Modefotografin von Unwerth im Interview

Die Modefotografin Ellen von Unwerth über Claudia Schiffers Rundungen, lästige Assistenten und Fotoshootings als Barbiepuppenspiel.

Eine dezent gestresste Assistentin bittet um ein wenig Geduld, Frau von Unwerth sei gleich so weit, dix minutes, s’il vous plait. Dann, ein Trippeln auf dem Parkett ihres Pariser Studios, Frau von Unwerth eilt herbei, atmet kurz durch, seufzt, dann ist sie so weit. Seit zwanzig Jahren prägt die gebürtige Frankfurterin, zuvor selbst Fotomodell (und noch früher Nummerngirl im Circus Roncalli), mit ihren Fotos die Modewelt, hat Claudia Schiffer und Nadja Auermann entdeckt, den Magazinstil der neunziger Jahre mitbestimmt und sich mit ihren Fotobüchern auch künstlerisch etabliert. Von Unwerth spricht mit reizendem französischem Akzent, mädchenhaft leise, fast schüchtern. Nur wenn sie lacht, wird es laut, und sie lacht oft.

profil: Frau von Unwerth, machen Sie sich manchmal Sorgen um Ihre Zukunft?
von Unwerth: Nein, wieso?

profil: Weil Sie einerseits im Modebusiness arbeiten, andererseits im Zeitschriftenbusiness und weil es beiden Branchen im Moment gar nicht gut geht.
von Unwerth: Das stimmt schon, aber man kann ja trotzdem noch Fotos machen.

profil: Die fünftägigen Überseeshootings werden aber rarer, oder?
von Unwerth: Das belastet mich nicht wirklich.

profil: Wie viele Leute sind an einem typischen Ellen-von-Unwerth-Foto shooting beteiligt?
von Unwerth: Ich arbeite am liebsten in kleinen Gruppen, nur mit dem Notwendigsten: einem Assistenten oder zwei, Friseur, Make-up, Stylist und eben den Models oder Schauspielern. Aber es kommt schon auch mal vor, dass 50 Leute um einen herumstehen.

profil: Wie erzeugt man da eine relaxte Arbeitsatmosphäre?
von Unwerth: Ich versuche dann, mich mit Styroporwänden notdürftig abzuschirmen. Aber irgendwie kommen die dann trotzdem durch und stehen hinter mir und starren das Model an. Das kann ich nicht so leiden. Man kann schon versuchen, sie zu verscheuchen, aber nach zwei Minuten sind sie wieder da. Und dann muss man noch aufpassen, dass sie nicht auch selbst einen Fotoapparat oder ein Telefon dabeihaben und mitfotografieren. Das kommt heute erschwerend dazu: dass man zwei Minuten später sein eigenes Foto im Internet findet.

profil: Das lässt sich nicht verhindern?
von Unwerth: Man kann natürlich sagen, dass das nicht erlaubt ist. Aber es passiert trotzdem.

profil: Sie sind 20 Jahre als Fotografin tätig, haben hunderte Models und Stars fotografiert, von Claudia Schiffer bis Britney Spears. Können Sie mit jedem Model etwas anfangen?
von Unwerth: Es kann schon vorkommen, dass die Chemie einfach nicht stimmt. Aber das Risiko lässt sich durch gewissenhaftes Casting minimieren, und indem man nur mit Leuten arbeitet, die man gerne mag.

profil: Kann der Fotograf mangelndes Charisma eines Models übertünchen?
von Unwerth: Für mich ist es sehr wichtig, dass die Models eine gewisse Persönlichkeit haben. Natürlich müssen sie auch gut aussehen, aber sie sollten schon auch etwas im Auge haben, im Kopf, und ein gewisses schauspielerisches Talent. Ohne das geht es eigentlich nicht.

profil: Trotzdem scheint die Zeit der starken Persönlichkeiten im Modelgeschäft vorbei zu sein – das Model wird wieder mehr zur austauschbaren Projektionsfläche.
von Unwerth: Das liegt weniger an den Models selbst, sondern daran, wie sie fotografiert werden und ob ihnen überhaupt die Möglichkeit gegeben wird, sich persönlich auszudrücken. Im Moment wird eben mehr aufs Aussehen geachtet als auf die Persönlichkeit. Es gibt nach wie vor sehr viele schöne Mädchen mit starkem Charakter. Aber die Agenturen suchen nur nach dem neuen Star, die Mädchen werden sehr schnell ausgetauscht, und vielleicht werden dabei auch ein paar Talente verpasst. Dazu kommt, dass die Magazine für ihre Shootings heute mehr nach Schauspielerinnen und Filmstars verlangen. Das macht es für die Models nicht einfacher.

