„Mein Körper ist schon lange tot“

Michaela Zadrazil war zuerst Ottfried Fischers Bikinimädchen, dann die Bordellmaus und schließlich eine öffentliche Frau. Auch um ihre Therapiestunden zu finanzieren, arbeitet sie heute wieder als Prostituierte.

Sie hat gelernt, durch diese Blicke zu balancieren. Durch diese Blicke, in denen Herablassung, dreiste Neugierde, Verachtung und manchmal auch Mitleid zu lesen sind.

„Siehst du den Mann an der Bar?“, fragt sie in ihrem Stammwirtshaus Reingruber im zweiten Wiener Gemeindebezirk und deutet auf einen, der seinen Kopf konzentriert stur nach unten richtet, „seitdem grüßt er mich nicht mehr. Er sagt, dass er sich das beruflich nicht leisten kann.“

„Seitdem“ ist der Zeitpunkt, zu dem das ehemalige Heimkind, die nicht ausgelernte Friseurin und seit einigen Monaten wieder als Prostituierte arbeitende Michaela Zadrazil, 37, Tochter einer Weißnäherin und eines Kellners, vom öffentlichen Interesse überrollt wurde.

„Seitdem“ ist jetzt ein Dreivierteljahr her. „Seitdem“ ist nichts mehr, wie es war. Früher hätte einer wie Ödön von Horváth aus dem Schicksal des Fräulein Zadrazil eine kleine Tragödie gezimmert; im letzten Sommer wurde ihre Geschichte doppelte Staatscausa, sehr laut und sehr lang.

Seit „seitdem“ wissen ein paar Millionen Menschen in Österreich und Deutschland, dass „Michaela Z.“, jetzt einmal abgesehen von ihrer Existenz als Ottfried Fischers Bikinimädchen vom Tegernsee, eine „Vergangenheit“ hat. Schnell waren damals auch die passenden Substantive gefunden: Eden-Schlampe (Frau Fischer persönlich), Bordellmaus, Ottis Mutzenbacher, Rotlicht-Luder usw. Titelblätter, Schlagzeilen. Da half auch keine Fußball-WM.

Geheimnisverkauf. Die Wohnungstür in der Wiener Taborstraße konnte nicht mehr geöffnet werden, ohne dass ihr eine Kamera ins Gesicht blitzte. Journalistenpulks belagerten das China-Restaurant gegenüber ihres Wohnhauses, ihre jüngere Schwester verriet RTL gegen Bares, dass Michaela keine Kinder kriegen kann –„mein letztes Geheimnis, nämlich, dass ich sterilisiert bin – die Unterbindung geschah gegen meinen Willen und unter dem Druck meines damaligen Freundes und Zuhälters“.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit hatte die kleine Schwester auch einschlägige Fotos von Michaela an die „Bild“ verscherbelt: „Eine größere Form von Verrat fällt mir nicht ein … beim besten Willen nicht.“

Als sie auf dem Höhepunkt der medialen Aufgeregtheit nach fünf Tagen ohne Schlaf ins Krankenhaus eingeliefert worden war, versuchten die Reporterteams auch in die Spitalsstation einzudringen. „Wir haben gehört, Sie wollen sich umbringen – wie geht’s Ihnen jetzt?“, war auf der Mobilbox zu hören.

„Ich hab nur mehr geweint, aus Enttäuschung, Erschöpfung, weil sie mir meinen Hund weggenommen haben, der das Einzige ist, was ich hab auf der Welt. Meine Schwester hat mich zur Fahndung ausgeschrieben; sie hat behauptet, ich wäre selbstmordgefährdet. Das war ein Blödsinn. Müd war ich und essen konnt ich nichts mehr. Nervlich am Ende halt. Zwei Polizisten haben mich dann aufgehalten und später die Rettung geholt. Ich hab dann in dem Krankenhauszimmer drei Tage durchgeschlafen. Wer bei der ganzen G’schicht überblieben ist, war am Ende nur ich. Der Ottfried geht ganz normal und völlig unbeschädigt durchs Leben und über den roten Teppich. Es ist, wie’s ist. Und es gibt halt kein anderes Leben.“

Dieser Tage lächelt der dicke Schauspieler gerade wieder aus den bunten Blättern sein Hutschpferd-Lächeln. Er verströmt dabei die Aura eines durch und durch gutherzigen, aber etwas tölpelhaften Kindes. Eines Kindes, das zu Höchstleistungen angehalten wird und gelernt hat, widerspruchslos zu funktionieren.

