Mindestens 300 Straßenkinder in Wien:
Jugendämter und Familien sind überfordert

Durch die Metropole Wien ­streunen mindestens 300 meist österreichische Straßenkinder. Die Jugendämter sind über­fordert wie die zerrütteten Familien, die sie ausgestoßen haben.

Vormittagshitze, gedrückte Stille, der Duft von erwärmtem Teer auf alten Brettern, ein Feldhase im gestreckten Galopp auf der Flucht: Über dem ÖBB-Friedhof in der Innstraße schwebt ein Hauch wilder Kindheitsromantik. Neben dem „Hexenhaus“ rosten ausrangierte, teils ausgebrannte Uraltwaggons auf Gleisan­lagen, die inmitten einer wilden Blumen­wiese kaum noch zu erkennen sind. An den Außenwänden der Waggons und an den Mauern der verfallenen Hütten bunte, gesprühte Farbexplosionen. Halb verfaulte, halb verkohlte Autositze und Camping-Unrat liegen verstreut wie Zeugen einer untergegangenen Subkultur. Zig, wenn nicht Hunderte Kids haben hier gehaust, Party gemacht, gelebt. Bis eine Banden-Geschichte, zweiter gegen 20. Bezirk, das Dorf der aussätzigen Kids in Flammen und Rauch aufgehen hat lassen.

Cem rechnet. Fünf Nächte pro Monat darf er bei „a_way“, einer Notschlafstelle für obdachlose Minderjährige am Westbahnhof, die von der Caritas betrieben wird, übernachten. Würde man die fünf Nächte an das Monatsende legen und die fünf des Folgemonats gleich an dessen Anfang, könnte man zehn Nächte hintereinander bleiben, ohne Ausschau nach einem Schlafplatz halten zu müssen. Das wäre was. Doch was soll’s. „Dass wir nicht länger dort bleiben dürfen, machen sie absichtlich“, sagt Cem nachdenklich, „dürfen die eigentlich so mit Kindern um­gehen?“
Cem, so möchte er genannt werden, ist 16. Wirklich obdachlos ist er seit einem ­halben Jahr und besitzt, was er am Leib hat. Bei der Mutter liegen noch seine sieben Zwetschgen, doch nach Hause darf er nicht. Polizeiliches Betretungsverbot.

Symeya ist 17 und lächelt gern. Seit sie vor vier Jahren „freiwillig“ vor dem Terror der vielen Stiefväter und der Überfordertheit der Mutter mit den vielen Kindern geflüchtet ist, „habe ich schon überall geschlafen, bin überall rausgeflogen. Man hat mich in der Erwachsenen-Psychiatrie gefesselt und mit Spritzen niedergemacht, weil ich vor Sehnsucht ausgeflippt bin. Alles, was ich am Leib hab, habe ich gestohlen. Ich habe Angst, 18 zu werden. Ich möchte nicht in einem Frauenhaus landen.“
Ram stammt aus einer vor zehn Jahren aus Indien eingewanderten Familie, ist 15 und davongelaufen, als er zehn war. Wurde gesucht, aber nicht gefunden, fand bei einem Älteren Unterschlupf, war nie in der Schule und nie wieder zu Hause. Vorige Woche ist seine Mutter gestorben. Das tut ihm leid. Aber vermisst hat er nie jemanden. Er ist der Dressman unter den Straßenkids. Seit einem Jahr trägt er täglich Anzug und Krawatte: „Ja, weil ich eine Freundin suche.“

Antonio, 16, den geänderten Namen hat er selbst gewählt, ist erst seit ein paar Jahren in Österreich, zuvor wohnte er in Berlin. Vollkommen zerrüttete Familie, die jüngeren Geschwister auch in einem Krisenzentrum, er selbst darf sie von Amts wegen nicht besuchen. Er übe schlechten Einfluss aus. Er vermisst sie. In seiner Stimme schwingt Erfahrung und Bitterkeit. Er lässt seinen Blick über den Waggonfriedhof schweifen: „Schön, nicht? Da haben wir urabgechillt. Nicht alle haben hier gelebt, viele sind nur so gekommen.“ Da seien Waggons wie Schlafzimmer eingerichtet gewesen. „Komm“, sagt er, „wir zeigen dir Wien.“ Das Wien der verstoßenen Kinder.

