Monarchien: Wer braucht noch Könige?

Der diese Woche stattfindende Staatsbesuch des schwedischen Königspaars gibt Anlass zur Vorfreude, aber auch zu einigen respektlosen Fragen: Wer braucht eigentlich Könige? Gibt es für Europas Monarchen heute noch eine andere Existenzberechtigung, als das Publikum mit Schrullen und Skandalen zu unterhalten?

Die Dänenkönigin und Mutter aller Fahrrad-Monarchien, Margrethe II., nennt ihre irdische Bestimmung „den Job“. Und fürwahr: Wenn man den Terminplan für den am Dienstag dieser Woche anstehenden dreitägigen Staatsbesuch des schwedischen Königspaars begutachtet, muss man auch als Anti-Royalist zugeben: Das riecht nach Arbeit, endlosem Smalltalk, Lächeln bis zum Abwinken, raschem Kostümwechsel und einem Glamour-Faktor auf Sparflamme.

Die österreichische Ochsentour von Carl XVI. Gustav, 61, und seiner aus bürgerlichen Verhältnissen stammenden deutschen Frau Silvia, 63, geborene Sommerlath, beinhaltet unter anderem das Scheitelstreicheln von Kindern der Wiener Volksschule Selma Lagerlöf, einen Parlamentsbesuch, Essen mit dem Bundeskanzler und dem Bundespräsidenten sowie ausgiebiges Händeschütteln mit dem Geschäftsführer von Volvo-Trucks auf dem Heldenplatz vor, wenn geht, viel Publikum.

Als krönender Abschluss stehen am Donnerstag ein Mittagessen mit dem burgenländischen Landeskapo Hans Niessl in einem Pamhagener Wellness-Hotel und eine Führung durch die Räumlichkeiten des Edel-Brenners Alois Kracher am Plan. Man könnte seine Zeit kaum repräsentativer totschlagen.

Für die spätestens seit dem Besuch von George W. Bush schwer zu erschütternde Präsidentschaftskanzlei in der Hofburg fallen die von Dienstag bis Donnerstag währenden schwedischen Festspiele, was Kosten und Sicherheitsmaßnahmen betrifft, ins unspektakuläre Mittelfeld.

Das entspricht auch der Bedeutung des Besuchs. Denn Carl Gustav Folke Hubertus, König von Schweden, fünftes Kind (nach vier Töchtern) des Erbprinzen Gustav Adolf und der Erbprinzessin Sibylla von Sachsen-Coburg, gilt als Europas Monarch mit dem geringsten politischen Pouvoir.

Der Kronprinz, der im Alter von einem halben Jahr seinen Vater bei einem Flugzeugunglück verloren hatte, bestieg 1973 den schwedischen Thron. Knapp danach begann für den mit 27 Jahren damals jüngsten König der Welt der Ärger mit den republikanischen Kräften. Denn durch eine Anfang 1975 in Kraft getretene Verfassungsänderung wurde der blasse Playboy, der vor seinem Amtsantritt seine Freizeit am liebsten in schnittigen Autos verbracht hatte, in seinen Rechten so massiv beschnitten wie kein anderer der zehn europäischen Monarchen, einschließlich der Fürsten von Liechtenstein und Monaco.

Vor allem im politischen Bereich sollte für den früheren Partykönig kein Palastziegel auf dem anderen bleiben: Denn nunmehr ernannte nicht mehr der König, sondern der Reichsratspräsident den neuen Ministerpräsidenten, und der jeweilige Regierungschef übernahm die Leitung der Kabinettssitzungen. Eine ähnliche Reform wäre etwa in Großbritannien einem Putsch gegen Königin Elizabeth II. gleichgekommen – die übrigens mit Gordon Brown unlängst ihren elften Premier ins Rennen schickte.

