Mode: Luxus im Anzug

Mit Zugpferden wie James Bond und Kofi Annan hat sich der italienische Handwerksbetrieb Brioni zum sündhaft teuren Markenmythos für Männer hochgeschaukelt. Und sticht mit der Halbfertigware auch echte Maßschneider aus.

Angelo Petruccis Geheimlabor in Penne ist mit einer Trophäengalerie geschmückt, die auch wegen ihrer exzentrischen Mischung beeindruckt: Woody Allen, Nelson Mandela, Daniel Craig. Und Gerhard Schröder, der in die Politgeschichte unter dem Begriff „Brioni-Kanzler“ einging, als er sich unvorsichtigerweise beim Maßnehmen in Hannover von einer deutschen Klatsch-illustrierten ablichten ließ. „So stellt sich der linke Mittelstand die Dekadenz vor“, ätzte Modedesigner Wolfgang Joop dazu in einem profil-Interview.

Auch der ägyptische Staatspräsident Muhammad Husni Mubarak, der stets nach der Absolvierung des islamischen Fastenmonats Ramadan Maß nehmen lässt, grinst breit von der Wand, sowie der frühere UNO-Generalsekretär Kofi Annan, der sich sogar für einen Truppenbesuch im Kosovo ein spezielles Safari-Jacket anfertigen ließ.

Der erste Schneidermeister Petrucci, seit seinem 13. Lebensjahr im Brioni-Sold und Absolvent der hauseigenen Schneider- und Kaderschmiede, hat inzwischen Flugmeilen gleich einem Staatspräsidenten absolviert.

Klienten wie Annan, Mubarak oder Prinz Andrew kommen selbstredend nicht ins Haus. Beim Verteilen von saftigen Anekdoten bezüglich der körperlichen Krisenstellen der Elite erweist sich Petrucci leider als äußerst einsilbig.

Nur aus einer anderen Indiskretionsquelle erfährt man, dass der Bond a. D. Pierce Brosnan an einer Missproportion von Oberkörper (zu lang) und Beine (zu kurz) laborierte und Petrucci wahre Wunder wirkte, um diese physische Schieflage auszugleichen.

Im Dienste des Agenten 007 befindet sich die Marke Brioni seit 1995, was wiederum die Maßstars auf der Londoner Edelschneidermeile Savile Row in gröbere Befindlichkeitskrisen stürzte.

Erstaunlicherweise ohne eigenes Bemühen, wie die Gründerenkelin Antonella de Simone im Interview erzählt. Die altgediente Bond-Kostümbildnerin Lindy Hemming wollte „den Kleinbürger mit Waffen“, so Umberto Ecos Bond-Definition, ab 1995 nicht mehr länger im britischen Tuch die Welt retten lassen. Der muskulöse Daniel Craig bräuchte nach Brosnans Pensionsantritt jetzt „einen moderneren Look, der mehr seiner Silhouette angepasst ist. Dafür ist Brioni ideal“, so Hemming. Die Umwegrentabilität für das Investment von zirka 50 Anzügen pro Film ist nicht in Zahlen zu messen.

Glamourfaktor. Das werbewirksame Instrumentalisieren von Berühmtheiten leistete wesentliche Aufarbeit für den Mythos Brioni. Bereits wenige Jahre nach der Betriebsgründung 1945 verströmt die in dem Abruzzen-Städtchen Penne beheimatete Schneiderwerkstätte jene Mischung von elitärer Abgehobenheit, Glamour und alter Handwerkskunst, nach der vor allem die lebensstildefizitären Amis ganz verrückt waren.

Während der in Penne geborene Nazareno Fonticoli, der bereits im Alter von sechs nach der Schule bei den örtlichen Schneidern stibitzte, mit nahezu religiösem Eifer der Kunst der Anzugherstellung frönte, kümmerte sich sein Partner Gaetano Savini um die nötige Tuchfühlung mit der Hollywood-Prominenz.

Als sich Rom mit seiner umtriebigen „cinécittà“ in den fünfziger Jahren zu einer Hollywood-Filiale inklusive hohem „Dolce vita“-Faktor wandelte, pilgerten Clark Gable, John Wayne, Gregory Peck und Henry Fonda in die römische Via Barberini, um willfährig beim Anmessen vor Fotografen zu posieren.

Ein geniales wie kostengünstiges Marketingkonzept, von dessen Strahlkraft Brioni bis heute profitiert. Den Namen klauten die beiden Gründer von der später von Tito in Besitz genommenen Schickeria-Ferieninsel vor der Küste Istriens. Weil er exotisch klang und kurz war: ideal für die US-Klientel. Die malariagefährdete Insel Brioni war übrigens von dem österreichischen Aristokraten Paul Kupelwieser trockengelegt und bis 1919 zu einem Mekka der Dekadenz mit Poloturnieren und beheizten Pools gestaltet worden.

