht.“

Von Herbert Lackner