Medien. Nachrichten aus Heinzl-Land

Wen interessieren Faymann & Pröll, wenn er Lugner & Katzi haben kann? Herbert Lackner über den endgültigen Triumph der Society über die Politik.

Wenn das Orchester gegen fünf Uhr Früh „Brüderlein fein“ spielt, traditionell des letzte Lied der Ballnacht, liegt Richard Lugner längst in den Federn. Katzi, Mausi und Jackie sind abgefüttert, abgefüllt und abgefilmt, der Stargast ist abgereist – jetzt kehrt Ruhe ein. Es hat sich wieder einmal gelohnt.

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wurde der Name des 77-jährigen Baumeisters seit Jahresbeginn in den österreichischen Tageszeitungen genannt, damit liegt er klar vor Außen-, Wirtschafts- und Sozialminister. Selbst seine aktuelle Pflegerin Anastasia Sokol, vulgo „Katzi“, 20, distanziert den Umweltminister und die Klubobleute um Längen.

Wen kümmert schon Faymann gegen Pröll, wen kratzt Häupl gegen Strache, wenn Dominic Heinzl gegen Thomas Gottschalk in den Ring steigt und dem großen Blonden ein Quoten-Cordoba zufügt?

Politiker können von den Bekanntheitswerten der Billig-Promis und deren Herolden nur träumen. Nur vier Prozent der Österreicher wissen nicht, wer Richard Lugner ist, hat Publizistik-Magistra Elke Eschberger für ihre im vergangenen Sommer eingereichte Diplomarbeit zum Thema „Richard, Mörtel‘ Lugner und das Geheimnis seiner Prominenz“ erhoben. Bei den 20- bis 30-Jährigen und der Generation 50 plus ist der johannistriebige Überalldabei gar zu 100 Prozent bekannt. Ein durchschnittlicher Minister erreicht bestenfalls einen Bekanntheitsgrad von 70 Prozent.

Kein journalistisches Genre blühte in den letzten Jahren so üppig wie jenes, das sich hingebungsvoll den Befindlichkeiten prangender Promis widmet. „Seitenblicke Magazin“ und „Diva“, „First“ und „Madonna“, die „Krone“-Beilage „Live“ und das „Österreich“-Supplement „Life & Style“ transportieren allmonatlich auf hunderten Seiten die Whereabouts heimischer Stars und Sternchen. Gar nicht zu reden von „Wienerin“ oder dem prallen Society-Teil von „News“. Selbst diesbezüglich lange abstinent gebliebene Medien wie „Presse“, „Standard“, „Falter“ und profil wagen sich heute in Gesellschaftsspalten – wenn auch in solche der etwas gehobeneren Art.

Und doch tragen sie alle nur einen geringen Teil zum Ruhm ihrer Zielpersonen bei. Die Diplomandin Bianca Mistelbacher hat 2007 in ihrer Arbeit „Prominenz in Österreich. Eine empirische Erhebung zum Phänomen“ ermittelt, dass nur 21 Prozent der Befragten Promis aus Printmedien kennen. 61 Prozent beziehen Neuigkeiten über ihre Lieblinge aus dem Fernsehen. Entsprechend dicht ist das Angebot. „Chili“ (ORF 1) und „Seitenblicke“ (ORF 2) sind die Platzhirsche. „ATV-Life“ und „Pink!“ (Puls 4) die Herausforderer, „In Life“ (Servus TV) ist zumindest ein ambitionierter Versuch. RTL strahlt in „Exclusiv“ deutsche Promis in Ösi-Haushalte, „Prominent“ (Vox) bringt internationalen Glamour, „Leute heute“ (ZDF) reist sogar Hollywood-Größen nach. 15 Stunden pro Woche senden die acht genannten TV-Magazine – alle zur Hauptsendezeit kurz vor oder nach 20 Uhr. So viel Promi-TV gab’s noch nie in der Fernsehgeschichte.

