Mode: „Es ging immer um Sex“

Tom Ford ist der einflussreichste Designer der Welt. Ein opulenter Bildband dokumentiert jetzt sein „Opus magnum“ Gucci. Das Interview mit dem Mann, der der Mode den Sexappeal zurückgab.

profil: Ursprünglich sollte dieses Buch zehn Jahre einer Modekarriere zeigen. Nun bildet es den Schlusspunkt.
Ford: Es war sehr emotional, denn man sichtet Material aus mehreren Jahren, und das ruft einem alles so klar in Erinnerung.
profil: Fühlen Sie sich durch die Wendung der Ereignisse betrogen?
Ford: Letztlich nein. Ich hatte Erfolg. Ich hätte nicht mehr erwarten können.
profil: Betrachten Sie Ihre Gucci-Zeit als abgeschlossen?
Ford: Ich bin zufrieden mit Gucci, denn Gucci hat sein Potenzial voll ausgeschöpft. Meinen Abschied von Yves Saint Laurent hätte ich mir jedoch anders vorgestellt. Von Saison zu Saison fühlte ich mich stärker. Doch es ist noch nicht richtig in Schwung gekommen, und daher bin ich etwas frustriert und traurig, zu gehen, ohne vollenden zu können, was möglich gewesen wäre. Ich wollte Saint Laurent erobern und dann den nächstgrößeren Plan ins Auge fassen.
profil: Sie dachten also bereits an den nächsten Schritt.
Ford: So bin ich. Ich habe einen Fünf- und einen Zehnjahresplan. Vielleicht ändere ich meine Pläne, aber ich plane immer.
profil: Empfinden Sie Wehmut?
Ford: Ich kenne keine Wehmut. Ich gehe vorwärts. Wenn eine Sache für mich erledigt ist, dann ist sie erledigt. Ich blicke in die Zukunft.
profil: Das Buch hat also therapeutischen Charakter?
Ford: Absolut. Es ist ein Abschied. Man hat die Chance, alles, was man getan hat, noch einmal zu durchdenken. Eine schöne Art, seiner Arbeit Lebewohl zu sagen – zumindest für den Moment.
profil: Sie haben das Kapitel Gucci mit
aufsehenerregenden Kollektionen abgeschlossen. Wie wichtig war es, mit einem Tusch zu gehen?
Ford: Natürlich war das sehr wichtig. Bei Gucci wollte ich ein abschließendes Statement hinterlassen, einen Schlussakkord als Designer. Bei Saint Laurent war diese Saison – wie jede andere – der nächste Schritt für die Marke. Ob es wichtig war, dass diese letzten Kollektionen – vielleicht meine besten – überzeugend waren? Ja! Es ist ebenso wichtig, dass die Gucci Group in Bestform ist. Die Verkaufszahlen sind hoch, das Geschäft hat eine solide Basis.
profil: Was ist die Quintessenz Ihrer Arbeit?
Ford: Ich bin ein kommerzieller Designer. Darauf bin ich stolz, und ich wollte auch nie etwas anderes sein. Wieder und wieder habe ich gesagt, dass ich mir diese Branche ausgesucht habe, um Frauen schöner
zu machen. Ganz einfach. Und dabei kommt es darauf an, den Moment zu nutzen. Wie finde ich heraus, was eine Frau sich als Nächstes wünschen wird?
profil: War es nicht immer auch Teil Ihrer Arbeitsphilosophie, im richtigen Moment auf Sexappeal zu setzen?
Ford: Immer.
profil: Ist das auch Ihre Lebensphilosophie?
Ford: Nein. Nicht so sehr. Es ist amüsant, dass gerade jetzt, wo ich darüber nachdenke, bei welcher Art von Film ich Regie führen möchte, mir die Leute Drehbücher schicken, die zu meinem Image passen könnten, aber nicht unbedingt zu dem, was ich als Filmemacher ausdrücken möchte. Ich erhalte jede Menge Skripts mit Sexszenen – bedeutungslos und ohne Bezug zur Handlung. Niemand schickt mir Filmideen, die für mich perfekt wären, nichts Weiches oder Romantisches.
profil: Sicherlich definiert niemand Gucci als weich und romantisch. Ging es letztlich nicht immer um Sex?
