„Ich fühle mich oft selbst fehl am Platz“

Filmemacher Nanni Moretti über Kirche und Psychoanalyse, Italiens Politchaos und seine Vatikan-Komödie „Habemus Papam“.

Interview: Stefan Grissemann

profil: Sie analysieren in „Habemus Papam“, wie schon in Ihrer Berlusconi-Satire „Il caimano“ vor fünf Jahren, italienische Machtstrukturen. Nach der Politik ist nun der Vatikan dran. Warum behandeln Sie die Kirche so viel liebevoller als Ihre Regierung? Ist sie an Italiens Malaise nicht ursächlich beteiligt?
Moretti: „Il caimano“ war ja nicht nur ein Film über Politik – und „Habemus Papam“ ist alles andere als eine realistische Erzählung über den Vatikan. Nun hab ich natürlich eine große Distanz zu allem, was die katholische Kirche darstellt; eine Distanz, die man etwa zur Regierung Berlusconi nie halten konnte. Ich hatte nie die Absicht, einen Film über den aktuellen Vatikan zu drehen, sonst hätte ich mich ganz anders damit beschäftigen müssen.

profil: Was für ein Film schwebte Ihnen denn vor?
Moretti: Ich hatte eine schmerzhafte Komödie im Sinn, die von der Krise eines alternden Kardinals handelt, der gerade zum Papst ernannt worden ist. Und ich weiß natürlich, dass sich ein Teil meines Publikums etwas ganz anderes erwartet hatte, als dieses Thema bekannt wurde. Aber das ist eher das Problem meiner Zuschauer als mein eigenes. Und ich denke, ich sollte die Freiheit haben, genau den Film zu machen, den ich machen will – und nicht jenen, den man von mir erwartet. Auch weil ich glaube, dass es schwieriger und die größere Herausforderung ist, einen Film zu drehen, der Fragen stellt und den Zuschauer nicht einfach ruhig stellt. Ein Großteil meines Publikums wünscht sich doch nur, genau das noch einmal erzählt zu bekommen, was es ohnehin längst schon weiß.

profil: Hat auch die Idee eine Rolle gespielt, dass ein derart gelassener, heiterer Film wie „Habemus Papam“ möglicherweise sogar der subversivere sei als die Vatikan-Demontage, die man von dem gottlosen Künstler Nanni Moretti erwartet hat?
Moretti: Es ist jedenfalls das stärkere, nacktere, essenziellere Bild, einen Papst zu zeigen, der auf sein Amt verzichtet – und dazu das Entsetzen, die Erstarrung der Gläubigen und der Kardinäle, die plötzlich führungslos dastehen.

profil: Waren Sie nicht erstaunt über die großteils positiven Reaktionen seitens des Vatikans? Außer einer Kampagne des katholischen Blatts „L’Avvenire“ gab es kaum böse Stimmen zu Ihrem Film.
Moretti: Um ehrlich zu sein: Ich habe die Stellungnahmen der Kirche und ihrer Medien gar nicht richtig verfolgt. Als ich jünger war, las ich alle Rezensionen zu meinen Filmen, aber das ist lange her. Ich nehme an, dass auch die Vertreter der Kirche erstaunt waren, dass ihre Ängste vor dem bösen Filmemacher Moretti unbegründet blieben. Ich finde es aber auch nicht peinlich, wenn die katholische Kirche meinen Film nun zu schätzen weiß.

profil: Wie kam es zu der nicht unbedingt naheliegenden Idee, der Religion die Psychoanalyse gegenüberzustellen?
Moretti: Es sind zwei sehr verschiedene Arten zu leben und zu denken. Und es ist schwierig, die Psychoanalyse mit der Religion zu vereinen. Das reizte mich.

profil: Sie haben erklärt, dass Sie – weil Sie im Vatikan selbst nicht drehen durften – Ihren eigenen Vatikan, Ihre eigenen Kardinäle erfinden mussten, dass „Habemus Papam“ eigentlich eine Fantasie sei. Hat Ihr Film dann überhaupt noch etwas mit dem gegenwärtigen Italien und der katholischen Kirche zu tun?
Moretti: Nicht direkt und vielleicht nicht wortwörtlich. Aber indirekt enthält der Film doch viele der virulenten Fragen und Zweifel der italienischen Kirche.

profil: Kann man den Film auch als eine Reflexion Ihrer eigenen Selbstzweifel als Künstler verstehen?
Moretti: Sagen wir so: In der Suche, dem Umherirren und den Depressionen meines Papstes bin selbstverständlich auch ich selbst enthalten. Ich wollte jenes Gefühl der Unzulänglichkeit ausdrücken, das ich tagtäglich in meiner Arbeit, in meinem sozialen Umfeld verspüre. Ich kenne das. Ich fühle mich oft selbst fehl am Platz – und wünsche mich an ganz andere Orte.

