Meinl verdient mit MEL 360 Millionen Euro

Affäre. Die Familie Meinl hat an der Im­mo­bi­lien­gesell­schaft MEL bisher 360 Millionen Euro verdient. Beim Einstieg der israelischen Gazit-Gruppe sollen noch einmal 280 Millionen fließen. Auf Kosten der Kleinanleger.

Der Markt hat immer Recht. Da können Manager noch so sehr flehen oder fluchen. Die Aktienkurse machen nicht sie, sondern Investoren. Und die können nun einmal nicht irren. So will es das Gesetz der Börse. Mittwoch, 26. März 2008, 11.00 Uhr. Im Rosa Festsaal des Wiener Ringstraßenhotels Radisson SAS tritt Chaim Katzman, Gründer und Chef der israelischen Immobiliengruppe Gazit Globe, vor Journalis­ten, um Details zur geplanten Sanierung von Meinl European Land (MEL) öffentlich zu machen.
Gleicher Tag, Stunden später. Um 17.30 Uhr schließen die MEL-Papiere – am Dienstag noch deutlich im Plus – bei 7,05 Euro – ein Minus von 3,2 Prozent. Bis Freitagnachmittag ändert sich daran wenig. Die Papiere verabschieden sich mit mageren 7,21 Euro aus dem Handel.

Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass der Markt jegliches Vertrauen in Meinl European Land verloren hat – voilà! Vor mittlerweile sieben Monaten hatte das MEL-Management – allesamt enge Vertraute oder Angestellte von Bankier Julius Meinl – die Investmentbank Merrill Lynch mit der Restrukturierung der schlingernden Gesellschaft beauftragt. Am Ende der Bemühungen steht ein Deal, der in Österreichs Kapitalmarktgeschichte seinesgleichen sucht (siehe Kasten Seite 44). Hinter der vermeintlichen Rettung von Meinl European Land steckt kaum mehr als Julius Meinls kaltschnäuziger Versuch, ein letztes Mal ordentlich Kasse zu machen – wieder auf Kosten tausender leidgeprüfter MEL-Kleinanleger.

Wie ausführlich berichtet, hatte Meinl in den Verhandlungen Forderungen gestellt, auf die zunächst kein potenzieller Investor eingehen wollte. MEL ist über komplexe Vereinbarungen an die Meinl Bank gebunden. Im Wege eines „Managementvertrags“ etwa musste die Immobiliengesellschaft bisher Jahr für Jahr Provisionen in der Größenordnung von 20 bis 30 Millionen Euro an eine Banktochter (Meinl European Real Estate) abliefern, die im Gegenzug das gesamte operative Geschäft besorgte. Da der Vertrag auf mehrere Jahre abgeschlossen wurde, wollte Meinl keinesfalls auf die Zuflüsse verzichten – sie sichern immerhin zwei Drittel der Erträge seiner Bank. Umgekehrt war aber kein Investor bereit, die von Meinl urgierte Ablöse zu bezahlen. Ein Partner von Investor Chaim Katzman spricht erstmals Klartext: „Die Abgeltung war eine nicht verhandelbare Vorbedingung von Herrn Meinl. Wir haben das quasi geerbt. Es war nicht unsere Idee, und wir hätten das auch niemals so gemacht.“

