In der Geisterbahn

Drastische Weihnachtsfilme aus Amerika: Stefan Grissemann über den wilden vierten Teil der "Mission Impossible“-Saga und den Psychiatrie-Schocker "The Ward“.

Gegen Phantome ist kaum zu gewinnen. Es ist daher nur bedingt ratsam, sich mit ihnen anzulegen. Sie sind nicht greif- und nicht kontrollierbar, immer schon zwei Schritte weiter als man selbst. Aber was wird, wenn die Phantome beschließen, sich mit einem anzulegen? Ein gewalttätiger Geist herrscht in John Carpenters jüngstem Film, eine mörderische Gestalt mit dem Gesicht einer halb verwesten Frauenleiche. Sie spukt durch die Korridore, um einer Psychiatriepatientin das Leben schwer zu machen. Geisterhaft bewegen sich auch Amerikas Geheimagenten durch die Welt, sie fürchten den Tod nicht, verändern unaufhörlich ihr Aussehen und halten sich, wenn überhaupt an etwas, nur an ihr eigenes ghost protocol. Die vierte Eintragung ins große Buch der "Mission Impossible“-Filmserie thematisiert dies: In einem angeschlagenen Körper wohnt auch ein wunder Geist.

Brad Bird, Regisseur und Autor digitaler Animations-Welterfolge wie "The Incredibles“ (2004) und "Ratatouille“ (2007), hat unlängst seinen ersten Realfilm in Szene gesetzt - eine Arbeit mit lebenden Darstellern, die an tatsächlich existierenden Schauplätzen ihrem Beruf nachgehen. Allerdings ist "Mission Impossible - Ghost Protocol“ genau jene Art von Film, die dem Trickfilm am ähnlichsten ist: Surrealismus, der zwar täuschend "echt“ aussieht, aber nach allen Regeln der Kunst elektronisch manipuliert wurde. Superstar Tom Cruise spielt da erneut Ethan Hunt, und er agiert wie in einem Cartoon: Er weiß, wie man ohne nennenswerte Folgen aus zehn Meter Höhe abstürzt und mit dem Kopf frontal gegen Autotüren oder Metallfensterbretter knallt - darunter leidet weder der Schädel noch die Frisur.

Das Pop-Franchise-Unternehmen "Mission Impossible“ ist inzwischen exakt 45 Jahre alt - und hat sich vom Fernsehen der sechziger Jahre epidemisch ins Kino eingeschlichen. Eine erste Filmversion, inszeniert von Brian De Palma, entstand 1996, vier Jahre später drehte John Woo "MI2“, 2006 folgte der dritte Teil (Regie: J. J. Abrams). Das zentrale US-Elite-Agententeam um Cruise heißt übrigens IMF, was knapp seriöser klingt als die Langversion des Begriffs: Impossible Missions Force.

Das Drehbuch variiert den alten Traum jedes Spionagethrillers: den Wiedereinstieg in die Panikphase des Kalten Kriegs, also die letzten Stunden vor der mutmaßlichen atomaren Apokalypse. Eine Bande nuklearer Extremisten jagt gleich anfangs, gewissermaßen als Tischvorlage, den Kreml in die Luft - und diesen Ton hält "Ghost Protocol“ verlässlich zwei volle Stunden lang. Die Welt steht auf dem Spiel, am Rande der atomaren Vernichtung, und merkt davon nicht einmal etwas.

"Mission Impossible 4“
ist einerseits überaus konventionell - ein Agenten-Actionreißer mit Kostümzwang, City-Tourismuswerbung und allerhand hochtechnologischem Schnickschnack, der von monumentalen Touchscreens bis zur Kontaktlinse mit eingebautem Minirechner reicht. James Bond mag der berühmtere Name sein und Jason Bourne der jüngere, dafür ist Ethan Hunt der Mann für den Kinetik-Connaisseur. "MI4“ mischt, durchaus in diesem Sinn, Action-Standards wie Prügelchoreografie und Autoverschrottungskunst mit innovativeren Ideen. Die IMAX-Technologie erhöht die sinnliche Wirkung, produziert ultrascharfe digitale Bilder, die so aussehen, als könnte man sich an ihnen die Netzhaut ritzen. Die entfesselte Kamera schwebt wie eine göttliche Instanz über verschiedene Stadtlandschaften, stürzt auf Details herab, klinkt sich in laufende Kampfhandlungen ein und tanzt in jedem Kugelhagel mit. Brad Birds Inszenierung ist andererseits nicht nur maschinell, sondern sogar sehr körperlich und mit viel abgründiger Fantasie ausgestattet. Sie öffnet eigenartige Illusionsräume, arrangiert optische Täuschungen, verordnet der Schwerkraft neue Gesetze.

