Mobilität: „Die gesamte Identität ändert sich“

Jeremy Rifkin, Jahrgang 1945, ist Gründer und Vorsitzender der Foundation on Economic Trends mit Sitz in Washington. Seine bisher 16 Bücher über wirtschaftliche, gesellschaftliche sowie politische Veränderungen und deren Folgen, wie „Access – Das Verschwinden des Eigentums“ oder „Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft“, wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Die zunehmende Mobilität der Gesellschaft in unterschiedlichsten Ausprägungen ist in Rifkins Büchern dabei ein ständig wiederkehrendes Thema. Bekannt ist der Forscher, der an der renommierten Wharton School, der Business School der University of Pennsylvania, unterrichtet, zudem aufgrund seiner kritischen Einstellung gegenüber der Biotechnologie. Der als eloquenter Redner bekannte Rifkin berät Unternehmen und Politiker. EU-Kommissionspräsident Romano Prodi gehört beispielsweise zu jenen, die auf seinen Rat hören. „The National Journal“ zählte ihn zu jenen 150 Personen in den USA, die über den stärksten Einfluss auf die Gestaltung der Politik verfügen.

profil: Auf den Straßen, am Flughafen oder im Bus sind heute immer häufiger Menschen zu sehen, die mit dem Handy oder dem Laptop ihren Geschäften nachgehen. Verwandeln sich unsere Städte in ein mobiles Großraumbüro?
Rifkin: Das ist bereits passiert. Nur noch wenige Personen sind an ihren Arbeitsplatz gebunden. Alle anderen nutzen bereits die Vorzüge dieser Beweglichkeit, um Zeit zu sparen und die Effizienz zu erhöhen. Auch jene Zonen, die immer streng voneinander abgegrenzt waren, haben sich heute weit gehend aufgelöst. Es gab früher eine Arbeitszone sowie eine Privatzone. Heute arbeiten Leute im Wohnzimmer für ihr Unternehmen. Es ist eine totale Vernetzung, die durch die steigende Mobilität entsteht.
profil: Der Arbeitsplatz, wie wir ihn kennen, wird also Geschichte sein?
Rifkin: Es wird keine Arbeitsplätze mehr geben, sondern Arbeitsabläufe mit verschiedenen Schauplätzen. Wenn jemand durch Technologien wie das Internet 24 Stunden von jedem Ort aus online seinen Job machen kann, hebt das die Bindung an einen festen Ort auf. So wird traditionelle Arbeit weit gehend dezentralisiert. Es spielt keine Rolle, ob Sie gerade im Auto sitzen oder in einem anderen Land wichtige Dokumente versenden.
profil: Viele Experten sind der Ansicht, dass die Hauptrolle in dieser mobilen Berufswelt dem Handy zukommen wird.
Rifkin: Die Geschäftswelt der Zukunft wird eine mobile Welt sein, in der das Handy eine entscheidende Funktion übernehmen wird. Das passiert aber nicht von heute auf morgen. Wir können nicht erwarten, dass solche Veränderungen rasch ablaufen. Der Reifegrad der Technik ist sicher ein gleichermaßen wichtiger Faktor wie die menschliche Lernfähigkeit. Die neuen Herausforderungen verlangen Flexibilität und neues Denken.
profil: Wie verändert dieser Trend zur Mobilität die Abläufe der Wirtschaft?
Rifkin: Es entsteht ein völlig neues Geschäftsmodell, das nichts mehr zu tun hat mit unserem jetzigen Denken, das aus der Zeit der industriellen Revolution stammt. Es ist der Wandel von den Märkten zu den Netzwerken, vom Besitz zum Zugang. Der Internet-Buchhändler amazon.com etwa ist noch ein eher konventioneller Marktplatz: Man bestellt ein Buch, sie schicken es. In Zukunft werden wir nicht mehr für den Warenaustausch zahlen, sondern beispielsweise für die Zeit. In der Musikindustrie ist diese Entwicklung voll im Gange: Beim Download eines Songs geht es nicht um das physische Medium, sondern nur noch um die Transaktion. Ermöglicht wird diese Veränderung vor allem durch die modernen Kommunikationstechnologien. Sie sind der Motor für Mobilität.
profil: Welches Stadium der Mobilität haben wir eigentlich erreicht?
