Medikamentenhandel: Gute Besserung

In österreichischen Apotheken sind Preise geregelt und Wachstumsraten krisensicher. Doch das alte System bröckelt. Der Pillenversand über das Internet boomt in Europa – und erfasst auch Österreich.

Herbert Cabana zieht ergeben Schubladen auf, schiebt bedächtig die vom Arzt verordneten Pillenschachteln über den Verkaufstresen und kommentiert fachkundig: „Die nehmen Sie dreimal täglich nach den Mahlzeiten.“ Tag für Tag berät er Kunden bei Durchfall, Schnupfen, Husten oder Fieberblasen, wie jeder andere Apotheker in Österreich auch.

Doch neuerdings fühlt sich Cabana selber nicht wohl in seiner Haut. Ähnlich unwohl fühlen sich etliche andere Apotheker in Österreich. „Erfreut sind wir nicht“, sagt Cabana, Präsident der Österreichischen Apothekerkammer und Betreiber einer Apotheke im zehnten Wiener Gemeindebezirk, stellvertretend für seinen Berufsstand.

Schuld am kollektiven Unbehagen der Apothekerschaft ist ein Gerichtsurteil, gefällt in Luxemburg, 760 Kilometer weit von Wien entfernt. Die 15 Richter des dort ansässigen Europäischen Gerichtshofs (EuGH) trafen am 11. Dezember 2003 eine weit reichende Entscheidung, die für traditionelle Apotheken kaum schlimmer hätte ausfallen können: Medikamente, so heißt es in dem 19 Seiten umfassenden Urteilsspruch, dürfen per 1. Jänner 2004 EU-weit über das Internet bestellt und per Post oder Paketdienst verschickt werden. Wobei der EuGH es den Mitgliedsländern freistellt, ob sie nur rezeptfreie oder auch verschreibungspflichtige Arzneien zum Online-Handel zulassen. So öffnet etwa Deutschland den gesamten Medikamentenhandel für das Internet, während hingegen Österreich ihn auf rezeptfreie Produkte beschränkt. Gewinner des vorangegangenen Rechtsstreits: DocMorris, eine Internetapotheke in Holland.

Seit dem Richterspruch liegen die Nerven der eingeschworenen österreichischen Apothekerschaft blank. Schließlich wurde aus dem fernen Luxemburg an den Grundfesten eines starren Systems gerüttelt. Die Zeiten, in denen die derzeit 1162 Apotheken ihr streng abgegrenztes Einzugsgebiet verteidigen konnten, und das in einem Markt mit amtlich geregelten Preisen und krisensicheren Wachstumsraten, scheinen nach dem EuGH-Urteil vorbei zu sein (siehe Kasten: „Das Monopol“). Für Konsumenten verheißt der nun erlaubte Versand von Aspro, Thomapyrin und Bepanthen-Salben über das Internet jedenfalls Erfreuliches: Die Medikamente werden im Internet preisgünstiger angeboten und üben dadurch einen Preisdruck auf die Apotheken aus.

Wogen glätten. Apothekerkammer-Präsident Cabana meint dennoch beschwichtigend: „Für die österreichischen Apotheken erwarten wir durch diese Rechtsprechung kaum Auswirkungen.“ Schützenhilfe bei der öffentlich demonstrierten Realitätsverweigerung erhält der Funktionär von der zuständigen Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat. „Wir wollen keine Internetapotheken in Österreich“, konstatiert die Ministerin. Geht es nach Rauch-Kallat, dann soll der strikt reglementierte Medikamentenmarkt bis auf weiteres geschützt werden. Amerikanische Verhältnisse – in den USA werden Aspro & Co in den Supermärkten verkauft – lehnt sie schlichtweg ab. Rauch-Kallat: „Der Verkauf von Medikamenten in Lebensmittel- oder Drogeriemarktketten ist nicht geplant.“

