Mode: Zickenalarm

Anna Wintour, Chefredakteurin der US-„Vogue“, gilt als die mächtigste Frau im Fashion-Kosmos. Selbstherrlich und erfolgreich bestimmt sie das globale Geschmackscredo. Der Film „Der Teufel trägt Prada“ setzt ihr nun ein wenig schmeichelhaftes Denkmal.

Die Bewohner des abgeschiedenen Dubois-Tals im US-Bundesstaat Wyoming sind bis heute traumatisiert von der Invasion der Aliens. Ein in ständiger Bereitschaft befindlicher Helikopter und zwei schwarze Limousinen, deren Chauffeure vorrangig damit beschäftigt waren, die Aliens von der angemieteten Ranch zu den hundert Meter entfernten Reitställen zu fahren, bildeten den Fuhrpark. Jeden Morgen musste das Reinigungspersonal stundenlang warten, denn die Räumlichkeiten durften nicht betreten werden, ehe die aus New York miteingeflogene Friseuse den betonharten Pagenkopf der Frau mit der schwarzen Sonnenbrille wieder in die richtige Fasson gebracht hatte. Danach durfte der persönliche Masseur ihre Zehen mit einer 150-Dollar-Creme von „La mer“ bearbeiten. Und das Seltsamste: Die Frau mit der schwarzen Sonnenbrille trug diese schwarze Sonnenbrille auch nachts.

So sieht das einfache Leben aus, wenn Anna Wintour mit ihrer Freundin Donatella Versace Urlaub am Bauernhof macht. Und auch im Berufsalltag hat die Chefredakteurin der US-Ausgabe des Hochglanz-Modemagazins „Vogue“ einen Habitus zum Stilprinzip verdichtet, der dem Schwarzbuch politisch inkorrekter Dekadenz entnommen zu sein scheint.

Ein quasi in Geiselhaft genommener Assistentinnen-Stab, der für Chanel-Ketten und Zac-Posen-Fähnchen sukzessive dem Stockholm-Syndrom erliegt und sein Privatleben an der Garderobe des Condé-Nast-Gebäudes abgegeben hat, verkörpert das Herzstück ihres Hofstaats. Der Bienenstaat der Königin hat rund um die Uhr die abstrusesten Handlangerdienste zu verrichten: Von der Beschaffung des noch unveröffentlichten „Harry Potter“-Manuskripts für die Wintour-Tochter Bee, die heute bereits für die „Teen Vogue“ schreibt, bis zum Herbeikarren der zum Zobel doch besser passenden Hermès-Foulards lange nach Ladenschluss darf hier nichts unversucht bleiben.

Vorzimmer-Inferno. Die Niederschrift ihres elfmonatigen Vorzimmer-Infernos hat Wintours Ex-Vasallin Lauren Weisberger mit 28 Jahren zur vierfachen Dollarmillionärin gemacht. Der Schlüssellochroman „Der Teufel trägt Prada“, mit dem Nimbus einer überdimensionierten Klatschspalte ausgestattet, verkaufte sich in den USA bei seinem Erscheinen 2003 1,2 Millionen Mal. Für die Verfilmung des Buches (siehe Kasten) agiert Meryl Streep, Supernova des „method acting“, im Part der zur Kenntlichkeit entstellten Chefredaktrice des fiktiven Modemagazins „Runway“, das wie sein reales Vorbild das globale Geschmackscredo für die nächsten Monate bestimmt. Als Miranda Priestly exekutiert Streep eine hysterische Diktatur des Größenwahns, die, wie die selbstverständlich unautorisierte und kürzlich erschienene Wintour-Biografie „Front Row“ belegt, von beklemmender Authentizität ist. „Das Rote Meer teilt sich, wenn sie den Raum betritt“, mystifiziert ihr Kollege André Leon Talley die Wintour-Aura, die für andere nichts als ein Bollwerk egomanischer Arroganz symbolisiert.

„Die Details Ihrer Inkompetenz interessieren mich nicht“, lautet der Stehsatz, den sowohl Wintour als auch Priestly angesichts unfähiger Mitarbeiter in geeister Langeweile zum Einsatz bringen.

Doch die 57-jährige Britin Wintour, die einer renommierten Journalistendynastie entstammt, kann es sich definitiv leisten, sich schlecht zu benehmen. Seit 18 Jahren sitzt sie auf dem Thron der US-„Vogue“: globales Zentralorgan luxuriöser Sinnlosigkeiten und Cash Cow des Lifestylemagazin-Imperiums Condé Nast. Dass Wintour in einer Hire-and-Fire-Branche, in der Chefredakteurinnen manchmal nicht länger als saisonale Rocklängen überleben, auf eine Amtszeit zurückblickt, die ansonsten nur Diktatoren und Päpsten vergönnt ist, hat einen banalen Grund: Rentabilität.