profil: Also ist Ihr Film doch auch als eine Art Selbsterkundung zu sehen – vor allem in der Figur des Psychoanalytikers, den Sie ja selbst spielen?
Moretti: Ja, aber nicht therapeutisch. Ich hatte einfach Lust, mich ein bisschen über die Psychoanalyse – und über mich selbst – lustig zu machen. Abgesehen aber von Religion und Psychoanalyse wollte ich einen Film machen, der in seinem Erzählfluss sehr oft und sehr plötzlich die Richtung wechseln und das Publikum verblüffen würde, das sich da in einem Irrgarten zu verlaufen droht.

profil: Dazu gehört auch der unerwartete Sprung Ihrer Filmerzählung in den Sport – zu einem bizarren Volleyballturnier unter Geistlichen. War das Risiko, sich mit einem launenhaften Drehbuch wie diesem zu verzetteln, nicht sehr groß?
Moretti: Mir ging es darum, die Verwirrtheit dieses Psychoanalytikers zu zeigen, aber auch jene der Kardinäle, die, wie Kinder eingeschlossen, selbst nicht wissen, worauf sie warten, weil unklar ist, ob das Konklave nun beendet ist oder nicht. Das ist der Moment der Machtergreifung dieses Analytikers, der in seiner Präpotenz das Warten und Leben der Kardinäle zu organisieren beginnt. Ich habe also nach einem Weg gesucht, ohne banale Dialoge eine Intimität zwischen zwei sehr verschiedenen Welten herzustellen: Im Volleyball wachsen der ungläubige Psychoanalytiker und die Kardinäle, die ihr ganzes Leben mit dem Gottglauben zugebracht haben, überraschend zusammen. Ich weiß natürlich, dass der Film zweigeteilt ist. Es gibt da ein Innen und ein Außen: das Innenleben des Vatikans mit einem Schweizergardisten, der die Vorhänge an den Fenstern bewegen muss, um die Anwesenheit des designierten Papstes vorzutäuschen – und die Inkognito-Existenz des in die Außenwelt geflüchteten Papstes. So ist „Habemus Papam“ zugleich Komödie und Drama: Die groteskeren Töne sind für den Vatikan reserviert, die realistischeren für den Rest der Welt. Das war die Herausforderung: einen Film zu drehen über die Koexistenz zweier scheinbar unvereinbarer Elemente.

profil: Die Konfusion scheint der Generalzustand Ihres Films zu sein. Die offene Form ist die Grundbedingung dieser Verwirrung.
Moretti: Ja, der Papst selbst spricht in meinem Film von einer psychischen Nebenhöhlenentzündung.

profil: Recherchierten Sie die Rituale im Vatikan eigentlich genauer? Oder bot Ihr Rückzug in die Fantasie den Freiraum, alles so zu gestalten, wie Sie wollten?
Moretti: Nein, ich recherchierte viel und sehr genau, vor allem die Ikonografie, die Wahlvorgänge und Prozessionen beim Konklave. Und ich musste die Sixtinische Kapelle in Cine­città nachbauen. Bühnenbild und Kostüme waren also akribisch recherchiert. Aber innerhalb des visuellen Konzepts konnte ich dann in großer Freiheit eine Geschichte erfinden.

profil: Sie wirken, wenn man Sie so sieht, wie Sie unaufhörlich geometrische Figuren in Ihren Notizblock zeichnen, während Sie dieses Interview geben, wie die Idealbesetzung für den Part eines Psychoanalytikers. Sind Sie in der Rolle, die Sie sich ja selbst geschrieben haben, ein wenig hängen geblieben?
Moretti: Nein. Ich habe nie eine Psychoanalyse absolviert, was aber die Bedingung dazu wäre, als Analytiker zu arbeiten. Ich glaube, ich ziehe es vor, Regisseur zu bleiben.

profil: Sie haben jenen fiktiven Kardinal, der wider Willen zum Papst aufsteigt, Melville genannt. Das ist wohl eher ein Verweis auf den Schriftsteller Herman Melville als auf den Filmemacher Jean-Pierre Melville.
Moretti: Der Name gilt beiden. Das war aber eher Zufall. Beim Filmfestival in Turin, das ich zwei Jahre lang leitete, lief 2008 eine Mel­ville-Retrospektive. Ich schrieb gerade das Drehbuch zu meinem Film und nannte den Helden provisorisch einfach Melville. Ich wollte das irgendwann noch ändern, aber dann kam es nicht mehr dazu.

profil: Herman Melvilles Kurzgeschichte von Bartleby, dem Schreiber, der mit der Phrase „Ich möchte lieber nicht“ jeden Arbeitsauftrag verweigert, hat keine Rolle gespielt?
Moretti: Irgendwie spielte Bartleby dann doch eine Rolle, denn später erfuhr ich, dass der Regisseur Melville diesen Namen erst in der ­Résistance angenommen hatte – und bei ihm war er tatsächlich eine Hommage an den Schriftsteller Herman Melville.