Und sie alle haben ihr Publikum.
Die „Seitenblicke“ erreichen nach wie vor einen Marktanteil von rund 35 Prozent, obwohl zuvor schon Dominic Heinzl (Marktanteil acht Prozent) die Welt der Reichen und Schönen durchkämmt hat. Anders gerechnet: Seit Heinzl on air ist, schaut eine Viertelmillion Österreicher mehr (oder bei Doppelnutzern eben entsprechend länger) Promis bei ihrem munteren Treiben zu.

Gewichtiger ist, dass das Genre in Medien diffundiert, in denen es bisher nur in genau abgesteckten Claims vorkam. Am Tag des großen Ereignisses lautete die Spitzenmeldung der ORF-Teletext-Schlagzeilen: „Lindsay Lohan kommt nicht zum Opernball.“ Erst auf Platz zwei folgte Unerhebliches aus der Politik: „Griechenland steht vor der Pleite.“

Die Austria Presse Agentur (APA)
, eine der besten und seriösesten Nachrichtenmaschinen des Kontinents, setzte in den Stunden vor und nach dem Opernball nicht weniger als 19 Meldungen ab, in denen es um Katie Price ging, als deren Beruf die Suchmaschine Wikipedia „Busenwunder“ angibt. Auf Schritt und Tritt folgte die jeglicher Paparazzo-Neigungen unverdächtige APA der Dame mit der großen Oberweite und versorgte die österreichischen Zeitungsredaktionen in Echtzeit mit Meldungen wie „Katie Price macht Geheimnis um ihr Kleid“, „Katie Price schwieg und besuchte Lipizzaner“, „Katie Price von, einzigartigen‘ Lipizzanern beeindruckt“, „Schneechaos bedroht Katie Price’s Sightseeing Tour“ und „Tumultartiger Empfang für Katie Price“. Nachdem das Busenwunder tags darauf wieder das Flugzeug bestiegen hatte, machte der APA-Reporter noch immer schwer beeindruckt den Sack zu: „Katie Price nach ausgedehntem Schönheitsschlaf abgereist.“

Bildungsbürgerliche Sorgenfalten sind dennoch nicht angebracht: Von ein bisschen mehr Tratsch & Klatsch geht das Abendland nicht unter. Der Journalist und Autor Christian Schuldt sieht in seinem neuen Buch „Klatsch. Vom Geschwätz im Dorf zum Gezwitscher im Netz“ (Insel Verlag) das Getratsche als atavistischen Restposten: Tratsch sorge bei den Menschen etwa ebenso für den Zusammenhalt der Gruppe wie bei den Affen die gegenseitige Fellpflege.

Nicht viel anders befundet Hannes Haas, Vorstand des Instituts für Publizistik an der Wiener Uni: Society-Themen seien ein sozialer Kitt, weil sich bei ihnen sogar ein „fragmentiertes Publikum“ wiederfinde. Anders gesagt: Bei Baumeister samt Busenwundern können alle mitreden – vom „Presse“-Abonnenten bis zum „Krone“-Leser. Haas: „Früher haben halt alle über das Wetter geredet.“

Über Politik spricht ohnehin kaum noch jemand. Heidi Glück, Politikberaterin und zuvor lange Sprecherin von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel: „Der politische Diskurs ist gelähmt, weil das Publikum daraus keinen Mehrwert für sich ziehen kann. Es gewinnt keine Orientierung.“

Wie sollte es auch? Man nehme vergangene Woche:

* Die Arbeitsgruppe zur Verwaltungsreform, ein Gremium, das in wechselnder Zusammensetzung seit etwa 35 Jahren tagt, kündigte an, sie werde sich in der nächsten Sitzung Ende Mai einen Zeitplan geben. Die Verwaltungsreform ist laut Regierung übrigens das Kernstück der Budgetsanierung.

* Die Bankensteuer wurde am Dienstag ebenfalls einer Arbeitsgruppe überantwortet, die politischen Stellungnahmen seither lassen vermuten, dass erste Ergebnisse vorliegen, wenn die Tage schon wieder deutlich kürzer werden.