Wien. Durch diese Glitzer-Metropole streunen nach einer Schätzung der Caritas-Einrichtung a_way mindestens 300 obdachlose Minderjährige. Seltsam frühreife Wesen mit übertriebener Selbstständigkeit, die ihre Tage mit der Beschaffung des nächsten Schlafplatzes, von Lebensmitteln und Drogen verbringen. Sie haben gelernt zu nehmen, was kommt, auch wenn nichts kommt. Seit der frühen Kindheit in desolaten Familien misshandelt, vernachlässigt, traumatisiert und schließlich verjagt. Sie haben mehr vom Leben gesehen, als für reibungslose Erziehbarkeit gut ist. Sie haben aufgehört, sich von Eltern sinnlos sanktionieren zu lassen, die nicht einmal für sich selbst sorgen können. Und sie haben aufgehört, sich von Sozialpädagogen etwas vorschreiben zu lassen, die selbst überfordert an ihren eigenen Arbeitsbedingungen scheitern. Sie gelten als „betreuungsresistent“. Sie können „das Angebot“ der Jugendwohlfahrt „nicht annehmen“. Das bedeutet, dass sie selber schuld sind, wenn sie auf der Straße leben. Das Jugendamt hat einen „pädagogischen Auftrag“. Ausgebrannte Betreuer können oft nicht ­anders, als mit Ultimaten zu arbeiten: Wer nicht um 18.00 Uhr im Krisenzentrum ist, wer nicht bereit ist, fürs Schuleschwänzen ein Ausgehverbot hinzunehmen, wer nicht Ruhe gibt, der fliegt. Und sie geben keine Ruhe. Diese schwierigen Kids haben auf ihre Erfahrungen hin eine These entwickelt, die alles andere als weit hergeholt ist. Sie lautet: Niemand will mich. Auf der permanenten Suche nach Bestätigung dieser These dehnen sie permanent die Grenzen des Erlaubten, bis sie eine entsprechende Reaktion provoziert haben, die ihre These stützt. Niemand im Staat ist entspannt genug, diese Kids zu nehmen, wie sie sind – und ihnen dennoch zu geben, was sie zum Leben brauchen. So fallen sie durch die Maschen der staatlichen Versorgung, weil eine sozialromantische Gesellschaftsordnung Kinder im Kreis ihrer Familien organisiert und nicht auf der Straße. So stehen sie genau dort: ohne Anspruch auf irgendwas, weil sie für alles zu jung sind. Kein AMS-Geld, keine Sozialhilfe, nichts. Sie haben nichts, dürfen nichts, bekommen nichts. Ständig müssen sie von überall verschwinden. Die erwachsenen Obdachlosen auf der Praterwiese bieten ihnen an, für 20 Euro pro Nacht in ihrer Nähe nächtigen zu dürfen und dabei angeblichen Schutz zu genießen. 13, 14 Jahre alte Mädchen gehen für zehn oder 20 Euro auf den Strich, um sich mit Tabletten zudröhnen zu können. Selbstmordgefährdete oder „fremdgefährdende“ Jugendliche werden aus psychiatrischen Anstalten mit der Straßenbahn wieder weggeschickt, ausgestattet nur mit einem Plastiksack voller Psychopharmaka. Fast alles, was sie machen, wird gegen sie verwendet. Eine Sozialpädagogin, die anonym bleiben will, gibt ein Beispiel: Eine 16-jährige Drogensüchtige wurde von einem der Wiener Krisenzentren auf die Straße gesetzt, weil das Mädchen als „nicht kooperationsbereit“ eingestuft wurde. Der Grund: Sie hatte sich geweigert, einen Vertrag zu unterschreiben, in dem sie sich unter anderem zum Nichtrauchen verpflichten sollte. Ihre Weigerung, etwas zu unterschreiben, was sie nicht einzuhalten gedachte, wurde nicht etwa als Paktfähigkeit eingestuft, sondern als Entlassungsgrund. Die Betreuerin: „Der Staat reagiert wie die zerrütteten Familien. Keine soziale Intelligenz, keine menschliche Größe. Nur Aug um Aug und Zahn um Zahn.“

Das Wiener Amt für Jugend und Familie (MA 11) macht in seinen Einrichtungen vieles, das auch funktioniert. Rund 2000 der „kaputtesten Kinder“ (eine Sozialpädagogin) werden in Krisenzentren und betreuten Wohngemeinschaften versorgt. Es gibt Spezialbetreuungsplätze um angeblich bis zu 700 Euro täglich. Es gibt erlebnispädagogische Urlaubsreisen, bemühte Betreuer und mit einem Budget von 120 Millionen Euro (2009) gar nicht so wenig Geld. Doch es gibt eine Gruppe der Allerletzten, die von den Aktivitäten der Jugendwohlfahrt nicht erfasst wird und ganz durchfällt: die Betreuungsresistenten, die kaputtesten der Kaputten. Dass es sie gibt und dass es Hunderte sind, wird tabuisiert oder sozialromantisch verklärt. Betreuer der MA 11 bezeichnen sie als freiwillige „Nomaden“, die die Angebots­palette der Jugendwohlfahrt nicht annehmen wollen. Der Wiener Jugendstadtrat Christian Oxonitsch kennt die Zahl der Betroffenen nicht.

