Medizin nach Maß: Personalisierte
Behandlung statt Gießkannenprinzip

Präparate und Therapien sind oft wirkungslos oder schädlich. Neuartige, auf den Einzelfall zugeschnittene Rezepturen sollen den Kampf gegen Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder ­Depressionen revolutionieren.

Von Johanna Awad-Geissler

Ausgerechnet Antidepressiva können zum Auslöser für einen Selbstmord werden. Der Verdacht bestand schon länger, doch nun bestätigte ihn die US-Arzneimittel-Zulassungsbehörde FDA. Die Medizinwächter überprüften 372 Studien – darunter viele, über die Pharmakonzerne den Mantel des Schweigens gebreitet hatten. Das Ergebnis: Medikamente gegen die Schwermut erhöhen bei jungen Menschen unter 25 Jahren die Wahrscheinlichkeit eines Suizids. Bei älteren Menschen scheinen die Mittel dagegen ihren Zweck zu erfüllen.

Oder Tamoxifen , einer der weltweit meistverschriebenen Wirkstoffe gegen Krebs: Bei sieben bis zehn Prozent der damit behandelten Brustkrebspatientinnen kann das Medikament gar nicht wirken. So hoch ist nämlich der Anteil der Frauen, bei denen ein bestimmtes Stoffwechselgen von der Norm abweicht und die Aufnahme des Wirkstoffs durch den Organismus verhindert. Ein Gentest kann klären, ob für eine Patientin in ihrem Kampf gegen den Krebs Tamoxifen wirklich eine Option ist. Der Test wird allerdings nicht routinemäßig eingesetzt. Aber auch starke Antidepressiva blockieren die Wirkung von Tamoxifen, wie amerikanische Studien jetzt aufzeigen. Dabei nehmen gerade Brustkrebspatientinnen sehr oft – in den USA zu etwa 30 Prozent – Mittel gegen Depressionen ein. In letzter Zeit häufen sich wissenschaftliche Warnungen, dass etablierte Therapien in vielen Fällen versagen. „Medikamente sind bei durchschnittlich fünfzig Prozent der Patienten nicht so wirksam, wie sie sein könnten.“ Das sagt kein eingefleischter Pharmakritiker, sondern der Chef des Baseler Arzneimittelkonzerns Roche, der Tiroler Severin Schwan. Nachzulesen auf der Konzern-Website.

Der Schaden ist beträchtlich. In den USA kommt schätzungsweise jeder fünfte Patient wegen negativer Medikamentenwirkungen ins Spital. Jährlich verpuffen dort Präparate im Wert von 100 Milliarden Euro wirkungslos. In Deutschland treten in einem einzigen Jahr bei 500.000 Menschen schwere Neben- oder Wechselwirkungen auf, 25.000 Patienten sterben daran. Durch zehn dividiert lassen sich die deutschen Zahlen auf Österreich umlegen. Experten schätzen, dass bei einem Viertel bis zur Hälfte dieser Todesfälle genetische Ursachen vorliegen.

Im Rückschluss aber treffen Medikamente durchschnittlich bei der Hälfte der mit ihnen behandelten Patienten ins Schwarze. Das Problem, vor dem sich die Medizin nun sieht, ist, aufzuklären, warum dieselben Subs­tanzen bei den einen Patienten wirken, bei anderen nicht und bei dritten sogar toxisch sind. Mit solchen Fragen aus genetischer Sicht befasst sich eine neue Wissenschaft – die aus der Entschlüsselung des menschlichen Genoms geborene Pharmakogenomik.