Man darf bei aller Virtuosität der Form dennoch nicht erwarten, dass "MI4“ inhaltlich auch nur einen Millimeter von den trivialsten Klischees seines Genres abweichen wollte. Die Szenen zwischen den entscheidenden Set Pieces sind sichtlich Füllmaterial, und der Grundton des Films gilt stets nur dem lukrativsten Mischungsverhältnis von Scherz, Gewalt und Pathos. Story und Dialoge sind nicht der Rede wert, jede Rettung darf grundsätzlich erst in letzter Sekunde eintreten, und am Ende muss auch die härteste Kampf-Amazone (handgreiflich: Paula Patton) einsehen, dass Sex manchmal doch die effizienteste Waffe der hochtrainierten Spezialagentin ist. Und die bei der Firma Bond geliehene Idee des Sprungs von einer fotogenen Stadt zur nächsten - in diesem Fall: von Budapest nach Moskau und von Dubai nach Mumbai - führt zu banalem Exotismus. Kaum trifft der Film in Indien ein, beginnt auf Knopfdruck der Sitar zu säuseln.

Der Rest ist ungeniertes Dauer-Product-Placement von der Automarke bis zum Notebook: Opium für den globalen Konsumwutbürger, dem das Geld zur Weihnachtszeit, so hofft man, vergleichsweise locker sitzen mag. Der dreifache Rückfluss der 140 Millionen Dollar Produktionsbudget ist schließlich bereits kalkuliert. Das Team um den Star ist daher ebenso stereotyp wie perfekt gecastet: mit heiterem Computergenie (Simon Pegg), rätselhaftem Ex-Agenten (Jeremy Renner) und schlagkräftiger Schönheit (Patton). Sie alle umschließen mit tausend Ticks und Eigenheiten das Vakuum Cruise, hüllen den Mann ohne Eigenschaften in ein Milieu des totalen Individualismus.

Es ist übrigens kein Zufall, dass der Softwarespezialist die einzig bodenständige Figur in "MI4“ ist. Das wahre Schlachtfeld ist der Computerbildschirm: So lautet die Botschaft dieses Films, der sich erstens technisch selbst an die Parole hält - und den Digi-Nerds, die sein Zielpublikum sind, damit zweitens servil ausrichtet, wie Recht sie haben, wenn sie das Gros ihrer Lebenszeit an den Tastaturen ihrer Macs verbringen.

So hat sich die Nostalgiemarke "Mission Impossible“ in ein Zeitgeistprojekt verwandelt. Old School geht anders: Der Schocker "The Ward“, der die Rückkehr des Horrorstilisten John Carpenter ("Assault on Precinct 13“, 1976; "Halloween“, 1978) markiert, führt das vor. Neun Jahre hatte der Regisseur, von einem kurzfristigen TV-Zwischenspiel abgesehen, nach "Ghosts of Mars“ (2001) als Regisseur pausiert. Und "The Ward“ ist ein genuiner Carpenter: Eine traumatisierte junge Frau (Amber Heard) wird, nachdem sie im Delirium ein Haus niedergebrannt hat, in die Nervenheilanstalt überstellt. Sie kann sich an nichts erinnern, weiß nicht, was sie antrieb, und nicht, woher sie stammt. 1966, das Jahr, in dem die "Mission Impossible“-Serie erstmals auf amerikanischen Bildschirmen erschien, ist auch das Jahr, in dem die schauerlichen Ereignisse stattfinden, die "The Ward“ an die Wand malt.

Carpenter erzählt effizient und geradlinig, ohne unnötige Aktualisierungen, sogar die Laufzeit seines Films ist klassisch: 88 Minuten. Nützen wird ihm das alles nichts: "The Ward“ ist ein Retro-Slasher, der an der Kinokasse heute keine Chance mehr hat. Die gelangweilten Reaktionen der US-Filmkritik demonstrieren, wie anachronistisch diese Art von Kino inzwischen ist. Wäre "The Ward“ bereits in den siebziger oder achtziger Jahren entstanden, er würde kaum anders aussehen - wie ein perverses Girls-Highschool-Movie nämlich: Im Frauentrakt wird geschrien und gemordet, aber auch getanzt, gestritten und geflirtet. Und Carpenter spielt die billigen Thrills und Exploitation-Motive seines Genres (Sadismus, Voyeurismus) auf gekonnte Weise durch, plündert sich von Hitchcocks "Psycho“ über Formans "Kuckucksnest“ bis zu Scorseses "Shutter Island“ durch die halbe Filmgeschichte.

Frauenfeindlich wird man "The Ward“ nicht nennen können, denn Carpenters Respekt gilt sichtlich seiner Heldin - auch sie ist eine Kriegerin wie Paula Patton, eine selbst unter massivem Druck Unbeugsame, Widerständige. So haben "MI4“ und "The Ward“ am Ende doch noch etwas halbwegs Konstruktives zu verlautbaren: die Rückeroberung des Aktionskinos durch die weibliche Schlagkraft.