Rifkin: In Europa ist zum Beispiel die Bereitschaft noch sehr gering, für einen Job in ein anderes Land zu ziehen. Das wird sich in den nächsten zehn Jahren radikal ändern, nicht zuletzt durch EU-Bildungsprogramme wie Erasmus, welches die Mobilität der Studierenden in Europa erhöhen soll. Die Menschen werden erkennen, welche Vorteile sich ergeben. Es wird eine Bewegung quer durch alle Schichten geben. Technisch ist die Entwicklung schon in einem relevanten Stadium, wenn man allein an den drahtlosen Zugang zum Internet denkt, der auch wirtschaftlich immer stärker an Bedeutung gewinnt. Jetzt geht es darum, sich psychologisch auf diese Möglichkeit einzustellen. Das braucht noch Zeit.
profil: Gesteigerte Mobilität zieht also einen gesellschaftlichen Strukturwandel nach sich, der letztlich alle Lebensbereiche erfasst?
Rifkin: Die gesamte Identität verändert sich. Wenn jeder mit jedem Land kommunizieren kann, überall arbeiten und Geld verdienen kann, lösen sich traditionelle Bindungen auf. Das Resultat sind multiple Identitäten: Man denkt regional, national und global. Auch die Beziehungen nehmen einen anderen Charakter an. Nehmen wir an, früher hat man in einer Woche 50 Menschen getroffen. Heute geht ein einziges E-Mail gleich an 1500 Empfänger, wenn es der Absender will. Der Flugverkehr ist ebenso ein Symbol. Jeder Ort unserer Welt ist in relativ kurzer Zeit erreichbar. Jemand möchte etwa in London oder New York arbeiten, kein Problem.
profil: Welche Auswirkungen der Mobilität sehen Sie sonst noch?
Rifkin: In Europa hat die Mobilität praktisch alle Grenzen und Mauern verschwinden lassen. Die Europäische Union wird daher in 20 Jahren zur größten Supermacht aufsteigen, weil sie über den größten Binnenmarkt der Welt verfügt. Das nahtlose Europa ermöglicht etwa den Aufbau eines gemeinsamen Transportsystems, einer einheitlichen Kommunikationsstruktur und von transnationalen Bildungsstandards. In geografischer Hinsicht hatten bisher nur die USA solche Möglichkeiten.
profil: Bleibt aber immer noch das Problem der unterschiedlichen Sprachen.
Rifkin: Durch wachsende Mobilität wird die Bevölkerung gleichzeitig auch eine gemeinsame Sprache entwickeln, und das wird Englisch sein. Jeder Europäer wird neben seiner Muttersprache in Englisch kommunizieren. Das Konzept von Zeit und Raum ändert sich, private und berufliche Chancen erweitern sich auf den ganzen Kontinent.
profil: Aber werden tatsächlich alle Menschen von dieser Entwicklung profitieren? Oder wird es eine Kluft zwischen einer mobilen Elite und solchen Personen geben, die den Anforderungen nicht gewachsen sind?
Rifkin: Diese Elite existiert bereits, wenn man die Fakten betrachtet. 65 Prozent der Menschheit haben noch nie einen Telefonanruf getätigt, ein Drittel muss ohne Elektrizität auskommen. Diese Leute könnten einen Computer nicht einmal einschalten, wenn sie so ein Gerät hätten. Früher gab es nur den Unterschied zwischen Arm und Reich, jetzt kommt noch ein zweiter Aspekt hinzu: der Unterschied zwischen denen, die Zugang zu Wissen oder Informationen besitzen, und jenen, die davon ausgeschlossen sind. Das schafft mehr Ungleichgewicht, politische Spannungen sowie Instabilität.
profil: Aber auch für die mobilen und gebildeten Eliten bringt diese neue Welt nicht bloß Vorteile. Oftmals erweckt die gesteigerte Mobilität schlichtweg den Eindruck größerer Hektik.
Rifkin: Genug Menschen sind überfordert, ihre Nervensysteme scheinen der ständig steigenden Anforderung kaum gewachsen zu sein. Stress ist eine Folge, die krank macht. E-Mail und Mobiltelefone sind in diesem Zusammenhang gute Beispiele. Eigentlich sollen sie Zeit sparen. Aber was passiert wirklich? Sie kosten Zeit. Jeder verfügt über weitere Kommunikationskanäle, um die er sich regelmäßig kümmern muss. Wir sparen also Zeit, um noch mehr Zeit zu verbrauchen. Früher gab es im Berufsleben lange aktive Perioden, dann wieder lange Pausen. Das ist vorbei. Der ständige Druck durch Mobilität überfordert unsere Physis tendenziell.
profil: Kann man nach Mobilität und permanenter Kommunikation auch süchtig werden? Laufen Manager, die dauernd auf Achse sind, permanent das Handy am Ohr haben und auch noch im Flugzeug mit dem Laptop arbeiten, Gefahr, so etwas wie Mobiloholics zu werden?