Dabei hilft das seit der Entschlüsselung des Genoms rapide ansteigende Wissen auf dem Gebiet genetischer und molekularbiologischer Zusammenhänge. Das Schlüsselwort heißt Polymorphismen („Single Nucleotide Polymorphisms“, kurz „SNIPS“), das sind Abweichungen an einer Stelle der Basensequenz innerhalb einzelner Gene. Sie sorgen dafür, dass ein Mensch sich vom anderen genetisch um ungefähr ein halbes Prozent unterscheidet (nach Erkenntnissen, die aus der Entschlüsselung des persönlichen Genoms von Genpionier Craig Venter im Jahr 2007 gewonnen wurden; bislang ging man von 0,1 Prozent aus). Polymorphismen sind die Grundlage unserer Individualität – auch in Bezug auf Krankheiten.

Größte Umwälzung. Die Entdeckung, dass Menschen und ihre Erkrankungen zu unterschiedlich sind, als dass sie sich nach dem Gießkannenprinzip behandeln ließen, führt zu einer kompletten Neuorientierung in der ganzen Art, wie Medizin betrieben wird. Das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ spricht von der „größten Umwälzung seit der Entdeckung des Penicillins“. Unter dem Schlagwort der „personalisierten Medizin“ sollen Medikamente nur noch bei jenen Patienten zum Einsatz kommen, denen sie auch garantiert helfen. Neue Arzneimittel werden ganz gezielt auf bestimmte Krankheitsauslöser hin designt. Das deklarierte Fernziel: Therapien, die exakt auf die individuellen gesundheitlichen Probleme des einzelnen Menschen zugeschnitten sind – bis hin zu Zell- und Gentherapien, Regenerations- und Transplantationsmedizin.

Eifrig geforscht wird an der Entwicklung der Diagnoseinstrumente – Gentests und Biomarker. Biomarker sind messbare Indikatoren für organische Prozesse. Sie geben Aufschluss über den aktuellen organischen Zustand eines Menschen. Dazu gehört auch seine Reaktion auf Medikamente. Beispielsweise auf die anfangs erwähnten Antidepressiva, die „zwar wirken, aber nicht so gut, dass das Problem dieser Krankheitsbehandlung gelöst wäre“, wie Deutschlands bekanntester Psychiater, Florian Holsboer, sagt. Unter seiner Leitung sucht das Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München nach genetischen Ursachen und Biomarkern für das Ansprechen auf Antidepressiva.

Ein Gentest aus dem Labor des Instituts sorgte kürzlich für internationales Aufsehen: Psychopharmaka müssen die Wächtermoleküle der Blut-Hirn-Schranke passieren, um im Gehirn ihre Wirkung zu entfalten. Die Aktivität dieser Wächtermoleküle wird genetisch bestimmt. Verfügt ein Patient über die Genvariante, die diese Wächter stärkt, dann gelangen Medikamente erschwert ins Gehirn. Ist dieser Umstand aufgrund des Gentests bekannt, dann kann er durch erhöhte Dosierung oder ein anderes Medikament ausgeglichen werden.

Gefahr. In gleicher Weise sollten für das Krebspräparat Tamoxifen Alternativen überlegt werden, wenn der Gentest ergibt, dass das zu seiner Verarbeitung notwendige Enzym fehlt, sagt Johannes Huber, Leiter der Klinischen Abteilung für Gynäkologische Endokrinologie an der Wiener Medizinuniversität. Huber, Autor eines Fachbuchs zum Thema SNIPS, setzt sich seit Jahren für die vermehrte Berücksichtung genetischer Faktoren in der Gynäkologie ein. Er warnt auch, dass weder die Antibabypille noch die Hormonersatztherapie für alle Frauen geeignet seien. Bei bestimmten Mutationen der Gene für die Blutgerinnungsfaktoren II und V erhöht sich nämlich die Thrombosegefahr. Und sie wird durch die Einnahme von Östrogenpräparaten noch verstärkt. Es wäre sinnvoll, Trägerinnen einer solchen Mutation – die auch für eine Neigung zu Fehlgeburten verantwortlich sein kann – mittels Gentests ausfindig zu machen und sie auf die Gefahr, die für sie von Östrogenpräparaten ausgeht, hinzuweisen.
Ein anderes Beispiel sind die breit eingesetzten Blutgerinnungshemmer von der Subs­tanzklasse der Kumarine – etwa Marcumar oder Warfarin –, die von jedem menschlichen Organismus unterschiedlich verarbeitet werden.