Die bunten Blätter glauben herausgefunden zu haben, dass sich der beliebte Schauspieler jetzt von seiner Frau und langjährigen Einsatzleiterin Renate trennen will. Und dass er sich eine Neustartwohnung um 900.000 Euro im Münchner Klotzviertel Schwabing gekauft hat, wie das Magazin „das Neue“ decouvrierte.

„Werden Sie dort einziehen?“, „Wollen Sie zu ihm zurück?“, „Was fühlen Sie, wenn Sie ihn im Fernsehen sehen?“, häufen sich die Fragen der Bunten-Blätter-Soldaten auf ihrer Mailbox.

„Haben die bitte keine anderen Sorgen? Ich hab doch schon früher nie an ein gemeinsames Leben geglaubt. So naiv bin ich nicht. Das war nur in der Vorstellung der anderen.“

Nein, die dürfen berufsbedingt gar keine anderen Sorgen haben. Fühlen tut sie sowieso kaum mehr was.

„Ich bin innerlich tot. Ich hab keine Emotionen mehr. Auch mein Körper ist schon lange tot. Mein Herz pumpert, aber meine Seele ist weg. Da ist diese ständige Leere in mir, die mich so rastlos macht. Ich muss ständig was tun, damit ich nicht zum Denken komm. Mit mir und meinem Körper befass ich mich schon lange nicht mehr. Wenn ich mir die Zähne putze, vermeide ich es, in den Spiegel zu schauen. Ich will mich nicht sehen. Der Umgang mit meiner eigenen Sexualität ist sowieso schwierig … durch den Job. Da bin ich ständig in Gefahr umzuschnappen – ins Mechanische, in die Rollen, die ich im Zimmer für meine Kunden spiele. Eigentlich glaube ich nicht mehr, dass ich lieben kann. Das ist gar nicht mehr möglich. Teile von mir sind damals, in meiner Zeit in dem Heim, weggestorben. Ob die je wieder zurückkommen – keine Ahnung. Meine Therapie wird sicher Jahre dauern. Ob ich jemanden liebe? Jetzt? Ja, meinen Hund, den kleinen Pépé, einen Malteser. Ein Mensch, den ich liebe, fällt mir nicht ein.“

Sie gibt diese Bankrotterklärung ihres Innenlebens so ab, als ob diese Zustände völlig normal wären. Für ihren emotionalen Alltag sind sie es jedenfalls, und zwar schon lange, bevor der Publikumsliebling, angeblich auf Geheiß seiner Frau, den Kontakt gekappt hat. Vorher, kurz nachdem die Sache im vergangenen Sommer aufgeflogen war, hat er noch so was gesagt wie „Jetzt bin ich ganz dein“ und „Jetzt brauchen wir uns nicht mehr zu verstecken“. Das waren so ungefähr die letzten Worte, die sie je von ihm gehört hat.

Sie sieht müde aus. Es ist abends. Ein anstrengender Sabrina-Tag liegt hinter ihr. Wahlweise nennt sie sich in den Internet-Inseraten auch Lara. Zu einem Körper und Gesicht, die nicht ihr gehören, lässt sie dort in ihrem Betreuungsrepertoire keine Wünsche offen: „Von der Domina bis Kuschelmaus“ lautet die Bandbreite. Ihrem Job als Prostituierte geht sie ausschließlich tagsüber nach.

„Ich hab immer nur am Tag gearbeitet. Das ist mir anständiger erschienen als in der Nacht. Komisch irgendwie, oder? Schon in meiner ersten Station, der Susi-Bar in der Ausstellungsstraße, war das so. Da war ich so um die 19. Eine tiefe Hütt’n, das Publikum Messebesucher und Hackler, und die Susi hat immer dasselbe Kleid ang’habt. Auch im Petit Fleur im Zwölften, wo die Kundschaft sehr viel gehobener war und der Chef so nett und so menschlich, und auch in den diversen Studios. Wirklich nur, wenn jemand krank geworden ist, bin ich manchmal auch nachts eingesprungen.“

Geldnot. Die Rückkehr ins Prostitutionsgewerbe vor ein paar Monaten geschah aus ganz banaler Geldnot. Dazwischen hat sie als Vertreterin für den Bertelsmann-Buchclub gearbeitet. In den Monaten, in denen sie dem Publikumsliebling an diverse Drehorte nachreiste, natürlich nicht mehr. Die Hotelkosten hat sie übrigens immer selbst getragen.

