Medizin: Krebskiller

Eine in Wien entwickelte Krebsimpfung scheint nach bisherigen klinischen Tests planmäßig zu wirken. Experten rechnen für die nächste Zeit mit nennenswerten Erfolgen in der Krebstherapie.

Der Grazer Krebsforscher Hellmut Samonigg fand sich plötzlich in einer Menschenmenge, die so aufgeregt war „wie bei der Mondlandung“. Anlässlich des Jahreskongresses der American Society of Clinical Onkology (ASCO) hatten sich Ende Mai dieses Jahres an die 15.000 Forscher aus aller Welt im Chicagoer McCormick Center, einem riesigen Kongresszentrum am Ufer des Michigansees, eingefunden. Vor diesem Auditorium präsentierte das kalifornische Biotech-Unternehmen Genentech eine Entdeckung, deren Bedeutung vielen der Anwesenden potenziell richtungsweisend erschien: Zum ersten Mal in der Geschichte der Medizin ließ sich in klinischen Studien beweisen, dass die lange angedachte Aushungerung von Krebsgeschwüren durch Kappen der Blutzufuhr funktionierte.

Viele führende Krebsforscher sehen gute Chancen, dass schon in nächster Zeit einige „größere Schritte“ in der Entwicklung neuer Krebstherapien Realität werden könnten. Etliche erfolgversprechende Konzepte befinden sich in unterschiedlichen Phasen der Entwicklung beziehungsweise Erprobung. Einen solchen nächsten Schritt im Kampf gegen den Krebs könnte eine vom Wiener Biotech-Unternehmen Igeneon entwickelte Krebsimpfung sein, die derzeit an der von Samonigg geleiteten Grazer Universitätsklinik für Onkologie sowie in drei weiteren europäischen Zentren in Phase II klinisch getestet wird.

Vorerst ist jedoch noch Zurückhaltung geboten: Als die Erstmeldung von der Krebsimpfung vor etwa zwei Jahren veröffentlicht wurde, erhielt Samonigg eine Vielzahl von Hilfeersuchen verzweifelter Krebskranker. Wer den Tod bereits vor Augen hat, klammert sich an jeden Strohhalm, mag er auch noch so dünn sein. Doch von der Entwicklung einer Impfung bis zur klinischen Anwendbarkeit ist es ein weiter Weg. Es kann immer wieder Rückschläge, aber genauso auch überraschende Erfolge geben, wie das Beispiel von der funktionierenden Aushungerung des Tumors belegt.

Das im Fachjargon Anti-Angiogenese genannte geniale Konzept wurde schon in den sechziger Jahren von dem amerikanischen Chirurgen Judah Folkman entwickelt, der die Blutversorgung beziehungsweise Bildung neuer Blutgefäße (Angiogenese) als zentralen Punkt des Tumorwachstums erkannte: Ab einer Größe von einem bis drei Millimeter benötigt der Tumor Nährstoffe und Sauerstoff von außen, er „schreit“ nach Blutversorgung, worauf sich neue Blutgefäße bilden und in den Tumor einwachsen. Wenn es gelänge, diesen Vorgang zu unterbinden, dachte Folkman, müsste das bösartige Geschwür absterben.

Kurs beibehalten. Er und sein Team entdeckten mit Endostatin und Angiostatin zwei wesentliche Angiogenese-Inhibitoren, welche die Neubildung von Blutgefäßen verhindern können. Das funktionierte im Tiermodell, aber in klinischen Versuchen am Menschen wollte und wollte die Aushungerung des Krebses nicht gelingen. Viele Unternehmen, die in ihren Forschungen auf dieses Konzept gesetzt hatten, gaben ihre Versuche in den letzten Jahren auf. Nur die Experten des kalifornischen Biotech-Unternehmens Genentech hielten unbeirrt Kurs. Und siehe da, plötzlich funktionierte die Unterbindung der Blutzufuhr beim Dickdarmkarzinom. Ähnliche Erfolge bei anderen Karzinomtypen gelangen vorläufig noch nicht. Warum diese Therapie gerade beim Dickdarmkarzinom wirksam ist und bei anderen Krebsformen nicht, ist noch unklar.

