"Missstand vom Chefredakteur zu verantworten"

Am Freitagabend vergangener Woche beendete die so genannte Mück-Kommission unter dem Vorsitz von Otto Oberhammer, pensionierter Sektionschef im Justizministerium und ehemaliger ORF-Generalintendant, ihre Arbeit. Die interne Untersuchung war von der Geschäftsführung des ORF eingeleitet worden, nachdem ORF-Fernsehredakteure ihrem Chefredakteur Werner Mück öffentlich frauenfeindliche Äußerungen, einschüchternden Führungsstil und regierungsfreundliche Einflussnahme in der politischen Berichterstattung vorgeworfen hatten. Mück wurden untersucht - und weit gehend bestätigt.

Das Ergebnis ist niederschmetternd. Die Vorgänge im ORF machten „nicht nur einen üblen Eindruck, sondern behinderten auch seinen Programmauftrag“, schlussfolgert die Kommission. Mück würde mit seinem Führungsstil die Redakteure einschüchtern und sei letztlich für die kolportierten Missstände in der Innenpolitik verantwortlich. Auch Zentralbetriebsratsobmann Heinz Fiedler bekommt sein Fett ab. Er mische sich unzulässigerweise in die Personalpolitik ein und habe damit zum „Imageschaden des ORF“ beigetragen.
Vorgeladen waren 18 Redakteure, Mück selbst wurde 18 Stunden lang vor der Kommission um seine Sicht der Dinge gebeten. Die Anhörung brachte folgende Ergebnisse.

Thema Frauenfeindlichkeit:

- Eine langjährige „ZiB“-Redakteurin berichtete der Kommission, sie sei im Jahr 2003 von der politischen Berichterstattung abgezogen worden, weil Mück sie für „nicht besonders intelligent“ gehalten und außerdem darauf hingewiesen habe, „wo sie politisch hingehört, wissen wir alle“. Mück konnte sich an diesen Vorfall nicht erinnern.

- Eine andere Redakteurin gab zu Protokoll, sie habe einen von ihr angepeilten Arbeitsbereich nicht übernehmen dürfen, weil Mück „die depperten Weiber nicht mehr sehen“ wollte. Mück dementierte in der Anhörung, damit die betroffene Redakteurin gemeint zu haben, konnte aber nicht ausschließen, „im Lauf eines langen Berufslebens auch einmal eine vergleichbar saloppe Bemerkung gemacht zu haben“.

- Die ORF-Redakteurin Claudia Reiterer bestätigte den im profil geschilderten Vorfall, in dem Mück nach der Moderation der „Pressestunde“ zu ihr gesagt habe, sie sei „eine Beleidigung für sein Auge gewesen, (...) müsse sie wirklich jedem zeigen, dass sie so viel zugenommen habe, so wie sie dagelehnt sei, habe man ihren Hintern groß im Bild gesehen“. Mück bestätigte den Vorfall im Wesentlichen und meinte, dass auch das optische Erscheinungsbild einer Moderatorin zu besprechen sei.

- Ein leitender „ZiB“-Redakteur berichtete, er habe von Mück den Auftrag bekommen, eine Kollegin zu mobben, „ihr nix zu geben, sie soll das Handtuch werfen“. Mück verteidigte sich, er habe sich sogar für die Anstellung der betroffenen Kollegin eingesetzt – im Chronik-Ressort.

Thema Drohung und Einschüchterung:

- Der langjährige Auslandsredakteur Christian Schüller berichtete, Mück habe bereits im Mai 2002 gedroht, er könne ihn jederzeit beruflich umbringen und er habe dafür auch freie Hand von der Generaldirektorin. Mück habe ihn als „das Virus der Anarchie in der Redaktion“ verunglimpft und ihm vorgehalten, zur „linken Partie“ zu gehören: „Ich weiß, wer Ihre Freunde sind und wo Sie sich treffen.“ Mück zeigte sich angesichts dieser Vorwürfe sehr betroffen. Er habe keine Erklärung für ihr Zustandekommen, die Äußerungen des Redakteurs seien ihm ein Rätsel, sagte Mück.

- Der Moderator Armin Wolf gab zu Protokoll, Mück habe ein Klima der Repression und Resignation geschaffen, denunziere bestimmte Kollegen gern als Mitglieder einer „Jagdgesellschaft“ , sodass viele Redakteure resignierten und nicht mehr an den Konferenzen teilnehmen. Das spezielle Betriebsklima im ORF sei wohl deshalb erst so spät öffentlich thematisiert worden, mutmaßte Wolf. Nach einem kritischen Interview mit Finanzminister Karl-Heinz Grasser zu dessen Homepage-Affäre habe ihm Mück mit der Absetzung als Moderator gedroht. Mück rechtfertigte sich, er sei nur gegen die „Kampagnen-Berichterstattung“ wie im konkreten Fall der Grasser-Homepage eingeschritten. Er bestritt nicht, einzelne Redakteure als „linke Partie“ zu apostrophieren. Er gebrauche dies jedoch nur gegenüber Personen, die dies selbst nicht als Beleidigung empfinden, sagte Mück.

- Der stellvertretende Ressortleiter der Innenpolitik, Friedrich Jungmayr, brachte vor, dass Mück eines Abends im Juli 2003 mit „handschriftlich notierten Notizen“ in die Redaktion gekommen sei und einen Bericht zu den Eurofightern angeordnet, einen Gegencheck jedoch nicht für notwendig erachtet habe. Mück rechtfertigte sich, damals ohnehin im Besitz des gesamten Rohberichts des Rechnungshofes gewesen zu sein, ein Bericht aufgrund einer bloß telefonischen Übermittlung wäre auch für ihn nicht infrage gekommen. Er habe aber möglicherweise den Redakteuren nicht gesagt, dass er den Bericht in der Hand habe.