Das Prinzip, mit berühmten Menschen die Reichen zu ködern, funktioniert bis heute prächtig. Wie sonst ließe sich erklären, dass man für „Made to measure“-Konfektionsanzüge im Schnitt eine Summe von 3000 Euro hinlegt, was sich bei verfeinerten Materialwünschen bis hin zu 10.000 Euro steigern kann, während ein „Bespoke“-Maßanzug in einem überaus gediegenen Schneideratelier, wie es zum Beispiel Hans Netousek in der Wiener Gumpendorfer Straße betreibt, inklusive Stoff bei rund 2000 Euro anfängt. „Konfektion bleibt Konfektion“, so Netousek, „auch wenn sie auf hohem Niveau stattfindet.“

Handarbeit. Die Anzugspitze im Maßbereich hält das am Wiener Graben beheimatete Traditionshaus Knize mit zirka 5100 Euro für einen Dreiteiler, inklusive Stoff. „Unsere eigenen gefertigten Anzüge kosten noch immer das Doppelte von einem Brioni“, so Knize-Chef Rudolf Niedersüß. „Trotzdem bin ich mir sicher, dass es nicht viele Maßschneider in Wien gibt, die mehr Handarbeit in ein Sakko stecken, als man es bei Brioni tut.“

Niedersüß warnt vor den gängigen Designeranzügen, in die „kaum Handarbeit“ investiert wurde, da zahle man an die 50 Prozent für die Marke. Im Schnitt würde bei Brioni mit Sicherheit „dreimal so viel Arbeitszeit investiert“.

38 Stunden Handarbeit stecken im Schnitt in einem bei Brioni gefertigten Anzug. Von den 1200 Mitarbeitern gibt es zum Beispiel nur zwei Frauen, die sich über Jahre das Recht erkämpft haben, Smokingknopflöcher zu nähen.

„Bei Brioni ist jedes Detail von Hand gemacht, und handgemachte Nähte passen sich dem Körper viel besser an“, so Kurt Wiedemann, der in seinen Sir-Anthony-Herrenboutiquen den im europäischen Vergleich höchsten Absatz von Brioni im Multibrand-Bereich verbuchen kann.

Der Grund dafür, dass Wiedemann mit seiner achtköpfigen Verkaufscrew auf Brioni-Einladung per Privatjet nach Penne anreiste, damit „meine Leute auch die Philosophie dieser Firma beim Verkauf transportieren können“.

Dass Kunden wie Frank Stronach, Hannes Androsch oder, in den goldenen Tagen, auch der zurzeit in U-Haft befindliche Hannes Kartnig passionierte Brioni-Träger sind, würde man von den Geschäftsinhabern nie erfahren.

Dass die Klientel – im Vergleich zu einer hier perfekten Maßanfertigung – bereit ist, einen sehr hohen Preis zu zahlen, begründet Wiedemann mit der Tatsache, „dass diese Marke im Gegensatz zum klassischen Maßanzug Modernität vermittelt und auf der Höhe der Zeit ist“.

„Wir sind nicht für die Reichen, sondern für die Megareichen“, definierte Ex-Brioni-CEO Umberto Angeloni knapp vor seinem Abgang aufgrund familiärer Zwistigkeiten großkotzig seine Zielgruppe. Zehn Prozent von Wiedemanns Kunden stammen aus Russland, der Ukraine und Osteuropa, „wobei das Image vom neureichen Russen, der wie ein primitiver Berserker einkauft, sich gewandelt hat. Das war einmal.“

Russen. Eine Ansicht, die die 57-jährige Antonella de Simone, Enkelin des Co- Begründers Nazareno Fonticoli, nicht ganz teilen kann. „Ach, diese Russen“, stöhnt die Co-Vorstandsvorsitzende und Kommunikationsstrategin des Unternehmens, „manchmal fallen sie bei uns im römischen Geschäft ein, und wenn man sie fragt, welchen Stoff sie wollen, sagen sie nur: Na, den teuersten natürlich.“ Sie schüttelt sich lachend, wohl wissend, dass die für heuer erwartete zehnprozentige Umsatzsteigerung (2006 wurde ein weltweiter Umsatz von 180 Millionen Euro erzielt) für das noch immer gänzlich im Besitz der zwei Gründerfamilien verbliebene Unternehmen auch den Russen zu verdanken sein wird.

Heute betreibt Brioni weltweit – von Aspen bis Mumbai – 28 eigene Boutiquen; zusätzlich wird die Marke in 700 Multibrandstores vertrieben. Seit 2001 existiert auch die Damenkollektion Brioni Donna, die nur sehr schleppend anlief, aber durch die Ex-Prada-Designerin Christina Ortiz seit 2005 Aufwind bekam.

Es ist zwei Uhr nachmittags in Penne. Schichtwechsel nach sechs Stunden Arbeit. In der Kantine werden handgemachte Nudeln mit Tomatensauce, Kalbfleisch und frische Erdbeeren verteilt. Ein Hierarchiegefälle existiert nicht. Alle sitzen an denselben langen Holztischen. Auch diese Form der Humanwirtschaft schlägt sich im Preis nieder.

In einer Kammer hängen hunderte Schnittmaße auf Packpapier an Kleiderstangen. Namen wie Richard Gere, Daniel Craig und Arnold Schwarzenegger sind zu lesen. De Simone fischt ein Schnittmuster in der Größe eines Walrosses von dem Ständer: „Das ist für Japans berühmtesten Sumo-Ringer. Der braucht neun Meter Stoff. Dagegen wirkt ja euer Schwarzenegger wie eine Elfe.“

Welchen Kunden sie auf ihrer Wunschliste ganz oben hätte?

„Papst Benedikt XVI. natürlich, nur trägt der leider so selten Anzüge, aber ein Brioni-Kaschmirmantel würde ihm sicher gut stehen.“

Von Angelika Hager
Mitarbeit: Sebastian Hofer