Ford: Natürlich ging es letztlich immer um Sex, das ist das Markenimage von Gucci. Und bei Kollektionen, bei denen ich versuchte, davon wegzukommen, blieb der Erfolg aus. Aber wenn ich Sex sage, meine ich nicht den Akt. Es ist vielmehr das Spiel mit den Reizen, das Flirten. Wir sind tierhaft, interagieren ständig, und dabei schwingt normalerweise ein sexueller Unterton oder Subtext mit.
profil: Man könnte also sagen, dass der Subtext Ihre Arbeit dominiert hat?
Ford: Vielleicht halten mich die Leute für einen Designer, dessen Karriere sich auf Sex begründet, aber ich arbeite mit dem Körper, um die Frau so schön wie möglich aussehen zu lassen.
profil: Trotzdem haben Sie gesagt, dass Ihr Vermächtnis der Hedonismus in der Mode sein wird.
Ford: Das wäre zu simpel. Ich habe immer gesagt, dass es Aufgabe eines Modeschöpfers ist, eine Stimmung, die in der Luft liegt, in etwas Greifbares zu verwandeln. In welcher Art von Schuh spiegelt sich eine Stimmung, ein Gefühl? Nehmen Sie den 11. September: Wie drückt er sich in einem Kleid aus? Wie in einem Schuh? In einer Handtasche? Welche Bedeutung gewinnt er? Damit stehe ich nicht alleine. Jeder gute Modedesigner macht das.
profil: Der 11. September als Schuh oder Handtasche?
Ford: Es klingt schrecklich. Aber Mode reflektiert uns als Gesellschaft und den Lauf der Welt. Mode ist Wirklichkeit.
profil: Aber Sie lehnen die Idee des Hedonismus in Ihrer Arbeit und in Ihrem Leben nicht ab?
Ford: Ich glaube, dass wir materielle Wesen sind. Das bedeutet nicht, dass ich das Spirituelle negiere. Aber für mich gibt es zum einen die spirituelle Seite unserer Existenz, zum anderen sind wir physische Wesen, und als solche leben wir in einer materiellen Welt.
profil: Eine materielle Welt voller verführerischer Materialien?
Ford: Kaschmir fühlt sich gut an. Pelz fühlt sich gut an. Sex fühlt sich gut an. Trinken fühlt sich gut an. Spaß zu haben fühlt sich gut an. Es klingt frivol, aber in unserer Welt wird es ab einem bestimmten Punkt wichtig, dass wir auf unsere Füße schauen und ein aufregendes Kribbeln spüren, weil unsere Schuhe fabelhaft aussehen. Das ist die Macht der Mode.
profil: Was für eine Funktion hat Mode heute noch?
Ford: Für viele Menschen ist Mode nichts anderes als ein Zuschauersport. Einige machen mit und viele sehen zu. Viele wollen mit der Mode der banalen Realität entfliehen; von mir weiß ich es gewiss. Mode erlaubt uns, so zu tun, als sei die Welt noch ein glanzvoller Ort.
profil: Mode ist eine wunderbare Wohlfühldroge, aber sie kann auch total verunsichern.
Ford: Unsicherheit ist der Motor der Mode. Sie puscht die Mode. An einem gewissen Punkt wird eine wirklich selbstsichere Person sagen: „Wissen Sie was? Mir ist es egal, ob diese Rocklänge hip ist. Ich will keinen Rock kaufen. Mir gefällt dieser alte Rock.“ Das ist ein Selbstbewusstsein, das, wäre es zu verbreitet, das Ende der Mode bedeuten würde. Mode ist das Phänomen, das uns wieder in die Schule entführt oder an den Hof Ludwigs XV. Es heißt: „Oje. Sie trägt das! Ich sollte das besser auch tragen, um dazuzugehören und in zu sein.“ Die Mode gleicht der riesigen In- und Out-Rubrik einer Zeitschrift. „Du bist out, wenn du dies hast. Ich muss das besitzen, um in zu sein.“ Es erscheint albern. Aber damit beschäftigen wir uns.
profil: Wir sind also alle unsicher?
