Migration: Bluthochzeiten

Nicht nur in der Türkei oder in Pakistan werden junge Menschen zwangsverheiratet, sondern auch in Österreich. Ihre Geschichten handeln von Gewalt und Entfremdung – und sie spielen im Nachbarhaus.

Am 1. Mai, ihrem 25. Hochzeitstag, brechen alle Dämme. Farah* hat ihren kirschroten Lippenstift aufgetragen, sie trägt ihr schönstes Kleid und ihren goldenen Schmuck. Als ihr Mann nach Hause kommt, zieht er einen 50-Schilling-Schein aus seiner Geldbörse und schickt die Kinder auf die Straße: „Kauft euch ein Eis!“ Vom Fenster aus schaut er ihnen nach, bis sie um die Ecke biegen.
Dann drischt er zu.

„Ich werde mit dir feiern, du Hure!“ Ins Gesicht. „Du hässliche, alte Hexe!“ In den Bauch. „Du warst niemals meine Frau!“ Er packt sie an den Haaren, schleift sie in die Küche, übergießt sie mit Putzmittel. „Du hast ein Hundegesicht!“ Er reißt ihren Mund ein, traktiert sie mit Fußtritten und trampelt mit Schuhen auf ihrer Brust herum, bis sie vor Schmerzen brüllt: „Hör auf! Hier haben deine Kinder getrunken!“ Er schreit: „Ich hasse dich!“, und macht weiter.

Aus Farahs Nase und Ohren fließt Blut. Sie denkt: „Jetzt ist es aus“, und fällt in ein großes, schwarzes Loch.

Letzter Ausweg. Im Krankenhaus nähten Ärzte Farahs Wunden zusammen. Danach schlüpfte sie für eineinhalb Jahre im Frauenhaus unter. Farah fand den vielleicht letzten Ausweg aus einer Zwangsehe, die ihr im Nachhinein wie ein „langsames, qualvolles Sterben“ vorkommt. Vom ersten Tag an hatte ihr Mann sie mit Hass und Verachtung dafür bestraft, dass er sie zur Frau hatte nehmen müssen. Ihre Familien hatten sie füreinander bestimmt. In Pakistan.

Als Farah ihre Geschichte erzählt, sitzt sie in einer kleinen Wohnung in einem Wiener Außenbezirk, wo sie mit einer Tochter und dem Jüngsten lebt. Die vier älteren Söhne zogen zum Vater, vor dem sie – drei Jahre nach jenem 1. Mai – immer noch so große Angst hat, dass sie sich kaum auf die Straße traut, geschweige denn es wagt, ihr Gesicht in der Zeitung zu zeigen.

Farah würde ihrem Leid im Nachhinein gerne einen Sinn abringen. Immer wieder hebt sie die Hände zu Allah: „Ich bin alt. Mein Leben ist wertlos. Ich möchte, dass meine Töchter es besser haben.“ Doch für die eine, Soraya, ist es fast zu spät. Farah musste mitansehen, wie sie einen Mann heiratete, den ihr Vater über ein Inserat in einer pakistanischen Zeitung für sie gefunden hatte: „Tochter zu verheiraten. Alter des Bräutigams egal“ hatte er geworben. Es meldete sich ein 45-jähriger Pakistani. Soraya wehrte sich gegen die Ehe. Doch als ihr Vater ihr ein altes Sprichwort vorhielt – „Rette meine Ehre oder nimm einen Revolver und erschieß mich“ – fügte sie sich.

Soraya schluckte Beruhigungspillen und ließ die Hochzeitsfeierlichkeiten über sich ergehen. Nach einem Jahr war sie schwanger. Ihr Mann wünschte sich einen Sohn. Wenn es ein Mädchen wird, drohte er, „dann erwürge ich es“. Vor kurzem sagte eine Hausmeisterin zu Farah: „Deine Tochter hat das gleiche Leben wie du.“

Es leben viele Sorayas in Österreich. Nicht nur in der Türkei, in Pakistan oder Ägypten werden Menschen in eine Ehe getrieben, die sie nicht wollen, sondern auch hier, mitten in Europa. Verlässliche Angaben, wie viele es sind, gibt es nicht. Nicht einmal Schätzungen.