Bei manchen Menschen führen Kumarine schon in normaler Dosierung zu lebensbedrohlichen Blutungen. Üblicherweise werden Patienten über einen Zeitraum von ein bis zwei Wochen auf den Wirkstoff eingestellt, bis die Dosis im „therapeutischen Bereich liegt“, sagt Markus Müller, Leiter der Wiener Universitätsklinik für Klinische Pharmakologie. Ein Test klärt Mutationen in zwei Genen ab, welche die Verstoffwechselung und Wirkung solcher Gerinnungshemmer entscheidend beeinflussen, und kann schneller und gefahrloser zur passenden Dosierung führen.

Mit dem neuen genetischen und molekularbiologischen Wissen wächst auch das Verständnis, wie Krankheiten funktionieren. Es stellt sich heraus, dass die molekularen Krankheitspfade oft unabhängig von den betroffenen Organen verlaufen. Volksleiden wie rheumatoide Arthritis, Diabetes, kardiovaskuläre Erkrankungen oder Krebs fächern sich zu einer Vielfalt von Suberkrankungen auf. Breite Arbeitsfelder tun sich für die Forschung auf. Bei Krebs etwa sieht der Medizin-Nobelpreisträger 2008, Harald zur Hausen, die Notwendigkeit, nach den „sehr unterschiedlich gelagerten Ursachen“ der Krankheit zu suchen, um wirklich gezielte Therapien entwickeln zu können: „Wir werden uns wohl oder übel mit jeder individuellen Krebsart sorgfältig befassen müssen, um sie wirklich verstehen zu können“, sagt der Krebspionier, auf dessen Konto die Entdeckung geht, dass humane Papillomviren Gebärmutterhalskrebs verursachen. Tatsächlich ist in der Krebsbehandlung die Personalisierung schon am weitesten fortgeschritten. „Von den neu zugelassenen Krebsmedikamenten“, sagt der leitende Mediziner der europäischen Zulassungsbehörde EMEA, der Österreicher Hans-Georg Eichler, „ist bereits mehr als ein Viertel auf bestimmte Patientensubgruppen zielgerichtet.“

Weniger Metastasen. Laut Christian Marth, Vorstand der Innsbrucker Universitätsklinik für Frauenheilkunde, geht die Tendenz in der Krebsdiagnostik dahin, den Eigenschaften eines Tumors mehr Beachtung zu schenken als dem Ort seiner Entstehung. So spricht ein bestimmter schleimbildender Eierstockkrebs nicht so gut auf die übliche Chemotherapie an. Deshalb laufen jetzt Studien, um diesen Krebs wie einen ähnlich strukturierten Darmkrebs zu behandeln.

Große Fortschritte gibt es dank zielgerichteter Therapien schon bei der Behandlung nach Brustkrebsoperationen. „Viel weniger Frauen entwickeln heute Metastasen“, berichtet die Onkologin Gabriela Kornek von der Wiener Universitätsklinik für Innere Medizin I. Auch in der Dickdarmkrebsbehandlung, so Kornek, hält die Individualisierung Einzug. Seit Kurzem wird das ­Tumorgewebe von Patienten auf eine bestimmte Mutation im so genannten KRAS-Gen untersucht. Jene rund 60 Prozent der Dickdarmpatienten, die diese Mutation nicht aufweisen, können mit den modernen ­Antikörpermedikamenten Vectibix (Amgen) und Erbitux (Merck Serono) behandelt ­werden.

Die belastenden Strahlen- und Chemotherapien könnten vielleicht bald auf bestimmte Einzelfälle beschränkt werden. So arbeitet die Chemikerin Claudia Preininger am AIT, Austrian Institute of Technology (früher ARC Seibersdorf), im Rahmen eines vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekts an einem Proteinbiomarker-Chip, der Melanome näher bestimmen hilft. Dadurch sollen individuellere Behandlungen möglich werden und Strahlentherapie nur noch dann zum Einsatz kommen, wenn sie wirklich notwendig ist.