Innerhalb Europas Monarchien bekleidet die in ihrem 81. Lebensjahr stehende „Lilibeth“, wie sie von ihrem Prinzgemahl zärtlich genannt wird, die mit Abstand originärste Position. „Etikette, bis das Blut gefriert“, lautet ihr internes Arbeitsmotto. Eine Familie, im Vergleich zu der die „Munsters die Waltons sind“, so die Windsor-Biografin Kitty Kelley, bildet den reizvollen Kontrast zu der so sehr um steife Würde bemühten Attitüde der Königin. Allerbeste Voraussetzungen für hochklassigen Voyeurismus, der eine ganze Medienindustrie am Rotieren hält.

Micker-Monarchien. Mit der Simulation von Volksverbundenheit, wie sie in den „Micker-Monarchien“ (so der republikanische „Guardian“) von Holland, Schweden, Dänemark und am halbherzigsten in dem von Nationalismus und Erdöl-Arroganz geprägten Norwegen praktiziert wird, hält sich die Chefin des Windsor-Clans gar nicht erst auf. Als ihr die frühere Premierministerin Margaret Thatcher einmal in einem nahezu identisch schaurigen Kostüm auf dem Staatsparkett über den Weg lief, ließ die Queen die Kabinettschefin wissen, dass sie nicht im Entferntesten daran denke, in Zukunft rechtzeitig Informationen über deren werte Garderobenplanung einzuholen, vielmehr müsse das Prozedere genau umgekehrt angelegt werden.

In ihrem Rolls-Royce ließ „Ma’am“ eine Speziallampe montieren, die den Spalierstehern die Illusion eines „überirdischen Schimmers“ ihres Teints verleihen soll, denn, so die Königin: „Man erwartet nicht von uns, dass wir uns wie menschliche Wesen benehmen.“

Was insofern ein eklatanter Irrtum ist, als übertriebene Abgehobenheit seitens der königlichen Protagonisten auf die Dauer von äußerst kümmerlichem Entertainmentwert ist. Die verstorbene Prinzessin Diana, ein luxuriöses Gesamtkunstwerk aus echten und inszenierten Schwächen, hatte zum Thema „Das Leben als Show“ bei Windsors bekanntlich eine kopernikanische Wende eingeleitet.

Der Preis dieser Form von All-inclusive-Unterhaltung kostet die britischen Steuerzahler jährlich 51,8 Millionen Euro. Die dänische Zweirad-Queen Margrethe findet mit bescheidenen 8,6 Millionen Euro ihr Auslangen und daneben noch die Zeit, Kirchengewänder und Briefmarken zu designen. Im Gegensatz zu Elizabeth muss sie sich allerdings seit 30 Jahren mit einem höchst störrischen Schattengatten aus Frankreich, dem Grafen de Laborde de Monpezat, herumschlagen. Der zum Prinzen Henrik von Dänemark Zwangsnobilitierte spricht bis heute kaum verständliches Dänisch mit schwerem Akzent und flüchtet sich gern auf das Weingut seiner Familie in Frankreich, wenn ihn das öde Repräsentieren zu sehr enerviert.

Umwegrentabilität. Der durch Dianas Eskapaden ausgelöste Paradigmenwechsel setzte indirekt auch die anderen europäischen Königshäuser unter Druck – abgesehen vielleicht von den Monegassen-Grimaldis, die lange vor Diana bereits Pionierarbeit auf dem royalen Entertainmentsektor leisteten. Der 2005 verstorbene Fürst Rainier, der 1955 durch die Heirat der makellosen US-Zuchtperle Grace Kelly „dem kleinen Räuberfelsen von einem Land“ („Paris Match“) einen nachhaltigen Image- und PR-Schub verschafft hatte, erkannte schon früh die Notwendigkeit unermüdlicher Selbstvermarktung. Seine umwegrentable Zauberformel lautete: „Ein Lächeln ein Dollar; eine Träne zwei Dollar.“

Inzwischen hat sich auch in den Nord-Monarchien die Erkenntnis verdichtet, dass das überlebenssichernde öffentliche Interesse nicht mit Winke-Exerzitien auf Schlossbalkonen und der huldvollen Inauguration von Staubsaugermessen in Wallung gehalten werden kann. Da müssen echte Tragödien und Dramen her. Ansonsten funktioniert der Pakt nicht, den das amüsierwütige Volk mit seinen Regenten geschlossen hat. Denn de facto agieren Könige heute in der Rolle der Hofnarren, als integraler Bestandteil einer Unterhaltungsmaschinerie, die mit den rasch wechselnden B- und C-Promis des gemeinen Showgeschäfts auf Dauer nicht ausgelastet wäre.

