Metropole der islamistischen Internationale

Bisher hat London Islamisten relative Freiheit gewährt. Das könnte sich nun ändern.

Schon wenige Stunden nach den Anschlägen von London verdichteten sich die Hinweise auf radikal-islamistische Täter. Die Art der Terrorattentate, ein angebliches Bekennerschreiben sowie die vorsichtige, aber eindeutige Wortwahl von Regierungschef Tony Blair ließen nur wenige Zweifel aufkommen. Bei den Ermittlungen, die voll anliefen, kaum dass die ersten Toten und Verletzten aus den U-Bahn-Zügen geborgen waren, müssen die Behörden unter Umständen nicht weit blicken: London hat eine höchst lebendige Islamisten-Szene, mit zahlreichen Zeitungen, Verlagshäusern, radikalen Predigern und Moscheen, die immer wieder von Terroristen und Terrorverdächtigen besucht wurden. Die „Metropole der islamistischen Internationale“ nennt Terrorismus-Experte Peter Bergen die britische Hauptstadt.

Ein Milieu von etwa tausend Sympathisanten des globalen Jihad, darunter so mancher weiße Brite, steht seit Jahren unter Beobachtung durch den britischen Inlandsgeheimdienst MI5 und die Polizei. 200 der Männer sollen durch Terrorcamps in Afghanistan, Tschetschenien und Bosnien gegangen sein. Dass es auch in London einmal knallen würde, damit wurde bei den Sicherheitsdiensten immer gerechnet: „Die spanischen Behörden kannten die Attentäter von Madrid, und sie konnten die Anschläge trotzdem nicht verhindern. Uns geht es genauso“, meint ein britischer Geheimdienstoffizier.

Dabei hatten Scotland Yard & Co in den letzten Jahren durchaus Erfolge: Von fünf verhinderten Terroranschlägen wird in britischen Medien berichtet. Der spektakulärste Fall war jener des Algeriers Kamel Bourgass, der in seiner Wohnung in Nordlondon mit den Giften Ricin und Zyanid experimentierte und bei seiner Festnahme im Jänner 2003 einen Polizisten erstach.

Rätsel. Spezialisten rätseln nun, ob die Attentäter von vergangener Woche ihre Basis innerhalb oder außerhalb Großbritanniens hatten – oder ob es sich gar um Terrornachwuchs handelt, der im Irak Kampferfahrung gesammelt hat und nun, früher als von den Geheimdiensten erwartet, nach Europa zurückgekehrt ist.

Die Präsenz radikaler Islamisten in London hat eine lange Geschichte. Die liberale britische Hauptstadt war schon immer ein Anlaufpunkt für Exilanten aus den alten Kolonien, ja aus der ganzen Welt. Auch islamistische Oppositionelle, die den autoritären Regimes des Nahen Ostens und ihren Folterinstrumenten entkamen, fanden hier Zuflucht.

In den neunziger Jahren warfen die ägyptische und die französische Regierung den Briten immer wieder vor, mit in London ansässigen Förderern des islamistischen Terrorismus ein implizites Stillhalteabkommen getroffen zu haben: Sie würden geduldet, solange sie auf britischem Boden keine Gesetze brächen. Mit den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York und Washington änderte London seine Politik: Die britischen Behörden nahmen die Szene härter an die Kandare und begannen, in großer Zahl Agenten anzuwerben. Die Regierung von Tony Blair erließ den umstrittenen „Terrorism Act“, der es der Exekutive erlaubte, Terrorverdächtige bei begründetem Verdacht auf gewisse Zeit ohne Anklage einzusperren. Bei mehr als 700 Personen – keineswegs nur Islamisten – wurde das Gesetz bereits angewandt, zu einer gerichtlichen Verurteilung kam es bislang allerdings nur in 17 Fällen.