- Eine Redakteurin gab an, Mück habe sie im Jahr 2002 angehalten, in einem Beitrag über den 1. Mai darauf hinzuweisen, dass „dieser Tag für die meisten Menschen ein willkommener Ausflugsanlass sei und keine politische Bedeutung habe“. Mück sagte, dies sei kein Befehl, sondern bloß ein Hinweis gewesen, der falsch kommuniziert worden sei. Dieselbe Rechtfertigung brachte Mück auch in anderen Fällen vor, in denen Redakteure eine politische Schlagseite in der Berichterstattung vermuteten. Bei einem Beitrag über das neue Tierschutzgesetz soll Mück auf die Einschätzung, dass „die ÖVP die Auseinandersetzung gewonnen habe“, gedrängt haben, bei einem Bericht über den Raub der Saliera sah sich ein Redakteur von Mück genötigt, darauf hinzuweisen, „dass die Uniqa-Versicherung mit der Polizei gut kooperiert habe“. Mück sagte vor der Kommission, dies sei „frei erfunden“.
Thema Kritik an Fiedler:

- Im Fall Opletal war in der Mück-Kommission auch die Rolle von Zentralbetriebsratsobmann Heinz Fiedler zur Sprache gekommen. Wie profil berichtete, hat sich der versierte China-Experte und erfahrene Auslandsredakteur Helmut Opletal – er spricht fließend Mandarin – Anfang des Jahres für den ORF-Korrespondentenposten in Peking beworben. Seine Bestellung war bereits von der ORF-Geschäftsführung genehmigt und in einer Presseaussendung des ORF bekannt gemacht worden. In einem darauf folgenden Gespräch mit ORF-Personalchef Wolfgang Buchner – im Beisein eines Betriebsrates vom Hörfunk, der das Geschehen ebenfalls vor der Kommission bestätigte – sei ihm jedoch „in herabsetzender Weise die Unüberprüfbarkeit seiner Chinesisch-Kenntnisse, seine Körperfülle (für den Fall einer möglichen Sportberichterstattung von den Olympischen Sommerspielen 2008) vorgehalten“ worden. Opletal sagte, er habe daraufhin seine Bewerbung zurückgezogen. Später habe ihm Buchner mitgeteilt, dass Fiedler gegen seine Bestellung interveniert habe. Vor der Kommission musste dann auch Buchner selbst, der eigentlich Mitglied der Kommission war, zum Fall Opletal in den Zeugenstand. Buchner gab dort zu, dass „die Vorbehalte des Zentralbetriebsratsobmannes und Stiftungsrates (Fiedler, Anm. d. Red.) die Diskussion über die Entsendung Opletals initiiert hätten“.

Schlussfolgerungen der Kommission:

Die Kommission kam einstimmig zum Urteil, dass im Bereich der Fernseh-Innenpolitik „herabwürdigende und beleidigende Äußerungen auch frauenfeindlicher Art im Umlauf sind“. Weiters würden „unsachliche Äußerungen über die politische Zuordnung“ von ORF-Redakteuren, „unsensibel formulierte Qualifizierungen von Arbeitsergebnissen in der Weitergabe an Betroffene, nicht selten über den Haustratsch, zu beleidigenden, kränkenden und herabwürdigenden Botschaften“. Diese Belastung des Arbeitsklimas sei „den Vorgesetzten berechtigt zum Vorwurf zu machen“.
Zu den mehrfach vorgebrachten Vorwürfen von Frauen stellt die Kommission fest, einigen Äußerungen von Chefredakteur Mück komme „eine Frauen abwertende Bedeutung zu“, Mück habe „in unsensibler Weise nicht auf die Wirkungsweise seiner Vorgangsweise Bedacht genommen“. Im Fall der ORF-Journalistin Reiterer, die aus der Babypause zurückkam, hätte er es „an Rücksicht fehlen lassen“.
Mück nehme mit seinem „strikten Führungsstil“ und seinem Umgangston „in Kauf, andere zu überfahren“, die Redakteure sehen sich „in ihrer Kreativität eingeschränkt (…) und eingeschüchtert“. „Das gestörte Betriebsklima“ sei der „gegenseitigen Zuordnung eines parteipolitischen Hintergrundes“ geschuldet. „Dabei ist jedenfalls den Äußerungen des Vorgesetzten mehr Gewicht beizumessen als denen anderer. Der (…) festgestellte Missstand ist damit wesentlich von Chefredakteur Mück zu verantworten.“

Zu den Vorwürfen, Mück fördere eine für die Regierung günstige Berichterstattung, stellte die Kommission in einem Fall fest, dass Wolfs Interview mit Grasser eine „gelungene, journalistische Leistung gewesen“ sei und Mücks Drohung „ein unzulässiger Versuch der Einschränkung der journalistischen Berufsausübung“. Zum Fall Opletal spricht die Kommission von einer „sachlich nicht begründeten Intervention durch den Zentralbetriebsrat, (…) womit ein beträchtlicher Imageschaden für den ORF“ entstanden sei.

Generaldirektorin Monika Lindner hat dem Bericht ein persönliches Schreiben beigefügt. Sie sieht die „erhobenen Behauptungen einer manipulierten Berichterstattung als widerlegt an“, sie gesteht allerdings zu, „dass Kränkungen entstanden sind, was bedauerlich ist“. Sie sieht „keinen Grund, mit Werner Mück nicht weiterhin vertrauensvoll zusammenzuarbeiten“.

Von Christa Zöchling