* Die SPÖ hat ihre Linie in der Asylfrage „präzisiert“: Sie ist gegen den Bau eines Erstaufnahmezentrums, in der Umgebung dieses nicht zu bauenden Zentrums sollen sich Asylwerber aber frei bewegen können.

* Der Nationalrat sagte einen der beiden geplanten Sitzungstage ab: Es gab einfach nichts zu tun.

Da sind die Bambis, Mausis und Katzis, die Boxenluder und Busenwunder dieser Welt allemal lustiger.

Dennoch würde Heidi Glück, deren einstiger Chef Wolfgang Schüssel Society-Events mied wie der Schneemann die Hundstage, nur wenigen Politikern dazu raten, durch Auftritte in Promi-Umgebung auf Image-Punktejagd zu gehen: „Das kann sich nur ein politisches Schwergewicht leisten, das auch mit politischen Inhalten gebrandet ist. Die anderen gehen in Peinlichkeit unter. Außerdem kann sich ein Politiker nicht auf Fragen von Society-Reportern vorbereiten.“ Wie Landeshauptmann Erwin Pröll kürzlich erfuhr, als ihn Dominic Heinzl vor der Live-Kamera als „lustiges Kerlchen“ vorstellte ...

Glücks These von der nur beschränkten Nutzbarkeit des Parketts durch Politiker findet beim Kommunikationswissenschafter Ulrich Sarcinelli Bestätigung, der in einer Studie „hohe moralische Qualitäten, ausgeprägte Unterhaltungskompetenz und gute Expertenfähigkeiten“ als Grundvoraussetzungen für das Reüssieren von politischen Größen auf billigen Bühnen nennt. Nur: Wer hat das schon?

Einer, der noch auf entsprechendes Potenzial zurückgreifen konnte, ist Roman Schliesser, 78, der Ur-„Adabei“ der „Krone“, mit 55 Dienstjahren und 34 Opernbällen auf der Kampfkarte. In seinen Kolumnen tummelten sich noch Gerhard Bronner und Helmut Qualtinger, Fritz Gulda und Joe Zawinul, Bruno Kreisky und Hannes Androsch. Von Kreisky berichtete Schliesser exklusiv, er habe sich einen teuren Rover als Dienstwagen angeschafft. Dem jungen Finanzminister wies er Dutzende Anzüge des Wiener Nobelschneiders Knize nach. Androsch sprang in Lech mit den Skiern über ein Hüttendach. Kreisky brachte den spanischen König zum Opernball und die Nobelpreisträger Günter Grass und Heinrich Böll zu Diskussionsveranstaltungen. Als Kreisky und Androsch stritten, machte sich der internationale Stardirigent Leonard Bernstein erbötig, den Zwist zu schlichten.

Gibt es heutzutage Zoff, setzt sich Lugners Ex-„Bambi“ Nina Bruckner auf Puls 4 in einen Lügendetektor und bekräftigt, am Valentinstag habe nicht „Prinz Mario Max zu Schaumburg-Lippe“ ihr den Weisel gegeben, sondern sie ihm. Der Herr Prinz, recte Wagner-Schöppll, ist in Wahrheit Sohn einer Wiener Amtstierärztin und wurde von einer Altprinzessin jenseits des 90. Lebensjahrs „adoptiert“. Bambi zum Grund der Trennung: „Ihm waren nur die Medien wichtig.“

Genau solche Geschichten wirft Doyen Schliesser seinen Nachfolgern vor: „Sie suchen nicht nach interessanten Leuten, sondern nehmen die, die sich am meisten anbiedern – die C- und D-Garnitur.“

Bald kommt es noch dicker.
Ex-Gattin „Mausi“ hat sich in die nächste Staffel von „Die Lugners“ (ATV) reklamiert. Auch Tochter Jackie und Freund Helmut werden dabei sein, wenn sich die ganze Mischpoche kamerabegleitet zum Badespaß an die türkische Riviera begibt, jauchzt der Privatsender aus der Praterstraße. Eine Art Familie Putz in der Endlosschleife. Mit Opa statt Oma. Demnächst in diesem Theater.