Michael Heltau: wie man schwebend 80 wird

Michael Heltau ist so alt, wie er nie werden wird. Das Burgtheater ehrt ihn mit einer Festvorstellung.

"Hör’ ma auf mit den Schnulzen!“ Diesen Satz sagt Michael Heltau oft, wenn das Gespräch in die Theateranekdoten-Zone gleitet. In asphalttauglichem Wienerisch. Da war die Wessely eine unüberbietbare Lehrmeisterin. Überraschend eigentlich, wenn man sich ihren ansonsten so salongeschliffenen Bühnen-Singsang abruft. "Michel“, raunte die Tochter eines Fünfhauser Fleischhauers ihm zu: "Ich bin zwar a ka Dame, aber ich weiß, wie’s g‘hört.“ Oder: "Michel, klana geb’ ma’s net.“ Pathos-Gefahr löschte sie mit der Bemerkung: "Es ist guart, aber wir müssen‘s trocken legen.“ Wenn man das Glück hatte, von diesen Gipfeln aus das Gewerbe betrachten zu dürfen, weiß man, wenn jemand das Zeug zum "erstklassigen Zweiten“ hatte, wie sie das Mittelmaß nannte, und mehr trotz aller Bemühungen nicht geht. Trocken waren ihre Todesurteile gegenüber den Mediokren: "Michel, der kämpft für Hernals.“

„Hör’ ma auf mit den Schnulzen”
Wie alle Großen - Oskar Werner, Helene Thimig, seine Lehrmeisterin am Max Reinhardt Seminar, Käthe Gold - war Wessely jedoch von unglaublicher Großzügigkeit, wenn sie Talent roch. "Du hast all das gespielt, was zehn andere nicht gekriegt haben“, hat Oskar Werner ihn einmal geadelt. Aber: "Hör’ ma auf mit den Schnulzen.“ Doch tatsächlich, er hat sie alle verkörpert, von Hamlet bis zu Professor Higgins, vom Orlando bis zum "Schwierigen“: "Ich habe in meinem Leben mehr Rollen gespielt, als sich jeder größenwahnsinnige Idiot hätte wünschen können.“

Festvorstellung zum 80. Geburtstag
Womit wir bei einem Paradoxon des Phänomens Heltau angelangt wären: "Mein Apostel“, wie ihn die italienische Regie-Legende Giorgio Strehler zärtlich titulierte, ist neben Brandauer und Voss mit Sicherheit der bekannteste unter den lebenden Burgschauspielern. Kommenden Dienstag wird er anlässlich seines bereits im Sommer "absolvierten“ 80. Geburtstags mit einer Festvorstellung geehrt; sein seit Jahren ausverkaufter Lieder- und Literaturabend "Es ist immer jetzt“ und die Präsentation der dazugehörigen CD bilden das Herzstück des Programms. Man hat den Eindruck, dass es ihn vor den drohenden Blumenmeeren ein wenig schaudert. Das Besondere an Heltau ist, dass er als eines der am glühendsten verehrten Burg-idole schon seit Jahren nicht mehr dort (und auch sonst nirgendwo) Theater spielt. Und zwar mit allergrößter Hingabe. Und ohne den leisesten Anflug von Verbittertheit. Alle Burgkapitäne, auch der amtierende Matthias Hartmann, hatten ihm bombastische Rollen vom Kaliber des Nathan und des "Stellvertreters“ angeboten: Nur: wozu? Jetzt, wo er seit Jahren das Privileg hat, dem Publikum mit seinen Soloabenden "Hirn und Gemüt öffnen“ zu können und das weite Land der Säle nahezu jedes Mal überbordend voll ist? Jetzt, wo er seinen Hut - der Zylinder wich inzwischen einem weißen Hut mit schwarzem Band - nehmen und gemeinsam mit seinen Musikern ("Meine Vitamine!“) Welttheater im Drei-Minuten-Takt machen kann? In dem Bildband "Auf d’Nacht, Herr Direktor“ formuliert er, warum er das "Theaterspielen überhaupt nicht vermisst“: "Der direkte Kontakt, den ich bei meinen Soloabenden mit dem Publikum habe, funktioniert am Theater nicht. Die Intimität eines riesigen Konzertsaals. Deswegen verstehe ich, warum Charles Aznavour es mit 80 Jahren noch macht.“ Diesen Text verfasste er 2006. Jetzt spielt er selbst in dieser Altersliga. Aber bitte keine Sentimentalitäten. Neinneinnein!

