Meiner Seel

Lasst uns spenden: Ermahnungen zur Mildtätigkeit machen keinen Papst zum Linken.

Als möglichen Bündnispartner der demokratischen Linken gegen die Auswüchse der globalisierten Ökonomie begrüßte Kollege Georg Hoffmann-Ostenhof in profil 17/05 den neuen Papst. Innerkirchlich, so Hoffmann-Ostenhof sinngemäß, werde es wohl kaum Reformen geben, aber außenpolitisch dürfe man hoffen. Erstens eben auf kapitalismuskritische Wortmeldungen und zweitens auf multireligiöse Toleranz, denn Benedikt XVI. empfinde Respekt gegenüber dem Islam und dem Judentum und trete für einen Dialog der Katholiken mit den Moslems ein.

Ich teile Hoffmann-Ostenhofs Zuversicht (auch wenn er sie mit zahlreichen anderen Leitartiklern teilt) nicht.
Ja, die katholische Soziallehre verurteilt Ausbeutung und fordert, dass die Würde des arbeitenden Menschen gewahrt bleibe, aber nichts deutet darauf hin, dass Papst Ratzinger deswegen linke Vorstellungen von Verteilungsgerechtigkeit auch nur ansatzweise teilt.

Und, ja, der Papst mag Respekt vor Muslimen und Juden empfinden, aber mit der Vorstellung von Ebenbürtigkeit hat das wenig zu tun, sondern bloß mit einem Schulterschluss der Gläubigen gegen eine säkulare Welt.
Immer schon hat die Kirche die Reichen ermahnt, von ihrem Überfluss abzugeben. Von (gesetzlichem) Zwang war allerdings nie die Rede. Im Gegenteil, stets wurde den Armen geraten, sich zu bescheiden und den Reichen Gelegenheit zur Mildtätigkeit zu geben.

Beim vorigen Papst hat das so ausgeschaut, dass er die lateinamerikanische Befreiungstheologie streng verurteilte und sich in seiner Sozialenzyklika „Centesimus annus“ ausdrücklich zur grundlegenden und positiven Rolle des Unternehmens, des Marktes und des Privateigentums bekannte. Was deutet darauf hin, dass der neue Papst anders denkt? Vertrauen in den Markt kombiniert mit Vertrauen in Gottes unerforschlichen Willen und Ratschluss ergeben auch auf diesem Sektor kein sonderlich reformatorisches Potenzial (Benedikt XVI. in seiner Antrittspredigt: „Das eigentliche Regierungsprogramm aber ist, nicht meinen Willen zu tun, nicht meine Ideen durchzusetzen, sondern gemeinsam mit der ganzen Kirche auf Wort und Wille des Herrn zu lauschen und mich von ihm führen zu lassen …“).

Nicht um eine Umstrukturierung der Eigentumsverhältnisse wird es daher gehen, sondern um Charity, wenn der neue Papst mahnende Worte zu den Vertretern des Turbokapitalismus spricht. Freiwillige Spenden statt Sozialpolitik: Zu den Zielen der demokratischen Linken (wo steckt die eigentlich immer?) scheint mir das nicht zu passen.

Was den Respekt vor anderen Religionen betrifft, so hat Papst Ratzinger schon als Kardinal keinen Zweifel an seiner Überzeugung von der Überlegenheit des Katholizismus gelassen. Der angestrebte Dialog mit den Muslimen ist ein angestrebtes Zweckbündnis gegen die Säkularisierung bei gleichzeitiger Verhärtung der Front gegen andere Glaubensgemeinschaften. Wie das zusammengeht, kann man beispielsweise beim österreichischen Bischof Andreas Laun nachlesen, der im Juni 2004 in der katholischen Zeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur , „Die Tagespost“, folgendes Wunschszenarium der christlichen Europäer entwarf: „Auf der politischen Ebene verbünden sich die muslimischen Parteien mit den Christen gegen die europäischen Atheisten: Die christlich-muslimische Zusammenarbeit ermöglicht es, die Pornografie einzudämmen, den ungeborenen Kindern den Schutz des Gesetzes zurückzugeben, und Absurditäten wie eine Homo-‚Ehe‘ gehören nur noch ins Kuriositäten-Kabinett der Rechtsgeschichte.“ Der Realisierung einer derartigen Utopie stehe allerdings, meint Laun, das Machtstreben der Muslime entgegen, weshalb er die Christen zu den biologischen Waffen ruft: „Die Muslime sind auf dem Weg zur Mehrheit und damit zur politischen Macht. Dagegen gibt es nur ein Mittel: Die Christen müssen Kinder zeugen, viele Kinder, mehr Kinder als die Muslime. (…) Nur wenn wir genug Kinder haben, können wir mit den Muslimen auf gleicher Augenhöhe reden und verhandeln. Ohne Kinder werden wir sterben, vorher noch ihre Befehlsempfänger sein.“

Die Christinnen kommen bei ihm auch vor, und zwar so: „Zu antworten, die Frauen müssten doch das Recht haben, selbst zu bestimmen, ist weltfremd: Wer spricht, wenn es brennt, vom Menschenrecht darauf, einen Ausflug zu unternehmen?“

Nun mag Laun nicht Ratzinger sein, aber vieles deutet doch darauf hin, dass der neue Papst den Launs in seiner Kirche keineswegs fern steht. Zu Optimismus sehe ich daher wenig Anlass. Denn wenn uns auch nicht direkt eine Verfolgung der Ungläubigen droht, so wird doch der neue Papst das derzeitige Wetteifern religiöser Fundamentalisten – um den höheren Grad an Glaubensintensität wie um die gesellschaftliche Vorherrschaft – vermutlich nicht nur nicht eindämmen, sondern eher anheizen.

Was das Argument betrifft, KatholikInnen, die unzufrieden seien mit ihrer Kirche, könnten doch die Konfession wechseln, so erinnert es mich fatal an den Rat, den man uns früher gern gab, wenn wir politische Veränderungen verlangten: Wanderts halt aus, wenn’s euch da net passt! Ich wollte aber nicht auswandern. Und wäre ich Katholikin, so würde ich es als mein gutes Recht betrachten, meine religiöse Heimat mitgestalten statt verlassen zu wollen.