Medien/Interview: „Unterhaltung ist brutal“

Jan Mojto gilt als einflussreichster Filmhändler und TV-Produzent Europas. Die Spezialität des gebürtigen Slowaken sind historische Melodramen wie „Der Untergang“, „Dresden“ oder das neue ORF-Epos „Rudolf“. Ein Gespräch über sein Selbstverständnis als „Märchenonkel“, Leo Kirch, Sisi und den ORF.

profil: Wie lang wird Ihre Yacht auf der TV-Messe in Cannes sein?
Mojto: Ich brauche keine Yacht, für meine Gespräche reichen mir ein Tisch und ein paar Stühle. Für unseren Empfang wäre eine Yacht ohnehin zu klein, denn wir rechnen mit großem internationalem Interesse an „The Crown Prince“, unserem Kronprinz Rudolf. In meinem Leben gibt es nur gecharterte Boote zum sportlichen Segeln in Kroatien.
profil: Rudolf war eine tragische historische Figur. Für großes Melodram braucht man jedoch Helden. Führt das nicht zwangsläufig zur Geschichtsverfremdung?
Mojto: Wir bewegen uns so nahe wie möglich an der historischen Wahrheit. Ein Prinz, der genau wusste, dass er niemals Kaiser werden würde – das ist der Stoff für großes Melodram. In erster Linie wollen wir unterhalten, aber der historische Hintergrund muss stimmen.
profil: Sie besitzen eine der größten Filmbibliotheken Europas …
Mojto: … und damit auch die Rechte an der „Sisi“-Trilogie mit Romy Schneider …
profil: … die sich ja auch nicht unbedingt durch historische Authentizität auszeichnet.
Mojto: Ich habe jahrelang davon geträumt, ein Remake von „Sisi“ zu machen, dann aber doch davon die Hände gelassen.
profil: Dieses Schicksal teilen Sie mit Hans Dichand, dem Herausgeber der „Kronen Zeitung“.
Mojto: Jetzt können wir beide behaupten, dass wir es nicht geschafft haben, wobei ich mich auf keinen Fall mit Herrn Dichand messen möchte.
profil: Schwingt hier eine gewisse Form der Koketterie mit?
Mojto: Überhaupt nicht. Ich habe von der Wiederbelebung abgesehen, weil man damit die Romy-Schneider-Sisi kaputt machen würde. Bei unserer „Rudolf“-Verfilmung erzählen wir die reife Sisi durchaus differenziert – auch in ihrer Nichtbeziehung zu ihrem Sohn.
profil: Sie sind geborener Slowake, haben ihr Land 1969 verlassen und bezeichnen sich immer wieder als Altösterreicher. Ist das scherzhaft gemeint?
Mojto: Nein, ich fühle mich auch so. Nicht dass ich die Monarchie verklären will. Aber in der Enge eines totalitären Staates empfand ich fast schmerzhaft die Sehnsucht nach einem übernationalen Staatengebilde, wie Österreich-Ungarn es einst war. Wien war für mich in meiner Jugend ein unerreichbares Paradies. Eine meiner ersten Erinnerungen ist, dass wir uns um das krachende Radio zusammenrotteten, um die Übertragung von „Fidelio“ anlässlich der Wiedereröffnung der Wiener Staatsoper zu hören. Meine Großmutter weckte uns jeden Morgen mit den Worten „Wien hat gemeldet“.
profil: Über 50 Jahre nach diesem „Fidelio“-Erlebnis besitzen Sie mit der ehemaligen Kirch-Firma Unitel …
Mojto: … 80 Operninszenierungen, 700 Konzerte, zwei Pay-Kanäle „Classica“ – einen bei Premiere, den anderen in Italien.
profil: Sie haben auch die Rechte an der Verfilmung der Salzburger „Traviata“. Was halten Sie von der Vermarktungsmaschinerie Netrebko?
Mojto: Dass Klassikkünstler wie Popstars vermarktet werden, ist ja nicht neu. Denken wir an Lang Lang und auch Anne-Sophie Mutter. Von ihrem Qualitätsanspruch ist Anna Netrebko deswegen kein Jota abgerückt. Ich träume übrigens von einem weltumspannenden Klassikkanal, einer Art MTV für klassische Musik.
profil: Ihr früherer Arbeitgeber Leo Kirch sagte in einem „Spiegel“-Interview anlässlich des stückweisen Verkaufs seines Imperiums: „Für das, was Jan Mojto für Unitel bezahlt hat, habe ich früher einen halben ,Rheingold‘ produziert.
Mojto: Den Preis habe nicht ich bestimmt, der gestaltete sich aus dem Prinzip Angebot und Nachfrage. Aber natürlich handelt es sich bei Karajan- oder Bernstein-Aufzeichnungen um unwiederbringliche und damit unbezahlbare Werte, was Herr Kirch damit wahrscheinlich gemeint hat.
profil: Sie haben 25 Jahre lang für Kirch gearbeitet und sich ein Jahr vor dem Zusammenbruch des Imperiums selbstständig gemacht. Wie ist Ihr Verhältnis heute?