Die Chemotherapie indes ist bei vielen Krebspatienten entweder nicht notwendig oder wirkt nicht. Dass sie dennoch im großen Umfang angewendet wird, liegt daran, dass sich noch nicht mit Sicherheit sagen lässt, wer davon profitiert und wer nicht. Deutsche Forscher könnten die Antwort bald aus den Genen kitzeln: Mittels der neuen Technik der RNA-Interferenz (Nobelpreis 2006, USA) testen sie in so genannten Hochdurchsatzexperimenten, in denen pro Zelle jeweils ein Gen ausgeschaltet wird, tausende Gene auf ihr Ansprechen auf Chemotherapeutika. Die nächste Etappe ist die Entwicklung von Tests, die abklären, ob ein Patient oder eine Patientin genetisch für eine Chemotherapie überhaupt infrage kommt.

Die Beschränkung auf Spezialeinsätze droht in Zukunft vielen heute noch breit verordneten Heilmitteln. Zum Leidwesen der Pharmakonzerne, denn sie sind es gewohnt, mit Massenmedizin die größten Profite zu machen. Entsprechend gründen die meisten großen Firmen ihre Geschäftsstrategie auf die so genannten „Blockbuster“-­Medikamente, die nach dem Einheitsprinzip entwickelt wurden.

Das differenziertere Wissen führt jedoch dazu, dass „die Forschungspipelines der Pharmamultis austrocknen“, wie Uwe Heinrich, Vorsitzender des in Hannover angesiedelten Fraunhofer-Verbunds Life Sciences, sagt. Nur wenige Wirkstoffkandidaten haben nach aktuellem Wissensstand überhaupt noch Aussicht, als Massenmedikamente zu funktionieren. „Wie es der Zufall will, läuft in diesem Jahrzehnt eine Reihe von Patenten für Bestseller-Medikamente aus, was schwere Umsatzeinbrüche zur Folge hat.“ Der Verkauf eines Markenmedikaments geht nämlich nach der Markteinführung eines Generikums schon im ersten Jahr um ­mindestens 40 Prozent zurück. Mancher Pharmakonzern blickt in eine unruhige ­Zukunft.

Passende Patienten. In dieser Situation erscheint die Vorstellung, Wirkstoffe für kleinere Patientenpopulationen zu entwickeln, plötzlich auch dem unverdrossensten Blockbuster-Hersteller attraktiv. Noch ein Argument spricht dafür: Ein massentaugliches Präparat auf den Weg zu bringen erfordert enormen Studienaufwand: bis zu 100.000 Patienten und Kosten von bis zu 700 Millionen Euro. Dagegen braucht es für ein Medikament, das auf ein eng gefasstes Krankheitsbild abzielt, nur wenige hundert Probanden, die zuvor durch Tests als genau passend herausgefiltert wurden. Die Studienphase kostet dann nur noch einen Bruchteil an Zeit und Geld. Allerdings sind Entwicklung und Herstellung der modernen Therapeutika oft sehr kostspielig. Es ist vor­auszusehen, dass diese Kosten Patienten und Kassen künftig, wenn diese Medikamente vermehrt zum Einsatz kommen, beträcht­liche Beschwerden verursachen werden.