Ford: Sind wir. Die Modebranche basiert auf absichtlich Nutzlosem. Tausendmal habe ich gesagt, niemand braucht ein weiteres Paar 400-Dollar-Schuhe. Man muss einen Bedarf schaffen, indem man das Paar, das die Frau jetzt besitzt, unpassend erscheinen lässt. Junge, wenn dich ein neues Paar Schuhe erregt, dann erregt es dich eben. Und das muss sich nicht ändern. Es ist beruhigend zu wissen, dass man auch im Alter von 60, 70 oder 80 einen wunderschönen neuen Anzug tragen kann oder eine herrliche neue Uhr am Handgelenk, an einer faltigen, abgearbeiteten Hand. Mode kann uns ermutigen weiterzumachen. Sie kann uns Frische verleihen, wenn wir uns nicht frisch fühlen, und uns Jugend verleihen, selbst wenn wir uns nicht mehr jung fühlen.
profil: Sie haben oft gesagt, Menschen sähen Ihrer Meinung nach nackt am besten aus.
Ford: Wahrscheinlich sieht deshalb alles, was ich entwerfe, sexy aus. Wenn ich Kleider ausziehen kann, dann tue ich es. Wenn ich mit dem Schnitt den Körper darunter betonen kann, dann tue ich es. Aber das ist kein Marketingtrick. Es ist Teil meines Geschmacks. Ich denke, eine nackte Frau und ein nackter Mann sind schön.
profil: Alle nackten Männer und Frauen?
Ford: In unserer idealisierten Modewelt: ja. Die meisten nackten Männer und Frauen besitzen eine gewisse Schönheit. Ich glaube, wir haben unser Auge nur trainiert zu signalisieren: „Oh, das ist nicht hübsch. Du weißt, dass du eine kleine Speckrolle hast.“ Ich wäre mir nicht sicher, ob das nicht vielleicht doch hübsch ist. Vieles hängt davon ab, wie wir uns konditioniert haben.
profil: Wer fühlt sich nackt wohler – Männer oder Frauen?
Ford: Die meisten Männer, denn die Gesellschaft macht sie weniger unsicher als Frauen. Oder sagen wir: Wenn die meisten Männer ihren Penis mit der Hand bedecken könnten, würden sie sich nackt wohler fühlen. Er ist der einzige Körperteil, der so kritisch gemustert wird wie der Körper einer Frau von Kopf bis Fuß. Bei einer Frau müssen die Fesseln großartig und die Füße hübsch sein, der Busen straff, ebenso der Po, die Taille schlank, die Haare schön, nicht zu vergessen die Schultern …
profil: Einerseits verspricht die Mode die perfektionierte Realität. Andererseits nährt sie Unsicherheiten. Die Natur der Bestie ist also ihre Widersprüchlichkeit.
Ford: Und diese Widersprüchlichkeit liegt in der Natur derer, die sich von Mode angezogen fühlen. Wir sind ein besonderer Schlag. Der größere Teil der Weltbevölkerung verwirft dies alles als unsinnig. Diese Menschen kümmern sich nicht darum, sie machen sich keine Gedanken. Sie sehen grauenhaft aus, und es ist ihnen egal.
profil: Noch vor zehn Jahren verlor die Boulevardpresse kein Wort über Kollektionen. Es muss der Unterhaltungswert sein.
Ford: Als ich kündigte und meine letzte Show stattfand, war ich auf der Titelseite der „New York Times“. Ist das nicht lächerlich? Verstehen Sie, der Irak-Konflikt kommt in die obere Ecke und die Mode auf den Titel.
profil: Was braucht man, um als Designer auf die Titelseite zu kommen?
