Mister Charade: Ex-Beatle McCartney will sich vom Gewicht seines Namens befreien

Pop. Begegnung mit einem Freigeist: Robert Rotifer über den Ex-Beatle Paul McCartney, der sich unter dem Pseudonym The Fireman vom Gewicht seines Namens befreien möchte.

An sich hatte es geheißen, Paul McCartney käme nur auf ein kurzes „Hallo!“ vorbei: einmal winken, die charakteristische „Daumen hoch“-Geste und wieder weg. Nachdem man Begegnungen mit Pop-Gottheiten ungern verschmäht, waren dennoch Journalisten aus aller Welt Anfang Oktober in die Londoner Abbey-Road-Studios gereist. Anlass des Auflaufs war „Electric Arguments“, das dritte Album, das der Ex-Beatle unter dem für seine Zusammenarbeiten mit Martin „Youth“ Glover, dem Bassisten der Post-Punk-Industrial-Band Killing Joke, reservierten Pseudonym The Fireman veröffentlicht – übrigens eine Anspielung auf die Zeile „And then the fireman rushes in …“ aus dem Beatles-Song „Penny Lane“. Es dauerte schließlich eine Weile, ehe sich alle Köpfe gedreht hatten, nachdem an der Eingangstür zum Abhörraum erst ein paar verstreute Töne einer Mundharmonika, dann jener weltberühmte onkelhafte Tonfall erklungen war: McCartney persönlich hatte sich in die Menge gemischt, etwas nachlässig gekleidet in Sakko und Jeans, aber entspannt und in auffälliger Abwesenheit der ordnenden Adjutanten, die ihn früher bei solchen Terminen zu umgeben pflegten.

Es war ein hartes Jahr für ihn gewesen: McCartney hatte sich in einem langwierigen, allzu öffentlichen Scheidungsprozess von seiner zweiten Frau getrennt; der legendäre Publicity-Manager der Beatles, Neil Aspinall, war verstorben; und er hatte sich endgültig aus dem Würgegriff der Plattenfirma EMI befreit, die seit Jahrzehnten seine Tonträger verwaltet hatte. Sein letztes Solowerk war beim Plattenlabel der Kaffeehaus-Kette Starbucks erschienen. McCartney spielt sich von seiner Vergangenheit frei. „Wir starteten am Morgen immer mit einem kleinen Groove“, erzählte er von der Arbeit mit Youth. „Ich spielte alle möglichen Instrumente. Einmal fing ich mit der E-Gitarre an, die haben wir gern. Deng, deng, deng, deng …“ Mit kindlicher Freude erging sich der 66-Jährige, immerhin Träger eines königlichen Ritterordens, in lautmalerischen Schilderungen seiner Studioabenteuer: „Youth saß hinterm Mischpult, als würde er bei mir Bestellungen aufgeben: Könnte ich etwas Schlagzeug kriegen, fragte er. Ich sagte: Kommt sofort: Bumm, bumm, tschack. Dann meinte er: Und wir wär’s jetzt noch mit Tomtoms? Na gut: Dumm, dumm, dumm …“

Derart improvisatorisch wurden 13 Nummern an ebenso vielen Tagen aus dem Boden gestampft. Das Abrücken von der wortlosen, hypnotischen Trance-Ästhetik der beiden 1993 und 1998 quasi anonym veröffentlichten Fireman-Alben begründete McCartney mit derselben entwaffnend simplen Logik: „Youth hat gesagt: ‚Wie wär’s mit ein bisschen Stimme?‘ Ich antwortete: ‚Da ist aber doch kein Song.‘ Darauf er: ‚Dann erfind halt was!‘“ Dass dieses spontane Brainstorming sich zu echten Songstrukturen und teils regelrecht monumentalen Arrangements auswachsen würde, war bei McCartney wohl unvermeidlich: „Nachdem ich bereits so viel geschrieben habe, besitze ich eine gewisse Fähigkeit, Dinge zu erspähen, die in einem Song funktionieren werden.“ Könnte gut sein. Umgekehrt werden Beatles-Fans anzumerken wissen, dass Spontaneität und Zufall schon vor vierzig Jahren in McCartneys Schaffen eine große Rolle spielten. Er wirft einen sentimentalen Blick in den holzgetäfelten Raum: „Ich hab genau hier, auf genau dieselbe Weise ‚Why Don’t We Do It in the Road?‘ aufgenommen. Die Idee hat Geschichte.“

