Mit Folsäure im Mehl gegen Krankheiten

Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky will per Gesetz eine Anreicherung des Mehls mit Folsäure vorschreiben, um schwere Fehlbildungen bei Babys zu verhindern. Befürworter sehen eine Reihe weiterer positiver Effekte, Kritiker befürchten neue Risken.

Die Obst- und Gemüseinseln des neu gestalteten Supermarkts im Wiener Millenniums-Tower sind besonders appetitlich anzuschauen. Die Farbenpracht von Zitrusfrüchten, Trauben, Tomaten und diversen Grüngemüsen verlockt zum Kauf – allein der Preis ist für viele Konsumenten ein Hindernis. Das Kilo Äpfel kostet zwischen 1,79 und 2,99 Euro, Clementinen 2,99, ein Karfiol 1,49, ein Endiviensalat 1,59 Euro. Die Lebensmittelpreise sind im vergangenen Jahr erheblich gestiegen, bei Obst und Gemüse um bis zu 40 Prozent.

Dabei hätten die Österreicher den vermehrten Konsum von frischen Vitaminen dringend nötig. Sie essen generell viel zu viel Fleisch und viel zu wenig Obst und Gemüse. Dadurch ist ihre Versorgung mit Vitaminen und anderen wichtigen Nahrungsinhaltsstoffen oft mangelhaft. Die Supplementierung mit Vitaminpillen halten Experten für wenig sinnvoll, weil die synthetischen Stoffe ihre Wirkung oft nur in Kombination mit anderen Nahrungsinhaltsstoffen entfalten. Aber ein spezielles synthetisches Vitamin wird sogar von ­Kritikern der Vitaminpillen als wirksam und sinnvoll beschrieben – das Vitamin B9 (Folat oder Folsäure).

Ein Folsäuremangel, so belegen weltweit alle Studien, kann bei Schwangeren dazu führen, dass ihr Baby schon in einer frühen Entwicklungsphase schwere Fehlbildungen entwickelt, die entweder zur Folge haben, dass das Kind nicht lebensfähig ist oder mit einem offenen Rücken (Neuralrohrdefekt) zur Welt kommt. Das bedeutet, dass sich der Rückenmarkskanal, in dem die Nervenbahnen des zentralen Nervensystems verlaufen, nicht geschlossen hat. Das Rückenmark wölbt sich nach außen.

Pflegefälle. Das muss noch nicht zwangsläufig eine dauerhafte Schädigung des Kindes bedeuten. Aber im ungünstigen Fall sind die betroffenen Kinder dauerhafte Pflegefälle mit schwersten motorischen und geistigen Behinderungen. Abgesehen vom damit verbundenen Leid für die Betroffenen und ihre Angehörigen belaufen sich allein die Betreuungskosten auf geschätzte 600.000 Euro pro Fall. „Wir hatten in den vergangenen Jahren leider mehrere Kinder, die mit Neuralrohrdefekten geboren wurden, die durch die Zufuhr von Folsäure hätten vermieden werden können“, berichtet Karl Zwiauer, Leiter der Kinder- und Jugendabteilung am Landesklinikum St. Pölten. In Österreich kommen jährlich etwa zehn bis 15 Babys mit Fehlbildungen aufgrund eines Folsäuremangels der Mutter zur Welt.

Die registrierten Neuralrohrdefekte sind aber nur die Spitze eines Eisbergs. Da statistisch auf 1000 Geburten 1,0 bis 1,5 Neuralrohrdefekte kommen, müssten es bei 74.000 jährlich in Österreich verzeichneten Geburten etwa 75 bis 100 Fälle sein. Sehr wahrscheinlich wird in jenen Fällen, die in keiner Statistik aufscheinen, die Fehlbildung vorzeitig erkannt und das Kind abgetrieben. Und die Neuralrohrdefekte sind nur ein Teil der möglichen fetalen Entwicklungsschäden, die auf Folsäuremangel in der Schwangerschaft zurückzuführen sind. „Bei Fehlbildungen wie Lippen-, Gaumen- und Kieferspalte oder im Bereich der harnableitenden Organe ist der Zusammenhang ebenfalls eindeutig belegt“, erklärt Zwiauer.