Freche Forderungen. Die vorliegende Lösung reiht sich nahtlos in die beispiellose Serie an Skandalen, die Meinl European Land seit bald einem Dreivierteljahr erschüttern: Die Immobiliengesellschaft selbst soll nun nicht weniger als 280 Millionen Euro in die Hand nehmen, um Meinl auszukaufen. Davon 160 Millionen Euro in bar, 80 Millionen Euro im Wege einer mit satten 10,75 Prozent verzinsten Wandelanleihe (Laufzeit: sieben Jahre) und weitere 40 Millionen Euro über eine geplante Kapitalerhöhung. Nur zur Erinnerung: Im Jahresverlauf 2007 hatte MEL insgesamt 88,8 Millionen eigene Papiere ohne Wissen der Anleger zu deutlich überhöhten Preisen vom Markt geholt und dabei die eigenen Reserven unwiederbringlich ausgehöhlt. Die Geschäfte beschäftigen mittlerweile die Justiz. Die Staatsanwaltschaft Wien ermittelt gegen Julius Meinl und andere wegen des Verdachts der Untreue und des Betrugs. Hätte es diese Transaktionen nicht gegeben, bräuchte MEL heute keinen strategischen Partner. Und hätte Meinl den Anstand gehabt, auf seine Forderungen zu verzichten, würde MEL jetzt mehr Geld von den neuen Investoren sehen. Der Gazit-Globe-Manager gibt, darauf angesprochen, unumwunden zu: „Es liegt auf der Hand, dass wir die Preisvorstellungen des Herrn Meinl in unserer Kalkulation berücksichtigen mussten.“ Julius Meinl und Meinl European Land – das ist die Geschichte einer sagenhaften Vermögensvermehrung. Vor mittlerweile siebeneinhalb Jahren brachte der Bankier die Immobiliengesellschaft an die Börse. Sie entwickelte sich in den ersten Jahren prächtig, der Kurs stieg und stieg, die Anleger waren hungrig, immer mehr Aktien – genau genommen handelt es sich um Zertifikate auf Aktien – wurden in den Markt gedrückt. Die Meinl Bank naschte stets mit. Sie verdiente an jeder Kapitalerhöhung, an den mehr als großzügigen Managementvereinbarungen, und sie ließ sich sogar die Verwendung des Namens Meinl abgelten. Allein zwischen September 2003 und September 2007 hat die Bank aus Geschäftsbeziehungen zu Meinl European Land 322 Millionen Euro erwirtschaftet. Das hat die Oesterreichische Nationalbank im Rahmen einer Sonderprüfung der Bankbücher Ende des Vorjahrs erhoben.
Und nicht nur das: Es gilt heute als gesichert, dass das Wertpapier-Rückkaufprogramm überhaupt nur deshalb inszeniert wurde, um einer privaten Investmentgesellschaft der Familie Meinl aus der Patsche zu helfen. Im Februar 2007 war MEL im Lichte der weltweit steigenden Zinsen – diese sind Gift für Immobilienpapiere – erstmals auf einer Kapitalerhöhung sitzen geblieben. Von 75 Millionen neuen Zertifikaten (Ausgabepreis: 19,7 Euro) konnten bloß 45 Millionen platziert werden. Rund 30 Millionen unverkäufliche Papiere im Gegenwert von damals 590 Millionen Euro wurden klammheimlich in einer Somal AVV mit Sitz auf den niederländischen Antillen gebündelt (profil berichtete ausführlich). Fast die Hälfte der Kapitalerhöhung 2007 – also annähernd jedes zweite Zertifikat – landete demnach nicht auf dem freien Markt, sondern im Umfeld der Meinls. Ab März drohte der MEL-Börsenkurs abzurutschen, was früher oder später auf die Finanzen der Familie durchgeschlagen hätte. Also wurde das ominöse „Rückkaufprogramm“ gestartet. MEL setzte ohne Wissen der Investoren zwischen April und August insgesamt 1,8 Milliarden Euro Anlegergeld ein, um den Kurs zu stützen und Somal einen sauberen Ausstieg zu ermöglichen. Auch hier wurde kräftig mitgeschnitten. Laut OeNB hat die Meinl’sche Investmentgesellschaft in dieser Phase Kursgewinne in der Höhe von immerhin 35 Millionen Euro realisiert.

Zulasten der Kleinanleger. Nachdem im Sommer erste Details über die Geschäfte publik geworden waren, fiel der Kurs innerhalb weniger Wochen von über 20 Euro auf deutlich unter zehn Euro. Die Überschlagsrechnung macht sprachlos: Allein den gesicherten Zahlen der Nationalbank zufolge hat der Meinl-Clan in den vergangenen fünfeinhalb Jahren aus MEL-Verträgen und Wertpapiergeschäften insgesamt fast 360 Millionen Euro erwirtschaftet. Und zum Abschied sollen noch einmal 280 Millionen Euro dazukommen. Macht in Summe rund 640 Millionen Euro. Unter Einrechnung der ­Zinsen kommt man auf einen Betrag jenseits der 700 Millionen Euro. In alter Währung: fast zehn Milliarden Schilling. profil hat Julius Meinl mit dieser Summe konfrontiert. Über seinen Sprecher Herbert Langsner ließ der Bankier lapidar ausrichten: „Die Meinl-Bank-Gruppe hat aufgrund von Verträgen, die in den veröffentlichten und genehmigten Prospekten dargelegt sind, Leistungen für die MEL erbracht und dafür markt- und branchenübliche Entgelte erhalten.“

