Dubios: Nobelpreis für den chinesischen Romancier Mo Yan

Die Entscheidung, dem chinesischen Romancier Mo Yan den Literaturnobelpreis zu verleihen, stößt nicht nur auf Zuspruch. Wolfgang Paterno über eine bittere literarische Märchenstunde.

Was zähle, sei die Kunst, nicht Ideologie. Um der Literatur willen möge man „frohen Herzens einen Berg von Messerspitzen erklimmen“, heißt es in einem frühen Roman Mo Yans. Das schwedische Nobelpreiskomitee, das in der Prosa des chinesischen Autors eine „Mischung aus Fantasie und Wirklichkeit“ geortet haben will, hat sich offenbar von Fantasterei und literarischem Schelmenspiel hinreißen lassen; im Feld des Politischen scheinen etliche Fragen offen.

Wie ist etwa der Umstand zu erklären, dass Mo Yan in seiner 1988 auch verfilmten Landballade „Das rote Kornfeld“ (1986; dt. 1993) einen gegen das sozialistische Regime gerichteten Bauernaufstand beschreiben durfte, während wenig später auf dem Pekinger Platz des himmlischen Friedens die chinesische Demokratiebewegung blutig niedergeschlagen wurde? Weshalb trat der Autor 2009 als Mitglied der offiziellen Delegation Chinas beim Gastlandauftritt auf der Frankfurter Buchmesse nicht deutlicher jenen Zweiflern entgegen, die ihm unterstellten, zu wenig Distanz zur Staatsmacht zu halten, ihn einen „Staatsschriftsteller“ nannten? Er sei, ließ der Autor damals ausrichten, bei einem Institut des Pekinger Kulturministeriums angestellt, das für seine Sozial- und Krankenversicherung aufkomme. Und wie lässt sich jenes Motto – ein zweideutiges Zitat Stalins – deuten, das der Schriftsteller seinem Roman „Die Knoblauchrevolte“ (1989; dt. 1997) voranstellte: „Romanautoren versuchen immerzu, sich von der Politik zu distanzieren, aber der Roman selbst kreist um die Politik. Romanautoren beschäftigen sich so sehr mit dem ,Menschenschicksal‘, dass sie dazu neigen, ihr eigenes Schicksal aus den Augen zu verlieren. Darin liegt ihre Tragödie.“

Mo Yan , 57, ist so etwas wie ein Märchenonkel, der die Leser um das Feuer seiner halluzinatorischen Imaginationskraft schart. Skurriler Symbolismus und (zumindest durch die Brille westlicher Sozialisation) schwer enträtselbare Ambivalenzen prägen das Erzählen dieses Autors: Es wimmelt in den Romanen Mo Yans von Spiegeln, Doppelgängern, Verwechslungen, Täuschungsmanövern, Anspielungen und unsteten Handlungslinien. Zudem ist dieser Literat ein Virtuose des Blutrünstigen und Bizarren: In den Grotesken „Die Schnapsstadt“ (1992; dt. 2002) und „Der Überdruss“ (2006; dt. 2009) werden Kinder und Grundbesitzer knusprig geröstet: „Durchgebraten lag ich bäuchlings im eigenen Saft.“ Ans „Schweinschlachten“ denken die Protagonisten, sobald sie sich einander erotisch nähern; bei lebendigem Leib rinnt einem Opfer der „warme Brei“ der Latrine in den Mund. Als Esel, Stiere und Affen werden Figuren, die bereits zu Lebzeiten Zombie-Existenzen führten, wiedergeboren.

Die Lektüre dieser Bücher verlangt nicht nur aufgrund der reichlich durchsichtigen Ironie, mit der Mo Yan Zensur und staatliche Kontrolle zu unterlaufen versucht, Durchhaltevermögen, das nicht immer belohnt wird. Zu einem schlüssigen Finale findet der Autor kaum je; seine Romane gleichen oft eher einer Odyssee als einer Punktlandung. Gegen Ende von „Der Überdruss“ schaltet sich der Erzähler ein, geschwätzig wie eine Scheherazade, um „mit dieser endlosen Geschichte doch noch zum Schluss zu kommen“.

Seinen Künstlernamen Mo Yan, der „Sag nichts“ bedeutet – ein Befehl, den ihm seine Mutter während der Kulturrevolution einschärfte –, legte sich der in Gaomi in der ostchinesischen Provinz Shandong unter dem bürgerlichen Namen Guan Moye geborene Autor bereits als Soldat der Volksbefreiungsarmee zu. Mit Mo Yan zeichnen die schwedischen Literaturkampfrichter einen der erfolgreichsten, mit über zehn voluminösen Romanen und mehr als 70 Erzählungen auch einen der produktivsten Autoren Chinas aus, eine Wahl nach den Grundsätzen des Populären und Gleichgeschalteten. Nach Bekanntgabe der Entscheidung berichteten die chinesischen Staatsmedien stolz (und unzutreffend), Mo Yan sei der „erste chinesische Bürger“, der diesen Preis je erhalten habe. Der im Jahr 2000 ebenfalls mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Menschenrechtler und Exil-Chinese Gao Xingjian war eine mutige Wahl. Mo Yans Auszeichnung mit dem bedeutendsten Literaturpreis der Welt ist ein von massivem Misstrauen überschattetes Plädoyer für die reine Dichtkunst.