„Ich konnte als Kind nie ich selbst sein“

Regisseur Paul-Julien Robert über Moral, Mitläufertum und Widerstand in der Mühl-Kommune – und über sein Leben danach.

Interview: Stefan Grissemann

profil: Konfrontierten Sie Ihre Mutter, als die Kamera lief, tatsächlich erstmals mit der Frage, was sie damals antrieb, ihr Kind dieser Kommune zu überlassen?
Paul-Julien Robert: Ja. Ich hatte es ihr davor einfach nicht zugetraut, darüber zu reden. Schon in der Kommune war unsere Beziehung gekippt – und ich begann, Verantwortung für sie zu übernehmen. Wenn sie bestraft wurde, litt ich darunter, redete mir ein, dass ich daran schuld sei.

profil: Sie machen Ihrer Mutter in dem Film keine Vorwürfe. Es ist seltsam zu sehen, wie ratlos sie dennoch auf ganz naheliegende Fragen reagiert.
Robert: Ja, man spürt, dass sie selbst sich diese Fragen nie gestellt hat.

profil: Ihr Film zeigt nie gesehenes Videomaterial aus der Kommune. Wie wählten Sie diese Szenen aus den rund 5000 Stunden, die es an Videodokumenten aus dem Friedrichshof gibt?
Robert: Immerhin existieren Ordner, die Hinweise darauf geben, was auf den einzelnen Kassetten zu sehen ist. Ich suchte zunächst einfach nur mich selbst, wählte beispielsweise meinen Geburtstag. Später weitete ich die Suche aus, sah von diesen Bändern in drei Monaten vielleicht 500 Stunden.

profil: Also existieren nach wie vor etwa 4500 Stunden an ungesichtetem Material?
Robert: Ja. Die Genossenschaft am Friedrichshof verwaltet diese Bänder. Es sind hauptsächlich Ex-Kommunarden, die über dieses Aufnahmen entscheiden. Da gibt es auch Stimmen, die sich dafür aussprechen, die Videokassetten zu verbrennen.

profil: Hatten Sie nie Angst, dass Sie im Zuge dieser langen Auseinandersetzung mit Ihrer eigenen Kindheit etwas aufrühren könnten, das Ihnen nicht guttut?
Robert: Doch, schon. Deshalb hab ich stets versucht, auf meine Vergangenheit wie aus großer Distanz zu blicken. Ich sagte mir, dass diese Welt nicht mehr existierte, und begann dann auch über mich selbst in der dritten Person zu schreiben.

profil: Aus Selbstschutz?
Robert: Ich glaube, sonst hätte ich mir diese Videobilder gar nicht anschauen können.

profil: Ihr Film führt Otto Mühl auch in seinem Selbstverständnis als Künstler vor: Er spricht davon, wie sehr die Kommune sein größtes Kunstwerk sei, und man sieht ihn wiederholt malen – er stellt sogar Bilder aus der Asche jener Tagebücher her, die er den Kommunarden am Ende noch wegnahm und vernichten ließ, um sie der Justiz zu entziehen.
Robert: Ich wollte keinen Film über Otto Mühl machen, konnte ihn aber auch nicht weglassen, weil er Teil meiner Geschichte ist. Und dann war die Malerei auch die einzige Konstante meiner Kindheit, von der ich wusste, dass sie nicht negativ sein konnte. In allen anderen Feldern, von Musik und Tanz bis zu Sport und Schule, wurde man, je nach Mühls aktueller Laune, gescholten oder gelobt. Nur an der Malerei konnte man sich orientieren, nur sie war vollkommen positiv besetzt.

profil: Sie studierten dann auch an der Akademie der Bildenden Künste.
Robert: Dabei war ich, als die Kommune aufgelöst wurde, entschlossen, nie wieder einen Stift in die Hand zu nehmen. Das lag auch daran, dass uns eine sehr beschränkte Idee der Kunst geliefert wurde; wir Kinder mussten beispielsweise jeden Abend aktzeichnen. Ich empfand das als sehr lustlos. Mein Interesse an der Fotografie und der konzeptuellen Kunst, an Video und Performance entdeckte ich erst später.

profil: Die Szene, in der Mühl einen Buben öffentlich demütigt, weil dieser nicht singen und tanzen will, gehört zu den deprimierendsten Ihres Films.
Robert: Es gibt auch Menschen, die gerade diese Szene besonders schön finden: weil da einmal jemand zu sehen ist, der sich wehrt, der nicht mitspielt. Aber es stimmt schon: Die Tatsache, dass niemand aus der Gruppe einschreitet, ist schon beklemmend.

profil: Drei Menschen, die ebenfalls als Kinder am Friedrichshof lebten, befragen Sie zu ihren Erinnerungen. Hat die gemeinsame Vergangenheit sich denn bei allen auf ähnliche Weise eingegraben?
Robert: Ich glaube mittlerweile, dass die Verarbeitung dieser gemeinsamen Vergangenheit eine viel stärkere Verbindung zwischen uns allen hergestellt hat als die gemeinsamen Erlebnisse an sich. Wir sehen die Welt gleichsam aus anderen Augen.

profil: Eine ungelöste Frage scheint in Ihnen allen zu brennen: ob einen das Aufwachsen in dieser Kommune wirklich nachhaltig beschädigt hat – oder ob es vielleicht so traumatisch auch wieder nicht war.
Robert: Stimmt. Ich habe mich während der vergangenen fünf Jahre eigentlich unaufhörlich gefragt: Wie speziell ist das denn? Hat nicht jedes Kind etwas in dieser oder ähnlicher Art erlebt? Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, wie sehr mich die Kindheit in der Kommune in meinem Selbstwertgefühl eingeschränkt und gebrochen hat. Dabei halte ich mich gar nicht für ein Opfer, aber es ist eine Tatsache, dass ich als Kind nie ich selbst sein konnte. Eigene Meinungen wurden schlicht untersagt.

profil: Ihnen ist sexueller Missbrauch erspart geblieben. Aber Sie wussten schon als Zehn- oder Elfjähriger, was sich da abspielte?
Robert: Natürlich, das fand ja nicht versteckt statt, es war ganz offensichtlich, was da ablief, dass Erwachsene Sex mit Minderjährigen hatten. Es gab nur nicht diese Moral, dass dies etwas Schlechtes sei.

profil: Wie denken Sie heute an Ihre Kindheit zurück?
Robert: Wie an etwas sehr Fernes, das aber nicht tragisch war, sondern eher eine Komödie. Ich erinnere mich, dass wir uns über die Erwachsenen oft lustig machten, uns von ihnen distanzierten.

profil: 1991 wurde die Kommune aufgelöst und Mühl verhaftet. Sie gingen zu Ihrer Mutter nach Zürich. War das nicht ein massiver Bruch in Ihrem Leben?
Robert: Das war die für mich schwierigste Zeit überhaupt. Ich hatte in der Schweiz keine Freunde, kannte mich nicht mehr aus. Plötzlich war ich Außenseiter. Nach drei Jahren ging ich zurück nach Österreich.

profil: Da waren Sie erst 15.
Robert: Ja, und ich lebte wieder am Friedrichshof. Dort herrschte echte Anarchie. Mühl war nicht mehr da, es gab keine Autorität, also beste Voraussetzungen, um sich auszutoben.