Medien: Ohne Maulkorb

Ausgerechnet in Andreas Mölzers nationalkonservativer Wochenschrift „Zur Zeit“ hat Jörg Haider nun den Hort des Bösen ausgemacht. Wer steckt eigentlich hinter dem rechten Blatt?

Die alte Adresse klang richtig multi-kulti – so gar nicht nach dem Geschmack der nationalkonservativen Leserschaft: In der Marokkanergasse im dritten Wiener Gemeindebezirk, mitten im polnischen Viertel der Bundeshauptstadt, wo sich die polska wideoteka an die polnische Kirche reiht, war der Sitz der W3-Verlagsgesellschaft. Dort tüftelten Herausgeber und Chefredakteur Andreas Mölzer, fünf angestellte sowie rund 30 freie Autoren allwöchentlich am Rechts-Organ „Zur Zeit“. Die Redaktionsstube war spartanisch eingerichtet, TV-Gerät gab es keines, nur ein altes Radio, von Mölzer halb im Scherz „Volksempfänger“ genannt. Der Herausgeber mit Sinn für Ironie saß unter einem vergilbten „Volksstimme“-Plakat.

Doch der Platz wurde schließlich zu knapp, die „Zur Zeit“-Redaktion musste übersiedeln. Seit Herbst residiert sie in der Engelsberggasse, ebenfalls im dritten Bezirk, in einem schönen Altbau mit blauem Teppichboden. Auch einen Fernseher gibt es mittlerweile. Und Andreas Mölzers Zimmer ist ein wenig staatstragender geworden: Er sitzt vor rot-goldenen Vorhängen, das KP-Plakat wurde abgehängt. Immerhin dient ihm der Raum nun auch als sein EU-Büro – einmal pro Woche hält Andreas Mölzer Sprechstunde. Seinen „EU-Pressedienst“ wickelt er ebenfalls über den W3-Verlag ab.

In der vorletzten „Zur Zeit“-Ausgabe hatte Mölzer unter dem Titel „Was bleibt von der dritten Kraft“ eine – für ihn folgenschwere – Analyse der FPÖ von ihren Anfängen unter der vormaligen NS-Größe Anton Reinthaller über den Aufstieg unter Jörg Haider bis hin zur tristen Gegenwart als „ohnmächtiger kleiner Partner in einer Mitte-rechts-Koalition“ verfasst. Darin ätzte Mölzer: „Die Parteichefin ist als solche primär in ihrer Eigenschaft als Schwester begründet. Der Vizekanzler, ein klassischer Wirtschaftsliberaler und zu ÖVP-affin. Die Justizministerin im sozialistischen Milieu politisch sozialisiert und mäßig kompetent. Die drei Staatssekretäre politisch-ideologische Leichtgewichte.“

Wie immer man zu Andreas Mölzers Ansichten sonst auch stehen mag – so falsch liegt er mit diesem Befund jedenfalls nicht.

Rauswurf. Jörg Haider sah das offenbar ein wenig anders. Und zwar – obwohl offiziell gar nicht am blauen Thron regierend – als Majestätsbeleidigung. Andreas Mölzer musste dafür Montagabend vergangener Woche mit dem Hinauswurf aus dem FPÖ-Bundesparteivorstand büßen. Es war der Auftakt zur Abrechnung mit dem nationalen FPÖ-Flügel, an deren Ende die Propagierung einer „FPÖ neu“ stand.

Eingeschnappt grantelte Haider noch am Mittwoch bei seiner Pressekonferenz in Wien: „Wer nicht will, kann uns ja verlassen.“ Angesprochen fühlen durften sich „jene Leute, die sich zurücklehnen und blöde Kommentare schreiben“.

„Zur Zeit“-Verlagsleiter Walter Tributsch stand am hinteren Saalende des Presseclubs Concordia und lauschte Haiders Worten mehr amüsiert denn erschrocken.

„Wir lassen uns ganz sicher keinen Maulkorb umhängen“, meint Tributsch. In der nächsten Nummer gebe es sogar vier Seiten Leserbriefe zur Causa prima im blauen Lager. „Da kann man dann lesen, was die Basis wirklich denkt.“

Walter Tributsch, Burschenschafter bei der Teutonia, versuchte sich einst als Privatradiopionier: Mit Radio CD beschallte er Ostösterreich von Bratislava aus – er sagt natürlich „Pressburg“. 1997 hob der gebürtige Kärntner gemeinsam mit Mölzer „Zur Zeit“ aus der Taufe.

„Wir wollen das Gegenstück zum ,Falter‘ sein“, sagt Tributsch. „In einer liberalen Medienlandschaft muss auch Platz für die rechte Seite sein.“

Tatsächlich wandelt „Zur Zeit“ bisweilen knapp am rechtsrechten Grad entlang. Im Jahr 2000 etwa verlangte ein gewisser Norbert Niemann in seinem Artikel ein Ende der „Vergangenheitsbewältigung“ – denn am Judenhass seien schließlich die Juden selbst schuld. Hinter dem Pseudonym versteckte sich Gerüchten zufolge der Herausgeber höchstpersönlich.

Die Eigentümer. Im W3-Verlag, dem „Zur Zeit“-Eigentümer, haben sich jedenfalls zahlreiche Honoratioren des rechtskonservativen Spektrums zusammengefunden. Beteiligt sind unter anderem Andreas Mölzers K3 Verlag (zwei Drittel hält Andreas Mölzer selbst, ein Drittel sein Sohn Wendelin), der rechte Grazer Leopold Stocker Verlag, die „Junge Freiheit“ (das deutsche „Zur Zeit“-Vorbild), der konservative Münchner Verleger Herbert Fleissner (Amalthea Verlag, Ullstein-Langen-Müller Verlag) oder der Hotelier Johannes Hübner, Sprecher des Personenkomitees für Andreas Mölzers Vorzugsstimmen-Kampagne bei den EU-Wahlen im Juni 2004.

„Zur Zeit“ hat derzeit eine wöchentliche Auflage von rund 22.000 Stück. Andreas Mölzers Mitherausgeber sind der blaublütige FPÖ-Bundesrat John Gudenus und Botschafter a. D. Johann Josef Dengler, ein CVer, der den christlich-konservativen Flügel abdecken soll.

Gedruckt wird „Zur Zeit“ übrigens in Bratislava – Pardon: Pressburg.
Oliver Pink