Honduras: Die Schreckensherrschaft der Jugendbanden

Im Schatten des Drogenkrieges in Mexiko und des südamerikanischen Wirtschaftsbooms hat sich Mittelamerika zur gefährlichsten Region der Welt entwickelt. In Honduras haben Jugendbanden das staatliche Gewaltmonopol längst unterwandert.

Wer dabei sein will, muss 13 Sekunden ausharren: So lange prügelt ein Dutzend Männer mit voller Wucht auf den Anwärter ein. Weibliche Kandidaten haben die Wahl zwischen Fausthieben und Baseballschläger oder der Vergewaltigung durch mindestens drei Bandenmitglieder. Es geht um Schmerzen, Qual und Gefügigkeit. Wer die Tortur über sich ergehen lässt, ist drinnen: So lauten die Kriterien für die Aufnahme in die lateinamerikanische Jugendbande "Mara Salvatrucha“. Fünf Sekunden länger dauert das Aufnahmeritual bei ihren Rivalen, der "Mara 18“.

"Mara“ heißt auf Spanisch "Jugendbande“, ursprünglich aber kommt das Wort von "Marabuntas“: aggressive Wanderameisen, die scharenweise in ein Gebiet einfallen und dabei eine Schneise der Verwüstung hinterlassen. Die "Mara Salvatrucha“, abgekürzt "MS13“ oder "MS“, und die "Mara 18“, kurz "M18“ oder "La18“, sind die größten und brutalsten Gangs der Welt. Ihre Mitglieder erkennt man an den mit Tattoos übersäten Körpern.

Die "Maras“ sind längst nicht mehr nur Jugendgangs; sie stellen eine Bedrohung für ganz Mittelamerika dar, besonders aber für Guatemala, El Salvador und Honduras. Schätzungen zufolge haben sie in der Region bis zu 100.000 Mitglieder. Sie morden, stehlen, rauben, erpressen, vergewaltigen; sie kontrollieren den Waffen-, Drogen- und Menschenhandel; sie herrschen über ganze Bezirke oder gar Städte, in denen sie "Steuern“ einheben - und schaffen damit Zonen, in denen sie allein über Recht und Ordnung gebieten.

Ein politisches Ziel kennen sie zwar nicht, den Staat unterwandern sie trotzdem massiv. Nirgendwo ist das so augenfällig wie in Honduras, wo sich die Zahl der Morde seit 2005 verdoppelt hat. Damit liegt sie weit über dem mittelamerikanischen Durchschnitt: Pro 100.000 Einwohner kommen hier jährlich 92 Menschen gewaltsam ums Leben, mehr als irgendwo sonst auf der Welt. In Mexiko sind es 18, in Österreich gar nur 0,6.

All das hat vor wenigen Tagen sogar Barack Obama auf den Plan gerufen. Anfang Mai besuchte der US-Präsident den mittelamerikanischen Gipfel in Costa Rica - das hatte zuletzt John F. Kennedy im Jahr 1963 getan. Empfangen wurde Obama von einer klaren Botschaft des honduranischen Staatschefs Porfirio Lobo Sosa: "Wir benötigen die dezidierte Unterstützung der Vereinigten Staaten zur Bekämpfung des gemeinsamen Feindes. Wir, die Länder dieser Region, stellen die Toten in einem Krieg, den wir nicht begonnen haben.“

Eklatantes Sicherheitsproblem
Tatsächlich ist Mittelamerika als Region ein politisches und wirtschaftliches Leichtgewicht, das es nur selten in die Schlagzeilen schafft. Sechs Länder, eingezwängt zwischen dem wirtschaftlich boomenden Kontinent im Süden und der Supermacht USA im Norden, zwischen den wichtigsten Kokainproduzenten und deren wichtigstem Markt: Daraus resultiert ein eklatantes Sicherheitsproblem.

Die Tatsache, dass 90 Prozent des für den nordamerikanischen Markt bestimmten Suchtgifts über Honduras geschmuggelt werden, hat aus dem kleinen Land mit seinen laxen Waffengesetzen und seinem Klima der Straflosigkeit einen Umschlagplatz für Waffen und die Lieblingsdestination untergetauchter Drogenbosse gemacht.

Honduras
, nach Haiti das zweitärmste Land in der westlichen Hemisphäre, hat keine Industrie, keine nennenswerten Bodenschätze, dafür gewaltige Schulden und eine Elite von zehn Familien, die seit 30 Jahren die Politik des Landes bestimmt. Seit dem jüngsten Putsch im Jahr 2009 nahmen die Menschenrechtsverletzungen in Honduras weiter zu, das Land klettert in jedem erdenklichen Negativ-Ranking weiter nach oben.