„Ich hab’ doch gar keinen Platz”
Er ist keiner, der seine Wände mit Fotos von sich selbst pflastert. Und - wieder nein - Doyen hin oder her: Er wird sich auch in keiner Ehrenrunde um das Burgtheater tragen lassen, sollte es einmal so weit sein. Zuwendung ja, bitte - Personenkult bitte nicht. Schön ist aber, dass ihm "am Haus“ noch eine eigene Garderobe gegönnt wird: "Die muss man sich wirklich hart erarbeiten, das ist keine Selbstverständlichkeit.“ Dass er am Haus seine Fantasie regelmäßig am Schlafittchen packen darf, ist ein Geschenk des früheren Burgdirektors Klaus Bachler und seiner Vizedirektorin Karin Bergmann. "Michel, du musst hier wieder deinen Platz einnehmen“, hatten sie ihn 1999 eindringlich gebeten. "Welchen Platz? Ich hab’ doch gar keinen Platz“, antwortete er.

„Es ist immer jetzt”
Damals hatte er längst das Schauspielerfach gesprengt und war zu jener Form der Selbstbestimmung gewechselt, die man mit dem leichtfüßigen Begriff "Entertainer“ am treffendsten beschreibt. "Es ist immer jetzt“ ist sein mittlerweile 33. Soloprogramm, das er in 40 Vorstellungen, immer wieder auch "am Haus“, jährlich zum Schweben bringt. "Ich liebe die Wirklichkeit“, sagte Max Reinhardt, dessen Witwe Helene Thimig eine von Heltaus wichtigsten Steigbügelhalterinnen war, "und möchte in ihr bleiben. Nur gerade eine Handbreit möchte ich über dem Boden schweben.“ Es ist harte Arbeit, auf diesem Längenmaß scheinbar mühelos daher zu kommen. Manchmal, wenn die Stimme ein bisschen grantig ist, wird so ein Abend fast "eine Form von Ölberg“.

Das zweite Paradoxon des Phänomens Heltau: dass seine Karriere nie unter die Räder kam, weil er sich so vielen Angeboten verweigert hatte. "Ich hätte Professor Brinkmann sein sollen in der Schwarzwaldklinik, das war das wirklich Allertödlichste. Der Rademann hat auf mich eingeredet - stundenlang. Irgendwann habe ich nur gesagt, ich kann mir einfach nicht vorstellen, jahrelang den Puls zu messen und dazu das passende Gesicht zu machen.“ Der Broadway-Gigant Harold Prince beschwor ihn, im "Phantom der Oper“ zu spielen: "Ich sagte ihm, eigentlich kann ich mit dem Musical nichts anfangen. Er schwärmte davon, was ich in der Maske für eine herrliche Verwandlung durchmachen werde. Da habe ich ihn nur angesehen und gesagt:, Sehen Sie, und da ist schon das Problem: Ich habe mein Leben lang daran gearbeitet, dass man mich erkennt.‘“

Mit der psychohygienischen Strategie, "sich nichts zu wünschen, jegliche Form von Verbissenheit über Bord zu werfen, sondern die Dinge auf sich zukommen zu lassen“, ist er jahrzehntelang in Anstand gefahren.

Jene Art von Theater, in dem Regisseure "Behauptungen“ von Stücken aufstellten, unterstützt "von Krücken der Fantasie in Form von monströsen Bühnenbildern“, weil sie "weder dem Text noch den agierenden Personen vertrauen“, war nicht mehr sein Spielplatz. Da ist er knallhart altmodisch; die postdramatische Welle mit ihren Text-Zertrümmerern ist mit Heltau nicht verhandelbar. "Wo du nicht lieben kannst, da geh vorüber“, beutelt er einen Duse-Sager los. Aphorismen sind seine Leidenschaft, sie sitzen in ihm wie "Flöhe in einem Hundefell“.

Er hat einen Hut mitgebracht für den profil-Fototermin. Tanzt für den Fotografen Philipp Horak durch den Burggarten. Legt sich bereitwillig auf das schmale Tagesbett in seiner Garderobe. Mit, aber auch ohne Hut.

