Mindestens dreimal die Woche, multipel orgastisch und rundum erfüllend.

profil überprüfte mithilfe von renommierten Experten gängige Klischees auf ihre Relevanz. Und enttarnt die zehn häufigsten Sexlügen.

Im 18. Jahrhundert hießen Dates noch Schäferstündchen und spielten sich ungefähr so ab: Man kannte einander schon ein Weilchen, ehe man zu einer Frivolität in Form eines wohl temperierten Geplauders à deux schritt. Wie ihr Schönheitspflästerchen platziert oder das Taschentuch gefaltet war, gab ihm dann den Hinweis für ihre sexuelle Bereitschaft, die dann durchaus auf der nächsten Chaiselongue ausgelebt werden konnte. „Die ganze Galanterie dieser Zeit war eine Kommunikation der Sinnlichkeit, die mit Intelligenz gepolt war. Der Verstand hat die Gefühle scharf gemacht“, schreibt der Don-Juan-Forscher Herbert Lachmayer im Magazin „trend“.

Nach der sexuellen Revolution ist die „Tyrannei der Lust“, so der französische Autor Jean-Claude Guillebaud, längst zum Alltagsinventar unserer Gesellschaft geworden. Sex wurde zu einem von allen Tabus befreiten Hobby, zur Quelle der Frustration, zur Arena der Selbstdarstellung, zum medizinischen Problem, zum Therapiefeld und zum Forschungsgegenstand einer ganzen Industrie, in der Lebenshelfer, Meinungsmacher, Statistiker und Lifestyle-Theoretiker im Minutentakt mit neuen Erkenntnissen und Studienergebnissen um sich werfen. Höchste Zeit, die gängigsten Mythen, Märchen, Missverständnisse, Klischees und Halbwahrheiten auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, anhand fundierter Erkenntnisse von Sexualwissenschaftern, Sexualtherapeuten, Anthropologen und Soziologen, die auf jahrelange Forschungsarbeit, seriöse Methodik und direkten Kontakt mit den Betroffenen verweisen können.

1. Land der Libido oder Österreicher sind die Sex-Weltmeister.
„Österreicher haben den besten Sex“, titelte die Nachrichtenagentur APA angesichts der Publikation einer groß angelegten Studie der Universität Chicago vor einigen Wochen, und Boulevardmedien wie die „Kronen Zeitung“ übernahmen die Schlagzeile dankbar. Was für eine Erleichterung aber auch, dass die üblichen Verdächtigen wie die Italiener, Franzosen oder Spanier die über sie kursierenden Klischees empirisch nicht bestätigen konnten. Doch selbst Studienautor Edward Laumann relativiert den Enthusiasmus, den die zugkräftige Behauptung zur Folge hatte, drastisch. Zwar hätten die Österreicher die Frage, ob sie mit ihrem Sexleben zufrieden seien, zu zwei Dritteln positiv beantwortet, erklärt der Soziologe Laumann im profil-Interview (siehe Seite 88), doch lägen sie dabei nur einen mageren Prozentpunkt über einer ganzen Reihe anderer westlicher Länder. Zieht man die statistische Schwankungsbreite in Betracht, bleibt nicht mehr ganz so viel Grund für stolzgeschwellte Weltmeistergefühle. Prinzipiell werde kaum jemals so viel gelogen wie in Umfragen zur Sexualität, meint etwa der Innsbrucker Sexualwissenschafter Josef Aigner, der „ein fundamentales Misstrauen gegenüber solchen Fragebogenuntersuchungen“ hegt. Der Studienautor Laumann führt als Ursache für die Gefahr von Halbwahrheiten bei Umfragen divergierende Definitionen an: „Für einen Mann kann eine Frau, mit der er Heavy Petting gehabt hat, schon als Sexualpartnerin durchgehen, während Frauen eher dazu neigen, die Anzahl ihrer Sexualpartner insofern konservativer zu schätzen, als sie jene angeben, mit denen sie auch wirklich den Koitus praktizierten.“
Die Wiener Frauengesundheitsbeauftragte Beate Wimmer-Puchinger, die im Vorjahr eine umfangreiche Studie zum Sexualverhalten der Österreicher vorlegte, kam dabei zu der Erkenntnis, „dass Österreich in Sachen Aufklärung und Wissen über die biologischen Grundlagen der Sexualität deutliche Lücken aufweist“. Österreich rangiert etwa bei Teenager-Schwangerschaften in Europa auf Platz acht. Der Innsbrucker Sexualwissenschafter Josef Aigner bestätigt, „dass die Kommunikation über sexuelle Fragen hierzulande noch immer verschämt und verlogen ist“ – im Unterschied zu den skandinavischen Ländern: „Dort gibt es einen Sexualunterricht, der bei uns einen Sturm der Empörung auslösen würde“, so Aigner. Die Beziehungs- und Stressforscherin Rotraud Perner sieht die „Leibfeindlichkeit“ der katholischen Kirche und den „Puritanismus des Kleinbürgertums“ als prägende Faktoren für ein eindimensionales Sexualverständnis in Österreich. Als Norm des Geschlechtsverkehrs gelte noch immer nur „der vollständige Koitus mit Ejakulation“, alles andere werde hierzulande als mehr oder weniger unvollständig, unernst oder pervers klassifiziert, was „das ganzheitliche Erleben von Sexualität“ verzögert.

