"Mit Al-Jazeera sollten wir reden"

Wer bekommt das erste Interview mit Natascha Kampusch? Die Gratwanderung des Entführungsopfers zwischen Vermarktung und ihrem Wunsch, sich selbst zu erklären.

Freitagnachmittag vergangener Woche: Wie ein Lauffeuer verbreitet sich in der Medienszene die Nachricht, dass ein Foto von Natascha Kampusch auf dem Markt ist. Geschossen mit einem Fotohandy, zeigt es die 18-Jährige mit ihrem Anwalt und ihrem Psychotherapeuten. Aufgenommen ohne ihr Wissen und gegen ihren ausdrücklichen Willen.
Findet sich ein Medium, das genug dafür bezahlt und die Kosten einer Schadenersatzklage in Kauf nimmt, wird die pausbäckige Schülerin von einst in der Öffentlichkeit nun das Gesicht einer jungen Frau bekommen.
Eineinhalb Wochen nach ihrer Befreiung gibt es zwei Bilder von Natascha Kampusch.

Das eine besteht aus all den Fantasien, die mit dem kleinen Mädchen verbunden sind, das mehr als acht Jahre lang von einem zuletzt 44-Jährigen in einer Zwangswelt eingesperrt und festgehalten wurde: Als „sex slave“, Sex-Sklavin, bezeichnete die Londoner „Daily Mail“ Natascha Kampusch schon im ersten Bericht am 24. August, dem Tag eins nach ihrer Flucht.
Das andere Bild ist das Unerwartete. Jenes der heute 18-Jährigen, die fasziniert und überwältigt davon ist, wie groß seit ihrer Flucht das Interesse der Welt an ihr ist. Eine junge Frau, die selbstverständlich meint: „Mit Al-Jazeera sollten wir auch reden“, als sie von ihrem Medienberater, dem ehrenamtlich tätigen PR-Agentur-Eigentümer Dietmar Ecker, hört, dass unter den etwa 300 Interviewangeboten auch eines des arabischen Senders in Katar ist.

Über Al-Jazeera hatte sie viel gehört. Radiohören (Ö1) war die Nabelschnur nach draußen gewesen, die Entführer Wolfgang Priklopil der Heranwachsenden gelassen hatte. Und so hat sie aufgesogen, so viel sie konnte – konzentriert wie eine Gefangene, die in der Zelle jeden Lichtstrahl wahrnimmt.
Dieses zweite Bild ist voller Ambivalenzen. Wie jener, die Natascha Kampusch in einem offenen Brief an die „Sehr geehrte Weltöffentlichkeit“ zeichnete: „Ich war gleich stark, aber – symbolisch gesprochen – er hat mich auf Händen getragen und mit den Füßen getreten.“
Er habe noch nicht einmal Umrisse ihrer wahren Persönlichkeit vor sich, sagt einer ihrer therapeutischen Betreuer.

Neue Grenzen. Diese Woche wird Natascha Kampusch zum ersten Mal selbst öffentlich auftreten und versuchen, aus den beiden Bildern eines zu machen: das von sich selbst. Auch wenn sie noch kaum die Chance hatte, in der für sie neuen Welt zu sich selbst zu finden – oder ein Stück Normalität zu leben. Denn die Grenzen ihrer neuen Freiheit zogen nun die Medien.
Informationshunger und auch Sensationsgier werden erst dann ansatzweise gestillt sein, wenn das erste Foto veröffentlicht, das erste Interview gesendet ist. Und zahlreiche Medien sind durchaus bereit, den Käfig, in den sie die junge Frau zwingen, zu vergolden.

