Mode: Ausgeschnitten!

Helmut Langs Trennung von Prada ist ein Schock für die Branche, aber keine Überraschung: Der wichtigste Designer der neunziger Jahre wollte sich den wirtschaftlichen und kreativen Zwängen des Mutterhauses nicht mehr beugen. Dass Lang nur noch Privatmensch sein wird, halten Kenner für ausgeschlossen.

Was „Helmüüüt“ jetzt „basically“ tun wird, ist die Königsfrage in der globalen Fashion-Szene. Seine Wiener Seelenfreundin Marianne Kohn vermutet, dass sich der „Hölmut“ zuerst einmal der Intensivierung der Haustierpflege widmen dürfte. Neben Hunden, Katzen sind auf dem Long-Island-Anwesen auch 14 Hühner zu versorgen, deren Eier der 48-jährige Meister frühmorgens gern persönlich einsammelt. Kohn selbst ist froh, „dass Bertelli sich jetzt sein eigenes Grab geschaufelt hat“, denn ihr Freund sei durch den Psychostress der vergangenen Monate „nur knapp am Herzinfarkt“ vorbeigeschrammt.

Dass Helmut Lang, für viele seit langem der einflussreichste Designer der Gegenwart, sich nach seiner am Montag vergangener Woche bekannt gegebenen Trennung von Prada, auf ein geruhsames Marie-Antoinette-Dasein am Meeresstrand beschränken wird, ist zu bezweifeln. Fest steht einstweilen nur, dass die anstehenden Shows in Paris ersatzlos gestrichen wurden und Lang bereits sein Büro geräumt und sämtliche persönlichen Gegenstände, vor allem die Objekte der von ihm vergötterten Künstlerin Louise Bourgeois, aus seinem Büro in der Greene Street im New Yorker Künstlerviertel SoHo mitgenommen hat. „Es herrscht eine Stimmung wie auf einem Geisterschiff“, erklärt der Österreicher Tino Valentinitsch, erst seit kurzem Mitglied des Kreativteams um Helmut Lang und dort für das Schuhdesign verantwortlich. „Aber Helmuts Abgang hat mich nicht sonderlich überrascht. Intern hat sich das seit geraumer Zeit abgezeichnet. Deswegen war der emotionale Schock für mich nicht so groß.“

Zwei Drittel der insgesamt 30-köpfigen Belegschaft im „Design-Office“ haben oder wurden inzwischen gekündigt. Die kreativen Geschäfte wurden am vergangenen Dienstag vom Chef der Prada-Gruppe, Patrizio Bertelli, vorläufig der langjährigen Lang-Mitarbeiterin Melanie Ward überantwortet. Ward, ursprünglich Stylistin des britischen Szene- und Stylemagazins „i-D“, hatte unter anderem für Calvin Klein, Prada und Yohji Yamamoto gearbeitet und gehört seit über zwölf Jahren zum inneren Kreis des betont öffentlichkeitsscheuen Österreichers.

Die Geisterschiffstimmung war am 24. Jänner kulminiert: In einer knappen Presseerklärung gab die Prada-Gruppe, erst seit Oktober des Vorjahres 100-Prozent-Eigentümerin des Helmut-Lang-Labels, ihre Trennung von Mastermind Lang bekannt. Der Begriff „Label“ allerdings greift in diesem Zusammenhang viel zu kurz: Lang-Aficionados sind Mitglieder einer Glaubensgemeinschaft, die des Meisters hohe Kunst der Reduktion nicht als Mode, sondern als identitätsstiftendes Lebensgefühl verstehen. Was der bekennende Ornamenthasser Adolf Loos für die Architektur der Jahrhundertwende geleistet hatte, übertrug der ehemalige Kellner des Wiener Szenelokals Motto Jahrzehnte später auf seine Vision von Mode. Zu den prominenten Missionierten zählen unter anderen Uma Thurman, Sophia Coppola, David Bowie oder Herbert Grönemeyer – Repräsentanten einer, auch so ein Lang-Lieblingswort aus dem von ihm gepflogenen Fashion-Esperanto, „basically sophisticated“ Schickeria, deren Glamour-Verständnis jenseits von lautem Krawalldesign à la Roberto Cavalli und Versace liegt.

Gemessen an der abgehobenen Kultaura, die „der Wunderknabe“, so die „Financial Times“, um seinen Namen zu kreieren vermochte, fielen die irdischen Fakten der vergangenen Jahre eher ernüchternd aus. Als Prada-Chef Patrizio Bertelli 1999 51 Prozent von Helmut Lang (siehe auch Kasten Seite 82) erwarb, wies das Unternehmen noch einen Jahresumsatz von 77 Millionen Euro aus. Im Geschäftsjahr 2004 waren es nur mehr 30 Millionen Euro; abzüglich der Investitionen schrieb das Label mehrere Millionen Euro Verlust und bestritt lediglich zwei Prozent des Gesamtumsatzes der Prada-Gruppe.

