"Mein Gott, ich hatte ja keine Ahnung"

Interview. Dass Pop als Mittel zur politischen Kampagne ausgedient hat, ist Annie Lennox offenbar herzlich egal. Ein Gespräch über wohltätig engagierte Popstars, Aids und die Fragilität des männlichen Egos.

Eigentlich sollte Annie Lennox ja mit sich und der Welt zufrieden sein. Seit Anfang der Achtziger hat sie – solo und als Teil der Eurythmics – die schwindelerregende Zahl von 78 Millionen Platten verkauft, ihr persönliches Vermögen wird auf rund 45 Millionen Euro geschätzt. Doch die 52-Jährige hat offenbar noch viel zu viel loszuwerden, um sich vorzeitig zur Ruhe zu setzen.

Zum Zeitpunkt des Interviews an einem sonnigen Spätsommernachmittag in einem noblen Londoner Hotel ist der viel sagende Titel ihres vierten Soloalbums, „Songs of Mass Destruction“ noch ein gut gehütetes Geheimnis. Nach einem ersten Durchhören der CD knapp vor dem Gespräch liegt das Thema aber ohnehin auf der Hand.
Über den eigenen Coolness-Status macht sie sich als Mutter zweier Töchter im Alter von 14 und 16 keine Illusionen. Allerdings, so Lennox, habe sie ihrem Nachwuchs gegenüber einen heiligen Schwur ableisten müssen – sich nie im Rappen zu versuchen: „Sonst werden sie mich verstoßen.“

Ihr mütterliches Lachen während dieser Anekdote schlägt sich merklich mit dem toughen Image, das Annie Lennox einst in Songs wie „Would I Lie To You?“ oder „Sisters Are Doing It for Themselves“ – ihrem kämpferischen Duett mit Aretha Franklin – darstellte. Statt des strengen schwarzen Männeranzugs trägt sie heute eine hippieske Bluse mit Blumenmuster. Sobald sie einmal in Fahrt kommt, funkeln ihre beeindruckenden, hellblauen Augen allerdings immer noch so wild entschlossen wie früher. „Ich neige dazu, viel zu reden“, warnt sie vor Beginn des Interviews, während ein Kellner ihr ein Fischgericht an den Couchtisch serviert. Und tatsächlich wird der Fisch eine Dreiviertelstunde später kalt und großteils unversehrt am Teller liegen.