Die nun bevorstehende Liberalisierung kündigt sich dennoch seit drei Jahren an. Im Juni 2000 trat ein Mann auf den Plan, der seither wie ein Schreckgespenst durch die deutschsprachige Apotheker-Szene geistert: Ralf Däinghaus. Der 38-jährige Hamburger Techniker ging unter der Internetadresse 0800.DocMorris.com mit einer Online-Apotheke in Landgraaf an den Start. Die holländische Gemeinde liegt so nah an der deutschen Grenze, dass der deutsche Paketdienst kommt, um die Kundenbestellungen abzuholen. „DocMorris“ steht auf einem unscheinbaren Schild am Eingang, die Büros sind spartanisch, dahinter befindet sich die große Lagerhalle, gefüllt mit Medikamenten, die für Konsumenten um durchschnittlich 15 Prozent günstiger sind als in der Apotheke. „Fünf Monate nachdem wir unser Geschäft eröffnet hatten“, erzählt Däinghaus, „bekamen wir die einstweilige Verfügung vom Deutschen Apothekerverband. Ich hatte die Hose voll, ich war noch nie in einem Gerichtssaal, geschweige denn auf einer Anklagebank.“

Der ersten Klage folgten 69 weitere. Die deutsche Pharmaindustrie und die Apothekerverbände haben praktisch nichts unversucht gelassen, um den Internetvertrieb von Medikamenten durch DocMorris zu stoppen. Vergebens: Der EuGH stellte sich auf die Seite des Unternehmers, der seit Anfang Jänner ungehindert im gesamten EU-Raum rezeptfreie Medikamente versenden darf. Im August 2003 wurde Däinghaus trotz anhaltender Kritik aus Apothekerkreisen mit dem Deutschen Gründerpreis ausgezeichnet. „Wegen seiner Erfolge beim Aufbrechen starrer Märkte“, verlautbarten die Preisverleiher.

In Österreich, so Apotheker-Präsident Cabana, werde der Internetvertrieb kaum zum Tragen kommen. Gemäß dem nationalen Versandhandelsverbot dürften nämlich ausschließlich rezeptfreie Medikamente mit einer österreichischen Zulassungsnummer nach Österreich geliefert werden.

„Überhaupt kein Problem“, kontert Däinghaus. „Meine Leute sind gerade in Österreich unterwegs und handeln mit den lokalen Großhändlern Konditionen aus.“ Konkret plant Däinghaus, österreichische Medikamente nach Holland zu bringen und von dort aus an österreichische Kunden zu liefern. „Derzeit haben wir 15.000 Kunden in Österreich. Die meisten bestellen Viagra, das bei uns deutlich billiger ist als in österreichischen Apotheken“, sagt Däinghaus, der überdies nicht mit deftigen Ankündigungen spart: „Für uns ist Österreich nach Deutschland der zweitwichtigste Markt. Da sehen wir noch enormes Potenzial.“

Neue Konkurrenz. Doch nicht nur der DocMorris-Chef sondiert den österreichischen Medikamentenmarkt. Auch andere Anbieter wie die Schweizer Web-Apotheke Mediservice und der deutsche Internethändler Gesundheitscout.24 führen dem Vernehmen nach erste Gespräche mit Pharmahändlern und Krankenkassen. Insgesamt tummeln sich geschätzte 300 Online-Apotheken im Internet, die in den deutschsprachigen Raum liefern. Wobei vor allem Produkte mit hoher Gewinnspanne, so genannte Lifestyle-Produkte, wie Haarwuchsmittel, Potenzpillen und Schlankmacher, der absolute Renner im Internet sind.

Auch verschreibungspflichtige Medikamente wie etwa Viagra werden nach Zusenden eines Originalrezepts oder nach Ausfüllen von Rezeptformularen im Internet anstandslos zugestellt. Meistens sind die Erektionspillen am freien Internetmarkt erheblich billiger als in der Apotheke. Nicht selten wird eine Viagra-Pille um wohlfeile 0,99 Dollar angeboten.

In österreichischen Apotheken kostet eine 12-Stück-Packung Viagra (50 mg) 159,50 Euro. Bei DocMorris – die Online-Apotheke verlangt das Originalrezept – kostet das gleiche Produkt 116,48 Euro. Österreichischen Kunden wird allerdings pro Medikamentenlieferung eine Servicepauschale von 9,95 Euro verrechnet.

Michael Baumgartner, Apotheker im Salzburger Eugendorf, tröstet sich damit, dass vor allem Produkte online bestellt werden, die dem Konsumenten ein bisschen peinlich sind. „Bei Einzelorders“, warnt Baumgartner, „zahlt der Patient im Internet oft mehr als in der Apotheke.“