Nachdem die norwegische Kronprinzessin Mette-Marit eine Party-Vergangenheit, zerrüttete Familienverhältnisse und Depressionen in die Ehe mitgebracht hatte, avancierte ihr Mann Hakon zum Helden. Wider alle Konventionen hatte er seinem Herzen gehorcht und die Ehe mit dem dysfunktionalen Aschenputtel durchgesetzt.

Semiproletariat im Hochadel. Und wer hätte sich für ein Palatschinken-Gesicht wie den holländischen Kronprinzen Willem-Alexander interessiert, wenn der Sohn von Königin Beatrix anstelle Máximas, der Tochter eines argentinischen Faschisten, eine biedere belgische Comtesse vor den Altar geführt hätte?

Wenn nun auch noch die lange an Magersucht laborierende schwedische Kronprinzession Victoria endlich ihren Fitnesstrainer Daniel Westling heiraten dürfte, wogegen Vater Carl Gustav sich noch sträubt, würden europaweit die Trockenhauben wackeln. Und die rührenden Aschenputtel-Storys von Mette-Marit, Máxima, Mary und Letizia, allesamt Kronprinzessinnen aus bürgerlichem und nicht immer unbescholtenem Lager, würden um die feministische Variante eines bürgerlichen Prinzgemahls bereichert.

Paradoxon am Rande: Das schwedische Königsgeschlecht der Bernadottes fällt in der Standesdünkel-Konkurrenz des europäischen Hochadels nahezu in die Kategorie Semiproletariat – nur unterboten von dem Monegassen-Clan der Grimaldis, deren Blaublut mit Piraten- und Montmartre-Wäscherinnen-Spurenelementen durchmischt ist.

Stammvater des Clans war der bürgerliche Franzose Jean-Baptiste Bernadotte, seines Zeichens napoleonischer Kriegsmarschall, den die Schweden 1809 zu ihrem Kronprinzen erkoren hatten. Der amtierende Karl XIII. hatte sich nämlich als zeugungsunfähig erwiesen. Bei der unkonventionell anmutenden Königsbeschaffung berief man sich auf die Tradition der Wahlmonarchie, die vor der Machtübernahme der Wasa-Dynastie gepflogen worden war.

Als Karl XIV. erklomm Bernadotte 1818 den Thron, und seine französische Gemahlin Désirée, pikanterweise eine Ex-Verlobte Napoleons, hatte angesichts des Savoir-vivre bei Wikingers tüchtig zu motzen: das raue Wetter, all der gepökelte Fisch, mon dieu! Angesichts des abartigen Menüplans blieb oft nur der Griff zu einem weichen Ei, um den eleganten Hunger zu stillen. Aus dieser Zeit stammt übrigens der im schwedischen Königshaus bis heute praktizierte Brauch, auf dem Essplatz des Monarchen stets einen goldenen Eierbecher zu postieren.

Aufpasser. Auf Staatsbesuchen bekommt Carl Gustav, der sein Land jährlich zehn Millionen Euro kostet, seit 2004 von der Regierung einen Aufpasser zur Seite gestellt. Nach einem üblen Fauxpas in Brunei, wo der König den ultrakonservativ herrschenden islamischen Sultan, der noch immer die Prügelstrafe exekutieren lässt und dessen Frauenbild auch nicht gerade auf dem letzten Stand ist, als „Stabilität garantierenden Herrscher“ lobte, überlässt der seit vergangenem Jahr amtierende christdemokratische Premier Fredrik Reinfeldt bei den Königstourneen nichts mehr dem Zufall.

Dass Carl Gustav in Geschmacksfragen generell durchaus einer schützenden Hand bedarf, zeigte sich auch, als er auf die Frage nach seinem Geburtstagswunsch zum Sechziger im vergangenen Jahr antwortete: „Das achtzylindrige Mercedes-Benz-Cabriolet, das mein Vater von Deutschland bekam.“ Der edle Spender hieß 1941 Adolf Hitler.