Aktueller Schuldenstand: 25.000 Euro im Minus – die Leasingrate für den Opel, die Gesprächstherapie, die Sozialversicherung. „Eh lieb“ ist, dass diverse Medien ihr zurzeit jobvermittelnd zur Seite stehen wollen, aber abgesehen von den Berichten gab es kein konkretes Angebot, das man nicht ablehnen konnte. Wohnen kann sie bis auf Weiteres noch bei ihrem Exfreund, dem Barsänger Franco Andolfo, der mit 66 noch jeden Abend in der Eden „Soltanto tu“ oder „I Get a Kick Out of You“ in eine überschaubare Menge schleudert.

Franco Andolfo und der Ottfried natürlich auch waren die einzigen Männer in ihrer Beziehungsbiografie, die sie nicht geschlagen haben. Der Franco ist ein Freund fürs Leben. Er kocht Minestrone, verzweifelt, wenn sie nicht isst, nimmt sie ab und zu in die Arme und fragt sonst nicht viel. Auch nicht, warum sie wieder in ihrem früheren Job arbeitet.

Die Antwort wäre, dass keine Ausbildung in Kombination mit der öffentlichen Stigmatisierung als Bordellmaus einen nun einmal nicht gerade für den Arbeitsmarkt aufmunitioniert. „San Sie net die, na Sie wissen schon?“, haben’s mich bei den Vorstellungsgesprächen oft gefragt. Der nächste Satz war dann so was wie: „Na, lassen wir erst einmal Gras über die Sache wachsen, dann seh’ ma weiter.“

Sie sagt, dass sie keinen Cent an den Interviews, den Fotos, den Fernsehauftritten, dem selbst verfassten Buch, auf dessen Ende sie noch immer wartet, verdient. Ein schwer zu glaubendes Moralkonzept bei jemanden, der seinen Körper stundenweise vermietet.

„Das ist etwas anderes. Aber warum soll ich mich verkaufen? Das tu ich nicht, das hab ich nicht notwendig. Als Prostituierte verkauf ich nicht mich, sondern ausschließlich eine Dienstleistung. Und wenn ein Typ reinkommt und mich mit diesem Blick anschaut, der signalisiert: ‚Ich zahl dich, Mädchen, und deswegen musst du jetzt spuren‘, dann sag ich: ‚Steck dein Geld ein und hau ab.‘ Mich kann keiner kaufen.“

Dominant. Der Verlag wird inzwischen schon nervös, weil sie das Manuskript nicht abschließt, der ganzen Causa fehle bald die Frische. Nichts ist schließlich so alt wie ein Skandal von gestern. Egal: „Ich will mit dem Buch sowieso kein Geld verdienen. Und wenn, werden es Kinder bekommen, Heimkinder. Wann ich das letzte Kapitel schreibe, bleibt mir überlassen. Ich lasse mich nicht hetzen.“ Eine Aussprache will sie noch mit dem Publikumsliebling: „Um endlich abschließen zu können. Ich fühle mich wie ein Wasserhahn, den er auf- und dann zugedreht hat, als er ihn nicht mehr gebraucht hat. So benutzt habe ich mich noch nie gefühlt.“

Im Job sowieso nicht. Dort herrscht Routine, dort hat sie alles unter Kontrolle. Seit ihrem ersten, professionellen Mal, eingefädelt von ihrem damaligen Freund und Zuhälter in Personalunion, in der „Susi“, sind fast 20 Jahre vergangen. Aufgewacht ist sie damals nach einem Vollrausch neben einem fremden Mann. Das Branchendebüt liegt bis heute im Nebel.

