Libido-Profite

George Clooney hätte das Zeug zum US-Präsidenten. In seinem jüngsten Film, dem Polit-Drama "The Ides of March“, begibt er sich vorerst als Regisseur und Schauspieler in den Sumpf der Spitzenpolitik.

Von Bert Rebhandl

Der amerikanische Präsident galt lange als der mächtigste Mann der Welt. Da sind andere Superlative dann nicht weit - warum sollte er, zum Beispiel, nicht auch der bestaussehende Mann des Erdkreises sein? Allzu sehr an den Haaren herbeigezogen ist die Frage nicht, denn George Clooney, dem man bisweilen eine global konkurrenzlose Attraktivität nachgesagt hat, bereitet sich im Grunde schon seit geraumer Zeit auf eine Kandidatur für das Amt des einflussreichsten Mannes der Welt vor. Ob er jemals tatsächlich die Nominierung suchen wird, kann niemand sagen. Aber das Spiel mit der Möglichkeit zählt inzwischen fix zu jenem Bild, das er öffentlichkeitswirksam zelebriert.

In "The Ides of March - Tage des Verrats“ schafft er nun zumindest auf fiktive Art klare Tatsachen. Er spielt den US-Gouverneur Mike Morris, der sich um die Nominierung durch die Demokratische Partei bewirbt. Und Morris tut dies auf eine Weise, die alle Idealisten dieser Welt ins Schwärmen geraten lassen müsste: Er sagt nämlich offen, was er denkt, und was er denkt, deckt sich ziemlich genau mit dem Themen- und Maßnahmenkatalog einer ökosozialliberalen Bewegung, wie sie in dieser Form in den USA kaum - und in Europa nur in Gestalt komplizierter Koalitionen - denkbar ist.

Aber das ist ja eben das Geheimnis großer Politiker: ein Charisma, das über Widersprüche hinweg wirkt. In "The Ides of March“ versucht Clooney, recht ungebrochen in die Tradition eines großen erfundenen Vorgängers zu treten: Josiah "Jed“ Bartlet war der Präsident in der Fernsehserie "The West Wing“, und schon dieser von Martin Sheen gespielte Landesvater war, bei Licht betrachtet, viel zu gut, um wahr zu sein; Mike Morris hat immerhin eine kleine Schwäche, die das Drama von "The Ides of March“ erst wesentlich auslöst (siehe Kritik). Aber gerade als Reflexion auf die Stolpersteine auf dem Weg ins Weiße Haus ist der Film zugleich so etwas wie ein Testlauf, in dem das einnehmend Menschliche mit dem allzu Menschlichen, also mit den gewinnenden Untugenden, vermittelt werden soll.

Clooneys Rolle in der amerikanischen Öffentlichkeit, die sich allenfalls mit jener von Jon Stewart von der "Daily Show“ vergleichen lässt, deutet jedenfalls auf ein Defizit beim politischen Personal hin, das erst Barack Obama beheben konnte - und auch er eigentlich nur für die Dauer seiner Kampagne; mit dem Einzug ins Weiße Haus begannen die Mühen der Ebene. Obama ist inzwischen in Ehren ergraut. Bei Clooney tragen die grauen Haare zu seinem Sexappeal bei.

Auf das Amt des Schattenpräsidenten hat der 1961 in Kentucky geborene Schauspieler nicht von Beginn an hingearbeitet. Es war erst die Begegnung mit Regisseur Steven Soderbergh, die ihn mit einem Karrieremodell vertraut machte, in dem die Erfolge an der Mainstream-Front durch Glaubwürdigkeit für die gute Sache verzinst wurden und werden. Auf diese Art wird seit 2000 ein wichtiger Zweig des US-Filmschaffens dominiert.

Während George W. Bush im Weißen Haus an der Erweiterung seiner exekutiven Zuständigkeiten arbeitete, ging der andere George mit "Good Night, and Good Luck“ 2005 in die McCarthy-Ära zurück und hob schon an diesem Beispiel die Verantwortung moderner Medienmacher hervor. Dass Clooney stets als sein eigener Anchorman aufzutreten vermag, ist von unschätzbarem Gewinn, und dass er dabei die libidinösen Profite seiner Popularität nicht verheimlicht, ist vermutlich eher als Vorteil denn als ein Nachteil zu werten in einer oberflächlich so puritanischen Nation wie der amerikanischen.