Mojto: Ich verdanke Leo Kirch unendlich viel – unter anderem die Erkenntnis, wie wichtig es ist, sich in seinen Gedanken nicht einschränken zu lassen. Ich habe von ihm auch große Demut gelernt, was Erfolge betrifft. Unterhaltung ist brutal. In diesem Geschäft tragen wir täglich unsere Haut zu Markte und sind immer nur so gut wie die Quote von gestern. Trotzdem müssen wir ständig in der Lage sein, Dinge auszuprobieren – und gleichzeitig mit unserem Scheitern zu rechnen.
profil: Wurde Leo Kirch durch sein Scheitern ein gebrochener Mann?
Mojto: Besonders in diesem Kapitel seines Lebens hat Herr Kirch ein vorbildliches Beispiel dafür abgegeben, wie man mit so einer Situation umgeht.
profil: Mussten Sie in jüngster Zeit als Produzent Flops hinnehmen?
Mojto: Aber ja.
profil: Welche?
Mojto: Ich kann mich so schlecht erinnern. In solchen Situationen halte ich es mit Scarlett O’Haras Schlusssatz: „Tomorrow is another day.“
profil: 2001 galten Sie als einer der Wunschkandidaten der schwarz-blauen Koalition für die ORF-Generalintendanz.
Mojto: Man hat mich gefragt, ob es mich interessieren könnte. Was mich sehr geehrt hat.
profil: Hat es Sie interessiert?
Mojto: Sehr. Nur war ich damals vertraglich gebunden. Heute stellt sich für mich die Frage nicht mehr, weil ich mich beruflich anders positioniert habe.
profil: Was hätte Sie an der Führung des ORF besonders gereizt?
Mojto: Der ORF ist für mich die interessanteste Sendeanstalt Europas.
profil: Warum? Es gibt doch mehrere öffentlich-rechtliche Sender, die sich aus Gebühren und Werbeeinnahmen finanzieren.
Mojto: Aber diese Konstellation der Doppelfinanzierung, die natürlich auch eine Problematik in sich birgt, ist zugleich eine Herausforderung. Hinzu kommt die große Verantwortung, die der ORF, historisch bedingt, gesellschaftlich, kulturell und politisch trägt.
profil: Meinen Sie damit auch die Tradition der politischen Intervention?
Mojto: Nein. Wegen meiner politischen Überzeugung hat man mich außerdem sicherlich nicht gefragt, ob mich die Generalintendanz des ORF interessieren könnte. Aber jeder Österreicher hat doch sein eigenes Bild davon, was der ORF für ihn zu leisten hat.
profil: Wie würden Sie Ihre politische Überzeugung definieren?
Mojto: Ich bin konservativ.
profil: Konservativ-konservativ oder konservativ-liberal?
Mojto: Durchaus auch liberal, mit Resten von Moral, wenn Sie es genau wissen wollen.
profil: Das Medium Fernsehen erfährt derzeit eine technische Revolution. Wie wird sich das auf die Inhalte auswirken?
Mojto: Dass die Zukunft digital ist, steht außer Zweifel. Die Gegenwart ist es ja auch schon. Jedem Konsumenten wird jedes Programm jederzeit zur Verfügung stehen. Pay-Kanäle werden dadurch mit Sicherheit eine viel größere Rolle spielen als heute.
profil: Die Sendertreue wird durch die wachsende Vielfalt des Angebots eine schwindende Größe werden. Wie kann sich eine öffentlich-rechtliche Anstalt wie der ORF dagegen wappnen?
Mojto: Die großen Marken wie der ORF werden bestehen bleiben. Natürlich wird man durch die Digitalisierung Einbußen an absoluten Zuschauerzahlen hinnehmen müssen, nicht aber an Bedeutung für die Gesellschaft und die Werbewirtschaft. Denn öffentlich-rechtliche Inhalte können nirgendwo sonst so breit und schnell zugänglich gemacht werden. Als ein großes Manko sehe ich die gesetzliche Einschränkung der Anzahl der Kanäle. Der ORF müsste die Möglichkeit haben, weitere Kanäle zu betreiben – zum Beispiel gemäß seinem Auftrag einen Kulturkanal.
profil: Die neue Generation von TV-Sehern ist durch ganz neue Konsumgewohnheiten geprägt worden: Videospiele, Handy und Internet.
Mojto: Die sind quasi schon interaktiv geboren worden. Die technische Zukunft hat das Fernsehen längst hinter sich gelassen. Es wird neue Auftraggeber für neue Inhalte geben – wie zum Beispiel den Handybetreiber, der eine 360-teilige Soap in der Länge von jeweils drei Minuten ordert. Oder Portale, wo man sich von einem Server Kinderprogramme für eine ganz bestimmte Altersgruppe herunterladen kann.
profil: Wie die Musikindustrie wird auch die Filmindustrie zunehmend Datenbanken zum entgeltlichen Downloaden installieren. Verschwindet das klassische Kino?
