„Melancholische Kassandra“

Elogen für eine mutige, klare Denkerin: Kollegen, Kritiker und Wegbegleiter über die Nachricht, dass Elfriede Jelinek mit dem Literaturnobelpreis 2004 ausgezeichnet worden ist.

Gerhard Roth, Schriftsteller
Ich freue mich sehr, dass sie diesen Preis bekommen hat, der Nobelpreis ist ja auch eine Auszeichnung für die österreichische Gegenwartsliteratur. Sie hat unverwechselbare Werke geschaffen, eine originäre Weise zu dichten gefunden und war darüber hinaus beständig beteiligt am politischen Leben, nicht nur in Österreich, sondern auch international. Jelinek ist eine mutige, klare Denkerin, die die Dinge beim Namen genannt hat und sie trotzdem literarisch, magisch in ihren Werken verändert hat.

Christoph Schlingensief, Aktionskünstler und Regisseur
Ich finde es großartig, wenn hier mal jemand ausgezeichnet wird, der Literatur nicht vor allem für sich nützt, nicht benützt. Elfriede Jelinek will ja gar nicht verehrt werden, was sie macht, ist vielmehr eine Aufforderung, die Dinge endlich selbst in die Hand zu nehmen. Es ist diese Mutspende, die Jelinek auszeichnet: Sie sagt, nimm dir das Material und eigne es dir an, ich hab es selbst ja auch nur gefunden. Sie ist eine gigantische, obsessiv gesteuerte Verwertungsmaschine, das finde ich faszinierend, sie kotzt in völlig anderer Form wieder aus, was sie in sich aufgenommen hat.
Und sie schöpft gerade dann, wenn sie körperliche Grenzen spürt, Kraft, dort setzt sie erst an. Die Moralkeule, die man ihr nachsagt, schwingt ja gerade sie am allerwenigsten. Und dieser Schutzbereich, den sie immer wieder sucht, dieser Rückzug und die öffentliche Verzweiflung, das alles gehört auch dazu. Ich meine, ich kenne Elfriede Jelinek nicht so gut, ich habe in Wien und Zürich mit ihr an zwei meiner Inszenierungen gearbeitet. Aber auch die Selbstzweifel, die sie hat, stehen ihr gut, das darf ihr stehen.

Wendelin Schmidt-Dengler, Germanist und Literaturkritiker
Jede Wortspende nach der erfreulichen Nachricht der Zuerkennung des Nobelpreises an Elfriede Jelinek kann nach der gegenwärtigen Flut an Entäußerungen nur unter dem Aspekt der eigenen Problematisierung antreten: Das Potenzial des zu Sagenden scheint ausgeschöpft, alles wurde abgerufen, von der Nestbeschmutzerin über die Feministin und Gesellschaftskritikerin und leidenschaftlichen Sprachkünstlerin bis zu der Frage, ob das Ganze eine Watsche für Österreich sei oder nicht. Zu hoffen ist nur, dass das Gespräch über die Nobelpreisträgerin bald sich diesem Schwitzkasten der Österreich-Thematik entwindet und auch das, was an ihren Texten polemisch ist, in seiner Verbindlichkeit über die Grenzen unserer schönen Heimat und vor allem der FPÖ hinauskommt: Denn das, was aus mehr als gegebenen Anlässen gesagt wurde, trifft zwar sehr wohl für diese zu, kann aber auch weit darüber hinaus angewendet werden. Ein Meisterstück literarischer Rhetorik ist die Rede „Der Abschied“, die Haiders Rhetorik gerade deshalb zu entlarven vermag, weil sie diese weit hinter sich lässt und mit jedem Satz eine neue analytische Perspektive erschließt. Ein solches Stück Literatur bezieht seine Wirkung nicht von dem, der sie veranlasst; es meint mehr als den Kärntner Landeshauptmann. Der Nobelpreis erfüllt seine Funktion nur dann, wenn er uns weg von den flamboyanten Elogen zurück zu den Texten führt: Wer es noch nicht getan hat, der möge nun „Die Kinder der Toten“ lesen, aber auch vieles andere, aus dem klar wird, dass darin nicht, wie so oft, die ästhetische Wahrheit hinter der politischen einherhinkt.

Hermann Beil, Dramaturg
Weltkomödie Österreich: in ihrer Heimat oft geschmäht, zum Beispiel von jener Zeitung, die jetzt scheinheilig in Literatur machen will, geradezu als „Dreck“ bezeichnet – eine „Auszeichnung“, die sie übrigens mit vielen ihrer österreichischen Kollegen teilt, mit der sie aber besonders wütend bedacht wird, erfährt diese wunderbare Elfriede Jelinek nun eine ganz andere, wahrhaft einzigartige Auszeichnung, die ein Bekenntnis zu ihrem literarischen Werk ist, gleichzeitig auch ein Bekenntnis zu ihrem aufklärerischen Engagement, das sie mit sprachmächtigem Mut allen Anfeindungen zum Trotz behauptet. In einer Welt voll ohrenbetäubendem Opportunismus beharrt sie nicht nur auf der Wahrheit, sondern macht die politische Lüge und moralische Korruption mit einer Deutlichkeit kenntlich, die ihresgleichen sucht. Was Elfriede Jelinek oft vorgeworfen wird, das ist die Wahrheit, die man nicht wahrhaben will. Jelinek macht sich nichts vor, sie weiß, wie erstickend tödlich die politischen Verhältnisse bereits sind und dennoch: Sie geht mit der Trillerpfeife auf die Straße, sie verletzt jeden so genannten, also meist verlogenen guten Geschmack, sie sprengt fröhlich unser aller Fantasiegrenzen, sie enthusiasmiert jeden, der noch für Worte empfänglich ist, für eine den Dingen auf den Grund gehende Sprache.
Elfriede Jelinek ist eine österreichische Weltbürgerin und, wie viele ihrer literarischen Generation, längst und weit über das Land hinausgewachsen. Unbestechlich wie Georg Büchner, sprachmusikalisch wie Heinrich Heine, das Licht der Aufklärung unbeirrt hochhaltend wie Gotthold Ephraim Lessing, ist sie zu Recht im Namen dieser Dichter ausgezeichnet worden und erhielt folgerichtig keinen Österreichischen Staatspreis.
Begabt für sarkastischen Witz und traurige Wut, hellsichtig für untergründige Zusammenhänge, fähig zum Pathos wie niemand sonst, erforscht sie, beseelt von Leidenschaft, unsere Zeit. Eine melancholische Kassandra, die sie nicht sein will, aber immer wieder aufs Neue sein muss.
Als Elfriede Jelinek am Schluss ihres „Sportstücks“ in Einar Schleefs unvergesslicher Inszenierung aus der Tiefe der großen Bühne des Burgtheaters nach vorne an die Rampe kam – eine Bewegung, die ans Herz griff –, hatte ich die Empfindung, und ich habe sie heute noch, das Wort wird Fleisch, auf eine Weise, die menschlich ist. Alle Blicke – und es waren gewiss auch Pfeile – zog sie auf sich und hielt aus und stand für ihr Wort ein, das alle Ängste, alle Sehnsüchte, alle Träume in sich verkörpert.
Elfriede Jelinek hat den Nobelpreis verdient. Glückwunsch!