Der Markt ist da. Rund 90 Prozent der Österreicher sind laut Umfragen am ersten Interview mit Natascha Kampusch interessiert. Kein anderes Thema bringt gegenwärtig vergleichbare Aufmerksamkeit.
Frau Kampusch wird nur ein, bestenfalls zwei Interviews geben können, sagen ihre Betreuer. Beide dürften angesichts ihres psychischen Zustands nicht allzu lang dauern. Wer das Gespräch mit dem in der Medienwelt so wichtigen Prädikat „exklusiv“ bewerben kann, hat gewonnen.
„How much?“, fragen die für ihre Kaltschnäuzigkeit berüchtigten britischen Boulevardblätter. Sie zahlen, was es kostet. Auch deutsche Medien versuchen, mit ihrer Finanzkraft zum Zug zu kommen.
Dass die neue Tageszeitung „Österreich“ beim Start am Freitag der Vorwoche ohne Kampusch-Interview erschien, wird branchenintern als Niederlage für Gründer Wolfgang Fellner gesehen. Bis zu 240.000 Euro soll das Blatt geboten haben. Fellner ließ das dementieren. In seiner ersten Ausgabe titelte „Österreich“ ein Gespräch mit Medienmann Ecker: „Manche Medien arbeiten mit voller Brutalität.“
Für die „Kronen Zeitung“ verhandelte deren Chefredakteur persönlich. „Es gab sehr gute Gespräche mit Herrn Dichand junior“, sagt Ecker.

Man müsse nun an das Leben von Natascha Kampusch nach dem Medienhype denken, betont Ecker. Die 18-Jährige hat weder Wohnung noch Ausbildung. Ihre Therapien werden Jahre in Anspruch nehmen und viel Geld kosten. Nicht alles davon dürfte von der öffentlichen Hand abgedeckt werden. Tagelang schnürte man an einem Paket aus TV- und Print-Interviews, das die finanzielle Zukunft der jungen Frau sowie ihre Lebensbedürfnisse einigermaßen absichert und trotzdem „jenseits von Scheckbuchjournalismus angesiedelt ist“, wie Ecker es formuliert.
Eines der ausgetüftelten Pakete: Der ORF bringt das erste Fernsehinterview mit Natascha Kampusch und verkauft es anderen TV-Stationen. Der Erlös der Senderechte soll der 18-Jährigen eins zu eins zugutekommen. Gleichzeitig sollte der ORF eine Spendenkampagne zu ihren Gunsten initiieren. Ein weiteres Interview soll Frau Kampusch ein oder zwei Printmedien geben, die ihr im Gegenzug eine Wohnung, einen Ausbildungsplatz und einen späteren Job garantieren.

Dann wurden drei weitere Varianten zusammengestellt. Eine davon sah statt des ORF einen Privatsender als Erstausstrahler und Vermarkter des TV-Interviews vor. Differenz zur ORF-Variante: angeblich bis zu 300.000 Euro. RTL hatte am Donnerstag einen Bericht aus dem Programm genommen, in dem umstrittene Zitate des Magazins „News“ veröffentlicht werden sollten. Man wolle einen möglichen Kampusch-Auftritt bei Starmoderator Günther Jauch nicht gefährden, hieß es.
Ob Natascha Kampusch bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt erkennbar oder verfremdet zu sehen sein wird, hat maßgeblichen Einfluss auf den Preis, den internationale TV-Stationen für die Ausstrahlungsrechte und Printmedien für die jeweiligen Interviews zu zahlen bereit sind. „Ich habe ihr geraten, selbst über ihr öffentliches Gesicht zu entscheiden“, sagt Udo Jesionek, der langjährige Präsident des Wiener Jugendgerichtshofs und der Hilfsvereinigung Weisser Ring, die Verbrechensopfer betreut. Eine gewaltige Aufgabe für eine junge Frau nach jahrelanger Isolation und Traumatisierung.

Buch und Filme. Natascha Kampusch will mitbestimmen, welche Interviewfragen sie beantwortet, und die Fragenkomplexe im Voraus vorgelegt bekommen. Sie möchte auch Mitsprache darüber, was schließlich gesendet und gedruckt wird. Von Beginn an wollte sie eine Grenze gezogen wissen: „Die Intimität gehört mir alleine.“ Ein Wunsch, mit dem sie sich nicht immer durchsetzte: Nur zwei Tage nach diesem Aufruf berichtete der „Daily Mirror“ unter dem Titel „Ich will meinen Kerker behalten“ über ihren Anspruch auf die Hinterlassenschaft Priklopils.

Wenn ihre ersten Interviews gesendet und gedruckt sind, wird sie die Angebote von Buchverlagen aus aller Welt durchsehen. Und die Offerte US-amerikanischer Produktionsgesellschaften, ihr Leben zu verfilmen. „Nur Steven Spielberg war noch nicht da“, sagt Ecker. Ihr Buch will Natascha Kampusch selbst schreiben.

Von Josef Barth und Marianne Enigl
Mitarbeit: Reinhard Binder, Nicola Löwenstein