Ford: Anfangs musste ich die Sache auch etwas anschieben. Jetzt will jeder ein riesiges Lifestyle-Business aufbauen, weil wir es gemacht haben. Wir waren der Präzedenzfall. Als wäre es nicht schon Ralph Lauren gelungen. Aber Globalisierung gab es noch nicht. Sie war kaum mehr als ein Schlagwort, wir waren unter den Ersten, die sie realisierten.
profil: Es ist eine bemerkenswerte Fähigkeit, die Stimmung des Augenblicks zu erspüren und sie zu kommerzialisieren. Ist dies Teil Ihres Vermächtnisses?
Ford: Ich würde mir wünschen, dass es ein großer Teil davon ist. Zum einen ist man ein Schnüffler. Der Schlüssel zu dem, wie unsere Kultur in zwei Jahren sein wird, liegt hier vor uns. Man muss ihn nur suchen. Das heißt, dass der Verstand an diesem Prozess beteiligt ist. Aber der größte Teil ist Intuition. Ich bin sehr intuitiv.
profil: Was könnte Sie an einer Person, einem Gebäude oder einem Gemälde beeindrucken, sodass Ihre Arbeit dadurch beeinflusst wird?
Ford: Meine Ideen entspringen eher kulturellen Strömungen. Vor kurzem war ich aus irgendeinem Grund unendlich glücklich. Ich spüre, dass wir an der Schwelle zu einer neuen, aufregenden Epoche stehen. Ich glaube, wir wissen alle, dass ein Wechsel bevorsteht, aber keiner weiß genau, worin er besteht.
profil: Angenommen Sie haben Recht, was den tief greifenden Wandel angeht. Wie wird er sich in der Mode manifestieren?
Ford: In Freude. Allerdings könnte mir im Moment meine eigene Realität einen Streich spielen, weil ich mich auf eine größere Veränderung freue. Man kann sich täuschen. Trotzdem fühle ich mich ziemlich stark. Sehen Sie sich an, was wir die letzten drei, vier Jahre durchmachen mussten. Wir sind alle bereit zu sagen: „Schluss damit. Wir wollen uns einen tollen Tag machen.“ Und das schlägt sich nicht nur in unserer Stimmung nieder, sondern in „Hey, ich leiste mir ein neues Auto“ – oder neue Schuhe oder eine neue Frisur. Es ist diese Art von Umbruch, die in unserer Welt der Mode Neues hervorbringt.
profil: Ein Dasein als Designer bedeutet Kreativität auf Abruf.
Ford: Es ist ein ewiger Fluss. Nie sind Sie fertig, woran Sie auch arbeiten. Immer heißt es: „Okay. Was ist das Nächste? Und das Nächste?“ Diese Routine begann
mich zu langweilen. Jedes Jahr tat ich
am gleichen Tag das Gleiche. Am 26. Mai 2002, 2001, 2000, 1999, 1998, 1997 tat
ich exakt dasselbe: Ich wählte Stoffe aus. Dies muss jedes Jahr am selben Tag stattfinden.
profil: Einerseits lebt die Industrie vom steten Wandel, und trotzdem gibt es diese Gleichförmigkeit.
Ford: Hätte ich seinerzeit nicht Saint Laurent gehabt, wäre ich wohl ausgebrannt oder früher gegangen. Saint Laurent belebte mein Aufgabenfeld und meine Perspektive. Es war zu viel Arbeit, aber sie brachte Abwechslung.
profil: Sie hatten doch nie vor, bis ans Ende Ihrer Tage bei Gucci und YSL zu bleiben?
Ford: Durch die Arbeit für beide fühlte ich mich langsam ausgepowert, aber ich beabsichtigte nie, beide für alle Zeit zu betreuen. Wirklich nicht. Es sollte vorübergehend sein, vielleicht noch vier oder fünf Jahre.
profil: Wie schwierig ist es, am Steuer eines der führenden Designunternehmen zu stehen?