Und dennoch: Als Carl Gustav im vergangenen Jahr sein rundes Jubiläum beging, herrschte in Stockholm drei Tage lang Ausnahmezustand. Das Volk jubelte, und der europäische Hochadel reiste geschlossen an – mit Ausnahme der Kukident-Romantiker Charles und Camilla, die sich durch die Schweden-Absenz bei der eigenen Hochzeit brüskiert gefühlt hatten. Repräsentanten der „Republikanischen Vereinigung“ kamen bei dem „Karneval der Eunuchen“, so der Slogan auf einem Protest-Transparent, nicht recht vom Fleck. Da nützte auch die Verteilung von Torten wenig, die mit der Zucker-Inschrift „Es lebe die Republik!“ verziert waren.

Der im royalen Stockholm gepflegte Down-to-earth-Habitus ist vor allem der bürgerlichen Pragmatik der ehemaligen Hostess Silvia Sommerlath zu verdanken. Da wurden die drei Kinder Victoria, heute 30, Carl Philip, 27, und Madeleine, 25, stets öffentlich geherzt und geküsst; Spielkameraden wurden wie selbstverständlich ins Allerheiligste des Palastes vorgelassen und durften sogar im Bademantel des Königs (blau mit gelben Kronen samt heraushängenden Frotteefäden) vor dem TV-Gerät ein Glas heiße Milch schlürfen. Auf dem Sommersitz Solliden auf der Insel Öland reinigt der König gern in Jedermanns-Montur seine Teiche und dünnt den Eichenwald aus.

Königin Silvia, die dem passionierten Pfadfinder 1972 bei den Olympischen Spielen in München über den Weg lief („Dann machte es klick!“), revolutionierte nach der Hochzeit 1976 mit der Institution einer Pressestelle den Hofstaat und gilt als die geheime Retterin der Monarchie. „Sie zu heiraten war Carl Gustavs Geniestreich“, urteilt dessen autorisierter Biograf Herman Lindquist und spielt damit auf die intellektuelle Überschaubarkeit des Monarchen an.

Legastheniker. Carl Gustav leidet nämlich bis heute an einer starken, legastheniebedingten Schreib- und Leseschwäche, weshalb er im gemeinen Volksmund auch gern „Knugen“ (statt Kungen, so das schwedische Wort für König) genannt wird. Dieses Defizit gab er auch an seine Tochter Victoria weiter, derentwegen 1980 das Thronfolge-Gesetz zugunsten des oder der Erstgeborenen geändert worden war.

Das vom traditionellen Katholizismus geprägte Spanien würde eine solche Regelung in eine veritable Krise stürzen. Nach der Geburt der zweiten Prinzessin des spanischen Thronfolgerpaars Felipe und Letizia plädierte Juan Carlos, heute 69, für eine Verfassungsänderung, um der erstgeborenen Leonor das Terrain für den Thron zu ebnen, was innerhalb der politischen Parteien so heftige Querelen auslöste, dass man kurzerhand beschloss, die Angelegenheit auf 2008 zu vertagen.

Abgesehen von Juan Carlos und den Zwergen-Fürsten in Liechtenstein und Monaco, denen verfassungsmäßig mehr politisches Gewicht als den anderen europäischen Monarchen zugestanden wird, ist der gesamteuropäische Zirkus Krone nüchtern betrachtet nicht sehr viel mehr als ein buntes Paralleluniversum, das der Stärkung des nationalen Selbstbewusstseins und der Ankurbelung des Tourismus dient. Seine wahre Macht – und Überlebenschance – liegt in seinem Unterhaltungswert. „Es wäre doch wirklich schade, die Royals Europas in Formaldehyd einzulegen und in den Gängen ihrer Schlösser den Japanern zu präsentieren“, meint der britische Journalist James Woodall. „In Wahrheit tun sie niemandem etwas und amüsieren uns dennoch prächtig.“

Von Angelika Hager und Sebastian Hofer