Minichmayr in der Liebesnotaufnahme:
Schauspielerin brilliert in "Alle anderen"

Gefühlsmachtverhältnisse: Die Schauspielerin Birgit Minichmayr brilliert in Maren Ades unorthodoxer filmischer Beziehungsstudie „Alle anderen“.

Von Stefan Grissemann

Je genauer man die ersten zehn Jahre ihrer noch jungen Karriere betrachtet, desto deutlicher dämmert der Verdacht: Diese Frau kann alles – Fernsehen, Punk und Burgtheater, Volksbühne und Indie-Kino, in breitem Oberösterreichisch und edlem Bühnenhochjargon. Und demnächst wird auch noch, so nebenbei, das Repräsentationstheater der Salzburger Festspiele abgehakt: Als Jedermanns Buhlschaft wird man Birgit Minichmayr ab 2010, an der Seite ihres Burg-Kollegen Nicholas Ofczarek, am Domplatz erleben können.

Eine Art Nahaufnahme jenes Ausnahmetalents, das Minichmayr ist, kann man aber bereits jetzt in dem Film „Alle anderen“ (Österreich-Kinostart: 26. Juni) erleben, inszeniert von einer anderen Kino-Hoffnungsträgerin ihrer Generation: Die zweite Arbeit der deutschen Regisseurin und Autorin Maren Ade (siehe Kasten), doppelt ausgezeichnet bei den Filmfestspielen in Berlin im Februar dieses Jahres, ist ein rarer Fall von Präzision in Drehbuch, Spiel und Inszenierung. „Alle anderen“ ist ein Liebesfilm, aber einer, der sein Sujet einer unüblich kritischen Analyse unterzieht. Der unkonventionelle Tonfall der Erzählung ist von Anfang an Programm: In der Liebe, die den Krieg immer nur verzweifelt auf Distanz hält, ist alles erlaubt. Ein junges Paar – ein Architekt (Lars Eidinger) und eine Mitarbeiterin bei einer Plattenfirma (Birgit Minichmayr) – verbringt ein paar Tage in Sardinien, um ein bisschen zu arbeiten, aber lieber noch einiges vom süßen Leben abzukriegen, das die spielerische Beziehung so bietet; man tanzt, rauft, liegt ziel- und tatenlos herum, man plaudert, grübelt, belustigt sich aneinander. Der erste Teil dieses Films zeigt den Alltag der Liebenden als Farce; im zweiten kippt er jäh ins Drama – oder was man dafür halten mag.

Als Befindlichkeitsstudie ist „Alle anderen“ ein Grenzgang, eine Wanderung am schmalen Grat zwischen Nabelschau und Sozialkritik. Zwischendurch habe sie durchaus Zweifel am Konzept ihres Films gehabt, sagt Maren Ade im profil-Gespräch: „Man verliert ja auch, wenn man sich so auf die Details konzentriert, immer wieder mal den Überblick. Das ist schon erschreckend manchmal; man denkt dann: Worum geht’s da eigentlich? Was wird da verhandelt?“

Spätkindliches Spiel. Die Ambivalenz der Gefühle ist in „Alle anderen“ der Themenkern: Wer hier Täter ist oder wer das Opfer, ist keineswegs ausgemacht. Ades Amour fou ist geprägt von Regression und Privatritualen, von den spätkindlichen Spielen der Peter-Pan-Generation. Die Flucht ins Infantile, das zeigt „Alle anderen“, hat auch ihre destruktiven Anteile. So kommt der Schmerz ins Spiel, Verbitterung setzt ein.

Coolness ist da nicht mehr vorgesehen: „Alle anderen“ ist das Gegenteil eines zynischen Films. „ Andererseits muss man Figuren auch mal hart anfassen“, meint die Filmemacherin: „Die Peinlichkeitsmomente, das Über-die-Stränge-Schlagen hab ich sehr forciert.“ Ihre Inszenierung trennt die Pose von der Aufrichtigkeit wie mit der Klinge: Die Liebe steht hier buchstäblich auf Messers Schneide. Maren Ade nimmt sie ernst, protokolliert einen emotionalen Ausnahmezustand, legt es auf produktive Verstörung an. Die Reaktionen ihrer Figuren auf die Beziehungskrise sind direkt und körperlich: Als Minichmayr gegen Ende plötzlich umfällt, wegkippt, fließen Spiel und Drama irritierend ineinander.

Die soziale Sphäre dieses Films ist präzise definiert: die wohlsituierten 30-Jährigen als neue bürgerliche Bohème. Maren Ade bekennt sich zur Selbstbetrachtung. „Der Versuch war der: Kann man einen Film machen über etwas, das einem so nahe ist?“ Aber „Alle anderen“ geht über die Klassenfrage auch hinaus: „Dieser Liebeskonflikt, die Angst, sich dem anderen zu offenbaren, die Angst, nicht für das geliebt zu werden, was man ist, die Suche nach dem, der man sein will und was man als Paar sein will, das kennen viele aus den eigenen Beziehungen, glaube ich, egal aus welchem Milieu sie auch kommen.“

Eine zweite, ganz anders organisierte Beziehung wird als Gegenbild zu den beiden Protagonisten installiert: Sie treffen auf einen beruflich erfolgreicheren Mann und seine submissive schwangere Frau. (Die leise Überzeichnung dieses von Hans-Jochen Wagner und Nicole Marischka gespielten Paares mag die einzige Schwäche des Drehbuchs sein.) Aus geheuchelter Freundschaft wird – im Rahmen einer Essenseinladung – ein zwar ironisch geführter, doch offener Schlagabtausch. Die neue Dynamik führt zum Verlust der emotionalen Stabilität. Quälend langsam eskalieren die Dinge: Selbstzweifel führen zu unausgesprochenen Vorwürfen, Kälte und Verlustangst stellen ein neues Fremdheitsgefühl her. Die Filmemacherin besetzt mutig das Feld zwischen Banalität und Philosophie: Klischee und Wahrheit, das weiß sie, sind in Liebesdingen die beiden Seiten derselben Medaille.

Ihre Hauptdarsteller sind ein Glücksgriff: Eidinger und Minichmayr verfügen über jenen bodenständigen Glamour, den dieses Material im Kino so dringend braucht. Es sei „ein Geheimnis, wann man zwei Leuten ein Paar glaubt“, meint Maren Ade noch. „Birgit und Lars passten einfach irrsinnig gut zusammen, da konnte man nicht gleich sagen, wer von den beiden der Stärkere war. Das war wichtig für die ständig kippenden Machtverhältnisse, von denen der Film erzählt.“ Er betreibt die Konkretisierung dieses Liebesmachtkampfs: die beunruhigende Verschiebung vom Duett zum Duell.