Himalaya-Tourismus: Gewalt zwischen Sherpas und Bergsteigern

Mount Everest - Himalaya-Tourismus: Gewalt zwischen Sherpas und Bergsteigern

Gewalteskalationen zwischen Sherpas und Bergsteigern am Mount Everest zeigten jüngst auf, welche ­groteske Form der Himalaya-Tourismus seit der Erstbesteigung des Mount Everest vor 60 Jahren angenommen hat. Sherpas und Träger werden aus­gebeutet und müssen im Existenzkampf mitunter ihr Leben riskieren.

Die Göttin Jomo Miyo Lang Sangma gilt als so unberechenbar wie gnadenlos. Sie ist eine der „fünf Schwestern des langen Lebens“ und sitzt laut buddhistischem Glauben am Gipfel des Mount Everest, 8848 Meter über dem Meeresspiegel und damit am höchsten Punkt der Erde. Ihren Zorn soll sie durch überraschende Schneestürme ausdrücken, ihre Unbarmherzigkeit durch eiskalte Winde und Lawinen, aus denen es kein Entkommen gibt. Wenn Sherpas das heilige Gebiet der Göttin betreten, entzünden sie traditionell Räucherstäbchen und beten um die Milde und Güte der gefürchteten Göttin.

Als Ende April drei Bergsteiger sich auf der Strecke ins „Camp 3“ auf 7500 Höhenmetern befanden, wurde für die Truppe das landläufige Klischee von der buddhistischen Friedfertigkeit der Sherpas zertrümmert.

Der Schweizer Extrembergsteiger Ueli Steck, sein italienischer Kollege Simone Moro sowie der britische Fotograf Jonathan Griffith befanden sich auf 7000 Metern, als sie auf eine Gruppe von Sherpas trafen, die mit der Montage von Fixseilen beschäftigt war. Diese Hilfe wird vor allem von Amateurbergsteigern benutzt, die sich daran beim Anstieg weiterhanteln. Inzwischen wurden solche Seile sogar bis zum Gipfel installiert. Somit ist auch vielen Alpintouristen das Erfolgserlebnis einer Gipfelbesteigung vergönnt, die ohne diese Unterstützung jedenfalls scheitern würden.

Genau aus diesem Grund gilt es unter Alpinprofis als nahezu verpönt, diese Fixseile zu benutzen. Schließlich hatte auch Edmund Hillary bei der Erstbesteigung am 29. Mai 1953 vor 60 Jahren keine derartige Infrastruktur zur Verfügung gehabt. Ueli Steck und seine zwei Bergkameraden wollten sich an diesen Ehrenkodex halten und lediglich über die Seile steigen.

Doch die Sherpas empfanden die bloße Anwesenheit der drei Bergsteiger als pure Provokation. Schließlich war in einer Camp-Besprechung vereinbart worden, dass während der gefährlichen Montagearbeiten niemand den Hang betreten darf. Da Steck, Moro und Griffith bei dieser Sitzung nicht anwesend gewesen waren, wussten sie von dem Reglement nichts.

Doch Argumente zählten in dieser Situation nicht. Der Chef der Sherpas raste wütend auf die Dreier-Seilschaft los und warf, laut Aussagen der Betroffenen, mit einer Spitzhacke nach ihnen. Laut schreiend scheuchte er die verängstigten Sportler in das „Camp 2“, wo in Folge rund 100 herbeigetrommelte Sherpas das Trio umkreisten und nicht nur mit Gewalt und Tod verbal bedrohten: Ueli Steck erlitt Faustschläge im Gesicht und wurde von einem Stein getroffen. Erst als die amerikanische Bergsteigerin Melissa Arnot vermittelnd eingriff, beruhigten sich die Sherpas. Den Europäern gelang es zu fliehen. An eine Weiterführung der Expedition war jedoch nicht mehr zu denken; sie stiegen schwer traumatisiert ab.

Der Schock säße noch immer tief, erklärt Ueli Steck, der sich von den Vorfällen nun in seiner Schweizer Heimat erholt: „Diese Ereignisse haben mich tief erschüttert und ich leide noch heute, vor allem in langen Nächten, unter den Auswirkungen.“ Warum die sonst als so friedlich und zurückhaltend geltenden Sherpas derart in Rage gerieten, bleibt für ihn unklar. Ein weiteres Opfer der Attacke, der britische Fotograf Jonathan Griffith, meinte gegenüber profil: „Wir haben viel diskutiert, aber keine Erklärung gefunden. Ich glaube, die Gründe für dieses Verhalten liegen sehr viel tiefer, aber trotzdem kann man nicht einfach auf drei Menschen losgehen und sie fast ermorden.“

Die Sherpas, die in der medialen Berichterstattung nicht zu Wort kamen, wiederum sahen ihr Leben durch die eigenmächtige Hangbesteigung gefährdet. Das losgetretene Eis hätte nicht nur ihre mühevolle Arbeit sinnlos machen, sondern auch sie mit hinabreißen können.