„Ich habe immer gewusst, dass ich mein Schicksal mit anderen teile, aber ich hatte keine Ahnung, wie viele es sind“, sagt Sabatina, eine junge Pakistani, die vor einem Jahr die Geschichte ihrer Zwangsehe in einem Buch veröffentlichte und seither „sicher über hundert E-Mails von Jugendlichen mit ähnlichen Geschichten“ erhielt. Bülent Öztoplu, Leiter von „Echo“, einem Jugendzentrum für Kinder aus Migrantenfamilien, beobachtet seit fünf Jahren eine „stark zunehmende Tendenz, die Kinder der zweiten und dritten Generation mit Verwandten aus dem Heimatdorf zu verheiraten“. Viele dieser Zwangsehen münden in ein Martyrium, von dem lange nichts nach außen dringt. Als Obfrau eines Vereins für türkische Eltern in Wien bekommt Fitnat Estekin „einiges mit“: „Es gibt unglaubliche Dramen.“

Die meisten spielen sich in einer Parallelwelt ab, über die österreichische Medien – wenn überhaupt – nur berichten, wenn es zu einer Bluttat kommt. So wie Anfang Jänner 2000, als eine Türkin im dritten Wiener Gemeindebezirk ihre zwei Söhne im Schlaf erdrosselte. Die heimischen Zeitungen vermeldeten kurz die Fakten. Ozan Önal, Wiener Korrespondent der türkischen Tageszeitung „Hürriyet“, rollte in drei Titelstorys den Hintergrund auf.

Furchtbare Rache. Die Geschichte der Mordverdächtigen Perihan C. beginnt wie der klassische Fall einer Zwangsehe: 1992 hatten die Oberhäupter zweier türkischer Familien beschlossen, ihre Kinder zu verheiraten. Perihan und Mustafa waren Nachbarn gewesen. Als Mustafa vier Jahre alt war, übersiedelte er nach Österreich, wo seine Eltern lebten. Perihan kam erst aus ihrem Dorf heraus, als sie zu ihrem Ehemann zog.

Es war von Anfang an eine Ehe wider Willen. Doch das Ausmaß ihres Unglücks erfasst Perihan C. erst in der Fremde: Hier lebt die Frau mit ihrem Mann und seinen Eltern in beengten Verhältnissen. Perihan spricht kein Wort Deutsch, ist sozial isoliert und wird von ihrem Angetrauten und seiner Familie gequält und drangsaliert. Nach acht Jahren Ehe hält Perihan es nicht mehr aus. Sie will die Scheidung. Die Familie befindet, das sei unmöglich.

Die junge Frau wird zur Verbrecherin aus Rache. „Was ich euch antue, ist eigentlich zu wenig“, schreibt sie im ersten von zwei Abschiedsbriefen, die sie nach dem Mord an ihren Söhnen verfasste. Im zweiten sagt sie: „Sterben ist so schwierig. Meine Arme und Beine haben gezittert, aber ich musste es tun. Wenn ich meine Söhne anschaue, sterbe ich jeden Tag. Ich habe so viele Medikamente geschluckt. Es sind zwei Stunden vergangen, und ich bin immer noch nicht tot. Ich gehe zur Donau. Lasst mich nicht dort. Findet mich und bringt mich zu meinen Eltern.“

Perihan C. gilt seit Jänner 2000 als vermisst.

Ihre Kinder würden noch leben, hätte Perihan einen Ausweg aus ihrer Zwangsehe gesehen. Das Problem ist bekannt. „Es gibt für die Betroffenen keine eigenen Schutzeinrichtungen, zu wenig Beratungsstellen, zu wenig kulturell geschulte Sozialarbeiter, zu wenig psychotherapeutische Hilfe“, klagt Tamar Citak, türkischsprachige Mitarbeiterin bei der Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie. Vor einem halben Jahr trommelte Citak einen Arbeitskreis zum Thema Zwangsehen zusammen, „weil das Problem so massiv geworden ist“. Dieser soll nun Konzepte für die Politik erarbeiten. Als Sofortmaßnahme fordert Citak eine Aufklärungswelle nach dem Vorbild der deutschen „terre des femmes“-Kampagne: „Die Mehrheitsgesellschaft muss für dieses Thema sensibilisiert werden. Da ist die Politik am Zug.“