Mojto: Das weiß ich nicht. In jedem Fall wird die klassische Verwertungskette Kino/DVD/Pay-TV/Free-TV nicht mehr lange existieren. Wenn die Kinos mit digitaler Technik ausgestattet und an die Satelliten angeschlossen werden, könnte ich mir vorstellen, dass man die Räumlichkeiten auch für Event-Screenings nutzt, etwa für einen Boxkampf oder, was mir weit lieber wäre, die „Traviata“-Premiere mit Anna Netrebko.
profil: Sie waren maßgeblich an der Entstehung und Finanzierung des kommerziell sehr erfolgreichen, aber ideologisch umstrittenen Kinofilms „Der Untergang“ beteiligt, der Hitlers letzte Tage im Führerbunker erzählte.
Mojto: Die Diskussion, die da geführt wurde, ging am Thema vorbei.
profil: Vor allem internationale Medien erhoben den Vorwurf, dass der Film versuchte, das Monster Hitler zu vermenschlichen.
Mojto: Die ganze Debatte entstand durch ein Interview, in dem Bruno Ganz sagte: „Wenn ich Hitler spiele, spiele ich einen Menschen.“ Dass dieser Mensch der grausamste aller Zeiten war, steht wohl außer Zweifel. „Der Untergang“ ist kein Film zum Wohlfühlen.
profil: Als Zuschauer fühlte man sich wie in einer Geisterbahn, in der sich eher Karikaturen als Menschen tummelten.
Mojto: Diese überzogene Mischung aus Grausamkeit und Spießigkeit bestimmte nun einmal die Psyche der Nationalsozialisten. Kino darf generell alles erzählen. Ich halte die Spielform in diesem Fall für ein legitimes Mittel. Es ist unser Recht und auch unsere Pflicht, solche Stoffe aufzugreifen.
profil: Als Co-Produzent von Nico Hofmann haben Sie nach dem RTL-Mehrteiler „Die Sturmflut“ mit dem TV-Drama „Dresden“ für das ZDF vor Kurzem ein anderes Trauma der deutschen Geschichte aufgegriffen. Als Label für diese Art von Monumental-TV wurde der Begriff „Event-Fernsehen“ kreiert.
Mojto: Ich fürchte, dieses neumodische Wort haben wir selbst erfunden. Jetzt müssen wir auch dazu stehen.
profil: Ist diese Art von kostenintensiven Großereignissen für Sender überhaupt noch finanzierbar?
Mojto: Nur mit europäischen Partnern oder wenn der Verkauf bereits im Vorfeld großteils gesichert ist. Aber die Zuschauerzahlen haben bewiesen, dass die Kombination von großen Gefühlen und Menschen in Extremsituationen unschlagbar ist. Am Ende des Tages sind wir immer noch Märchenonkel. Daran glaube ich. Was bleibt mir denn auch anderes übrig? Sonst müsste ich ja meinen Laden zusperren.
profil: Die Vergangenheitsbewältigung im Fernsehen nimmt kein Ende. Eben wird für die ARD die Großproduktion „Flucht und Vertreibung“ gedreht, in die Sie ebenfalls involviert sind. Thema ist die Flucht ostpreußischer Dorfbewohner und ihrer Herrschaft vor der Roten Armee. Schreibt die Geschichte die besten Plots?
Mojto: Ja, wenn Sie so wollen. Entwurzelung, Vertreibung, zerrissene Familien – vom Zweiten Weltkrieg bis zum Eisernen Vorhang. Bessere Voraussetzungen für gutes Melodrama gibt’s gar nicht.
profil: Sie haben die Slowakei 1969, ein Jahr nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen, im Alter von 21 Jahren verlassen. Wie dramatisch gestaltete sich Ihre Flucht?
Mojto: Gar nicht dramatisch. Ich hatte im letzten Moment eine Ausreisegenehmigung für drei Monate bekommen. Aber ich musste meine Eltern, Geschwister, meine ganze Familie zurücklassen. Ich ging in dem Bewusstsein, dass ich nie wieder werde zurückkehren können.
profil: Wie haben Sie Ihre Rückkehr nach dem Fall des Eisernen Vorhangs empfunden?
Mojto: Ich habe meine Rückkehr lange vor mir hergeschoben. Da war lange eine innere Mauer in mir. Wahrscheinlich hatte ich Angst vor der Veränderung der Welt, die ich verlassen hatte. Meine Eltern und Geschwister traf ich ab 1989 regelmäßig in Wien. Erst drei Jahre später bin ich das erste Mal wieder in meine Geburtsstadt Nitra gefahren. Anlass war das Begräbnis meines Vaters. So seltsam es klingt: Er hat mir damit das größte Geschenk gemacht. Ich stand an seinem Grab und hatte erstmals wieder das Gefühl, Wurzeln zu haben.

Interview: Angelika Hager