Um das amerikanische Gesundheitssystem zu entlasten, will US-Präsident Barack ­Obama den Patentschutz für die teuren Biopharmazeutika von zwanzig auf sieben Jahre herabsetzen, damit billigere Generika eher zum Zug kommen. Ein Senatskomitee stimmte jedoch im Juli für zwölf Jahre. Die endgültige Entscheidung des Repräsentantenhauses steht noch aus. Im Bereich der einfachsten und vielleicht notwendigsten Form der Differenzierung tut sich allerdings noch recht wenig: Medikamentenstudien werden – sofern es sich nicht um geschlechtsspezifische Krankheitsbilder handelt – aus praktischen Gründen hauptsächlich mit jungen, männlichen und kaukasischen (das heißt: weißen) Probanden durchgeführt. Das führt dazu, dass die Wirkung von Medikamenten bei Frauen, bei Menschen anderer ethnischer Herkunft und in unterschiedlichen Lebensaltern kaum erforscht ist.

„Ob jemand ein Mann oder eine Frau ist, dafür brauche ich keinen Gentest; da müsste man schon viel mehr spezifizieren“, kritisiert Professor Holsboer. „In der Psychiatrie fehlen Studien vollkommen, die Gender-Unterschiede oder auch Unterschiede zwischen jüngeren und älteren Menschen berücksichtigen – dabei haben die einen eine ganz andere Biologie als die anderen!“ In manchen Bereichen fangen solche Differenzierungen langsam an. So wird beispielsweise neuerdings darauf Rücksicht genommen, dass kardiovaskuläre Krankheitsprozesse bei Frauen anders verlaufen als bei Männern, sagt Frauenmediziner Christian Marth.

Paradefall. Wie sich die personalisierte Medizin zu einem erfolgreichen Geschäftsmodell entwickeln lässt, zeigt Roche, der siebentgrößte Pharmakonzern und zugleich das größte Biotechunternehmen der Welt. Schon 1990 übernahmen die Schweizer die Mehrheitsanteile an dem amerikanischen Spitzenunternehmen Genentech, das sie sich heuer zur Gänze einverleibten. Im Verbund mit Roche baute Genentech sehr erfolgreich seine Linie von Biologika (Biopharmazeutika) aus.

Den Labors von Genentech entstammt unter anderem Herceptin. Das Brustkrebsmittel wird in Europa von Roche vertrieben und gilt als Paradefall der personalisierten Medizin. Als Gießkannenmedikament ist es nicht geeignet, da ein Krebs bestimmte Vor­aussetzungen erfüllen muss, damit es wirkt. Es handelt sich um eine Immuntherapie mit einem Antikörper, der auf die so genannten HER2-Rezeptoren zielt. Sie dienen in Tumorzellen als Andockstellen für Wachstumsfaktoren. Bei bis zu einem Viertel aller Brustkrebspatientinnen weisen die Tumoren ein Überangebot von HER2-Rezeptoren auf. Dies ist eine besonders aggressive Form von Brustkrebs, aber hier laufen die Antikörper im Herceptin zu Höchstform auf. Bisher wurden weltweit 600.000 Frauen mit dem Medikament behandelt. Laufende Langzeitstudien zeigen, dass viele Patientinnen mit früh erkanntem Brustkrebs nach der Therapie nun schon vier Jahre krankheitsfrei leben. Im Metastasenstadium gelingt es mithilfe von Herceptin immerhin, die durchschnittliche Überlebenszeit von etwa 20 auf 30 Monate zu verlängern. Der mögliche Einsatz von Herceptin bei anderen Krebsarten mit HER2-Überangebot wird untersucht.

Mit einem Jahresumsatz von 3,3 Milliarden Euro (2008) schaffte Herceptin spielend den Sprung in die Liga der Blockbuster-Medikamente, in der ein Medikament mit einem Umsatz ab 700 Millionen Euro mitmischt. Dieser finanzielle Erfolg liegt weniger an den hohen Verkaufszahlen als am Preis des Medikaments: Die in der Regel einjährige Behandlung kostet rund 36.000 Euro.

Den zweiten Platz in der personalisierten Medizin nimmt der ebenfalls in Basel angesiedelte Konzern Novartis ein. Sein Biologika-Renner Glivec wirkt bei einer relativ häufigen Form des Blutkrebses lebensrettend. Kürzlich wurde Glivec auch zur postoperativen Behandlung eines aggressiven Magen-Darm-Tumors zugelassen, andere Indikationen sind in Erprobung. Mit einem Umsatz von 2,6 Milliarden Euro (2008) steht es an zweiter Stelle der Novartis-Bestseller.