profil: Bei der Präsentation der „Live 8“-DVD mit Bob Geldof in London haben Sie lautstark applaudiert. Aber wurde am Ende eigentlich irgendetwas erreicht?
Lennox: Ich glaube, es wird nie genug getan sein. Ich hab nach dem letzten G8-Gipfel mit jemand von der „Make Poverty History“-Kampagne darüber gesprochen. Er fand es ironisch, dass Millionen von Menschen in der elendigsten Armut leben und jeden Tag an vermeidbaren Krankheiten sterben, während diese Typen alle zwei Jahre ein paar Tage zwischen Kanapees und einigen Tässchen Tee verbringen und diese Themen kaum berühren. Es war ein Privileg, ein Teil von „Live 8“ zu sein. In einem reichen Land wie unserem, wo im Großen und Ganzen niemand Hunger leidet und barfuß gehen muss, Themen wie Armut und Entwicklungshilfe aufs Tapet zu bringen ist gar keine schwache Leistung. Chronische Armut ist ein großer Schock, wenn man ihr zum ersten Mal ins Auge sieht. Mein Gott, ich hatte ja keine Ahnung. Ich wuchs in einer schottischen Working-Class-Familie auf, aber der Anblick von Kindern und Erwachsenen, die im Dreck leben, ohne sauberes Wasser, Sanitäreinrichtungen, genügend Nahrung, medizinische Versorgung oder ordentliche Behausung, mit einer Lebenserwartung, die in vielen Ländern gerade 34 Jahre beträgt, das ist eine Obszönität. Man sieht das und wacht auf. Wie ist so etwas möglich? Das ist wie im Mittelalter, das ist das Ende der Welt. Wie können wir nach Hause fahren und das wieder vergessen?
profil: Sie sprechen von einer Reise, die Sie selbst gemacht haben?
Lennox: Ich habe einige Reisen unternommen. Als ich etwa mit einer Basisgruppe von HIV-Aktivistinnen eine ländliche Gemeinde in Uganda besuchte, war das ein unglaubliches Erlebnis für mich. Ich gebe nicht vor, eine politische Expertin zu sein. Aber ich habe starke Gefühle und Leidenschaften, und meine Musik hat mir eine Plattform geschaffen, um darüber zu reden. Als ich zum ersten Mal hörte, dass 17 Millionen Menschen in Afrika an HIV/Aids gestorben sind, war ich entsetzt. In den Worten Nelson Mandelas sind das „mehr Leute als in beiden Weltkriegen zusammen“. Wie konnte es sein, dass ich davon kaum etwas wusste? Ich stand also auf einer überlaufenen Straße und sah mich um. Es gab keine alten Leute, nur Kinder, Teenager, Menschen in ihren Zwanzigern, vielleicht Dreißigern. Aids ist ein lautloser Killer. Wenn so etwas bei uns passieren würde, wäre unser Land im nationalen Notstand. Ich führe ja selbst ein sehr vergoldetes Leben. Aber ich fühle mich besser, wenn ich eine aktive Rolle spielen und meinen Beitrag leisten kann.
profil: Mit den Eurythmics lieferten Sie einen maßgeblichen Beitrag zum Soundtrack der achtziger Jahre, die als die Dekade der Gier in die Geschichte eingingen. Fühlten Sie sich damals nicht entfremdet?
Lennox: Doch, auf jeden Fall. Ich habe ja viele verschiedene Epochen erlebt. Meine frühesten Erinnerungen sind an die späten fünfziger Jahre. Wir spielten in Bombenlöchern und Luftschutzbunkern. Wir wussten nie, ob mein Vater noch länger Arbeit haben würde. Er arbeitete in den Schiffswerften, da gab es keine Sicherheit. Dann kamen die Sixties, und ich erinnere mich, wie ich als Kind das erste Mal diesen Song hörte: „If you’re going to San Francisco …“ Wow, da war was ganz Besonderes im Gange. LSD, bunte Farben, Paisley-Muster, Mary Quant, die Carnaby Street. Als ich schließlich in den frühen siebziger Jahren nach London kam, war ich eine arme Studentin. Das Leben in Untermiete war hart. In den mittleren siebziger Jahren kamen die Rezession und dann die grimmigen Thatcher-Jahre mit all der Arbeitslosigkeit.
profil: Und dann kam Punk.
Lennox: Rückblickend glauben die Leute ja, die Punk-Ära wäre eine tolle Zeit gewesen. Aber ein großer Teil davon war bloß leeres Posieren ohne echte Substanz. Es gab einen ausgeprägten Sinn für Nihilismus und jugendliche Rebellion. Aber es war bloß wie bei schlimmen Kindern, es hatte keine Konsequenz. Ich lasse mich von Punk nicht täuschen. Punk war ein großer Spaß für ein paar Leute, und die Musik war zum Teil sehr aufregend. Aber ernst nehmen kann ich Punk ehrlich gesagt nicht. In der Musik ist das oft so. Sie kann zwar eine Inspiration sein, zum Beispiel für die Friedensbewegung, aber vieles ist nur pseudopolitische Pose. Jetzt sind wir aber an einem Punkt angelangt, wo wir wirklich aufwachen müssen, sonst steuern wir auf eine Katastrophe zu. Ich versuche immer, ein optimistischer Mensch zu sein. Ich will nicht, dass meine Kinder in einer Welt mit derart viel Elend, Grausamkeit und Verkommenheit leben. Wie kann es eine Lösung sein, gegen den Terrorismus in den Krieg zu ziehen, wenn das bloß zu mehr Blutvergießen führt? All die Lügen und die Heuchelei der Politiker, die uns sagen, wir gehen in den Irak wegen der Massenvernichtungswaffen und um das irakische Volk zu befreien. Bullshit.