Ford: An der Spitze ist es in fast jeder Branche für jeden hart, aber weil wir nun einmal Mode machen, lassen wir es easy aussehen. Viele Leute verstehen nicht, dass ein Designer nicht einfach mit einem Packen Kleider hinter den Kulissen rumsteht und ruft: „Hier, Süße. Du ziehst das an. Raus mit dir! Und du, zieh das an. Und nun raus!“ Sie verstehen nicht, wie viel Arbeit dahinter steckt.
profil: Wie haben Sie die Branche dermaßen verändern können?
Ford: Durch mein Verständnis für die kommerzielle Seite der Mode und wahrscheinlich meinen amerikanischen Pragmatismus. Dadurch wurde ich eine neue Art von Hybrid – ein amerikanischer Designer in einer europäischen Firma. Karl Lagerfeld war übrigens der Allererste. Er ist zwar kein Amerikaner, aber er hat diese Hybrid-Sensibilität auf andere Weise entwickelt. Dann waren da Marc Jacobs, der zu Vuitton ging, Narciso Rodriguez ging zu
Loewe, Michael Kors zu Celine, John Galliano zu Dior, und McQueen ging schließlich zu Givenchy. Damit kam ein neuer Trend in Gang. Wir demokratisierten den Luxus. Wir nahmen ein kleines Luxusunternehmen und demokratisierten es in dem Sinne, dass sein Angebot sehr breit wurde und unterschiedliche Einkommensschichten an dem Traum teilhaben konnten.
profil: Halten Sie das für gut?
Ford: Ich weiß es nicht. Hätte ich es nicht gemacht, hätte es ein anderer getan. Ich bin nicht unbedingt ein Freund der Globalisierung. Es gefällt mir nicht, festzustellen, dass die Flughäfen überall gleich aussehen, mit denselben Produkten, Starbucks Coffee Shops, McDonald’s und Gucci- oder Prada-Boutiquen, egal, ob in Mailand oder Tokio. Aber dies ist unvermeidlich, man kann nicht gegen die Welt ankämpfen.
profil: Wie steht es mit Ihrem Einfluss auf die Kleidung selbst?
Ford: Ich sehe es auf den Straßen. Ich sehe Leute in verzierten Jeans, sexy Mod-Design. Und ich glaube, dass hier mein Einfluss spürbar wird, selbst wenn ich nichts davon erfunden habe. Ich wüsste nicht, dass ich je etwas erfunden hätte. Aber auch das ist Teil unserer Zeit.
profil: Neuinterpretation entspricht wohl eher unserer Zeit, oder?
Ford: Ob Musik oder Film, immer geht es um „Sampling“, Recycling. Denken Sie an Vintage-Mode. Die Leute tragen selbst zur Oscar-Verleihung Vintage. Vielleicht haben wir ein Bedürfnis nach Vertrautheit – und gleichzeitig nach Neuheit. Wir haben nicht viel Geduld. Wir wollen immer Neues, Frisches, aber wenn es alt und neu zugleich sein kann, dann ist es ideal.
profil: Kritiker haben Sie bisweilen einen „Stylisten“ genannt.
Ford: Mit anderen Worten: keinen richtigen Designer? Das macht mich wahnsinnig. Ich posiere nicht wie Yves in einem weißen Laborkittel mit Stoffballen auf dem Fußboden. Ich arbeite in diesem Business seit 20 Jahren. Ich weiß, wie man so ein gottverdammtes Kleid zuschneidet; ich kann auf einen Tisch steigen, es mit der Schere ausschneiden und zusammenstecken. Es wäre nicht so perfekt wie von einer der Frauen aus dem Atelier, aber ich weiß, wie es geht.
profil: Haben Sie Angst vor Fehlern?