Antonio, Symeya, Cem und Ram haben vieles gemeinsam. Immer wieder versinken sie in gedankenschweres Dösen. Reglose, nach innen gerichtete Blicke signalisieren dann: Sag nichts. Es gibt nichts zu sagen.
Auf der Donauinsel streifen wir durch die Büsche und treffen immer wieder auf Lagerplätze und vereinzelte Zelte mit schlafenden Kids. „Am Nachmittag“, sagt Cem, „ist alles voll hier, manche arbeiten als Boten für Dealer, die meisten trinken Alkohol, fast alle kiffen.“ Antonio kann nicht mehr nach Hause, seit er seine Lehrstelle gekündigt hat. Seit Jahren habe es immer nur „Stress“ mit dem Vater gegeben. „Er soll mich schlagen, okay, aber er soll nicht solche Dinge zu mir sagen.“ Cem springt ein und erläutert: „Er meint herzverletzende Sachen, verstehst du?“ Antonio: „Meine Mutter lässt mich nicht mit meinem kleinen Bruder reden, ich bin ein schlechter Einfluss. Meine Eltern haben mich bei meiner Firma schlechtgemacht. Früher war ich in der Schule positiv, hab bei der Vienna gekickt. Doch jetzt werden die Zeiten immer schlechter. Wenn es so weitergeht, werde ich Dealer.“

Alle vier haben die letzte Nacht bei a_way am Westbahnhof verbracht. Die fünf monatlichen Nächte sind nun aufgebraucht. Heute müssen sie wieder schauen, wo sie bleiben. „Was sollen wir machen“, fragt Cem, wir können unser Gesicht nicht ändern. Die kennen uns.“ Symeya hat eine Idee: „Wir könnten es in St. Pölten versuchen. Die bei der Notschlafstelle dort sind auch nett.“

Gestern dachte Antonio kurz, es gehe bergauf. Es war ihm ein Platz in einem Krisenzentrum in Aussicht gestellt worden. Doch heute früh war alles anders. Er sagt: „Die helfen mir nicht. Sie haben angerufen und gesagt, wir haben nichts für dich. Heute bin ich wieder draußen.“ Auch Cem hat einen Anruf vom Jugendamt erhalten. „Ich hab einen Platz im Krisenzentrum“, verkündet er knapp, „ich muss um 13.00 Uhr zum Jugendamt nach Floridsdorf.“

Bei a_way hinter der Riesenbaustelle am Westbahnhof machen zehn Sozialpädagogen seit fünf Jahren das Einzige, was man nach Meinung von Experten mit diesen Jugendlichen sinnvollerweise machen kann: Man lässt sie sein, wie sie sind. Martin Haiderer leitet die Notschlafstelle: „Sie können kommen, müssen nichts erklären, nicht einmal ihren Namen nennen. Sie bekommen etwas zum Essen, ein Bett zum Schlafen, bei Bedarf saubere Spritzen und dürfen Kleider waschen. Meist kommen sie aus eskalierten Stresssituationen und finden hier die Möglichkeit zu schweigen und sich zu sammeln. Dann versuchen wir ein Gespräch.“ Haiderer erklärt, „dass diese psychosozial auffälligen Kids erstaunliche Sozialkompetenzen zeigen, wenn man sie nur in Ruhe lässt.“ Im Vorjahr sind 360 verschiedene Jugendliche hier gewesen. Manche kommen nur einmal, andere sporadisch, wieder andere konsumieren regelmäßig ihre fünf monatlichen Nächte. Vereinzelt landen hier auch harmlose Fälle wie Jugendliche vom Land, die ihr Zugticket verloren haben. Genaue Zahlen gibt es nicht, weil das Prob­lem bisher nicht untersucht worden ist. Haiderer: „Man muss davon ausgehen, dass es auch solche gibt, die wir nicht kennen. Aber die Straßenkinder Wiens auf 300 zu schätzen ist noch konservativ. Es sind echte Straßenkinder, 13- bis 18-jährig, und ihre Zahl steigt. Sie schlafen in Abbruchhäusern, in Waggons, in Parks. Treffen sich bei den Kinozentren, im Prater, an der Donau, am Karlsplatz und anderswo.“ Die Wiener Jugendwohlfahrt betreibe teils gute Einrichtungen, doch mit den wirklich schwierigen Kids komme man dort nicht mit: „Zwei Drittel der Jugendlichen kommen von der MA 11, wurden rausgeschmissen. Sie müssen sich anpassen oder gehen.“ Für das Jugendamt stehe das Gesetz im Vordergrund, für a_way der Mensch. Haiderer findet es unerträglich, dass diese Jugendlichen keinerlei Anspruch auf ein Existenzminimum haben, und fordert ein Antragsrecht durch Sozialbetreuer.