profil: Tony Blair sagte zu Beginn des Irak-Kriegs: Wir sind bereit, den Blutpreis zu bezahlen.
Lennox: Ich fühle mich so enttäuscht, so tief abgestoßen von ihm. Und jetzt will der Mann angeblich Katholik werden. Liegt das daran, dass er mit aller Selbstsicherheit einem Priester gegenübertreten und ihm seine Sünden beichten will? Er ist so tief in seinen Selbstbetrug versunken. Ich wusste von Anfang an, dass der Irak ein zweites Vietnam werden würde. Ich war in Santa Barbara, einer der schönsten Ecken des kalifornischen Südens. Jeden Sonntag kam eine kleine Gruppe von Menschen mit Holzkreuzen, die sie im Sand aufpflanzten. Auf jedem der Kreuze war das Foto eines gefallenen Soldaten. Sie bedecken schon die ganze Breite des Strandes. Wenn man sich diese Bilder ansieht und ihre Lebensdaten liest, dann sieht man, dass die für gewöhnlich 18, 19, 20 Jahre alt sind. Unglaublich jung. Und alle joggen daran vorbei, schieben ihre Babys in ihren Buggys vor sich her und essen ihr Eis. Ich bin so zornig. Und die Politiker schaffen Angst und rechtfertigen alles mit dieser Sicherheitsrhetorik. Ich sehe da keine Vernunft. Ich sehe keinen femininen Aspekt neben diesen Macho-Posen, keinen Respekt für Menschenleben.
profil: Ihrer neuen Platte mangelt es nicht an diesem femininen Aspekt: Für das Stück „Sing“ versammelten Sie eine Schar weiblicher Stars wie Madonna, Celine Dion, Gladys Knight, Shakira, k.d. lang, Joss Stone um sich. Wie kam es dazu?
Lennox: Normalerweise hab ich ja keine Agenda, aber in diesem Fall wollte ich meine Platte als Plattform für die Darstellung der Lage der Frauen im Zusammenhang mit HIV/Aids verwenden. Ich habe auf meinen Reisen so viel Missbrauch an Frauen gesehen und so viel Zensur in dem Zusammenhang. Die Frauen brauchen eine Stimme. Also schickte ich eine Einladung an andere Künstlerinnen aus, und alle machten mit: 23 Sängerinnen, allesamt starke, erfolgreiche, unabhängige Frauen. Die Einleitung, die man auf dem Song hört, spricht eine Frau, die zu einer südafrikanischen Gruppe namens The Generics gehört. Sie sind alle HIV-positiv. Ich blendete von der Einleitung dieses Lieds in meinen Song über. Am Ende der Nummer mündet es wieder in das Lied der Generics, und dazwischen kommen all diese berühmten Künstlerinnen vor. Ich werde sie auch darum bitten, auf ihren Websites Informationen über HIV/Aids unterzubringen. Außerdem fahre ich nach Südafrika, wo ich ein paar kurze Reportagen über HIV/Aids in Afrika drehen werde, die dann auf YouTube gezeigt werden können. Das ist meine Art von Aktivismus.
profil: Mit „Womankind“ haben Sie auch wieder einen Song mit einer feministischen Botschaft geschrieben. Bei näherer Betrachtung ist es aber ein Lied, das den Männern die Hand reicht. Es kommen sogar Zeilen vor wie „Rette mich“ und „Halt mich“.
Lennox: Feminismus muss für mich nicht grundsätzlich scharf sein. Wir sind menschliche Wesen mit menschlichen Bedürfnissen. Zunächst einmal bin ich eine Frau. Aber ich sage auch klar, dass ich eine Feministin bin, denn obwohl dieses Wort in der westlichen Welt in den letzten Jahren abgewertet wurde, sehe ich ein großes Bedürfnis nach Feminismus in den Entwicklungsländern. Frauen müssen sich auf jede erdenkliche Art ermächtigen. Ich will, dass Frauen das Wahlrecht haben. Ich will, dass Frauen respektiert werden. Ich will, dass Frauen, die zu Hause Gewalt erleiden, eine Stimme haben.
profil: An wen wenden Sie sich also in diesem Song?
Lennox: An alle. Es geht darum, dass wir ein besseres Verständnis zwischen den Geschlechtern erreichen. Für die Männer ist es heute schwer, denn die Frauen haben tatsächlich mehr Macht. Wir sitzen in Positionen, wo wir mit Männern finanziell konkurrieren können. Wir können uns unabhängige Existenzen aufbauen. Das ist eine richtige Bedrohung für Männer, denn sie haben sich nicht so weit entwickelt, dass es sich für sie angenehm anfühlt, einen gleichwertigen Partner zu haben. Damit müssen sie sich zurechtfinden. Ich habe in meinem eigenen Leben erfahren, wie hart das für dieses sehr fragile männliche Ego ist. Wir haben alle unser Ego, aber es macht mich traurig, dass Männer und Frauen keine bessere Art finden, miteinander zu kommunizieren. Aber wir haben schon viele Veränderungen erlebt. Alles an uns ist anders als früher, schon angefangen bei unserer Körpersprache, und es verändert sich weiter. Unsere Kinder werden sich anders verhalten und deren Kinder auch.

Interview: Robert Rotifer