An sich ist der Ausstieg aus den Meinl-Verträgen im Rahmen des Gazit-Pakets ein Fall für eine außerordentliche Hauptversammlung von MEL, die spätestens Ende Mai über die Bühne gehen dürfte. Tatsächlich aber werden die Anleger dort, einmal mehr, zum Zuschauen verdammt sein. Wie profil-Recherchen ergaben, sollen die odiosen 150 Millionen „teileinbezahlten Aktien“ (im Fachjargon „partly paid shares“, kurz pps genannt) zum Einsatz kommen. Sie repräsentieren derzeit 42 Prozent des gesamten gestreuten Kapitals. Investor Katzman wollte das bisher nicht kommentieren. Der involvierte Merrill-Lynch-­Banker Ben Babcock ebenso wenig. Meinl-Sprecher Herbert Langsner wiederum verweist auf einen jüngst engagierten Wiener Medienberater von MEL. Und der sagt jetzt: „Es ist nicht auszuschließen, dass die pps mitstimmen werden. Ich denke, die Antwort ist deutlich genug.“
Damit scheint eines gesichert: Julius Meinl will dafür sorgen, dass der Deal mit den Israelis durchgesetzt wird. Nur so ist sichergestellt, dass er seine 280 Millionen Euro auch wirklich bekommt.

Meinls Hausmacht. Diese in Österreich nicht gängigen Anteilsscheine sind „partly paid“, das bedeutet, dass die Zeichner lediglich einen Cent pro Aktie im Nominale von jeweils fünf Euro zu zahlen hatten, insgesamt also bloß 1,5 Millionen Euro. Dennoch sind sie voll stimmberechtigt. Bis Mitte 2006 standen die Papiere im unmittelbaren Einflussbereich der Meinl-Bank-Gruppe, die Eigentümerschaft wurde im Lichte der späteren Ereignisse verschleiert. Es gilt aber als gesichert, dass das MEL-Management bis heute die Hand darauf hat. Immerhin wurde mit Gazit Globe vereinbart, dass die Papiere ein für alle Mal eingezogen werden. Allerdings erst nach der Hauptversammlung. Die pps dürften schon einmal eine Schlüsselrolle bei einem Aktionärstreffen gespielt haben. Am 23. August 2007 hatten die MEL-Anleger die Wertpapierrückkäufe rückwirkend genehmigt. Nur den wenigsten unter ihnen war dazumal bewusst, was wirklich gespielt wurde. Und selbst wenn – sie hätten es nicht verhindern können. Ronald Frankl, Mitarbeiter von Julius Meinls Vertrauensanwalt Christian Hausmaninger, vertrat an diesem denkwürdigen Tag treuhändig 105 Millionen MEL-Titel oder rund 82 Prozent des anwesenden stimmberechtigten Kapitals. Er hätte die Transaktionen auch im Alleingang absegnen können (profil Nr. 7/08).

Theoretisch hat auf einer HV jede Aktie eine Stimme. Mitstimmen darf aber nur, wer selbst anwesend ist oder durch einen Bevollmächtigten vertreten wird. Am 23. August des Vorjahrs vereinigten 110 anwesende Anleger gerade einmal 18 Prozent des stimmberechtigten Kapitals auf sich, der Rest entfiel auf Anwalt Frankl. Es ist zwar davon auszugehen, dass der MEL-Skandal deutlich mehr Anleger zur nahenden HV treiben wird. Und sehr wahrscheinlich wird sich diesmal auch kein MEL-Anwalt so ohne Weiteres zu erkennen geben. Die Chancen, dass die Anleger den Deal mit mehr als zwei Drittel der Stimmen zu Fall bringen, gehen dennoch gegen null. Warum sollten sie auch. Schlimmer als jetzt kann es nicht mehr werden.

Von Michael Nikbakhsh