Verkaufseinbrüche. Die Ursachen für den drastischen Einbruch sind vielfältig: Die Nachwirkungen des 11. Septembers 2001, die anhaltende Wirtschaftskrise, die Zurückhaltung der Japaner und die Tatsache, dass die kaufkräftigen Osteuropäer (und deren Gattinnen) die raffinierte, fast zenbuddhistisch anmutende Schlichtheit der Lang-Klamotten seit jeher wenig zu schätzen wissen, fallen dabei ebenso ins Gewicht wie der Umstand, dass Lang für Körper schneidert, „deren Besitzer sich keine Sünden erlauben dürfen“, so die „International Herald Tribune“.

„Wir mussten ihn wieder aus unserem Programm nehmen“, bedauert die Chefeinkäuferin einer renommierten US-Kaufhauskette, „Lang blieb bei uns liegen, zu abseitig vom Mainstream. Die amerikanische Durchschnittsfrau ist für seine Schnitte nicht gebaut. So viele denkende Bulimikerinnen gibt es in unserem Land nicht.“

Brigitte Winkler, Modeexpertin des „Kurier“ und Lang-Fan der ersten Stunde, führt die Vermarktungsprobleme der „Greta Garbo der Medienszene“ („Spiegel“) auch darauf zurück, dass der Designer „ganz im Gegensatz zu Karl Lagerfeld oder Armani seine Person der Öffentlichkeit konsequent entzog“. Während Couturiers wie John Galliano (Dior) oder Jean-Paul Gaultier das Küsschen-links-Küsschen-rechts-„Darling, you look wonderful“-Brimborium bei ihren Defilees genüsslich zelebrieren, beschränkt Lang seine Honneurs nach den Shows auf ein Mindestmaß, um dann gleich grußlos zu verschwinden.

Diese fast pathologische Scheu sei keineswegs inszeniert, so Winkler, sondern „durch und durch authentisch“. Interviews sind für Lang eine Tortur, der er sich, zum Leidwesen diverser Moderedaktricen, zur Not auch gern kurzfristig entzieht. Dass die Fenster der Lang-Ateliers in New York mit lichtundurchlässiger Folie überklebt sind, hat allerdings weniger mit Langs Überspanntheit als mit der Hintertreibung von Betriebsspionage zu tun. Mehr als einmal wurden die Kollegen von agnes b., die auf der gegenüberliegenden Straßenseite arbeiten, beim Stibitzen mit Ferngläsern beobachtet.

„Seine Fähigkeit, Luxus und Underground zu verquicken“, so sein ehemaliger Schüler Andreas Bergbaur, der heutige Assistent der Modeklasse an der Wiener Universität für Angewandte Kunst, „ist einzigartig.“ „Seine bisher nie da gewesene urbane Modernität“ habe Lang zum beliebtesten Zielobjekt für kreative Raubzüge gemacht. Dass seine Etuihosen, seine kurzen Mäntel, seine schmalen Sakkos stets knapp nach ihrem Erscheinen in billigen Imitaten bei H&M, Zara oder Mango an der Stange hingen, hat er stets mit lakonischer Gelassenheit hingenommen. Dass der Mythos Lang und seine Einflusskraft auf die Mode „in keinem Verhältnis zu den Verkaufserlösen“ (Winkler) stehen, ist ein Paradoxon, mit dem er sich arrangieren musste.

Dem hemdsärmeligen toskanischen Tycoon Patrizio Bertelli dagegen lag die triste Lang-Bilanz 2004 schwer im Magen, drohte damit doch seine Multi-Brand-Strategie für den hoch verschuldeten Prada-Konzern abermals nicht aufzugehen. Nachdem er schon nach dem Erwerb des Unternehmens Jil Sander 1999 zuerst den Abgang der menschenscheuen Hanseatin und in Folge schwere Verkaufseinbrüche hinnehmen musste, endete ein kurzfristiges Comeback der Verfechterin des gediegenen Purismus im vergangenen November endgültig. Die „Kurier“-Moderedakteurin Winkler konstatiert, dass „Bertelli Sander schon zu einem viel zu hohen Preis gekauft hat“ und möglicherweise bei Lang den gleichen Fehler beging. Der geschätzte, allerdings nie offiziell bestätigte Preis soll bei je hundert Millionen Euro gelegen haben.