Das Beispiel dokumentiert eine generelle Schwierigkeit der Krebsforschung bei der Entwicklung neuer Therapien – und es ist ein Problem der Erwartungshaltung des Publikums: Krebs ist nicht gleich Krebs. „Ein Melanom (Hautkrebsart, Anm.) ist biologisch etwas vollkommen anderes als ein Dickdarm- oder Mammakarzinom“, erklärt Dontscho Kerjaschki, Vorstand des Instituts für Klinische Pathologie an der Universität Wien.
Jede Krebsart tritt außerdem in verschiedenen Unterarten auf und hat dazu noch einen persönlichen „Fingerabdruck“, wie es die spanische Krebsforscherin Pilar Garin-Cesa formuliert. Garin-Cesa, derzeit Gastprofessorin am Wiener AKH, befasst sich seit mehr als zehn Jahren mit dem Bindegewebe des Krebses und mit Möglichkeiten, den Krebs von daher anzugreifen. Zusammen mit Kerjaschki entwickelt sie außerdem Strategien, nach dem Vorbild der Anti-Angiogenese die Neubildung von Lymphgefäßen rund um den Tumor zu unterbinden. Wenn das gelänge, wäre ein wichtiger Weg zur Ausbreitung des Krebses versperrt.

Der persönliche Fingerabdruck des Tumors führt zur Frage nach einer Krebsimpfung im eigentlichen Sinn: Könnte man nicht das körpereigene Immunsystem dazu bringen, das Krebsgeschwür anzugreifen?, lautet die Überlegung. Der New Yorker Chirurg William B. Coley, Vater der Immuntherapie, dachte in diese Richtung schon in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts: Er spritzte Patienten, die an bösartigen Tumoren im fortgeschrittenen Stadium litten, Bakterienkulturen direkt in die Metastasen, sodass sie im Körper wilde Immunreaktionen bis hin zu hohem Fieber auslösten. In einzelnen Fällen zeigte die Rosskur Wirkung, ja mitunter verschwanden die Metastasen sogar.

In seltenen Fällen reagiert die Natur von sich aus: „Wir wissen sowohl vom Tier als ähnlich auch vom Menschen, dass die Waffen des Immunsystems bei bestimmten Individuen zur Tumorregression und sogar zur Heilung führen können“, erklärt Georg Stingl, Leiter der Klinischen Abteilung für Immundermatologie und Infektiöse Hautkrankheiten am Wiener AKH.

Genetisch bedingt. Frustrierend für die Forscher ist in diesem Zusammenhang allerdings, dass solche Reaktionen nur in seltenen Fällen auftreten, in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle hingegen nicht. „Wir müssen bekennen, dass wir die Ursachen dafür nicht kennen“, sagt Stingl. Freilich ist das Immunsystem des Menschen nur gegen Fremdzellen, nicht aber gegen die körpereigenen Krebszellen konditioniert.
Bob Djavan, Stellvertretender Vorstand der Wiener Universitätsklinik für Urologie, beschreibt den Krebs als „gemischt genetisch-immunologisches Problem“. Neun bis zehn Prozent aller Prostatakarzinome beispielsweise sind genetisch bedingt. Auf dieser genetischen und auf der immunologischen Schiene seien die entscheidenden Fortschritte der nächsten Jahre zu erwarten. Dazu müsste eine verstärkte Vorbeugung kommen, etwa durch Umstellung der Ernährung oder auch medikamentöse Prophylaxe. Studien belegen, dass sich durch regelmäßige Einnahme des Medikamentes Proscar etwa ein Viertel aller Prostatakrebsfälle verhindern ließe.

Djavan prophezeit, dass in zwanzig bis dreißig Jahren Krebs nicht mehr operiert werden muss, ein großer Teil werde minimalinvasiv oder medikamentös zu behandeln sein. Die neuen Strategien würden darauf abzielen, die Krebsbildung zu verhindern, Tumoren früh zu erkennen, ihr Weiterwachsen zu stoppen und die Todesfolge hinauszuzögern. Kein Experte rechnet mit der Entwicklung einer Therapie, die den Krebs mit einem Schlag eliminieren kann. Verfolgt werden vielmehr Konzepte von Kombinationstherapien aus verschiedenen Ansatzpunkten, die Krebskranken weit gehend schmerzfreies Leben mitunter bis ins hohe Alter ermöglichen könnten. Einer dieser Ansatzpunkte ist die Krebsimpfung.