Ein Folsäuremangel kann aber nicht nur negative Auswirkungen auf die Entwicklung eines Kindes im Mutterleib haben, sondern langfristig auch beim Erwachsenen zu erheblichen Gesundheitsschäden führen – so etwa zu einer vorzeitigen Verkalkung der Blutgefäße, wodurch sich das Risiko, einen Schlaganfall oder Herzinfarkt zu erleiden, erheblich erhöht. Durch Folsäuremangel wird vor allem die Verkalkung von Mikrogefäßen im Gehirn begünstigt. Dadurch kommt es zu kaum merklichen Mikro-Schlaganfällen, die zu vorzeitiger Demenz führen können. Experten vermuten sogar, dass ein Folsäuremangel auch das Alzheimer-Risiko erhöht.

Um eine ausreichende Versorgung der Bevölkerung mit Folsäure zu gewährleis­ten, beabsichtigt ÖVP-Gesundheitsminis­terin Andrea Kdolsky, per Gesetz eine Anreicherung des Mehls mit Folsäure vorzuschreiben. Ein entsprechender Entschlie­ßungsantrag, den die Abgeordneten Johannes Maier (SPÖ) und Hermann Schultes (ÖVP) im vergangenen Juli im Parlament eingebracht haben, tritt nun in eine kritische Phase. Während SPÖ-Konsumentensprecher Johannes Maier von seiner Initiative aufgrund neuerer Informationen wieder etwas Abstand nimmt, befürwortet Kurt Grünewald, der Gesundheitssprecher der Grünen, die Initiative seiner Kollegen: „Es gibt zwar auch kritische Stimmen im Klub, aber das stehe ich durch“, sagt Grünewald.

Darmkrebsrisiko. Maier hat in der Zwischenzeit gemeinsam mit Petra Lehner, der Konsumentenschützerin der Arbeiterkammer, Stellungnahmen von Konsumentenschutzorganisationen anderer EU-Länder sowie die Daten aus neueren Studien gesammelt, die ein erhöhtes Darmkrebsrisiko durch Folsäuregaben andeuten. „Das Material liegt jetzt im Gesundheitsminis­terium, das abzuwägen hat, ob die Mehl­anreicherung mit Folsäure sinnvoll ist“, sagt Maier. „Wir wollen ja nicht ein Gesundheitsproblem lösen und uns dabei ein anderes Gesundheitsproblem einhandeln.“ Zwiauer hingegen, der sich in seiner Funktion als Vorsitzender der Ernährungskommission der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde seit zehn Jahren um eine Verbesserung der Versorgung von Schwangeren mit Folsäure bemüht, bleibt weiterhin auf Kurs. Bei den von Maier angeführten Studienergebnissen handle es sich um vorläufige Daten aus Studien an Hochrisikopatienten, die schon bei Studienbeginn Darmpolypen hatten. Bei diesen Patienten habe man teilweise ein leicht erhöhtes Darmkrebsrisiko gefunden. „Gerne verschwiegen oder miss­achtet werden allerdings Studien, die eindeutig zeigen, dass Folsäure bei Gesunden die Entwicklung von Darmkrebs verhindert.“ Jedenfalls hätten die derzeit vorliegenden Daten bisher in jenen Ländern, die bereits mit Erfolg Mehl mit Folsäure anreichern, zu keiner Änderung dieser Praxis geführt, „weil die positiven Effekte die möglichen Risiken von Hochrisikopatienten bei Weitem überwiegen“, sagt Zwiauer.

In den USA und Kanada werden schon seit 1998 nicht nur Mehl, sondern auch Reis, Zerealien und Fruchtsäfte ­– insgesamt mehr als 30 Produkte – mit Folsäure angereichert. Und tatsächlich hat sich dort die Zahl der Kinder, die mit einem Neuralrohrdefekt oder schweren Fehlbildungen aufgrund eines Folsäuremangels der Mutter zur Welt kommen, seither von etwa 6000 auf weniger als 3000 halbiert. Nicht nur das: Eine in den Jahren 2005 und 2006 im Fachblatt „Circulation“ publizierte Studie der National Institutes of Health (NIH) zeigt, dass seither die Schlaganfallrate statt um die erwarteten 0,7 Prozent um reale 5,4 Prozent zurückgegangen ist. In Relation zur Vergleichsgruppe in England und Wales, wo es keine Folsäure-Supplementierung gab, ist die absolute Zahl der Schlaganfälle um 23.000 gesunken. Auch die Zahl der Herzinfarkte ist etwa im gleichen Maß zurückgegangen.