Ein Grund dafür: die liberale angelsächsische Tradition in Sachen Meinungsfreiheit. In Großbritannien ist es genauso wenig strafbar, zum heiligen Krieg aufzurufen wie den Holocaust zu leugnen. Dementsprechend schwierig ist es, gegen radikal-islamistische Imame vorzugehen, die in einer Hand voll der mehr als hundert Londoner Moscheen predigen. Drei der wortgewaltigen Gotteskrieger sind den Behörden inzwischen bestens bekannt:

* Scheich Abu Hamsa al-Masri, ein gebürtiger Ägypter, war jahrelang der Imam der Moschee im Londoner Finsbury Park. Sie wurde auch von Zacarias Moussaoui, dem angeblichen zwanzigsten Attentäter des 11. September 2001, und Richard Reid, dem „Schuh-Bomber“, besucht. Abu Hamsa, der Mann mit der Hakenhand – er hat beim Minenräumen in Afghanistan beide Hände verloren und ist auf einem Auge erblindet –, hat eine kleine, aber treue Gefolgschaft – die „Unterstützer der Scharia“. Im Mai 2004 wurde er verhaftet, am Dienstag vergangener Woche – zwei Tage vor den Londoner Terroranschlägen – begann ein Verfahren, in dem er sich in 16 Anklagepunkten verantworten muss. Die USA fordern seine Auslieferung wegen seiner angeblichen Beteiligung an der Organisation eines Terrorcamps im Bundesstaat Oregon.

* Abu Qatadah, ein Palästinenser, war Imam einer Moschee in der Baker Street und gilt als „europäischer Botschafter“ von Terrorpate Osama Bin Laden. Seine Predigten, die – wie auch jene Abu Hamsas – auf Video europaweit im Umlauf sind, waren im Umfeld der Hamburger 9/11-Terrorzelle beliebt; die Attentäter von Madrid standen mit Abu Qatadah in Kontakt. Im vergangenen März wurde der Verfechter eines radikalen Islam nach drei Jahren Haft ohne Anklage freigelassen, wenn auch mit elektronischer Fußfessel und unter strengen Auflagen – kein Handy, kein Internet, kein Predigen.

* Der Syrer Omar Bakri Mohamed ist die Führungsfigur der Organisation al-Muhajiroun („Die Emigranten“). Er sähe gern die grüne Flagge des Islam über der Downing Street, dem Amtssitz des britischen Premiers, wehen. Omar Bakri hat sich von der ebenfalls in London ansässigen islamistischen Kaderpartei Hizb-ut-Tahrir abgespalten, die – nach eigenen Angaben gewaltlos – einen Kalifatsstaat in Zentralasien errichten will.

Daneben existieren einige den Islamisten nahe stehende Zeitungen und Zeitschriften, wie jene des Verlagshauses Azzam Publications, das von Bin Ladens Mentor Scheich Abdullah Azzam gegründet wurde.

Guter Islam. Nach den Anschlägen vom Donnerstag werden die britischen Behörden gegen diese Kreise härter durchgreifen: Innenminister Charles Clarke hat „intensivierte Aktionen“ angekündigt. Auch die bisher heftig umstrittenen Pläne zur erstmaligen Einführung von Personalausweisen in Großbritannien werden jetzt wohl auf weniger Widerstand stoßen, schätzen Beobachter.

Gleichzeitig versucht die Regierung, eine deutliche Trennlinie zwischen den 1,6 Millionen moderaten Muslimen im Land und den knapp tausend radikalislamistischen Fanatikern zu ziehen, um antimoslemische Exzesse zu vermeiden. Von Premier Tony Blair abwärts bis zu einfachen Polizisten betonen alle in bewundernswerter Einmütigkeit, dass die Attentäter nicht für den Islam sprächen, sondern vom an sich friedfertigen Islam abgefallen seien.

Die Message kam nicht bei allen an: Das Muslim Council of Britain, die größte britische Moslemorganisation, erhielt noch am vergangenen Donnerstag tausende Hass- und Drohmails.

Sebastian Heinze l