„Biologika sind dann am wirksamsten, wenn sie bei Patienten auf molekularbiologische Angriffspunkte stoßen“, sagt der Globale Leiter für klinische Forschung und Explorative Entwicklung von Roche, Andreas Wallnoefer. Deshalb geht der Trend dahin, neue Biologika nur noch zusammen mit ­diagnostischen Tests – die diese Angriffspunkte herausfiltern – zu entwickeln. Ganz nebenwirkungsfrei sind übrigens auch die neuen Medikamente noch nicht, denn sie können vereinzelt das Herz angreifen und zu Resistenzen führen.

Krankheiten, die mit dem Älterwerden auftreten, profitieren zurzeit am meisten von der personalisierten Medizin. In der Behandlung der rheumatoiden Arthritis kommen heute schon in großem Stil hochwirksame Biopharmazeutika zum Einsatz. Ihr Vorteil, so der Rheumatologe und Immunologe Josef Smolen, Vorstand der Wiener Universitätsklinik für Innere Medizin III, nach Top-Publikationen erfolgreichster Forscher der Wiener Medizinuniversität: „Diese Medikamente sind auf Zielstrukturen maßgeschneidert. Das kann ein bestimmtes Molekül sein, aber auch eine ganze Zell­population.“ Um für Patienten möglichst schnell den passenden Wirkstoff zu finden, erarbeitet Smolens Team gerade eine Ausleseformel. Da sich die rheumatoide Arthritis nicht allein auf genetische Ursachen zurückführen lässt, steht die Suche nach Biomarkern, die über Krankheitsart und -status Aufschluss geben, im Vordergrund. Ein solcher Marker ist die Konzentration von Autoanti­körpern im Blut. In einem Forschungprojekt beteiligt sich Smolens Team an Gesundenuntersuchungen in Wien, um zu verfolgen, wie die Krankheit über die Jahre hinweg entsteht. Dabei suchen die Forscher auch nach Mustern bei der Bildung von Auto­antikörpern, die für die frühesten Krankheitsphasen typisch sind – zur Früherkennung und um Vorbeugungsmaßnahmen ­entwickeln zu können.

Prävention. Die Nachricht von einem Durchbruch im Kampf gegen die Osteoporoseepidemie – in Österreich ist fast jeder Zehnte betroffen – ging diesen Sommer um die Welt. Auf Grundlage von früheren Arbeiten des Oberösterreichers Josef Penninger, heute Leiter des Instituts für Molekulare Biotechnologie der Akademie der Wissenschaften (IMBA), entwickelte die US-Firma Amgen eine zielgerichtete Antikörpertherapie gegen Osteoporose und andere Knochenerkrankungen. Das Medikament – Denosumab – könnte in Österreich bald zugelassen sein.

Ob jemand im Alter gesund ist, hängt auch davon ab, wie er sich zuvor ernährt hat. Eine neue Disziplin mit der Bezeichnung „Nutrigenomics“ ermittelt den möglichen Nutzen und Schaden bestimmter Nahrungsmittel im Zusammenhang mit genetischen Anlagen. Dazu sagt Markus Hengstschläger, Professor für Medizinische Genetik an der Meduni Wien: „Man sagt immer, Fisch ist gesund. Aber es gibt definitiv Menschen, für die Fischessen aufgrund ihrer genetischen Anlagen nicht so gesund ist.“ Schon im Kindesalter, meint Hengstschläger, könnte mit dem Wissen über diese genetischen Faktoren eine Ernährung beginnen, die für den Einzelnen gesünder und energiereicher ist. Es ist viel einfacher, Krankheiten zu verhüten, als sie nach dem Ausbruch zu therapieren.