Als „nuclear Wintour“, so ihr Branchen-Kosename, das rezessionsgebeutelte und von staubiger Konservativität geprägte Blatt 1988 übernahm, lagen die Verkäufe bei 1,2 Millionen Exemplaren und die Anzeigeneinnahmen bei knapp 80 Millionen Dollar (66,7 Millionen Euro). Seit ihrem Amtsantritt konnte sie die Auflage verdoppeln und der Verlegerfamilie Newhouse ein jährliches Inserate-Aufkommen von 345 Millionen Dollar (287,5 Millionen Euro) bescheren.

Telefonbuchdick. „Vogue“-Ausgaben sind mit bis zu 830 Seiten Umfang so dick wie das New Yorker Telefonbuch. Und ebenso verbindlich. Denn die ideologische Macht des Magazins beruht nicht auf gnadenlosen Kritiken. Dafür sind die Kolleginnen von der seriösen Zunft zuständig, deren Armada von „der Tolle“ (so der auf ihre Haartracht anspielende Spitzname für Suzy Menkes von der „International Herald Tribune“) angeführt wird. Die Strahlkraft von „Vogue“ gründet auf der Wahrnehmung von Trends und vor allem von Designern, einschließlich der ästhetischen Aufbereitung ihrer Produkte. Wintour machte Fotografen wie Mario Testino, Patrick Demachelier und Peter Lindbergh zu Weltstars. Sie war maßgeblich am Aufstieg von Supermodels wie Christie Turlington und Cindy Crawford beteiligt – und hatte auch ihr Vergnügen an deren Abstieg. Als sie Cindy Crawford Mitte der neunziger Jahre trotz eines endlosen und kostenintensiven Shootings dennoch nicht zum Covergirl machte, ließ sie deren erbosten Agenten am Telefon wissen: „Richten Sie Fräulein Crawford aus, dass sie nichts anderes als ein weiteres Model ist.“

Im Bett mit der Industrie. Das Erfolgsgeheimnis der Wintour ist eine Kombination aus geschmacklichem Instinkt, seismografischem Spürsinn für Breitentauglichkeit, Entdeckungssportsgeist und nicht zuletzt der Fähigkeit, sich mit „der Industrie ins Bett zu legen“, wie die „New York Times“ schrieb. Regelmäßig luncht „la Wintour“ mit den Abgesandten großer Modehäuser wie Dior, Louis Vuitton oder Prada im New Yorker Four Seasons, wo ihr auch schon einmal Tierschutzaktivisten von PETA einen toten Waschbären auf das stets sehr blutig gehaltene Filetstück knallten. Das britische Upper-Class-Geschöpf reagierte mit stilsicherer Grandezza: Sie breitete eine Serviette über den Kadaver und bestellte einen Espresso. An Tortenattacken hat sich die von einem Kinderpsychiater geschiedene zweifache Mutter ohnehin längst gewöhnt. Seit die konsequente Fellträgerin vor ungefähr einem Jahrzehnt dem Pelz-Bashing in Form von opulenten Modestrecken ein Ende setzte, bekommt sie regelmäßig Süßes frontal verpasst – zuletzt bei einer Show von Chanel, worauf Wintour ungerührt aufstand und sich backstage neu schminken ließ. Abends erschien sie bei Christian Lacroix in einem dunkelroten Persianer. Bei der New Yorker Premiere von „The Devil Wears Prada“ erschien Wintour übrigens standesgemäß in Prada und applaudierte lächelnd wie enthusiastisch.

In den kommenden zwei Wochen wird „Mutter Gnadenlos“ („Die Zeit“) wieder ihres strengen Amtes walten. Nach New York und London macht die Modekarawane in Mailand und Paris Station, um den Sommer 2007 unter die Lupe zu nehmen. Als die Wintour im Vorfeld vermeldet hatte, dass sie die italienische Modemetropole nur vier Tage zu beehren gedenke, wurde der Show-Plan von den Veranstaltern radikal umgestellt. Damit Wintour keines der Glanzlichter des Catwalks versäumen müsse.

Mit steinerner Miene und schwarz bebrillt wird das „göttliche Monster“ („Der Spiegel“) in jedem Fall in der ersten Reihe sitzen und verlässlich den Eindruck vermitteln, dass ihre bloße Anwesenheit die Hallen des Chic um ein paar Grade herunterkühlt. Die zur Schau gestellte Blasiertheit liegt nicht nur in ihrem britischen Habitus begründet, sondern auch darin, dass Wintour die meisten Klamotten bereits kennt.