Uneitelkeit
Er tarnt seine Eitelkeit liebenswert gekonnt mit Uneitelkeit: "Ich hatte ja schon einmal Haare, und zwar herrliche blonde. Als ich beim Kortner angetreten bin, sagte er mir:, Sie sehen ja aus wie ein HitlerJunge.‘ Und jetzt habe ich eben akzeptiert, dass sie nicht mehr da sind. In den Jahren, in denen man ganz attraktiv ist, schätzt man es gar nicht so - leider.“ Vor jedem Auftritt ist er drei Stunden vorher am Ort des Geschehens und konzentriert sich "wie ein Zirkusartist, der aufs Seil muss. Ich muss parat und bei mir sein.“ Da oben ist immer Zahltag.

„Mein Gott, wie traurig! Der Patrice.”
"Sentimentalität ist das Alibi der Hartherzigen“, schrieb Arthur Schnitzler. Und Schnitzler habe er immer, schon als er noch im Werden war, "bis zum Wahnsinn geliebt“. Wie Joseph Roth, Hugo von Hofmannsthal und die Chansonpoeten Jacques Brel oder Charles Trenet. Für Sentimentalitäten hat Michael Heltau keine Kapazitäten. Diesen Luxus will er sich leisten. Wehmut ja, gerade heute wieder, als er erfahren musste, dass das französische Regie-Genie Patrice Chéreau den Kampf gegen den Lungenkrebs verloren hat: "Mein Gott, wie traurig! Der Patrice.“ Natürlich lichten sich die Reihen, aber Menschen wie die Paula (Wessely), der Giorgio (Strehler), die Helene (Thimig) oder die Hilde (Spiel), von denen er sich beatmen lassen durfte, verschwinden doch nicht, sie sind ja auch in der Abwesenheit da und wärmen einen wie Kachelöfen. Vielleicht hält ihre Wärme auch deswegen so gut, weil sie das Leben nie geschwänzt haben. Und immer jetzt war.

Der Heltau ist kein Wiener, sondern Süddeutscher, geboren in Ingolstadt, geistig genährt von "zerfledderten Reclam-Heftln“, sozialisiert im Salzkammergut, wo er zur Schule ging, aber er weiß, wie die Wessely mit den Salondamen, wie’s "g‘hört”. Mehr noch: "Er ist wienerischer als jeder Wiener“, erzählt André Heller, der eine von Heltaus zahlreichen Platten produziert hat, "weil er sich diese Stadt erliebt hat. Er ist der Einzige seiner Generation, der das Wiener Lied wirklich beherrscht. Vorher waren da Genies wie der Moser und der Hörbiger - und danach eben nur der Heltau.“ Der Heltau-Magnetismus trieb den damals frisch besetzten Burgdirektor Claus Peymann zu einer richtigen "Angstbegeisterung“: "Als ich aus Paris zurückgekommen bin, hat er mich gleich bei meinem Antritt gefragt:, Wie machen Sie das, dass Sie hier so beliebt sind?‘“

"Ich bin gerne Liebling“, sagt Heltau. Und damit ist eigentlich alles erklärt - und der Raum für Missverständnisse eröffnet. Denn der Begriff "Publikumsliebling“ war im Peymann-Universum schlecht besetzt. Obwohl es zwischen den beiden gut lief: "Für viele Kollegen war es ein Drama und Stillstand auf allerhöchstem Niveau, ich war einer der wenigen unter den Alteingesessenen, die bei Peymann spielten.“

"Man muss Feinde haben, sonst werden die Freunde müde“, zitiert Heltau den "Giorgio“, der noch den Mut besaß, sich nicht an Stücke zu wagen: "Du Micki, da weiß ich einfach noch zu wenig.“ Und jetzt, jetzt werde einfach nur wie wild eingekauft und der Spielplan runtergespult. Und das Alter - eine Zumutung, Belästigung?

"Meine Liebe, es ist geschehen. Es ist geschehen! Jeder Mensch sollte einmal in Italien gelebt haben. Da lernt man viel. Und besonders von den italienischen Frauen. Frühmorgens öffnen sie ihre Trickkiste und werken an sich herum. Doch in dem Moment, wo sie dir gegenübersitzen, haben sie das alles vergessen. Und dann ist immer jetzt.“

Fotos: Philipp Horak für profil