Rifkin: Es ist eine durchaus reale Gefahr. Jugendliche gehören ebenfalls zu den Risikogruppen: Sie sitzen nach der Schule hinter dem Computer, chatten und verschicken E-Mails. Kommunikation bekommt auf diese Weise einen Anschein von Isolation. Die Anwender haben zwar die positive Fähigkeit, mehrere Aufgaben gleichzeitig durchzuführen, aber es fehlt ihnen dafür an Konzentration sowie an Aufmerksamkeit. Die Technik sollte eingesetzt werden, wenn sie wirklich benötigt wird. Balance ist das Stichwort, ein Ausgleich zwischen Effizienz und Einschränkung. Ich glaube auch nicht, dass man überall ein Mobiltelefon benötigt. Es gibt ja schließlich auch nicht überall Zigaretten.
profil: Ist die ständige Erreichbarkeit also ein Fluch oder ein Segen?
Rifkin: Ein Fluch und ein Segen. Manager sollten eben immer erreichbar sein, aber letztlich verändert es die Art ihres Denkens. Ihre Aufgaben werden vielschichtiger, die Konzentration nimmt im Gegenzug stetig ab.
profil: Es gibt immer wieder die Kritik, dass in einer ausgeprägt mobilen Gesellschaft soziale Kontakte verloren gehen. Ist das eine reale Perspektive?
Rifkin: Hier wird oft übertrieben. Man verliert Kontakte und gewinnt neue. Es ist doch eine Frage der Vernunft: Jeder muss wissen, dass technische Kommunikation kein Ersatz für das richtige Leben sein kann. Ein echtes Problem ist hingegen die Privatheit, die in der mobilen Gesellschaft, wo alles vernetzt ist, kaum noch Platz hat. Wo die Möglichkeit besteht, online globale Informationen abzurufen und wo Daten ebenfalls mobil werden.
profil: Müssen wir uns damit abfinden, dass wir als Preis für das Zeitalter der Mobilität zu gläsernen Menschen werden?
Rifkin: Privatheit ist ursprünglich ein bürgerliches Konzept. In den alten Zeiten haben sich die Menschen auf ihrem Dorfplatz getroffen, geredet, Geschichten ausgetauscht. Was verborgen bleiben sollte, blieb auch verborgen. Ihre Kommunikation war auf einen kleinen, überschaubaren Kreis beschränkt. Heute, wo die gesamte Welt unsere Umgebung bildet, ist das nur noch unter großen Schwierigkeiten möglich. Jede Information ist heute überall verfügbar. Die kommende Generation wird Privatsphäre überhaupt als etwas Unnötiges betrachten, weil sie das gar nicht kennt.
profil: Was ist dann Ihre Vision einer perfekten mobilen Gesellschaft?
Rifkin: Eine Gesellschaft, in der es Menschen erstrebenswert finden, mit verschiedenen Identitäten zu leben. Wo sie Loyalität zu ihrer Nation, aber auch zum Planeten empfinden und ihre Kultur als etwas betrachten, das man mit anderen teilen sollte, aber nicht verteidigen muss. So werden wir zu Weltbürgern, ohne die lokale Identität zu verlieren. Letztlich wird diese Einstellung der Schlüssel zum Erfolg im 21. Jahrhundert sein.
profil: Ist nicht auch eine Gegenbewegung gewisser Gruppen denkbar, die ihrem Arbeitsplatz treu bleiben, kein Handy besitzen, ihren Computer verkaufen und sich unserer Mobilitätsgesellschaft radikal verweigern?
Rifkin: In zehn Jahren werden sich bestimmte Menschen in einer Form von Gegenbewegung durchaus gezielt zurückziehen. Weg vom krank machenden 24-Stunden-Stress, den unser Körper auf die Dauer nicht ertragen kann. Es wird eine starke Sehnsucht nach Rückzug, Einsamkeit und Ruhe geben.