Mit der Türkei verhandeln?

Warum ich Jörg Haiders Argumente den Argumenten Samuel Huntingtons vorziehe.

Wenn Samuel Huntington vor dem Beitritt der Türkei zur EU warnt (profil 34/04), ist das ernst zu nehmen und kann nicht als „reaktionär“ abgetan werden. Immerhin warnt auch ein Helmut Schmidt vor diesem Beitritt, während Jörg Haider ihn begrüßt. Man sollte also Argumente ad hominem besser beiseite lassen und bekennen, dass es um eine ungemein schwierige Entscheidung geht, für die es gute Argumente in beide Richtungen gibt:

Haiders Argument, dass die Aufnahme der Türkei sie am ehesten vor islamischem Fundamentalismus bewahrt, ist so berechtigt wie Huntingtons Sorge, dass die EU sich mit diesem Experiment übernehmen könnte.

Ich bin näher bei Haider als bei Huntington und möchte das begründen:
„Seit den späten zwanziger Jahren“, argumentiert Samuel Huntington, „haben die türkische Regierung und die türkischen Eliten die Europäisierung der Türkei gepusht. Kemal Atatürk ersetzte die arabische Schrift durch die lateinische, schaffte das Kalifat ab und wollte aus der Türkei einen modernen europäischen Staat machen. Siebzig Jahre später ist dieses Ziel nur teilweise erreicht. Die große Mehrheit der Türken pflegt noch immer ihre ursprüngliche moslemische Kultur.“

Doch was Huntington in die Nähe des Scheiterns rückt, kann man auch als gewaltigen Erfolg beschreiben: Innerhalb von nur siebzig Jahren hat die Türkei aufgehört, ein moslemisches Kalifat zu sein.

Atatürk ging so weit, den Fez zu verbieten. Er verlangte, breitkrempige Hüte an seiner Stelle zu tragen, und nahm den Moslems damit die Möglichkeit direkter Kommunikation mit Allah. Das entspräche in unseren Breiten einem Verbot des Kreuzes.

So etwas kann nicht ohne Reaktion geschehen. Trotzdem blieb als politisches Ergebnis: ein Rechtssystem wie das unsere. Ein Bildungssystem wie das unsere. Ein mittlerweile funktionierendes demokratisches System. Und vor allem die klare Trennung von Kirche und Staat. In Österreich müssen Schulen bis heute Kreuze anbringen – an türkischen Schulen und Universitäten darf nicht mit Kopftuch unterrichtet werden.

An diese Tradition der Trennung von Kirche und Staat hat sich auch die derzeit regierende islamische Partei bisher gehalten. Die Unverrückbarkeit dieser Trennung, nicht aber die Aufgabe islamischer Kultur scheint mir die entscheidende Voraussetzung für die Aufnahme der Türkei in die EU.

Es geht hier auch um eine noch nicht ausgestandene Diskussion in der EU: Eine Reihe von Mitgliedsländern will das hohe C in der EU-Verfassung verankern. Und dagegen wehre ich mich. Nicht, weil ich bestritte, dass unsere Kultur wesentliche christliche Wurzeln hat (obwohl man alle anderen nicht ständig vergessen sollte), sondern weil ich Huntingtons „Krieg der Kulturen“ von beiden Seiten her fürchte. Ich will auch nicht Kreuzzüge George W. Bushs unterstützen.

Deshalb lege ich Wert darauf, nicht nur im Christentum, sondern auch in der Trennung von Kirche und Staat im Zuge der Aufklärung ein wesentliches Element abendländisch- westlicher Kultur zu sehen. Wenn die katholische Kirche in Irland einen nach wie vor überragenden Einfluss auf den Staat hätte, dann schiene mir das ein größeres Hindernis für die Zugehörigkeit zur EU als die islamische Tradition der Türkei, solange ihr der Einfluss auf den Staat versagt bleibt.

Damit habe ich eine ziemlich einfache Position zu den Beitrittsverhandlungen mit der Türkei: Um positiv abgeschlossen zu werden, müssten sie ergeben, dass die Trennung von Kirche und Staat dort irreversibel verankert ist.

Ob dagegen zu Allah statt zu Gott Vater oder Gott Sohn gebetet wird, ist Privatsache.

Nicht unerheblich erscheint mir allerdings, dass Gott Vater, Gott Sohn und Allah durchwegs Männer sind. Der Kampf Atatürks war nicht zuletzt ein Kampf für die Gleichberechtigung der Frau, die in der Türkei vor 70 Jahren beschlossen wurde. Wie sie 2004 in der Praxis aussieht, illustriert der Film „Gegen die Wand“. Dennoch ist die „Europäisierung“ der Türkei auch in diesem Bereich unübersehbar: Das Straßenbild von Istanbul oder Ankara ist dem von Wien ungleich ähnlicher als dem von Marrakesch (um eines der westlichsten islamischen Länder zum Vergleich heranzuziehen).

Natürlich ist Istanbul oder Ankara so wenig die Türkei wie das (liberale) New York die (protestantisch puritanischen) USA. Aber Ankara ist die Hauptstadt, und Istanbul ist eine europäische Metropole. Ihr das abzustreiten ist absurd: Immerhin war Konstantinopel durch Jahrhunderte eines der Zentren „unserer“ Welt.
Und Kaffee ist nach Wein und Bier zumindest das drittwichtigste Getränk des Abendlandes.

Ob die Türkei eine „europäische Nation“ ist, ist zu beantworten wie die Frage nach einer „österreichischen Nation“: Wir sind es, weil wir es aufgrund der jüngeren Geschichte sein wollen.

Die heutige Türkei will aufgrund der jüngeren Geschichte eine europäische Nation sein. Jedenfalls sagt das eine vom Volk demokratisch gewählte Regierung. Beitrittsverhandlungen mit ihr im Geiste Huntingtons abzulehnen, weil dieses Volk mehrheitlich an Allah glaubt, hieße, eine der wesentlichsten europäischen Errungenschaften zu missachten: die Trennung von Kirche und Staat.

PS: Ob die Türkei ansonsten alle Bedingungen eines Beitritts erfüllt, ist ein anderes Kapitel. Es ist streng zu prüfen. Aber wenn die Türkei diese Prüfung besteht, ist sie aufzunehmen. Samt Islam.