In Österreich sterben jährlich etwa 18.500 Menschen an einer Krebserkrankung, etwa um 1000 weniger als noch vor zehn Jahren. Obwohl die Zahl der Erkrankungen leicht ansteigt, gehen die Todesraten langsam zurück. Die oft verteufelte Chemotherapie hat daran durchaus ihren Anteil: Hodenkrebs beispielsweise ist bei Früherkennung zu 100 Prozent heilbar, auch die Leukämie bei Kindern oder der früh erkannte Brustkrebs gelten in hohem Maße als heilbar. Nach wie vor Probleme bereitet das Lungenkarzinom, eine Krebsart, deren Häufigkeit bei Männern deutlich ab-, bei Frauen hingegen zunimmt. Liegt die 5-Jahres-Überlebensrate über alle Brustkrebsformen und -stadien bei etwa 85 Prozent, so beträgt sie bei Lungenkrebs nur etwas mehr als zehn Prozent.

Neue Medikamente. Ständig werden neue Therapiekonzepte und auf diesen basierende Medikamente erdacht, entwickelt und erprobt. Einen großen Fortschritt stellt nach Ansicht vieler Experten das Leukämie-Medikament Glivec dar. Das in den Labors des Pharmakonzerns Novartis entwickelte Präparat blockiert ein Wachstumsenzym. Das seit zwei Jahren verfügbare Mittel wird jetzt auch gegen andere Krebsarten erprobt (siehe nebenstehenden Kasten). Ein weiteres erfolgreiches Mittel ist das Brustkrebs-Präparat Herceptin von Genentech, die erste biologisch-immunologische Krebstherapie.

Mittlerweile stehen neue Medikamente wie Avastin, das Anti-Angiogenese-Mittel von Genentech, vor der Markteinführung. Und in der nächsten Reihe stehen Krebsimpfungen, die derzeit klinisch erprobt werden. Unter all diesen Impfungen ist IGN101 des Wiener Unternehmens Igeneon „ein Exot, aber im positiven Sinn“, wie der Grazer Krebsforscher Samonigg erläutert: Es ist dies die einzige bisher entwickelte aktive Krebsimpfung.

Antigen. Bisher setzte die Entwicklung vor allem auf Passiv-Impfungen, die den beträchtlichen Nachteil haben, dass sie nur wirken, solange sie im Blut vorhanden sind. Sie müssen also fortwährend verabreicht werden, was auch einen erheblichen Kostenfaktor darstellt. IGN 101 dagegen folgt dem klassischen aktiven Impfprinzip. Der wie bei anderen Impfungen unter die Haut gespritzte Impfstoff liefert dem körpereigenen Immunsystem eine Information, die ihm sagt: Auf dem Impfstoff sitzt ein Antigen, und das gleiche Antigen sitzt auch auf der Krebszelle. Daraufhin beginnt der Körper Abwehrkräfte gegen dieses Antigen zu entwickeln, die den Krebs angreifen.

IGN 101 wird in vier Teilimpfungen verabreicht, zuerst 14-tägig, dann monatlich. Bisher konnte an „austherapierten“ Patienten gezeigt werden, dass der Impfstoff bis auf fallweise auftretende Hautrötungen keinerlei Nebenwirkungen zeigt; dass er bei fast allen Probanden eine Immunreaktion erzeugt und, so Studienleiter Samonigg, „dass es der Impfstoff tatsächlich zu schaffen scheint, dass sich einzelne Tumorzellen zurückbilden“. Nun gelte es, diese Wirkung in weiteren klinischen Studien zu beweisen. Wenn die Wirksamkeit des Impfstoffs nachhaltig bewiesen werden kann, dann sollte er gegen alle solide epitheliale Tumoren wie Brustkrebs und Lungenkrebs wirken, nicht jedoch gegen Blutkrebs oder Sarkome, die gänzlich anders geartet sind. Derzeit laufen klinische Tests in Wien, Berlin, Innsbruck und Graz und ein kleiner Teil in den USA. Igeneon-Forschungsleiter Hans Loibner erklärt sein Ziel: „Mit diesem breit einsetzbaren Krebsimpfstoff wollen wir ein neues Therapiefenster aufstoßen, weil es so etwas noch nicht gibt.“