profil: „Habemus Papam“ spielt ironisch auch auf den inneren Zusammenhang zwischen Kirche und Theater an. Ist es wahr, dass Ihnen dieser Zusammenhang anfangs gar nicht ins Auge stach?
Moretti: Es ist wahr, dass ich diese Nähe nicht schon beim Schreiben des Drehbuchs zu Ende dachte. Aber der Film selbst stellte dann klar: Die katholische Liturgie arbeitet mit theatralischen Mitteln. Das Generalthema von „Habemus Papam“ ist genau das: der Zwang, etwas darstellen, eine Rolle übernehmen zu müssen. Der Film handelt vom Schauspielen. Der Papst will und kann die Rolle nicht spielen, die ihm zugeteilt wird, ebenso wenig kann der Psychoanalytiker den Part übernehmen, den ihm der Vatikan zuschreibt. So erfindet er sich die Rolle des Schiedsrichters in einem Volleyballturnier. Die Schweizergarde wiederum soll interimistisch die Rolle des Schattenpapstes spielen, und dabei stellt sich heraus, dass da einer sehr in seine Rolle wächst. Und der Schauspieler, den der Papst auf seiner Flucht in die Außenwelt antrifft, will in einem Anflug von Größenwahn gleich alle Rollen in Tschechows „Die Möwe“ spielen. Das heißt: Sämtliche Figuren in meinem Film sind damit befasst, die ihnen zugeschriebenen Rollen zu proben und darzustellen. Ich sehe „Habemus Papam“ also als einen Film, in dem es ums Spielen geht, um zugewiesene Rollen, aber auch um den Wunsch, einen ganz anderen Part zu übernehmen als jenen, in dem man jeden von uns gerne sähe.

profil: Wird der große Erfolg, den Ihr Film an den italienischen Kinokassen hatte, dazu führen, dass es nicht wieder fünf Jahre dauern wird, bis ein neues Werk von Nanni Moretti vorliegt?
Moretti: Vom Erfolg meiner Filme hängt das leider nicht ab. Zwischen 2001 und 2006, also zwischen „Das Zimmer meines Sohnes“ und „Il caimano“, arbeitete ich auch an anderen Projekten, dachte nicht nur daran, den nächsten Film zu machen. Ich produzierte das Debüt einer jungen Regisseurin sowie verschiedene Dokumentarfilme, und ich war ziemlich lange in der Girotondi-Protestbewegung gegen Berlusconi aktiv, was mich dazu zwang, meine eigentliche Arbeit zur Seite zu legen. Genauso war es auch nach „Il caimano“. Ich beschäftigte mich mit anderen Dingen, organisierte das Turiner Festival, spielte Rollen in den Filmen von Kollegen, konzentrierte mich auf mein Kino in Rom und meinen Filmverleih. Aber das soll nicht heißen, dass bis zu meinem nächsten Film wieder fünf Jahre vergehen sollen. Absolut nicht.

profil: Wie sehen Sie die aktuellen Ereignisse in Ihrer Heimat? Ist Berlusconis schneller Abgang eher einer Serie von glücklichen Zufällen zuzuschreiben, oder ist das gar ein Zeichen von neuer politischer Reife, die Italien und seine Politiker erfasst hat?
Moretti: Leider ist Berlusconi nicht wegen einer verlorenen Wahl zurückgetreten, auch nicht auf Druck der Öffentlichkeit, wegen der Stärke der linken Opposition oder weil er über seine Skandale gestolpert wäre. Es waren die Märkte und die EU, die ihn für politisch und wirtschaftlich unglaubwürdig hielten und ihn damit zum Rücktritt zwangen. In anderen Ländern hätten die eigene Partei oder die Koalitionspartner der Regierung eine solche Figur dazu gezwungen, das Handtuch zu werfen. Die neue politische Reife Italiens war ja schon an den Ergebnissen der Regionalwahlen in Neapel, Mailand, Triest und Cagliari zu sehen, wo der Sieg der Linken in Turin und Bologna bestätigt wurde. Außerdem ist eine Wirtschaftskrise kein glücklicher Zufall.

profil: Hat eine Technokraten-Übergangsregierung wie jene Mario Montis Ihrer Meinung nach überhaupt eine Chance?
Moretti: Ich möchte daran erinnern, dass ich Filmemacher bin. Deshalb habe ich nicht zu allem, was tagtäglich in Italien und der Welt passiert, eine Meinung. Wenn mich italienische Journalisten um Kommentare zu diversen Fragen bitten, sage ich meist ab – denn ich will am Tag danach nicht in der Zeitung lesen, was Nanni Moretti über dies und jenes denkt. Gut: Mario Monti ist sicher kein progressiver Geist, aber natürlich besser als Berlusconi – denn jeder ist besser als Berlusconi. Monti hat sehr kompetente Minister. Ich hoffe nur, dass Italiens Wirtschaft nicht auf Kosten der sozialen Gerechtigkeit saniert wird.

profil: Haben Sie nun neue Hoffnung, was die – auch von Ihnen – viel gescholtene Linke in Italien betrifft?
Moretti: Die Linke hat sehr verantwortlich agiert, indem sie nicht auf Neuwahlen gesetzt und gezeigt hat, dass ihr die Sanierung der Wirtschaft und das Wohl des Landes wichtiger waren als der eigene Vorteil. Es ist entscheidend, interne Streitigkeiten zu beenden und mehr Großzügigkeit ins politische Leben zu bringen. Die Linke muss den Selbstzerstörungstrieb, der in ihrer DNA steckt, endlich überwinden.