Medien: Plattmacher

Beim Hamburger Nachrichtenmagazin „Spiegel“ tobt der Machtkampf. Nach dem Quasi-Rauswurf des Chefredakteurs Stefan Aust droht eine Führungskrise, die Suche nach einem Nachfolger gestaltet sich heikel.

Der Anfang vom Ende: Am Donnerstag, dem 15. November, um 17.22 Uhr erging eine knappe Aussendung an die Nachrichtenagenturen: „Die Gesellschafter des Spiegel-Verlags haben einvernehmlich und auf Initiative der Mitarbeiter KG beschlossen, den Vertrag von Stefan Aust, Chefredakteur des ,Spiegel‘, nicht über den 31. Dezember 2008 hinaus weiterlaufen zu lassen. Über eine Nachfolge wird zu gegebener Zeit informiert.“

Drei Zeilen, die ein heftiges Beben in der Medienlandschaft auslösten. Schließlich war damit einer der wichtigsten Jobs in der europäischen Printbranche de facto für vakant erklärt worden. Nur ein kleiner Kreis hatte vom bevorstehenden Umsturz gewusst, und dieser hält auch seit Bekanntwerden der Entscheidung eisern dicht. Auch im „Spiegel“-Hochhaus an der Hamburger Brandstwiete wissen bis heute nur wenige über die Hintergründe Bescheid. Selbst ein hochrangiger Mitarbeiter wie Karl-Dietrich Seikel, bis zum 1. Jänner 2007 Geschäftsführer des Spiegel-Verlags und heute als interner Berater tätig, erklärt sich gegenüber profil für unzuständig: „Ich bin über diese Entwicklung genauso überrascht wie Sie. Man kann nur mit großer Verwunderung zur Kenntnis nehmen, wie da ein verdienstvoller Chefredakteur abserviert wird, ohne dass man einen Nachfolger präsentieren könnte.“

Am vergangenen Mittwoch wurde es schließlich auch Joachim Preuß, neben Martin Doerry zweiter Vize-Chefredakteur des „Spiegel“, zu bunt. Die Vorgehensweise der Gesellschafter sei eine „Dämlichkeit erster Güte“, ließ er den Branchendienst „kress“ wissen. Kurz zuvor hatte Preuß, seit dreißig Jahren beim „Spiegel“, seinen Rücktritt angekündigt: „Wenn sie Aust hier rauskegeln, gehe ich hinterher.“ Die Führungskrise beim „Spiegel“ war damit perfekt.

Tatsächlich erscheint die Art, in der Aust vor vollendete Tatsachen gestellt wurde, auf den ersten Blick reichlich stümperhaft. Schuld daran war eine Indiskretion. Schon seit Wochen waren die „Spiegel“-Gesellschafter (50,5 Prozent kontrolliert die Spiegel-Mitarbeiter-Beteiligungs KG, 25,5 Prozent das Verlagshaus Gruner+Jahr, die restlichen 24 Prozent die Erben des Gründungsherausgebers Rudolf Augstein) auf der Suche nach einem Nachfolger für Aust. Die Gespräche verliefen unter strengster Geheimhaltung, was mancher Beteiligter als „persönlich wohl nicht sehr nett, aber unter professionellen Bedingungen nun einmal notwendig“ beschreibt: Aust hätte, so die Befürchtung der Gesellschafter, den Job beleidigt hinschmeißen und das Magazin kurzfristig führungslos zurücklassen können.

Indiskretion. Auch am besagten Donnerstag sondierte man mögliche Kandidaten. Mario Frank, der amtierende „Spiegel“-Geschäftsführer, fühlte telefonisch bei dem ehemaligen „Zeit“-Korrespondenten Thomas Kleine-Brockhoff vor, ob er sich denn vorstellen könne, Aust zu beerben. Kleine-Brockhoff erbat sich Bedenkzeit. Womit die Gesellschafter nicht gerechnet hatten: Kleine-Brockhoff informierte kurzerhand den Auslandsressortleiter des „Spiegel“, Gerhard Spörl. Über mehrere Stationen wurde die Information schließlich auch Aust zugetragen, der zu dem Zeitpunkt gerade Urlaub in Indonesien machte. Die Bombe war geplatzt; die Gesellschafter gingen, von der Entwicklung selbst überrumpelt, mit ihrer dreizeiligen Presseaussendung hastig an die Öffentlichkeit. Die Ära Aust war damit zu Ende.