Doch die dreht den raren Beratungsstellen, die sich mit dem Problem Zwangsehe auskennen, noch den Hahn ab. In der Wiener Otto-Bauer-Gasse kümmerte sich bis vor kurzem ein Team der „AusländerInnen Sozialberatungsstelle“ um Betroffene. Eine der Mitarbeiterinnen, Fevizje Bahar, ging selbst „zehn Jahre lang durch die Hölle einer Zwangsehe“. Sie schätzt, dass von den 8000 bis 9000 Klienten, die ihre Einrichtung jährlich betreut, jede(r) zehnte Probleme mit einer Zwangsehe hat. Viele Fälle haben Bahar und ihre Kollegen über Monate hinweg betreut. „Das Wichtigste ist, das Vertrauen zu den Betroffenen aufzubauen. Gerade Frauen, die Gewalt erlebt haben, öffnen sich nicht sofort“, sagt Bahar. Vor wenigen Wochen sei aus dem Wiener Rathaus die Order gekommen, die Sozialarbeiter sollten sich künftig auf eine „Erstberatung“ beschränken. Bahar versteht die Welt nicht mehr: „Das heißt, dass wir den Betroffenen nicht mehr helfen können. Nach einem Gespräch müssen wir sei weiterschicken. Aber wohin? Stellen, an die wir sie verweisen können, gibt es nicht.“

Lösung für alle Probleme. Noch weniger gibt es im Bereich Prävention. Wer wirksam etwas gegen Zwangsehen tun will, muss bei den Eltern ansetzen, ist Ramis Dogan überzeugt. Der Türke, ein typischer Vertreter der ersten Generation, arbeitet im Auftrag des Jugendamts als Streitschlichter in austro-türkischen Familien. Seiner Erfahrung nach stehen hinter Zwangsehen oft die klassischen Konflikte einer Migrantenfamilie. Die Väter kamen vor Jahrzehnten nach Österreich. Ihre Frauen und Kinder folgten später. Bis die Familie vereint war, waren Mann und Frau, Eltern und Kinder einander fremd geworden. Die Mutter spricht kein Wort Deutsch, die Kinder müssen sich in der Schule eingewöhnen. In dieser Phase komme es zu nachhaltigen Brüchen. „So gut wie jede Familie versucht, sich zu integrieren“, beobachtet Dogan: „Gelingt das nicht, zieht sie sich zurück und legt sich einen Schutzpanzer aus traditionellen Werten und Normen um.“ Wenn die türkischen Jugendlichen anfangen, sich wie österreichische zu benehmen, kriselt es in der Familie. Eine Heirat, möglichst rasch und mit einem ehrbaren Verwandten aus der Heimat, erscheint den Eltern in dieser Situation oft die „einzige und beste Lösung“ (Dogan).

Tickende Zeitbomben. Im türkischen, im indischen und im arabischen Raum sind gestiftete Ehen kulturell tief verwurzelt. Zwangsehen hingegen sind in vielen Regionen inzwischen verpönt. „Dass der Vater am Standesamt für seine Tochter unterschreibt, gibt es nur mehr vereinzelt am Land“, erklärt Zeynep Elibol, Direktorin der Islamischen Fachschule für soziale Berufe in Wien: „Auch der Islam sagt, eine Ehe gilt nur, wenn die Brautleute sich freiwillig dazu entschieden haben.“

Die Übergänge zwischen arrangierten und erzwungenen Ehen sind freilich fließend. Die türkischen Mädchen werden meist nicht dazu erzogen, ihr Leben in die Hand zu nehmen. „Eine Heirat ist für sie oft die einzige Möglichkeit, von zu Hause wegzukommen“, sagt Elibol. Das trifft sich mit dem Interesse der Eltern, die eine in Österreich aufwachsende Tochter für eine tickende Zeitbombe halten, die es zu entschärfen gilt. In der Mehrzahl der Fälle reicht dafür Überzeugungskraft und psychischer Druck. Vor den Sommerferien werden viele Mädchen nervös. „Sie haben Angst, in eine Situation zu kommen, wo sie nicht mehr Nein sagen können“, so Elibol.

Zorah* kennt dieses Gefühl zu gut. Ihre Eltern stammen aus der Türkei, sie ist in Österreich geboren. Mit 17 lernte sie bei einem Sommerurlaub ihren türkischen Cousin kennen. Der Mann gefalle ihr, verriet sie ihrer Mutter. Im Sommer darauf wurde die Hochzeit beschlossen. „Da hätte ich noch Nein sagen können. Aber alle rundherum haben mir die Ehe schmackhaft gemacht. Ich war anfällig. Ich habe gedacht, wenn ich verheiratet und weg bin, lebe ich, wie es mir gefällt“, sagt Zorah. Einige Monate später beginnt die Jugendliche bei einer Supermarkt-Kette in Wien zu arbeiten, lernt einen Türken kennen und verliebt sich in ihn. Sie bittet ihre Eltern, die Verlobung mit ihrem Cousin lösen zu dürfen. Die reagieren empört und reden so lange auf Zorah ein, bis diese glaubt, „nicht mehr aus zu können“. Die Ehe dauerte ein Jahr und war „die reinste Katastrophe. Auch meine Eltern haben das schließlich eingesehen und mir bei der Scheidung geholfen.“

Allein in der Fremde. Diese Unterstützung fehlt, wenn die Braut aus der Türkei stammt und ihre Familie tausende Kilometer weit weg ist. Zerife Yatkin ist eine selbstbewusste Türkin mit österreichischer Staatsbürgerschaft. Sie studiert Jus, engagiert sich für die Wiener Grünen und steht mit beiden Beinen fest am Boden. Wer die Frau vor sieben Jahren kannte, würde sie nicht wiedererkennen. Manchmal wundert sich Yatkin selbst, dass sie es „bis hierher“ geschafft hat.

