Monstergehälter

Anmerkungen zu einem Dauerthema.

Dieser Tage, in Mörwalds Haubenrestaurant im Kremser Kloster Und, fragte eine Künstlerin, ob es im langweiligen Leben eines Wirtschaftsjournalisten einen Tag voll Freude gegeben habe. Aber ja, sagte ich, eigentlich seien alle Tage spannend gewesen. Als sie Zweifel äußer­te, erzählte ich beispielshalber von 24 Stunden in Hiroshima. In jener Nacht war ich mit Herbert Völker, dem besten Mo­torjournalisten, den Japanern um die Ohren gefahren. Auf der Nachtteststrecke von Mazda, einem Oval mit überhöhten Kurven, bewiesen wir, dass ein Porsche 944 immer noch schneller war als das in Entwicklung begriffene Mazda-RX7-Wankel-Coupé. Am Morgen danach erwachte ich in einem sargähnlichen Holiday-Inn-Zimmer. Es hat nie wieder ein kleineres gegeben. Im Memorial-Park von Hiroshima sah ich dann fröhliche Kinder, die Schmetterlinge fingen. Dies erinnerte an Maos Satz: „Die schönsten gelben Blumen blühen auf dem Schlachtfeld.“ Anschließend, so erzählte ich, hätte ich ein stundenlanges Gespräch mit Mazda-Präsident Kenichi Yamamoto gehabt, über Gott Mammon und die Welt. „Oh!“, sagte die Künstlerin.

Das eigentlich Fesselnde am Gespräch mit Yamamoto hatte wenig mit Technik zu tun, obwohl er wie Henry Ford, Ettore Bugatti und Ferdinand Piëch einer von wenigen Technikern an der Spitze eines Autokonzerns war. Er sprach lieber davon, warum sein Jahreseinkommen nur fünfmal so hoch war wie das seiner besten Mitarbeiter: „Keiner ist zehnmal besser.“ Eine helle Erinnerung heute, da alle namhaften Me­­dien Titelgeschichten über die explodierenden Einkommen von Top-Managern bei gleichzeitiger Wohlstands-Verlust­angst der unteren Ränge bringen. Die Dreifaltigkeit der Spitzeneinkommen (Jahresgehalt plus Barprämie plus Aktienoption) führte in groteske Höhen. Ein Verhältnis von 1000:1 zwischen CEO und Abteilungsleiter ist nicht mehr selten. Selbst in Österreich, wo man keineswegs die Lohndifferenzen Amerikas und Asiens erreicht, wurden schon die rund drei Millionen Euro von Andreas Treichl & Co diskutiert. Man kam in der bisherigen moralischen Abwägung auf keinen grünen Zweig. Weder das Sinnvolle noch das Gefährliche lässt sich errechnen. Fast alle, die ich fragte, ob sich die Spitzengehälter objektiv bewerten ließen, sahen aus wie Sigmund Freud, als er gefragt wurde, was Frauen wirklich wollen. Er senkte ergeben sein Haupt und sagte: „Ich weiß es nicht.“ Nur die unbekümmert Emotionalen wissen wie immer eine gültige Antwort. Jene, die rechts von Dschingis Khan denken und von allmächtigen Führern träumen, sagen: „Die Besten können gar nicht genug verdienen.“ Jene, die links von Danton stehen, sagen: „Jedwede Differenz ist entwürdigend und schreit nach Revolution.“ Unsere Demokratie ist heute reif genug, die Narren beider Seiten auszufiltern. Das hilft aber in der konkreten Frage nicht weiter. Soll bei den Monstergehältern etwas geschehen? Gilt Augen zu und durch? Oder will man Korrektur? Und wenn ja, warum und wie?

Erster Versuch einer Antwort: Um Himmels willen keinen Eingriff von oben, seitens ahnungsloser Gesetzgeber. Wenn versucht wird, die Einkommen in privaten Unternehmen nach beamteten, weltfremden Kriterien zu regeln, geht es zwingend schief. Es überlastet nur die überlasteten Gerichte. Außerdem wäre es eine absurde Auf­erstehung des Marxismus. Dessen Versuch, den output zentral zu planen, war schon Irrsinn. Wie sehr erst gälte dies für den Versuch, das individuelle income zu planen. Da lachen ja selbst die toten roten Spitzenfunktionäre. Zweiter Versuch einer Antwort: Lernen wir aus der Makroökonomie für die Mikroökonomie. Aus der Volkswirtschaftslehre wissen wir, dass dauerhafte Oligarchien, das Nebeneinander weniger Ultrareicher und vieler Armer, zwingend ins Elend führen, Beispiel Lateinamerika. Von den dumpfen Diktaturen in Afrika ganz zu schweigen. Österreichs Erfolgsstory hat auch damit zu tun, dass wir eine homogene Struktur zeigen. Der starke KMU-Mittelbau schützt uns auf Unternehmerseite wie ein bewegliches Kettenhemd aus kleinen Titan-Elementen. Auch die Einkommensunterschiede sind moderater als anderswo. Und dort, wo sie jetzt auch in Österreich anfangen, zu nerven und psychologisch gefährlich zu werden, sollte vielleicht einer der Top-Manager freiwillig aufstehen und so ähnlich reden wie damals Kenichi Yamamoto in Hiroshima.