Ford: Klar. Allerdings bin ich ein Mensch, der daran glaubt, dass er, was auch immer er sich vornimmt, bestimmt erreichen wird. Es mag eine Weile dauern; vielleicht stolpere ich dabei. Seien wir ehrlich: Meine erste Gucci-Kollektion mit Kleidchen mit Teetassen-Motiven war grässlich.
profil: Wie war Ihr Weg von Teetassen-Mustern an die Spitze der Modewelt?
Ford: Ich ging durch das Gucci-Archiv – es gab nicht viel, genau genommen nur eine Pappschachtel mit Fotos von Prominenten, die Gucci trugen.
profil: Eine Pappschachtel?
Ford: Es war eine Pappschachtel. Ein echtes Archiv existierte nicht.
profil: Wer war in der Schachtel?
Ford: Liz Taylor. Jede Menge Bilder von Grace Kelly, Audrey Hepburn, William Holden – jeder große Star jener Zeit. Und zwar posierten sie in der Regel mit einem Koffer oder Ähnlichem im Florentiner Geschäft zusammen mit Aldo Gucci oder bei der Ankunft am Flughafen. Ich dachte: Heute will kein VIP mehr Gucci tragen – ich auch nicht. Ich wollte etwas entwerfen, worauf die Leute Lust haben würden. Und dann versuchte ich es mit Gucci zu verknüpfen.
profil: Sie hatten also eine Strategie.
Ford: Es war reine Berechnung. Ich wollte Dinge kreieren, auf die ich stolz sein konnte. Ich will niemandem die Schuld an meiner ersten Kollektion geben, aber ich musste den Absprung von der Teamarbeit schaffen, auf die Maurizio Gucci noch einen wesentlichen Einfluss hatte.
profil: Welche Vision hatte er?
Ford: Er wollte eine Art Hermès-Timberland sein. Ich musste mich davon lösen und meinen eigenen Standpunkt etablieren. Ich sagte mir: Was faszinierte mich an Gucci? Und ich dachte an Filmstars.
profil: Waren Sie auf den Sturm, der nach der Kollektion 1995 folgte, vorbereitet?
Ford: Letztlich schenken Sie als Designer der Welt Ihre Persönlichkeit. Dann präsentieren Sie für den Rest Ihrer Karriere Variationen Ihrer Persönlichkeit, aber dabei müssen Sie sich treu bleiben – und der Schublade, in die man Sie steckt. Manchmal drängte es mich, etwas total Abwegiges zu machen, aber das konnte ich mir nicht leisten. Eigentlich wollte ich die gesamte Männerkollektion mit Kleinwüchsigen präsentieren. Ich konnte es nicht, man hätte mich dafür umgebracht. Man steckt uns in Schubladen. Würde Alexander McQueen eine Kollektion wie meine herausbringen, hielte man sie für einfallslos. Miuccia Prada ist die intelligente Designerin, Tom ist sexy und Yves der feinsinnige Designer, der sein Herz auf der Zunge trug.
profil: Kann man sich daraus befreien?
Ford: Ich habe meinen Einstieg bei Saint Laurent genossen, weil ich eine andere Persönlichkeit sein konnte. Ausschließlich an Gucci zu arbeiten begann mich ein wenig zu langweilen. Die beiden waren wie zwei Filmfiguren, von denen eine niemals die Kleidung der anderen getragen hätte.
profil: Sie haben sich als „ängstliches Kind“ beschrieben.
Ford: Ich hatte immer Selbstvertrauen. Nicht gerade mit einem Ball. Aber geben Sie mir ein paar Stricknadeln, und ich habe wirklich Selbstvertrauen. Mit elf oder zwölf konnte ich schon hübsche Vorhänge nähen.
profil: Waren Sie immer selbstbewusst?
Ford: Ich dachte, ich könnte alles erreichen.
profil: Woher kam das?
Ford: Ich glaube, man wird mit gewissen Eigenschaften geboren.
Interview: Bridget Foley

Bridget Foley ist die Modechefin des US-Modemagazins „W“. Das Interview entstammt „Tom Ford“ (Collection Rolf Heyne).