Die einzige Kraft, die das Land unter Kontrolle zu haben scheint, sind die Maras. Die Angaben über die Zahl ihrer Mitglieder schwanken stark: Zwischen 5000 und 35.000 sollen es sein. Die ältesten sind Mitte 30, die jüngsten noch im Volksschulalter.

Drei Jahre beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung eines Marero ab dem Einsteig in eine der Banden. Länger überlebt kaum einer die "vida loca“, das "verrückte Leben“ - so nennen sie das Dasein zwischen Gruppensolidarität, Drogen und Gewaltexzessen.

Die Maras übernehmen die Funktion der Familie, sie verleihen Identität, Zugehörigkeitsgefühl und Stärke. Mareros sagen sich von ihren Familien los, legen ihre bürgerlichen Namen ab, scheren sich die Köpfe kahl, lernen Geheimsprachen und tätowieren sich ihre neue Zugehörigkeit auf Arme, Beine, Bauch, Rücken und Stirn. Ihre Tattoos verraten, wie viele Menschen sie ermordet und wie viele Freunde sie verloren haben: ein Sarg für jeden Ermordeten, eine Träne für jeden verlorenen Freund.

"Für meine Mutter lebe ich, für meine Mara sterbe ich“, schwören die Mareros. Es ist ein Bund fürs Leben, ein bis zur letzten Konsequenz einzuhaltender Ehrenkodex, ähnlich jenem der italienischen Mafia. Je größer das kontrollierte Territorium, desto höher das Ansehen.

Wo die Macht der "clikas“ (Clique) außerhalb der "Barrios“ (Viertel) nicht ausreicht, helfen die "Homies“ (Kumpel) in anderen Gegenden aus. So haben die Maras das staatliche Gewaltmonopol nicht nur gebrochen, sondern weitgehend übernommen. In Ländern mit einer 70- bis 80-prozentigen Armutsrate bieten die Maras die einzige Möglichkeit für einen sozialen Aufstieg, Zugang zu Konsumartikeln, Anerkennung und soziales Prestige.

Ihre Entstehung geht auf die blutigen Konflikte zurück, von denen Mittelamerika in den 1980er- und und 1990er-Jahren heimgesucht wurde. Die Kriege führten dazu, dass Hunderttausende in die USA emigrierten. Diejenigen, die dort den sozialen Aufstieg nicht schaffen, landeten in den Elendsvierteln der großen Metropolen und bildeten Gangs. Die Ursprünge der "MS18“ etwa liegen in der 18. Straße im Stadtteil Rampart von Los Angeles. "Mara Salvatrucha“ ist ein Wortspiel aus "Salvadorianer“ und "gewitzt“.

Mit dem Ende der Bürgerkriege schob die US-Regierung rund eine halbe Million Menschen, die zu Gefängnisstrafen von mindestens einem Jahr verurteilt worden waren, in ihre Heimat ab, wo sie nach und nach ihre brutalen Netzwerke aufzogen.

Inzwischen hat auch Amerika das Problem erkannt - und versucht, es durch Geld zu lösen. 500 Millionen Dollar haben die USA bereits in den Anti-Drogen-Kampf in Mittelamerika investiert, allein im laufenden Budgetjahr sind es noch einmal 160 Millionen Dollar. Bislang halten sich die Erfolge allerdings in Grenzen.

Eine Unicef-Studie, in die im vergangenen Jahr über 4700 Gang-Mitglieder einbezogen wurden, kam zu dem Ergebnis, dass tatsächlich viel Geld nötig wäre, um den Gangs das Wasser abzugraben - allerdings müssten die Staaten in die Ausbildung der Jugend investieren. Besonders Kinder aus desolaten Familien, Waisen und Jugendliche ohne Schuldbildung und Zugang zu sozialer Hilfe fallen den kriminellen Banden anheim.

Doch der Staat Honduras ist notorisch pleite und kann seine Beamten und externen Dienstleister oft monatelang nicht bezahlen. "Präventive Sozialarbeit“, wie das UN-Kinderhilfswerk Unicef vorschlägt, bleibt ein frommer Wunsch.

Stattdessen musste die Stadtverwaltung der honduranischen Hauptstadt Tegucigalpa aus Kostengründen Anfang des Jahres die Sicherheitskameras im öffentlichen Raum abdrehen. Die Gangs hingegen verschärfen den Ton: "Um sieben Uhr Abend müssen diese Geschäfte geschlossen sein und die Leute zu Hause bleiben“, haben sie in mehreren Gegenden per Flugblatt verfügt.

Ein Sprecher der Polizei sagte dazu gegenüber Medien, er habe davon nichts gehört, das könne aber daran liegen, dass die Bewohner Angst hätten, darüber zu reden. Die Polizeistationen in den betroffenen Vierteln sind seit Jahren verwaist.

Der Staat hat sich leise verabschiedet.


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