2. Blaue Wunder oder Viagra löst alle Potenzprobleme.
Als der Pharmakonzern Pfizer im Jahr 1998 unter gewaltigem Marketinggetöse das Potenzmittel Viagra vorstellte, schien ein uraltes männliches Problem mit einem Schlag gelöst. Erektionsprobleme, Alptraum jedes gestandenen Mannes und laut einer Studie am Wiener Donauspital bei jedem dritten österreichischen Mann zwischen 20 und 80 feststellbar, wurden quasi über Nacht obsolet. Die trügerisch frohe Botschaft: Wie ein Kurzsichtiger eine Brille aufsetzt, so wirft der, dessen Mittelstück Müdigkeitserscheinungen aufweist, ganz einfach die blaue Pille ein. Die Euphorie erwies sich jedoch als überzogen. Denn Viagra und verwandte Produkte wie Cialis oder Levitra wirken auf rein physischem Weg, indem sie jenes Enzym hemmen, das die Blutzufuhr im Schwellkörper des Penis verhindert. Ist die Erektionsstörung organisch bedingt, können diese Medikamente also durchaus hilfreich sein. Problematisch wird es, wenn Faktoren wie Depressionen, Angststörungen, Stress oder Burn-out im Spiel sind. In Österreich wird die Dunkelziffer von depressiv Erkrankten auf 800.000 geschätzt. Laut medizinischen Untersuchungen sind 20 bis 30 Prozent aller Impotenz- und Erektionsprobleme auf psychische Erkrankungen zurückzuführen.
„Es braucht ein gewisses Mindestmaß an Lustbereitschaft, damit das Medikament überhaupt wirksam wird“, erklärt der Innsbrucker Sexualwissenschafter Josef Aigner, der im bedenkenlosen Gebrauch von Viagra eine Gefahr sieht: „Da werden einfach im Alleingang die Symptome behandelt, ohne dass man Beratungsstellen aufsucht. Die Ursachen hinter den Störungen werden vertuscht.“
Die Pharmaindustrie wittert indessen schon den nächsten großen Coup: neue Aphrodisiaka für Frauen, die in Form von Nasensprays, Heftpflastern oder Gelen Botenstoffe über die Blut-Hirn-Schranke direkt auf das limbische System schicken sollen, das wiederum die menschliche Libido maßgeblich steuert. Obwohl seine große Studie von Pfizer finanziert wurde, sieht US-Sexualforscher Edward Laumann den Traum von der Lust auf Knopfdruck in jedem Fall zum Scheitern verurteilt: „Ein Großteil der negativen Einflussfaktoren auf das sexuelle Wohlbefinden sind partnerschaftlicher Natur oder liegen in negativ erlebten Lebensumständen. Dagegen kann man kein Medikament verschreiben.“

3. Der Mythos vom Triebwesen oder Männer denken immer nur an Sex.
Männer sind Opfer der Evolution und sozusagen genetisch dazu verdammt, den eigenen Samen möglichst flächendeckend zu verbreiten. Dieses nach wie vor gern bemühte Klischee wird von Elisabeth Oberzaucher, Verhaltensforscherin am Wiener Universitätsinstitut für Anthropologie, revidiert: „Es gab und gibt beim Menschen immer eine Vielzahl von Paarungssystemen – Monogamie, Polygynie (ein Mann und mehrere Frauen, Anm.), Promiskuität, Polyandrie (eine Frau und mehrere Männer, Anm.).“ Abhängig von den „jeweiligen sozioökologischen Rahmenbedingungen“ versuche der Homo sapiens, verschiedene Strategien zu finden. Im Laufe der Menschheitsgeschichte gab es sehr wohl auch Phasen, in denen die Sexualität der Frau durchaus in einer Ausformung lustbetonter Aggressivität Salonfähigkeit besaß. In der griechischen und römischen Antike herrschte etwa die Vorstellung, dass Frauen zwar weniger intensiv als Männer, dafür aber permanent begehrten. „Der sexuelle Blitz“, so die antike Metapher für den Orgasmus, gehörte nicht zur Kür, sondern zum Pflichtprogramm. Mindestens dreimal im Monat sollten die Bewohnerinnen der Polis einen solchen Einschlag erleben dürfen. Der vom viktorianischen England geprägte Charles Darwin setzte 1871 mit seinem Werk „Die Abstammung des Menschen“ auch den Irrglauben in die Welt, dass das Primatenweibchen sich generell in „spröder Zurückhaltung“ übe, die es nur dann ablege, wenn es gelte, das beste Männchen zur Befruchtung auszuwählen. „Darwin hat Affen nie in der freien Wildbahn beobachtet“, erklärt die britische Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy. „Affenweibchen sind durchaus polygam und an ihrem gesellschaftlichen Ansehen genauso interessiert wie ihre männlichen Artgenossen.“ Erst mit der Entstehung des Bürgertums wurde das weibliche Begehren pathologisiert. „Sexualität galt früher als die Basis des weiblichen Wesens“, so der Wiener Sozialhistoriker und Universitätsprofessor Franz Eder. „Durch die bürgerliche Kultur wurde die Sexualität der Frau zugunsten einer mütterlichen Emotionalität zurückgedrängt.“ Antike Mediziner, wie etwa Hippokrates, vertraten die Theorie, dass eine Frau nur dann schwanger werden könne, wenn sie bei der Zeugung auch einen Orgasmus habe. Der Glaube an Fortpflanzung durch weibliche Höhepunkte verlieh der weiblichen Sexualität in der Antike einen Stellenwert, der erst im Zuge der Frauenbewegung im vergangenen Jahrhundert reaktiviert wurde. „Männer leiden heute viel stärker unter sexuellen Problemen, weil sie Sexualität als eine Art Statussymbol empfinden“, berichtet die Leiterin der Sexualambulanz am Wiener Wilhelminenspital, Elia Bragagna.

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Von Angelika Hager und Sebastian Hofer