Migration: „Wie lange bleibst du?“

Sie sind die neue große Zuwanderergruppe: Mittlerweile leben in Österreich mehr Deutsche als Türken. Wie gehen die Österreicher mit den Immigranten aus dem Nachbarland um?

Wenn in der Salzburger Innenstadt im Frühsommer ein Reisebus mit Rostocker Kennzeichen vorfährt, atmen heimische Hoteliers auf. Nicht weil dem Doppeldecker zahlungskräftige Touristen entsteigen. Vielmehr karrt er willige Nachwuchskräfte heran. Ganze Lehrlingsjahrgänge fleißigen Servierpersonals werden alljährlich in die Salzburger Gastronomie vermittelt.

Doch längst sind Kellner, Köche und Tourismus-Azubis aus den wirtschaftlich tristen Gegenden der ehemaligen DDR nicht die einzigen Zuwanderer. Mehr als einhunderttausend Deutsche leben mittlerweile in Österreich. Das entspricht etwa der Einwohnerzahl von Innsbruck. Damit haben die Deutschen die Türken als zweitgrößte Migrantengruppe abgelöst, deren offizielle Zahl durch die steigenden Einbürgerungszahlen sinkt. Im Gegensatz zu den klassischen Zuwanderern aus der Türkei oder dem ehemaligen Jugoslawien gelten für die nördlichen Nachbarn als EU-Bürger keine Quoten und Aufenthaltsgesetze. Seit dem Jahr 2000 hat sich die Zahl der hier arbeitenden Deutschen mehr als verdreifacht. Und die Zahl der 13.000 deutschen Studenten an Österreichs Hochschulen wäre wesentlich höher, würden die Numerus-clausus-Flüchtlinge an den heimischen Medizin-Unis nicht per Quotenregelung künstlich klein gehalten.

Doch neben den Saisonkräften sind es vor allem gut gebildete und hoch qualifizierte Menschen, die nach Österreich strömen (siehe Interview Seite 23). Und anders als reine Saisoniers sind sie nicht nur gekommen, um hier zu arbeiten, sondern vor allem, um hier zu leben. Auf Dauer. Das Zusammenleben machen die Österreicher den neuen deutschen Nachbarn dabei nicht einfach. Besonders willkommen fühlen sie sich jedenfalls nicht. Aus mehreren Gründen:

Der süffisante Unterton
Beim ersten Beschnuppern arbeite der Wiener meist den ewig gleichen Fragenkatalog ab, sagt Frank Meierewert, 40. Erstens: „Was arbeitest du?“ Zweitens: „In welchem Bezirk wohnst du?“ Und drittens – die Zusatzfrage für Deutsche: „Wie lange bleibst du?“ Gern kombiniert mit dem subtilen Hinweis: „Inzwischen arbeiten schon ganz schön viele Deutsche hier.“ Der Berliner hat dennoch nicht vor, Wien bald zu verlassen. Seit Anfang des Jahres betreibt er eine kleine Galerie in Wien-Alsergrund. Seine Frau ist Expertin für internationales Management. In einem Führungskräfteseminar ersuchte die 39-Jährige die österreichischen Teilnehmer kürzlich, das Stereotyp des Deutschen zu zeichnen. Das Ergebnis: „Die meisten zeichneten eine Dampfwalze. Da merkt man dann schon, dass sie sich vielleicht ein wenig von uns überrollt fühlen.“ Doch so wenig das Paar dem Vorurteil entspricht, gibt ihnen der Österreicher immer wieder das Gefühl, nicht erwünscht zu sein. Wenn auch nur unterschwellig.

Was im Umgang mit türkischen oder ex-jugoslawischen Mitmenschen mittlerweile als geächtet gilt, wird am Deutschen ungeniert praktiziert. „Österreichische Professoren haben uns von Beginn an als Flut gesehen“, sagt der Medizinstudent Christian Freund. „Im Unterton war das immer zu hören.“ Wenn im Dialekt gelehrt wird und man um Erklärung ersucht, heißt es lapidar: „Das müssen Sie verstehen, sich anpassen – oder gehen.“ Selbst anatomische Korrektheit wird dem Diktat des Dialekts untergeordnet: Es heiße „Fuߓ, nicht „Bein“, korrigieren Lehrende den deutschen Studenten gern herablassend. Einzig die Vizerektorin hatte sich mit derlei Kommentaren zurückgehalten: Sie war selbst Deutsche. Unter Studenten werden Feindseligkeiten nicht offen, sondern virtuell ausgetragen. Im Mediziner-Forum finden sich nicht selten negative Einträge. Beispiel? „Was findet man auf der ganzen Welt? Coca-Cola und Deutsche – fragt sich nur, was das größere Übel ist.“