profil: Sie haben Ende der achtziger Jahre die junge Claudia Schiffer entdeckt – mit den bekannten Folgen. Würde Schiffer heute, als 17-Jährige, noch einmal dieselbe Karriere machen können?
von Unwerth: Schwer zu sagen. Ich war damals ja auch überrascht, dass das so ein Erfolg war. Aber das war vor 20 Jahren. Vielleicht wäre sie heute zu dies oder zu das für eine Modelkarriere, zu rund vielleicht. Heutzutage sind ja nur mehr ganz dünne Mädchen gefragt.

profil: Sind Sie heute auch noch manchmal überrascht, was funktioniert und wer Erfolg hat?
von Unwerth: Es bleibt, bei aller Erfahrung, immer ein kleiner Rest, von dem man nicht weiß, wie er die Leute berührt. Man hat eine Ahnung, ein Gefühl, aber es kann trotzdem immer noch Überraschungen geben.

profil: Was sagt der vorherrschende Modeltypus über die jeweilige Zeit aus?
von Unwerth: Mich interessiert mehr, wie man mit dem jeweiligen Zeitgeist spielt und ihn konterkariert. Bleiben wir bei Claudia Schiffer: Ihr Erfolg war insofern eine Überraschung, als ich sie sehr glamourös fotografiert habe, ein bisschen à la Brigitte Bardot mit auftoupierten Haaren und Lidstrich. Das war damals eine Überraschung, dieses Glamouröse war irgendwie neu. Derzeit geht der Trend ja in Richtung Kate Moss, ein bisschen grungy, ein bisschen Mädchen-von-nebenan, ein bisschen Lolita. Aber ich weiß ehrlich gesagt nicht genau, was als Nächstes kommen wird oder soll. Aber sagen doch Sie – was würden Sie gern sehen?

profil: Jedenfalls keine Mannequin-Streberinnen à la „Germany’s Next Top Model“.
von Unwerth: Keine Sorge, das ist nur eine Show. Die Leute sehen offenbar gern dabei zu, wie schöne Mädchen schlecht behandelt werden. Natürlich sagen die Agenturen den Models auch im wirklichen Leben, wie sie sich anziehen oder ihre Haare machen sollen, aber im Grunde sucht man schon nach Mädchen, die irgendwie ausgefallen sind. Also ich jedenfalls. Brave Mädchen mag ich überhaupt nicht.

profil: Die Zeitschrift „Brigitte“ will ab 2010 keine professionellen Models mehr einsetzen, angeblich um das unrealistische Schönheitsideal unserer Zeit zu korrigieren. Eine gute Idee?
von Unwerth: Vielleicht funktioniert das für „Brigitte“, aber ich bin sicher, dass sie auch an ihren „normalen Frauen“ herumretuschieren werden: eigentlich hübsch, ja, aber doch ein wenig dick an den Hüften, und an den Schenkeln nehmen wir vielleicht auch noch ein Stück weg. Aber davon abgesehen: Man macht doch Fotos, um zu träumen, oder nicht?

profil: Weil Sie gerade von Retuschen sprechen: Hat Photoshop Ihre Arbeitsweise verändert?
von Unwerth: Wenn man heute in einer Zeitschrift ein unretuschiertes Bild sieht, wirkt das wie ein Schock. Man hat sich schon derart daran gewöhnt, dass alles glatt und perfekt aussieht. Ich habe gerade wieder ein Foto angesehen, das ich vor zehn Jahren gemacht habe, und mir gedacht: Was, das habe ich so freigegeben? Das gibt es doch nicht! Ich retuschiere nicht sehr viel, aber ein kleines bisschen muss schon sein. Das ist das Problem an der digitalen Fotografie: dass man alles, wirklich alles sieht.

profil: Die Digitalkamera ist gnadenloser als die analoge?
von Unwerth: Das merken Sie ja schon bei der billigsten Schnappschusskamera: Man sieht jede Falte, man sieht fast hinein in den Menschen, bis hin zu den Adern. Da muss man retuschieren. Und wenn man mal anfängt, ist es schwierig, wieder aufzuhören. Je genauer man hinschaut, desto mehr sieht man. Ich versuche trotzdem, das so minimal wie möglich zu betreiben, weil ich es nicht leiden kann, wenn 40-jährige Frauen aussehen wie Teenager.

profil: Sie haben sich lange gegen die Digitalfotografie gewehrt. Was hat Sie umgestimmt?
von Unwerth: Ich habe mich, ganz banal, daran gewöhnt. Die Technik hat sich verändert, aber meine Arbeitsweise ist die gleiche geblieben. Ich sitze während meiner Shootings auch jetzt nicht ständig vor dem Computer und schaue mir an, was ich gerade gemacht habe. Ich schieße immer noch drauflos wie früher und schaue mir die Bilder erst am nächsten Tag in Ruhe an. Davon abgesehen ist die Digitalfotografie besser für die Umwelt.