Als Kuschelmaus passiert ihr heute nichts, was sie nicht will, und als Domina naturgemäß erst recht nicht: „Ich hab mich zur Domina ausbilden lassen, weil mir das Normale im Job immer Unangenehmer geworden ist. Als Domina braucht man sich nicht angreifen lassen und verdient gut. Ideal irgendwie, hab ich mir gedacht. Bei der Gesundenuntersuchung habe ich eine Domina, eine Meisterin ihres Fachs, kennen gelernt. Die hat mich dann angelernt, indem ich im Studio ganz ruhig dabeigesessen bin und zugeschaut hab. Die Kunden tragen da ja meistens Masken. Das Dominante ist wahnsinnig anstrengend. Verbal muss man da sehr gut drauf sein. Du musst sehr gut auf die Situationen eingehen können. Und du musst im Vorfeld alles über den Kunden wissen. Welche Peitsche er möchte. Ob er verheiratet ist und deswegen keine Spuren am Körper mit nach Hause nehmen darf. Ob er Hund sein will. Ob du seine Mutter, seine Tante, seine Lehrerin oder die Krankenschwester spielen sollst. Oh ja, es gibt Männer, die wollen, dass du ihre Mutter bist. Die Kunden sind ja auch oft arm und schleppen ihre eigenen Geschichten mit. Ich hatte zum Beispiel einen, der von seiner Mutter geschlagen worden ist. Und sich nie von ihr abnabeln konnte. Nur in dieser Situation hatte er keine Erektionsprobleme. Männer, die das Devote wollen, sind generell oft Geschäftsmänner, die immer den Chef rauskehren müssen und sich sonst nie fallen lassen können. Ich bin begabt für das Dominante. Manche Mädchen glauben, dass man da ein bisserl die Peitsche schwingt, und das reicht dann schon. Falsch, das ist eine Kunst, das kann nicht jeder.“

Dass sie nicht gänzlich ins strenge Fach gewechselt ist, liegt an der Stammkundschaft „fürs Normale“. Man kennt Wien, und Wien kennt einen. Abgesehen von einem kurzen Intermezzo bei einem Escort-Service in Tirol hat sie immer hier gearbeitet. Natürlich ginge es auch in so einem Escort-Service nur um Sex, „begleitend“ abendessen tut dort keine, das fällt unter moderne Märchen und juristische Absicherung der Agenturen.

„Ich war ziemlich nervös, als ich jetzt wieder eingestiegen bin. Der erste Mann im neuen Job war Gott sei Dank ein Stammkunde, den ich von früher kannte. Ich hab immer viele Stammkunden gehabt. ‚Du wirst immer meine Sabrina bleiben, so eine wie dich gibt’s kein zweites Mal‘, hat er gesagt. Und dann musste ich nicht einmal mit ihm schlafen. Das kommt immer wieder vor, dass manche nur reden wollen. Männer gehen hauptsächlich aus drei Gründen zu Prostituierten: weil sie zu feig sind, um Frauen so anzusprechen. Oder weil sie keine Beziehungstroubles wollen. Oft sind es Männer so um die 35 und durchaus attraktiv, die mit ihrer Karriere so beschäftigt sind, dass das mit dem Sex schnell und unkompliziert sein muss. Oder weil ihre Frauen schwanger sind und sie nicht rangelassen werden.“