Scharfrichterin. Längst ist es beim Buhlen um die Gunst ihrer Scharfrichterin unter den Designern Usus geworden, die Wintour inklusive Entourage zu persönlichen Previews ins Atelier zu bitten. Viermal im Jahr werden die aktuellen Lookbooks für Haute Couture und Prêt-à-porter willfährig in ihr Condé-Nast-Büro geliefert. Was und wer es in die „Vogue“ schafft, wird mit einem gelben Post-it-Zettel markiert – Todesurteile werden mit cholerischen Filzstiftstrichen vollstreckt: „NO“. Gratis angelieferte Kleidungsstücke werden in spätestens drei Monaten stapelweise der Altkleidersammlung überantwortet. Denn nichts ist für eine Frau vom Kaliber einer Wintour schlimmer, als in Balenciaga der vergangenen Saison erwischt zu werden.

Eklatante Stilschwächen offenbart Wintour nur bei ihren Charity-Aktionen: In Kabul unterstützte die US-„Vogue“ Schönheitssalons, um die „Befreiung“ der afghanischen Frauen voranzutreiben. Gleichzeitig quittierte sie Gallianos Adaptionen des Taliban-Looks mit Entzücken. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ließ sie sich vor den PR-Karren der Einzelhändler spannen, um in einer groß angelegten Pro-Shopping-Kampagne die Kauflust der Amerikaner aller Agonie zum Trotz am Flackern zu halten.

Anna Wintours Urteile können Desig-nerkarrieren beflügeln – oder beenden. „Vor ein paar Saisonen entwarf ich einen grauen Thermokaschmir-Pullover, den Anna bei einer Show trug“, erzählt eines ihrer Liebkinder, der US-Designer Marc Jacobs. „Wenig später trug ihn Stella Tennant auf dem Cover der US-,Vogue‘, und sofort bildeten sich Zweierreihen an unseren Verkaufsstellen.“

Effiziente Steigbügelhalterin war die leidenschaftliche Tennisspielerin auch für Helmut Lang, Narciso Rodriguez, Michael Kors, Zac Posen, Tom Ford und Stella McCartney. Als der britische Designer John Galliano wegen eklatanter Misswirtschaft vor dem Aus stand, ließ Wintour den Exzentriker auf ihre Kosten nach New York fliegen und half ihm, einen Investor zu finden. In seinen Anfängen bei Dior stand Galliano schon bald wieder auf der Abschussliste seines Konzernherrn Bernard Arnault (LVMH), weil er, so Gallianos Vorgänger Gianfranco Ferré, „das Haus mit einer monströsen Scherzfabrik verwechselte“. Wintour jedoch glaubte an den jungen Wilden und ließ seine barock-opulenten Kreationen in der „Vogue“ hochleben.

Fuck-you-Geste. Designer wie Giorgio Armani mit ihrem vergleichsweise farblosen Utility-Schick langweilen die Wintour, und zwar so sehr, dass sie den Italiener öffentlich brüskierte. Auf einer Party, die Armani anlässlich seiner Werkschau im New Yorker Guggenheim Museum gab, erschien Wintour in einer knallgelben Taucherjacke aus Karl Lagerfelds aktueller Chanel-Kollektion. Sie kam als Letzte und ging als Erste. „Anna war eine lebende Fuck-you-Geste, und jeder konnte es sehen“, wird der Modejournalist Michael Gross in „Front Row“ zitiert.

Die „Vogue“-Königin als einflussreich zu bezeichnen wäre maßlos untertrieben. „Anna Wintour streckt nicht den Finger in den Wind, sie ist der Wind“, umschreibt die „New York Times“ eine Macht, die weit über Orientierungsvorgaben für Fashionistas hinausreicht.

Als Wintour vor zwei Jahren enge, weiße Röhrenjeans mit einer fransigen Tweed-Boucléjacke von Chanel trug, wurden eine Woche später die Auslagen von „Bloomingdale’s“ mit Pagenkopf-getrimmten Schaufensterpuppen im gleichen Look dekoriert. Sofort griffen die Jeanshersteller den über Jahre verpönten Röhrenschnitt wieder auf, und in den Magazinen sah man Kate Moss & Co in Zigaretten-Silhouetten aus Denim vor den Paparazzis die Flucht ergreifen.

Das 2000 Euro teure Fransenteil von Chanel wiederum fand sofort Eingang in die „Echokammern der Laufstege“, wie Suzy Menkes die Billigkopisten wie H&M bezeichnet, die das trendige Stück um 30 Euro an die Chromstangen hängten.

Im Radarsystem der Wintour ist dieses Phänomen der ultimative Todesstoß für die Trendtauglichkeit jeder Kreation, knapp gefolgt von der Vereinnahmung der High Fashion durch Fußballer-Gattinnen. Nachdem Victoria Beckham die Silverado-Tasche von Chloé benutzt hatte, wurde die Wintour nie wieder damit gesehen.

Ein dreister Journalist fragte Wintour einmal, warum sie sich nur mit Sonnenbrille zeige. Sie quittierte die Unbotmäßigkeit mit einem eisigen Lächeln: „Ich möchte einfach ungestört ein Nickerchen machen können, wenn das Vorgeführte so erbarmungslos langweilig ist.“

Von Angelika Hager