profil: Zweifellos. Aber sie erhöht auch die Gefahr, dass Ihre Bilder in den Redaktionen noch weiter nachbearbeitet und verfälscht werden. Oder haben Sie ein Vetorecht?
von Unwerth: Es schaut nie so aus, wie man es sich wünscht. Es wird immer irgendwie daran herumgeschnitten, oder das Layout ist nicht so, wie man es sich vorgestellt hat, oder eine Geschichte steht in der falschen Reihenfolge, oder die Redaktion gibt ihr einen komischen Titel. Es gibt immer irgendetwas, das einem nicht gefällt. Aber deshalb mache ich ja auch Bücher.

profil: Sie waren jahrelang selbst ein Topmodel. Wie viel Selbstporträt steckt in Ihren Bildern?
von Unwerth: Als Model habe ich mich vor der Kamera nie wirklich wohlgefühlt. Ich wollte mich immer bewegen und Blödsinn machen, und man sagte mir: Nein, nein, bloß stillhalten, nach rechts gucken, stillhalten, nach links gucken, stillhalten. Das fand ich immer todlangweilig. Jetzt habe ich es gerne, wenn sich die Mädchen bewegen, spontan sind, sich ausdrücken.

profil: Was wäre eine typische Anweisung von Ellen von Unwerth an ein Model?
von Unwerth: Mach doch mal, beweg dich mal, mach was Witziges!

profil: Sie sind als Model selbst einmal vor Helmut Newtons Kamera gestanden und bezeichnen ihn gern als eines Ihrer großen Idole. Hatten Sie schon mal Gelegenheit, mit Alice Schwarzer über Sexismus in der Modefotografie zu reden?
von Unwerth: Nein, hatte ich nicht. Aber ich liebe Helmut Newtons Fotos. Man kann sie einfach nicht vergessen. Ich habe auch kein Problem damit, wie er die Frauen fotografiert hat, weil sie immer sehr gefährlich aussehen, so, als ob sie damit einverstanden wären, was sie machen. Ich sehe sie nicht als Opfer.

profil: In Ihrem jüngsten Buch sind ausschließlich Frauen zu sehen. Sind Männer langweiliger?
von Unwerth: Ja (lacht). Nein, ich mag einfach diese Frauen- beziehungsweise Mädchenwelt, wo man sich schminkt, anzieht, das ist fast ein bisschen wie Barbiepuppenspielen. Mit Männern ist es anders, nicht so lustig.

profil: Geht Ihnen die Modebranche auch mal auf die Nerven?
von Unwerth: Das kann schon vorkommen. Es ist manchmal eine sehr hermetische Welt, die keine Augen dafür hat, was rundherum vorgeht. Aber ich bin ja zum Glück nicht mit dieser Branche verheiratet. Man pickt sich einfach das Beste davon heraus. Die Modewelt eröffnet einem viele tolle Möglichkeiten, das kann schon sehr inspirierend sein.

profil: Sie fotografieren auch in Ihrem privaten Alltag praktisch pausenlos. Wie hoch ist Ihr Kameraverschleiß?
von Unwerth: Es kommt schon vor, dass meine Kameras, weil ich eben sehr viel und sehr schnell schieße, irgendwann nicht mehr mitmachen.

profil: Warum veröffentlichen Sie diese Alltagsbilder nicht?
von Unwerth: Hin und wieder kommt schon ein Foto in ein Buch, das ich auf einer Party oder einem Cocktail geschossen habe. Das ist das richtige Leben – auch nicht ganz unwichtig.


Ellen von Unwerth, 55

Nach dem frühen Tod ihrer Eltern wuchs von Unwerth in Waisenhäusern und bei Pflegeeltern auf, ging mit 16 nach Bayern, wo sie eine Zeit lang in einer Hippie-WG lebte und als Nummerngirl im Circus Roncalli arbeitete. Noch als Teenager wurde sie für „Bravo“ als Model entdeckt, ging 1975 nach Paris und arbeitete in den folgenden Jahren unter anderem mit Helmut Newton und Oliviero Toscani. Während eines Foto shootings in Kenia 1986 begann von Unwerth, als Zeitvertreib selbst Fotos zu machen; schon ihre ersten Arbeiten wurden in der französischen Zeitschrift „Jill“ veröffentlicht. Kurz darauf wechselte von Umwerth die Seiten und begann, hauptberuflich als Fotografin zu arbeiten. 1989 machte sie die junge Claudia Schiffer mit einer Kampagne für Guess Jeans berühmt, stieg selbst zum Superstar auf und prägte mit ihren Arbeiten für „Vogue“, „Vanity Fair“, „Interview“, „The Face“, „Dazed & Confused“ oder „i-D“ den Magazinstil der neunziger Jahre. Heute lebt Ellen von Unwerth mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Paris und Berlin. Soeben ist ihr neuester Fotoband „Fräulein“ erschienen, der mit zum Teil unveröffentlichten Fotos ihr Schaffen der letzten 15 Jahre dokumentiert.