Dass Lang für sein „Bauernhaus am Strand“, wie er, konsequenter Verfechter des Understatements, sein fünf Häuser zählendes Anwesen auf Long Island nennt, „15 Millionen Dollar hingelegt und damit den US-Sitcom-Star Jerry Seinfeld ausgebremst hat“, lasse, so Winkler, Rückschlüsse „auf den stattgefundenen Geldfluss zu“.

Die Ursachen für den spektakulärsten Modeabgang, seit Tom Ford sich von Gucci trennte, dürften bei Lang ähnlich gelagert gewesen sein wie bei Jil Sander. Der ehemalige Lederfabrikant Bertelli, der seine Frau Miuccia Prada von einer ambitionierten Taschendesignerin zu einer globalen Protagonistin ihrer Branche „peitschte“, wie sie selbst sagt, kennt nämlich nur eine Wahrheit, und die ist ausnahmslos kaufmännisch orientiert. Die von Bertelli geforderten Sparmaßnahmen, was die Auswahl von Materialien und deren Verarbeitung betrifft, interpretierte Lang, der qualitätsbesessene Geistesmensch, der wochenlang über der Frage brütet, wie man das Konzept eines polnischen Birkenwäldchens für Strickstoffe adaptieren könnte, als künstlerischen Kastrationsakt.

No Bullshit. Im Gegensatz zu Robert Polet, dem neuen Chef der Gucci-Gruppe, der seinen defizitären Labels Stella McCartney und Alexander McQueen noch eine Gnadenfrist bis 2007 gönnt, kennt ein Mann wie Bertelli das Wort Geduld nur aus dem Lexikon. „Manchmal hasse ich ihn, manchmal würde ich ihn sogar am liebsten umbringen“, beschreibt Miuccia Prada das Verhältnis zu ihrem Ehemann und Chef, „aber Patrizio ist ein No-Bullshit-Typ, der rein kommerziell tickt und der mich schon vor vielem bewahrt hat.“

Von konträrerer Psyche als Bertelli und Lang können zwei Menschen also kaum sein. Vor diesem Hintergrund war der Ego-Crash zwischen dem ruppigen Geschäftsmann, dessen Generosität sich ausschließlich auf das eigene Hobby, den Hochsee-Segelsport auf Wettkampfniveau, beschränkt, und dem vergeistigten Tüftler aus Wien quasi vorprogrammiert.

Lang ist berühmt für seine Kopflastigkeit, Unentschlossenheit, kreative Besessenheit und vor allem für seine Indifferenz gegenüber banalen Parametern wie Markttauglichkeit, Termindruck oder Mainstream. „Mein einziger Plan ist, dass ich keinen habe“, erklärte er einmal in einem Interview. Spontaneität war für Lang immer der Ursprung jeder Innovation. Schon im Wien der frühen Achtziger erkannte er den Glamourfaktor von Supermodels und ließ nach einer Klingelbeutelsammlung seiner Freunde die Mick-Jagger-Gattin Jerry Hall für eine seiner ersten Shows in der Wiener Secession einfliegen. Nach seiner Übersiedlung nach New York 1997 brüskierte er die Betreiber der „Fashion Week“, indem er seine Kollektion einfach zwei Monate vor dem traditionellen Termin zeigte. Als die Konkurrenz geschlossen nachgezogen war, verlegte er die Präsentation seiner „immer unfertigen“ Kleider kurzerhand vom Laufsteg in das Internet.

Die Kultfotografin Elfriede Semotan, Lichtbildnerin des Lang-Gefühls von Anfang an, sieht den Bruch mit Prada keineswegs als „zertrümmertes Lebenswerk: „Was er bis jetzt gemacht hat, ist nur der Anfang. Er wird uns mit unglaublichen Dingen überraschen, die mit Mode im weitesten Sinn zu tun haben. Seine große Begabung liegt darin, dass man sich mit Lang am Leib in keine Schublade gesteckt fühlt. Man schwebt sozusagen zwischen allen Klassen.“ Freundin Marianne Kohn ist der festen Überzeugung, „dass der Helmut jetzt endlich Möbel entwerfen wird, denn das wollte er schon immer“. Dass Lang in den Kreativsold von Labels wie Chanel oder Gucci treten würde, hält sie für ausgeschlossen: „Er ist ein Freigeist, das würde er nie und nimmer aushalten.“

In einem Interview definierte der Sohn eines Lastwagenfahrers das philosophische Leitmotiv seines Lebens so: „Im Grunde genommen hat alles, was ich getan habe, erst einen Sinn bekommen, als ich es im Rückspiegel betrachtet habe.“