Wieso aber dann die Charade mit dem Pseudonym The Fireman? Fühlte McCartney sich am Ende vom Gewicht des eigenen Namens eingeschüchtert? „Sicher. Man versucht eben, seinem eigenen Image gerecht zu werden. Bei The Fireman muss ich das nicht. Es ist, als wäre ich verkleidet.“ Und einen Moment lang blitzte jene innere Zerrissenheit durch, die ihn schon in den Sechzigern quälte, als er gleichzeitig süßliche Hits für die Beatles schrieb und im Untergrund der Kunstszene experimentelle Spielchen trieb. Obwohl seine ersten beiden Solo-Gehversuche damals Verrisse ernteten, genießen „McCartney“ (1970) und „Ram“ (1971) in Independent-Kreisen heute einen Kultstatus, der dem immer noch um künstlerische Credibility ringenden, lebenden Monument des Pop sichtlich schmeichelt: „Ich bekomme viel Feedback zu diesen Platten. Die arbeiten ja auch mit einem interessanten Sound. Ich habe mir damals eine Bandmaschine mitgenommen und die Mikrofone einfach direkt hinten angesteckt, anstatt durch ein Mischpult zu gehen. Niemand sonst machte das damals.“

Und dann, nachdem Sir Paul sich, gefolgt von der Journalistentraube, zu den Erfrischungen durchgekämpft und einen Orangensaft genehmigt hatte, kam doch noch eine schwierigere Frage. Nicht etwa zur leidigen Scheidungsgeschichte, sondern zu seiner neulich absolvierten Konzertreise nach Israel nach der Aufhebung eines in den sechziger Jahren von der israelischen Regierung gegen die Beatles verhängten Auftrittsverbots: „Der Botschafter hat sich bei uns dafür entschuldigt, dass sie uns damals nicht nach Israel kommen ließen, weil wir ein korrumpierender Einfluss auf ihre Jugendlichen wären, aber uns hat das damals nicht weiter gekümmert. Wir arbeiteten zu schwer, um uns mit so etwas lange zu beschäftigen. Obwohl die Vorstellung, dass wir eine ganze Nation korrumpieren könnten, schon amüsant war. Ich hatte mir ja vorgenommen, bei meinem Konzert auszurufen: Ich bin gekommen, euch zu korrumpieren! Aber dann hab ich’s vergessen.“

Entgegen anders lautender Darstellungen habe er bei seinem Aufenthalt sehr wohl auch das palästinensische Gebiet besucht, stellte McCartney klar. „Ich glaube sehr wohl, dass es einen Effekt hatte, als damals Millionen Menschen Präsident Nixon vor dem Weißen Haus den Lennon-Song ‚Give Peace a Chance‘ entgegen gesungen haben. Und wir haben gerade dasselbe in Israel getan. Als Kind fragte ich meinen Vater, ob die Leute den Frieden überhaupt wollen, denn es sah so aus, als wollten sie ihn gar nicht. Aber er erklärte: ‚Nein, nein, die Leute wollen immer überall den Frieden, es sind ihre Führer, die es verscheißen.‘ Ich glaube, das ist wahr.“

Eine Journalistin unterbrach den feierlichen Moment der Anekdote und zitierte Palästinenservertreter, die McCartneys Auftritt als Unterstützung der israelischen Regierungspolitik werteten. „Davon hab ich nichts gehört“, erwidert er, „So was geht geradewegs an mir vorbei. Right over my head.“ Und da ist es wieder, das bübische Lächeln. Aber manchmal ist die entwaffnend simple Logik eben einfach nicht genug.