Der exklusive Freundeskreis

Österreicher und Deutsche leben nebeneinander, weniger miteinander. Als Nicole Dürrenfeld vor zwei Jahren den Plattenbauten ihrer Heimat entfloh, um „was Neues kennen zu lernen“, bestand ihr Wiener Freundeskreis anfangs ausschließlich aus Landsleuten. Solange die 24-jährige Brillenverkäuferin sich als Deutsche vorstellte, nahmen Österreicher kaum Notiz von ihr. Erst ein Zauberwort machte sie interessant: „Seit ich sage, dass ich aus Berlin komme, sagen alle: Hey, toll! Coole Stadt.“ Dass ihre kleine Heimatstadt ebenso nah an Berlin liegt wie das Mühlviertel an Wien, ist irrelevant: Mit Hohenwutzen lässt sich eben nur schwer protzen. Dass ältere Herrschaften im Geschäft manchmal verlangen, von Österreichern bedient zu werden, nimmt sie höflich gelassen.

Am Bau spielen solche Nuancen keine Rolle, die Hassliebe wird „in Schmähs verpackt“, sagt der norddeutsche Schlosser Bruno Doms. Bei der gemeinsamen Arbeit am Wienerwald-Tunnel verstünden sich „Almdudler und Marmeladinger“ gut (und freilich auf Hochdeutsch). „Privat, wenn’s die Österreicher wirklich lustig haben, ist man als Deutscher aber außen vor.“ Dann schließe einen der Dialekt aus. Das sei dann die Zeit, in der er sich mit den Kollegen aus der Türkei und Ex-Jugoslawien über bessere Chancen im Ausland unterhalte.

Der mangelnde politische Mut

Einen schlechteren Zeitpunkt hätte sich der Musikdramaturg kaum aussuchen können. Sanktionen der EU-14, Demos gegen Schwarz-Blau, ein Jörg Haider als Kanzlermacher: Mitten im hochpolitischen Jahr 2000 kam Thomas Schäfer nach Wien. „Als Deutscher ist man da plötzlich völlig baff, mit welcher Nonchalance Politiker hier über Argumente hinweggehen. Das hat mich sehr verwundert“, sagt Schäfer. „Großer öffentlicher Druck ist einfach nicht vorhanden. Wo in Deutschland Politiker schon lang zurücktreten müssten, bleiben Österreicher problemlos im Amt.“ Konsterniert stand er einer Gesellschaft gegenüber, die die Regierungsbeteiligung einer Rechtspartei toleriert. „Die Österreicher sind diesbezüglich sehr tolerant zu sich selbst. Stattdessen sieht man sich als Deutscher von den Österreichern plötzlich genötigt, mehr als 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, mit ihnen die NS-Vergangenheit aufzuarbeiten – nämlich jene beider Länder.“ Als Deutscher hier auszusprechen, was in Deutschland schon in den Schulen gelehrt wird, bringt manchmal Probleme. Schäfer: „Spricht man diese Dinge offen aus, spürt man, wie man schubladisiert und bestenfalls gemieden wird.“

Die Unfähigkeit zu Konflikten

Probleme zwischen Deutschen und Österreichern lassen sich nicht immer leicht aus der Welt schaffen. Vor allem wenn der Deutsche keine Lust hat, um der Harmonie willen seinen (richtigen) Standpunkt aufzugeben. Als Friederike Hassauer bei ihrer ersten Dienstbesprechung eine Besprechungsunterlage verteilte, hob ein Kollege diese mit spitzen Fingern an: „Wissen S’, wir haben das bisher sehr gut ohne solche Zetteln g’schafft.“ Viele Vorschläge der Universitätsprofessorin für Romanistik wurden erst beklatscht, dann abgetan. „Wehe man formuliert klare Zielvorstellungen. Da denken sich Österreicher gern mit sadistischem Genuss: „Die werden wir auf die Seife steigen lassen.“ Sachliche Vorstellungen oder fachliche Kritik würden „als arroganter Habitus eines über den Dingen stehenden Deutschen verstanden“, sagt sie. Ihr größter Schock: Auf Kritik schleuderte ihr ein Professorenkollege bei einer Sitzung einst ein „Dann gehen Sie doch zurück nach Deutschland! Oder in ihre geliebten USA!“ entgegen. Alle anderen Anwesenden schwiegen. Vermeintlich wohlwollend nahm sie ein anderer dafür mal beiseite und flüsterte ihr zu: „Sie dürfen so was net sagen, wir schon.“

„Wien ist das schwierigste Pflaster der Welt“, sagt ihr Ehemann, der Schriftsteller Peter Roos. Für ihn schön und schrecklich zugleich. Dennoch wisse man hier nie, woran man ist. Roos: „Wir Bilderbuch-Deutschen haben gelernt zu sagen, was Sache ist. Der Bilderbuch-Österreicher liebt die Harmonie und weicht dem Konflikt aus: streitunfähig und liebessüchtig – bis es kracht! Am liebsten kehrt man alles unter den Teppich und geht auf einen Kaffee.“

Von Josef Barth und
Andreas Mittelmeier (Österreicher)
und Andrea Rexer (Deutsche)