Nur in Irland. In Europa geschieht die Mehlanreicherung mit Folsäure bisher nur in Irland. Die EU will eine solche Maßnahme derzeit nicht zentral vorschreiben, sie hat auch keine diesbezügliche Empfehlung herausgegeben. Daher bleibt eine eventuelle Anreicherung von Nahrungsmitteln den Einzelstaaten überlassen. Die Befürworter der Mehlanreicherung hoffen aber, dass Österreich dabei eine Vorreiterrolle spielen könnte.

Olaf Stanger, Oberarzt an der Universitätsklinik für Herzchirurgie in Salzburg, ist der wissenschaftliche Motor hinter der Initiative zur Mehlanreicherung mit Folsäure. Seit Jahren wird beobachtet, dass die Menschen einerseits immer älter und deshalb immer kränker werden, dass es aber andererseits auch immer jüngere Herzpatienten gibt. „Die kleinsten Gefäße reagieren besonders sensibel auf Homo­cys­tein“, erklärt Stanger. „Und je niedriger der Folsäurespiegel im Blut, desto höher das Homocystein. Dazu steigt der Anteil der Herzpatienten mit erhöhtem Homo­cystein-Spiegel kontinuierlich an.“ Homocystein ist eine Aminosäure, die bei der Entstehung der Arteriosklerose eine Rolle spielt. Lange Zeit wurde Homocystein überhaupt als zentraler Faktor bei der Gefäßverkalkung angesehen. Inzwischen hat sich diese Sicht gewandelt. Denn Folsäuregaben können zwar den Homocystein-Spiegel im Blut wirksam senken und sogar den Brustdruck von Angina-pectoris-Patienten lindern, aber der gleiche Effekt war auch bei Patienten mit niedrigem Homocystein-Spiegel erzielbar. War es also gar nicht das Homocystein?

Inzwischen kennt die Wissenschaft einen anderen Zusammenhang – dass nämlich Folsäure seine Homocystein-senkende Wirkung nur in Verbindung mit dem Vitamin B12 entfaltet. Viele alte Leute leiden aber unter einem B12-Mangel, sodass sie Folsäuregaben gar nicht verwerten können. „Die können Sie mit Folsäure vollstopfen, bei gleichzeitigem B12-Mangel funktioniert es einfach nicht“, sagt Stanger. Deshalb bezieht sich der parlamentarische Entschließungsantrag zur Mehlanreicherung nicht nur auf das Vitamin B9 (Folsäure)‚ sondern auch auf das Vitamin B12. Und noch etwas weiß die Wissenschaft: Homocystein ist jener Stoff, der bei den komplexen Vorgängen in der Gefäßwand, die zur Arteriosklerose führen, Entzündungsprozesse fördert – zentrale Faktoren der Gefäßverkalkung. Stanger ist überzeugt, dass man durch Folsäuregaben nicht nur der Gefäßverkalkung, sondern einer ganzen Reihe von weiteren Krankheits­prozessen vorbeugen beziehungsweise entgegenwirken und dabei viel Geld sparen könnte. „Folsäure ist ein starkes Anti­depressivum, sodass man sich bei Antidepressiva die halbe Dosierung sparen kann“, nennt der Herzchirurg ein Beispiel.

500 Milliarden Euro würden jährlich in Europa für die Behandlung neurodegenerativer Erkrankungen ausgegeben. Die 200.000 Euro, welche die Mehlanreicherung mit Folsäure jährlich in Österreich kosten würde, seien dagegen ein Klacks. Damit könnte man aber einen Teil der neurodegenerativen Erkrankungen, wenn schon nicht verhindern, so wenigstens hinauszögern. Jeder verhinderte Mikro-Schlaganfall verzögere die Entwicklung einer Demenz. Erste klinische Studien würden sogar zeigen, dass sich durch Folsäuregaben die Entstehung von Alzheimer bei Parkinson-Patienten „günstig beeinflussen oder vielleicht sogar verhindern lässt“. – „Es deutet vieles darauf hin, allerdings noch nicht im Sinne einer harten Evidenz“, schränkt Zwiauer ein.

Von Robert Buchacher