Im Dezember 1994 war Aust, unter erheblichem Protest seitens der Redaktion, vom „Spiegel“-Gründer und -Patriarchen Rudolf Augstein zum neuen Chefredakteur ernannt worden. Der renommierte Enthüllungsjournalist, der zuvor beim linken Politmagazin „konkret“ gearbeitet, später Spiegel TV begründet und mit großem Erfolg geleitet hatte, sollte das Nachrichtenmagazin gegen die neue Konkurrenz durch den Münchner „Focus“ wappnen, der dem „Spiegel“ zuvor drastische Umsatzeinbußen beschert hatte. Aust, ein journalistischer Kraftlackel, verordnete dem „Sturmgeschütz der Demokratie“ einen dezenten Modernisierungskurs, ohne die journalistische Substanz infrage zu stellen. Mit Erfolg: Während „Focus“ und „Stern“ im Zuge der Wirtschaftskrise rund um die Jahrtausendwende an Reichweite verloren, konnte Aust die „Spiegel“-Auflage dank seinem Gespür für verkaufsträchtige Themen konstant über einer Million Exemplare halten.

Die politische Sprengkraft, die der „Spiegel“ in den siebziger und achtziger Jahren als deutsches Leitmedium entwickelt hatte, blieb dabei allerdings auf der Strecke. „Im Grunde liefert der ‚Spiegel‘ heute vor allem gut geschriebene Reportagen und kümmert sich kaum noch um die Wahrnehmung der Gesellschaft“, klagt etwa der ehemalige „Spiegel“-Redakteur und Aust-Biograf Oliver Gehrs (siehe Interview Seite 100). Sein Fazit, ganz ähnlich auch in zahlreichen anderen Kommentaren der vergangenen Woche zu lesen: „Der ‚Spiegel‘ ist kein Muss mehr.“

Dass dieser Umstand bei Austs Ablöse eine Rolle gespielt haben könnte, deuten auch die wenigen offiziellen Stellungnahmen zu dessen Abschuss an: „Wir sind der Meinung, dass der Spiegel einen Modernisierungsschub braucht“, ließ der Mitarbeitersprecher Armin Mahler wissen. „Wir wollen mehr junge Leute an das Blatt binden.“

Substanzielleres wurde in der Frage freilich nicht verlautbart. Weder Mahler noch Aust waren gegenüber profil zu einer Stellungnahme bereit. Auch die Erben des Gründungsherausgebers, Franziska und Jakob Augstein, wollten sich zu der Angelegenheit nicht öffentlich äußern. Selbst Gruner+Jahr-Vorstand Bern Kundrun gab sich zugeknöpft, sein knapper Kommentar gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“: „Dieser verlegerische Entschluss hat eine Reihe von in die Zukunft weisenden Gründen, die aus Respekt für die Lebensleistung von Stefan Aust nicht öffentlich erörtert werden sollten.“ Und weiter: „Unsere Rolle bei der Benennung eines neuen Chefredakteurs werden wir in den nächsten Wochen zum Wohle des ,Spiegel‘ verantwortungsvoll und ohne weitere öffentliche Kommentierung wahrnehmen.“

Den vielfältigen, gern auch eine Spur unqualifizierten Spekulationen über allfällige Kandidaten, mögliche Kronprinzen und etwaige Zwischenlösungen setzen solche Äußerungen freilich keine Schranken. „Wer nicht bei drei auf dem Baum ist, wird ‚Spiegel‘-Chefredakteur“, kommentierte der ehemalige „Stern“-Chef Michael Jürgs die mediale Schnitzeljagd nach dem Aust-Nachfolger. Tatsächlich blieb in dieser Frage zuletzt kaum ein bedeutender Medienmanager unerwähnt: „FAZ“-Herausgeber (und Aust-Intimus) Frank Schirrmacher, „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, „Spiegel Online“-Chef Mathias Müller von Blumencron; aber auch dem TV-Moderator Frank Plasberg und Austs journalistischem Ziehsohn und neoliberalem Hardliner Gabor Steingart wurden Chancen auf den prestigeträchtigen Posten eingeräumt. Als wohl aussichtsreichster Kandidat kristallisierte sich in der Vorwoche jedoch der derzeitige Chefredakteur der „Frankfurter Rundschau“, Uwe Vorkötter, heraus.

Gelassenheit. Wie auch immer sich die Gesellschafter entscheiden mögen – überhastet werden sie es nicht tun. Denn bei all der Aufregung, die den „Spiegel“ in diesen Tagen umtost, gibt man sich in Gesellschafterkreisen überraschend gelassen, fast gelöst. Über die plötzliche Öffentlichkeit sei man nach dem anfänglichen Schock inzwischen gar nicht mehr sonderlich vergrämt, meint ein Insider, immerhin sei damit auch der Zeitdruck weg, die Geheimhaltung kein Thema mehr. Bis zum Jahresende soll ein Nachfolger präsentiert werden, aber man werde sich hüten, aus Panik auf eine halbgare Lösung zu setzen. Aust, in der Vorwoche aus dem Urlaub zurückgekehrt, sitzt mittlerweile wieder an seinem Schreibtisch und macht, was er seit bald 13 Jahren macht: den „Spiegel“. Wahrscheinlich ahnt auch er: Der Anfang vom Ende ist noch lange nicht vorbei.


Von Sebastian Hofer