Mehr Schuljahre?

Alles spricht dafür, das Lernen über einen längeren Zeitraum auszudehnen und damit vom Charakter der Schwerarbeit zu befreien.

In der jüngsten schulfreien Woche hatten wir eine 15-jährige Schülerin einer angesehenen Wiener AHS zu Gast. Obwohl Marbella einem Mädchen dieses Alters eine Menge Attraktionen bietet, lag sie die ersten zwei Tage morgens bis zwölf und abends ab neun im Bett – nicht aus Faulheit, sondern aus Erschöpfung. Sie müsse sich, erklärte sie meinem enttäuschten Sohn, erst halbwegs von der Schule erholen, ehe sie mit ihm ausgehen könne. Auch die freien Wochenenden in Wien verbringe sie so – anders sei der Schulstress nicht zu bewältigen.

Die junge Dame ist nicht vielleicht eine katastrophale Schülerin, der das Lernen unendliche Mühe bereitet, sondern im Gegenteil eine hervorragende Schülerin, der das Lernen zufliegt. Die Schule strengt sie dennoch derart an.

Dieser Befund deckt sich mit dem so gut wie aller Eltern, mit denen ich über das Thema gesprochen habe: Von einem Gymnasiasten wird eine wesentlich größere Arbeitsleistung eingefordert, als sie in den meisten Berufen erbracht werden muss. Zur reinen Schulzeit zwischen acht und 14 Uhr kommen im Allgemeinen drei Stunden Hausaufgabe und fast immer noch zweimal die Woche Nachhilfestunden. Die 38,5-Stunden-Arbeitswoche ist für AHS-Schüler in weiter Ferne.

Das ist umso seltsamer, als wir im Berufsleben mancherorts die 30-Stunden-Woche diskutieren (und verwirklichen könnten, wenn wir die Arbeitslosen integrierten) und die Lebenserwartung sich ununterbrochen dramatisch erhöht. (Medizinische Experten wie Professor Johannes Huber gehen davon aus, dass sie demnächst bei hundert Jahren liegen dürfte.) Vor diesem Hintergrund ist die Überlastung der Kinder durch eine 50-Stunden-Schulwoche absurd. Alles spricht dafür, das Lernen über einen längeren Zeitraum auszudehnen und damit vom Charakter der Schwerarbeit zu befreien.

Hätte man mir allerdings seinerzeit vorgeschlagen, die wöchentliche Schulzeit zu verkürzen und dafür ein Schuljahr anzuhängen, ich wäre auf die Barrikaden gestiegen: Nicht einen Tag wollte ich länger in die Schule gehen. Nicht anders meine Frau: Schon die siebente und achte Klasse seien für sie der reine Horror gewesen. Beide, so mussten wir feststellen, haben wir unsere Schulen gehasst.
Aber auch Freunde mit freundlicheren Erinnerungen an ihre Schulzeit haben meiner Vision, sie zu verlängern, nichts abgewinnen können. Besser sollte man endlich den Lehrstoff entrümpeln – das reiche.

Emotional ist mir das mehr als verständlich, rational halte ich es für falsch. Zwar gehört der Lehrstoff natürlich entrümpelt, aber das ändert nichts daran, dass sich unser Wissen seit meiner Schulzeit wahrscheinlich verzehnfacht hat. Dass es in Wahrheit unendlich viel mehr zu lernen gäbe, als die AHS trotz 50-Stunden-Woche fordert. Und wenn das schon für sie mit insgesamt zwölfjähriger Schulzeit zutrifft – um wie viel mehr dann erst für die Pflichtschule, die mit neun Jahren auskommen muss.

Selbstverständlich gibt es mehr als genügend wertvolles Wissen, um eine generelle Anhebung der Schulzeit auf zwölf Jahre zu rechtfertigen.

Trotzdem wird man, fürchte ich, auch von vielen Pflichtschülern Ähnliches wie von so gut wie allen AHS-Schülern hören: Wir haben mit der derzeitigen Schulzeit mehr als genug. Doch das spricht nicht gegen die Schulzeit, sondern gegen die Schulen.

Dass es tatsächlich am Wesen der „Schule“ liegt, dass man so froh ist, sie hinter sich zu haben, ist einfach zu belegen: Sowohl meine Frau wie ich, wie alle unsere Freunde, haben die der Schulzeit folgende Studienzeit an der Universität genossen, obwohl der Lehrstoff nicht kleiner war.

Was aber macht den entscheidenden Unterschied zwischen Schule und Universität aus? Die Freiheit und Eigenverantwortung des Lernenden.
Er darf lernen, statt dass er lernen muss.

Er teilt sich seine Zeit und seinen Lehrstoff selber ein, anstatt von einer Glocke und einem Lehrer kommandiert zu werden. Er besorgt sich selbst die besten Unterlagen, statt dass sie ihm vorgeschrieben werden. Er tritt dann zu Prüfungen an, wenn er den Stoff beherrscht, statt wenn er „aufgerufen“ wird. Und es ist dem Universitätsprofessor vergleichsweise egal, ob er die Prüfung besteht – zumindest wird er sich kaum, wie ein AHS-Professor, empören, „dass du schon wieder in meiner Stunde nicht aufgepasst hast“.

Der Student wird anders als der Schüler als mündiger Mensch behandelt.
Das lässt ihn universitäres Lernen ganz anders als schulisches Lernen empfinden.

Mir ist klar, dass der Student auch älter und reifer als der Schüler ist und dass ihm diese größere Eigenverantwortung daher auch eher zugebilligt werden kann als einem 14-Jährigen. Aber im Gegensatz zum britischen System hält das österreichische System besonders lange am unverantwortlichen „Schüler“ fest, während die britische Praxis von Anfang an Elemente des universitären Lernens und Lehrens in die Schule einbringt: den selbstverständlichen Gebrauch der Bibliotheken, die eigenverantwortliche Durchführung von Projekten oder die Wahl von Schwerpunktfächern. Ab dem 16. Lebensjahr ist der Betrieb an einem englischen College ganz nahe am Universitätsbetrieb, und die Schüler, die charakteristischerweise „students“ heißen, wissen es, wie mein Sohn, zu schätzen.
Wenn jetzt über eine Verlängerung der Schulzeit nachgedacht wird, sollte man das mit bedenken: Eine Schule, die länger besucht werden soll, muss eine andere Schule sein.