Der Bügelknabe. Die Bordelle, wie der kleine Maxi sie sich vorstellt, mit Animierbar, rotem Plüsch, falschem Gold und angeschlossenen Séparées, würden immer weniger werden: „Ich habe jetzt ein Zimmer in einem Laufhaus, wie die Deutschen das nennen, oder eben Studio in der Ungargasse angemietet. Ohne Zuhälter, ich bin mein eigener Herr. Ich könnte heute Millionärin sein – mit dem, was ich meinem Freund und eben auch Zuhälter früher in die Hand gedrückt hab. Wie er mich unter Druck gesetzt hat? Mit dem Schmäh: Schau, ich tu doch das alles nur für uns! Dass wir einmal schön leben können. Ich war jung. Und am Anfang war es schrecklich. Aber das Schreckliche wurde bald zur Routine. Ich musste mich sonst um nichts kümmern. Er hat gekocht, eingekauft, mein Zuhälter hat mir sogar gebügelt. Er hat behauptet, ich bin zu dumm zum Bügeln. Zwei Mal im Jahr ist er mit mir zum ‚Johann Strauߑ gegangen, dort habe ich was zum Anziehen bekommen. Schlagen war normal. Wenn er mich verprügelt hat, hat er mich immer ins Badezimmer gezerrt. Wahrscheinlich wollte er das Wohnzimmer nicht schmutzig machen, von den Fliesen lässt sich das Blut leichter wegwischen. Männer und Gewalt, das war für mich nichts Neues, das hat mich nicht erstaunt. Vor ihm war ich mit einem Alkoholiker zusammen, sehr reich, pipifeines Haus. Wenn der g’soffen hat, hat er zug’schlagen. Er war Jäger. Einmal hat er mir sogar den Lauf seines Gewehrs in den Mund gesteckt. ‚Drück ab‘, hab ich ihm gesagt. ‚Ich hab nämlich nichts zu verlieren.‘ Der hat später meine damals beste Freundin geheiratet.“ Den Zuhälter hat sie nach acht Jahren verlassen. Eines Morgens ist sie aufgestanden, hat das Notwendigste eingepackt und ist weg. „Pass auf, dass da nix passiert!“, hat er sie später wissen lassen. Drei Monate hat sie sich zum Schutz einen „Buck’l“ aus dem Milieu geholt. Billig war das nicht.

Die Grießnockerlsuppe steht schon eine halbe Stunde unberührt von ihr. Es ist ein stiller Kampf. Sie zwingt sich zu löffeln. Nach drei Löffeln kapituliert sie vor den Grießnockerln. Und zuckt hilflos mit den Schultern. Zwei Jahre – von acht bis zehn – hatte sie mit ihren beiden Schwestern in einem Kinderheim gelebt. Das Essen war dort nicht das Schlimmste. Aber es war so schlimm, dass man manchmal in seinen Teller kotzte. Und dann gezwungen wurde, das Erbrochene wieder aufzulöffeln. Seither ist das Aufnehmen von Nahrung manchmal so schwierig, dass sie es lieber gleich lässt.

Heimhölle. Als die allein erziehende Mutter eines Abends kellnern gegangen war, hat die siebenjährige Schwester mit ihrer Taufkerze die Wohnung abgefackelt. Alles in Schutt und Asche. Grobe Vernachlässigung der Aufsichtspflicht. Wenige Tage später sind die drei Mädchen, Michaela und ihre Zwillingsschwester waren acht, in das Kinderheim der Wiener Volkshilfe nach Altenberg bei Greifenstein überstellt worden. Von außen sah das Heim wie ein Märchenschloss aus, von innen war es die Hölle. Der Heimleiter behielt sein Sakko an, wenn er prügelte. Mit Eisenschlüsseln, mit der bloßen Hand, Platzwunden am Kopf gehörten zum Alltag. Ein Strafausmaß von einer Woche Frischluftverbot war mild, ein paar Stunden im dunklen Keller Mittelmaß. Abends wurde der Schlafsaal zugesperrt, wer in sein Bett nässte, bekam Schläge. „Angst haben und folgen: Das hab ich dort gelernt. Und das Fühlen hab ich dort verlernt.“ Nach zwei Jahren durften die Mädchen wieder nach Hause – die Mutter, seit Michaelas drittem Lebensjahr geschieden, hatte einen Straßenbahner geheiratet. Ihren Vater hat sie erst mit 25 wieder gesehen. Nachdem sie im Telefonbuch alle Zadrazils durchtelefoniert hatte.

Das Heim-Kino wird nie wieder ihren Kopf verlassen. Manchmal sah sie aus dem Spielzwinger ein Reh auf einem Hügel stehen und war überzeugt, dass es sie beschützen wird. Auf das Reh war jedoch kein Verlass. Einmal sprang ein Mädchen, sie hieß Micky, so durch die Glasscheibe aus dem Speisesaal in den Garten, dass sie den Rest ihres Lebens im Rollstuhl verbringen musste. Der Rest ihres Lebens war kurz. Als junge Frau hatte sie sich im Rollstuhl von der Reichsbrücke gestürzt.

So gesehen, sagt Michaela Zadrazil, hat sie ja fast noch so was wie Glück gehabt.

Von Angelika Hager