Zerife Yatkin wuchs in einer kleinen Gemeinde in der südlichen Türkei auf. Ihr Vater, ein Fischer und Bauer, war im Dorf hoch geachtet, weil er den Koran auswendig konnte. Zerife war in der Schule immer die Beste. Schon früh stand fest, sie sollte einmal studieren. Als sie 15 war, kam ein 23-jähriger Türke aus Wien zu Besuch, mit den Yatkins entfernt verwandt. Er sah Zerife und wollte sie. „Er hat mich gleich so angestarrt. Mir hat er nicht gefallen“, erinnert sie sich. Seine Familie, die drei Jahre eine Braut für ihn gesucht hatte, war erleichert. Auch Zerifes Familie war nicht abgeneigt. Die älteren Schwestern rieten dringend zur Ehe. Der Mann lebe in Wien, er sei kultiviert. Außerdem könne Zerife dann in Europa studieren.

Zerife, damals knapp 16 und nach eigenen Worten „reif genug, um für Menschenrechte zu demonstrieren, aber nicht reif genug, um den Ernst der Lage zu begreifen“, ließ sich überreden. Nach dem Sommer fuhr ihr künftiger Mann nach Wien zurück und schrieb ihr Briefe. Beim ersten sei ihr schlagartig der Niveauunterschied klar geworden. Doch die Eltern verboten ihr, die Verlobung zu lösen. „Mein Vater hat mich das erste Mal in meinem Leben geschlagen, meine Brüder haben mir noch ärgere Prügel angedroht“, sagt Yatkin. „Das war das Ende der Welt für mich.“

Ab nun ließ Zerife alles geschehen. Von der Hochzeit, zu der 700 Gäste geladen waren, bekam sie wenig mit: „Mir war alles egal, ich war wie gelähmt.“ In ihrer neuen Heimat angekommen, verfällt sie in Depressionen. „Ich war es gewöhnt, ständig draußen zu sein. In Wien schaute ich die Wände an, und sie schauten mich an.“ Als ihr Sohn geboren wird, ist sie 17 Jahre alt. Sie spricht kein Wort Deutsch und fühlt sich im Kreißsaal von aller Welt verlassen. Ihr Ehemann schaut schnell vorbei, um sein Baby anzuschauen. „Es stinkt“, sagt er.

Die Eheleute streiten viel. Als die Schwiegermutter mitbekommt, dass ihr Sohn seine Frau schlägt, herrscht sie Zerife an, sie solle sich benehmen. Nach sechs Jahren erzählt Zerife ihren Eltern das Drama ihrer Ehe: „Sie waren geschockt und traurig, aber sie wollten nicht, dass ich mich scheiden lasse.“ Für Zerife Yatkin war ihre Ehe keine Frage der Ehre. „Für mich war die Frage: Will ich wie ein Mensch leben oder wie ein Tier?“ Im Mai 1997 packt sie ihre Kleider und ihren Goldschmuck ein, flüchtet mit ihrem Kind aus der Wohnung und reicht die Scheidung ein.

Könnten ihre Eltern das Rad der Zeit zurückdrehen, Zerife Yatkin ist überzeugt, sie würden es tun.

Nicht immer lassen sich die Gräben überbrücken, die eine Zwangsehe zwischen den Generationen reißt. Sabatina, die von ihrer Mutter geschlagen und zur Umerziehung in eine sunnitische Koranschule in Pakistan gesteckt worden war, ist für ihre Angehörigen gestorben, seit ihr Buch erschienen ist: „Ich habe meine Freiheit gewonnen, aber auch unendlich viel verloren“, sagt sie.

In Pakistan, wo stammesrechtliche Einflüsse noch stark zu spüren sind, rangiert die Ehre der Familie weit über dem Glück der Angehörigen. Eine Redensart für frisch verheiratete Töchter lautet: „Von dem Haus, in das du jetzt gehst, will ich dich nur als Leiche zurück.“