In "Syriana“ machte er zum ersten Mal richtig Ernst; unter der Regie von Stephen Gaghan spielte er dort 2005 einen CIA-Agenten, der in die Mühlen der Geopolitik gerät. Das Blut, das in "Syriana“ für Öl floss, war schmutziges Blut im Vergleich zu den patriotisch imprägnierten Opfern, die Bush, Cheney & Rumsfeld der Nation zeitgleich im Irak und in Afghanistan abverlangten, ohne je wirklich verständlich darzulegen, was die politische Agenda der USA im Mittleren Osten sein kann. "Syriana“ leistete das, was Soderbergh zuvor mit "Traffic“ für den internationalen Drogenhandel geleistet hatte - eine plakative, aber überzeugende Synthese komplexer Sachverhalte, eine Ästhetik des Zusammenhangs gegenüber der Nachrichtenpolitik der "bits and pieces“ im US-Fernsehen. Clooney konnte in der Rolle des Bob Barnes, für die er deutlich an Gewicht zulegte, das Image des Luftikus ablegen, das er mit Soderbergh gemeinsam in den Räuberpistolen der "Ocean“-Reihe gewonnen hatte und zu dem er nach wie vor immer wieder gern zurückkehrt.

In "The Ides of March“ trifft er nun auf den jungen Ryan Gosling. Die Wachablöse, die sich hier abzeichnet, wie auch die Tatsache, dass Clooney inzwischen häufiger selbst Regie führt, deutet darauf hin, dass auch ein Superstar den Gesetzen der Publicity und des Markts nicht entkommt: Als jugendlicher Liebhaber (und sei es einer ganzen Nation) wird Clooney nicht mehr allzu lange auftreten können. Als Elder Statesman wächst er erst allmählich in ein Rollenfach hinein, das ihm auch in Hollywood ausreichend Beschäftigung sichern wird.

Die Gefahren der Politik kann Clooney an einem aktuellen Beispiel mitverfolgen. Arnold Schwarzenegger, von dem man lange meinte, nur seine Geburtsurkunde trennte ihn vom Weißen Haus, ist heute Ex-Gouverneur eines bankrotten Bundesstaats. Der Steirerman in Hollywood wäre vermutlich froh, wenn er noch einmal in die Traumfabrik einsteigen könnte. George Clooney aber lässt zumindest mit "The Ides of March“ eine desillusionierte politische Öffentlichkeit noch eine Weile hoffen, dass der Ausstieg in die umgekehrte Richtung weiterhin ein attraktives Karrieremodell für einen Star sein könnte, der als perfekte Projektionsfläche des liberalen Intellektuellen auftritt. Und als solcher wird er um jede reale Machtfrage auch in Zukunft wohlweislich einen großen Bogen machen.

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Falscher Zauber
Im Haifischbecken: "The Ides of March - Tage des Verrats“.

Ist Integrität im politischen Leben am Ende nur eine Vorstufe des Zynismus? In "The Ides of March - Tage des Verrats“ spielt Ryan Gosling einen aufstrebenden Politikberater, der sich unvermutet in einem schmutzigen Spiel wiederfindet. Zwischen zwei Veteranen der Kampagne (gespielt von dem hier großartig mephistophelischen Paul Giamatti und dem fast schon selbstdestruktiv wirkenden Philip Seymour Hoffman) muss der junge Idealist Stephen herausfinden, wie man sich im Haifischbecken der US-Politik bewegt. George Clooney nahm das Theaterstück "Farragut North“ von Beau Willimon als Grundlage einer skeptischen Parabel über die Machinationen der Macht. "The Ides of March“ wirkt wie eine lange Folge aus der Serie "The West Wing“ und verfügt über die entsprechenden Qualitäten - die Politik zu durchschauen, ohne sie zu entzaubern.