Abschiebungen. Es ist 13.00 Uhr. Cem hat seinen Termin am Floridsdorfer Jugendamt. Nach einer Stunde stürmt er mit hochrotem Kopf aus dem Büro einer Betreuerin. „Sie haben mich belogen. Ich hab gar keinen Platz. Sie haben gesagt, ich kann hier eine Nacht am Boden schlafen und muss morgen nach Oberösterreich gehen und einige Monate warten. Sie wollen mich abschieben. Sie hat gesagt, wenn ich nicht heute um 18.00 Uhr da bin, brauche ich mich gar nicht mehr zeigen und kann auf der Straße bleiben.“

Cem wurde schon einmal nach Oberösterreich abgeschoben. In eine Wohnung mit einer Matratze, einer Decke, einem Polster und einem Fernseher. Kein Geschirr, nichts. Und völlig alleine. „Einmal hab ich mich drei Tage nicht gemeldet, weil mein Handy kaputt war. Da haben sie mit Polizei, Feuerwehr und Rettung die Tür aufgebrochen. Ich bin aufgewacht, und sie haben mich beschimpft und gesagt, dass sie mir die Kosten des Einsatzes abziehen werden, sobald ich 18 bin.“ Sein Vater war nie da, die Mutter hat sich nicht um die Kinder gekümmert. „Mein Vater wollte von einem Onkel, dass er mich erzieht. Seit meinem dritten Lebensjahr hat er mich behandelt wie einen Soldaten, der was verbrochen hat. Gebrüllt, geschlagen, bespuckt. Meine zwei kleinen Geschwister sind in einem anderen Krisenzentrum. Ich darf sie nicht sehen. Sie haben uns voneinander getrennt. Ich hatte so große Sehnsucht.“ Cem ist ein typisches Beispiel für Familien, die nicht miteinander, aber auch kaum ohneeinander können: Seine Mutter habe auch zuletzt noch immer versucht, ihn wie ein kleines Kind zu schlagen. „Ich hab sie weggestoßen, und sie hat die Polizei gerufen und gelogen, ich hätte sie geschlagen. Die Polizei hat mich schon dreimal weggewiesen. Jetzt hab ich Betretungsverbot.“ Nach Oberösterreich geht er jedenfalls nicht. „Mir doch egal“, sagt er. Im Fachjargon der Wiener Sozialpädagogik nennt man das „Betreuungsresistenz“. Besonders mitgenommen hat ihn ein Erlebnis während eines kurzen Aufenthalts im Wiener Krisenzentrum am Augarten vor einem halben Jahr. Peter, ein 16-Jähriger, süchtig, hatte es im dritten Versuch geschafft, mit einem wüsten Mix aus Tabletten Selbstmord zu begehen. Doch was Cem besonders getroffen hat, war, „dass dem Toten jemand das neue Handy gestohlen hat. Eine Betreuerin wusste auch, wer es war, hat aber nichts gemacht.“ Die Betreuerin befindet sich seit einem halben Jahr in Krankenstand.

Ausgestattet mit Essbarem aus dem Supermarkt, liegen wir abends auf der Praterwiese unter dem Riesenrad. Symeya war ebenfalls in Oberösterreich „untergebracht“, obwohl sie davor keinen Bezug zu der Gegend hatte. „Weil ich ausgerastet bin, haben sie mich niedergespritzt, dass ich für nichts mehr Kraft hatte und zehn Kilo zugenommen habe. Ich war einmal ein normales Mädchen. Jetzt bin ich ein Straßenkind. Ich ziehe um die Häuser, aber nachdenken tu ich nur, wenn ich ganz alleine bin. Und das bin ich selten. Andere würden sich umbringen, ich halte das aber aus.“
Ram, der Dressman, hat den ganzen Tag nicht viel geredet. Auch er ist immer nur geschlagen worden von einem Vater, der, so Ram, „die Halbgeschwister liebte, aber mich nicht“. Ram ist guter Dinge: „Mir ist eine Arbeit beim Mäkki (McDonald’s, Anm.) versprochen worden. Dann verdiene ich mehr als 1000 Euro.“ Ihm hat es überall gefallen, wo er gewohnt hat. Was ihm fehlt, ist nicht viel mehr als eine Freundin. Na ja, vielleicht auch eine Wohnung, ein Schulabschluss, wirkliche Arbeit und nicht nur versprochene – und Kontakt zu den Eltern? „Nein, das will ich nicht. Das ist schon in Ordnung.“