Vielleicht wird es eines Tages auch gelingen, Allergien schon vor ihrem Ausbrechen zu unterbinden. Derzeit aber steht noch die individuelle Behandlung im Vordergrund. Rudolf Valenta, Leiter des Christian-Doppler-Labors für Allergieforschung an der Meduni Wien, arbeitet an gezielten Impfungen, um die nicht unproblematische traditionelle Desensibilisierungstechnik zu verbessern. Dazu verwendet er synthetisch nachgebaute Allergenmoleküle. Wie heute bereits bekannt ist, sind es nämlich nicht die ganzen Milben, Katzenhaare oder Pollen, die bei Allergikern zu mehr oder weniger vehementen Reaktionen führen, sondern es sind bestimmte darin enthaltene Moleküle. Um herauszufinden, welche Moleküle bei einem bestimmten Patienten die Schuldigen sind, erfand Valenta, ein Pionier der Ursachenforschung bei Allergien, zusammen mit Kollegen einen Diagnosetest, der von der Wiener Firma VBC Genomics erzeugt und bereits international erfolgreich eingesetzt wird.

Die personalisierte Medizin wird den praktizierenden Ärzten künftig sehr viel mehr wissenschaftliches Detailwissen abverlangen als heute. Aus- und Weiterbildung müssen daran angepasst werden. Vermutlich wird in fernerer Zukunft jeder Arzt präzise computergestützte Diagnosen stellen können. Ein wenig wird es sein wie früher: „Wie der Apotheker im Mittelalter, der für jeden Patienten speziell abgestimmte Mixturen zusammenstellte. Diesmal eben auf wissenschaftlicher Basis“, wagt Giulio Superti-Furga, wissenschaftlicher Direktor des Forschungszentrums für Molekulare Medizin CeMM in Wien, einen Blick in die Zukunft.

Viele Fragen wirft die neue Entwicklung in der Medizin für den Einzelnen und für die Gesellschaft auf: Welche Veranlagungen sollen überhaupt abgeklärt werden – besonders wenn es dafür noch keine Therapie gibt oder wenn die einzige Überlebenschance in einem lebenslangen Präventionsregime besteht? Wie weit wollen Patienten auf Therapeutika verzichten, die vor allem der Sicherheit dienen? Als Beispiel nennt Erika Jensen-Jarolim, Leiterin des Instituts für ­Pathophysiologie an der Universitätsklinik Wien, die zum Magenschutz in der Schmerztherapie breit verordneten Säurehemmer (die, wie die Forscherin übrigens zeigen konnte, auch zur Entstehung von Nahrungsmittelallergien beitragen). Von viel größerer Tragweite werden Entscheidungen von der Art sein, ob jemand nach einer Krebsoperation eine Chemotherapie haben möchte oder nicht.
Und wer wird für die kostspielige Hightech-Medizin aufkommen? Kritiker befürchten, dass die wirksamsten Therapien nur in Reichweite derer sein werden, die dafür bezahlen können. Verfechter der personalisierten Medizin prognostizieren, dass die Mehrkosten durch die Einsparungseffekte ausgeglichen würden, die sich aus kürzeren Kankenhausaufenthalten, kürzeren Krankenständen und einer medizinisch besser versorgten Bevölkerung ergeben sollen.

Analysten sind jedenfalls euphorisch: Die Kombination aus biotechnischen Labortests und hochwirksamen Medikamenten werde die Medizin völlig umkrempeln. Laut einer BBC-Untersuchung (Juli 2009) soll der Weltmarkt für personalisierte Medizin von heuer zehn auf 20 Milliarden Euro im Jahr 2014 steigen. Eine Prognose aus dem britischen AstraZeneca-Konzern erwartet bis zum Jahr 2030 einen Umsatz von rund 180 Milliarden Euro beziehungsweise einen Anteil von 25 Prozent am gesamten Pharmamarkt.

Mitarbeit: Doris Piller