+++ Das Volk der Sherpas: Zwischen Spiritualität und Existenzkampf +++

Für den Mount-Everest-Veteran Reinhold Messner ist der Zwischenfall ein ­Symptom für den lange schwelenden ­Interessenskonflikt zwischen kommerziellem Tourismus und professionellem Alpinismus: „Die Sherpas präparieren in mühsamer Arbeit und unter hohem Risiko die Pisten für die Touristen, die die Veranstalter dementsprechend viel Geld kosten. Dass immer wieder Profis dann doch streckenweise auf diese Infrastruktur ausweichen, ärgert sie; sie empfinden solche Aktionen als Parasitentum.“ Der immer höher eskalierende Himalaya-Tourismus, der sich inzwischen in einem regelrechten Massenansturm niederschlägt, überfordert die Ressourcen der Sherpas bis zur totalen Erschöpfung. Für Nepal und Tibet bedeutet der Höhen-Boom jedoch die einzige lukrative Geldquelle.

Inzwischen kann der wachsende Ansturm allerdings logistisch kaum mehr bewältigt werden, und auch die Umweltverschmutzung nimmt bedenkliche Ausmaße an. Immer mehr Saisonarbeiter aus dem Tiefland brechen in das Himalaya-Gebiet auf, um als Träger überleben zu können. Die Zahl der Reiseanbieter, die mit Mount-Everest-Angeboten auf den Markt drängen, wächst stetig. Dumpingpreise sind die Folge. Sherpas und Träger werden in diesem Konkurrenzkampf finanziell gedrückt und ausgebeutet – manchmal so weit, dass sie für die oft alpin maßlos überforderten Touristen auch noch ihr Leben aufs Spiel setzen müssen.

Über den tragischen Zwischenfall im April wundert sich der österreichische Profikletterer und Alpinist David Lama nicht, sie sei symptomatisch für die generelle Befindlichkeit der überanstrengten Himalaya-Arbeiter: „Auch ich habe schon bei einer Expedition erlebt, dass Träger bei jeder Kleinigkeit emotional überreagieren.“

Angesichts der rasanten Tourismus-Entwicklung ist die zunehmende Überforderung der Dienstleister nur logisch. Am 29. Mai 1953, also vor 60 Jahren, erklomm der Neuseeländer Edmund Hillary den bis dahin als unbezwingbar geltenden Gipfel gemeinsam mit dem Sherpa Tenzing Norgay. Die Nachricht ging um die Welt – und mit ihr wurde auch erstmals das kleine Bergvolk, das sich um 1500 aus Tibet kommend im Himalaya-Gebiet angesiedelt hatte und dessen Name in der Übersetzung soviel wie „Ostvolk“ bedeutet , einer breiten Masse bekannt. Während Hillary Tenzing Norgay als Respektsperson auf Augenhöhe und Partner betrachtet hatte, hat sich das Image der Sherpas inzwischen vom Hochgebirgsspezialisten zum Handlanger für betuchte Abenteuerlustige gewandelt. Sherpas schleppen in jenen Höhen, in denen die hierarchisch untergeordneten Träger nicht mehr mit können, bauen Zelte auf, sichern, kochen und fungieren als Gipfelbegleiter für oft physisch und psychisch schwer überlastete Möchtegern-Alpinisten.

In der Hochsaison tummeln sich am Mount Everest hunderte Touristen, an manchen Tagen kommt es regelrecht zu einem Stau. Heuer könnte sogar die Rekordsaison 2007 geschlagen werden, in der 630 Besteigungen registriert wurden. Viele Trekker finden es bereits aufregend, überhaupt Sichtkontakt zum höchsten Berg der Welt zu haben. Damit wurde schon das Everest-Basislager, das auf 5400 Metern liegt, eine lukrative Geldquelle. Allein 30.000 Menschen besuchen jährlich den Sagarmatha-Nationalpark, der sich um den Everest erstreckt und als Trekking-Paradies angepriesen wird.

Für solche Erlebnisse muss man tief in die Tasche greifen: Eine „leichte“ Trekking-Tour kostet bei einem seriösen Veranstalter mindestens 2500 bis 3000 Euro. Wer das Dach der Welt dann auch wirklich besteigen will, muss dafür durchschnittlich 40.000 Euro hinlegen. Alleine die Gipfelgebühr beläuft sich auf 10.000 Euro. So genannte „Oxygen-Optimum-Touren“ mit reichlich bereitgestellten Sauerstoffsystemen, die von Sherpas dann auch geschleppt werden müssen, kommen sogar auf einen Preis von 80.000 Euro.

Der deutsche Bergführer Manfred Lorenz betrachtet den Massentourismus im Himalaya äußerst skeptisch. Er ist stellvertretender Geschäftsführer des Summit Clubs, eines Unternehmens des Deutschen Alpenvereins, das Bergführer ausbildet und auch Extremtouren zu 8000ern anbietet – jedoch nur ohne künstliche Sauerstoffunterstützung. Denn diese Hilfe diene seiner Ansicht nach zur Selbsttäuschung: „Damit kommt die Besteigung des Everst einem Berg mit einer Höhe von 6500 Metern gleich.“ Lorenz ist überzeugt, dass sich viel zu viele Menschen mit mangelnder alpiner Erfahrung den Himalaya zumuten. Sie würden außerdem von falschen Motiven getrieben und den Mount Everest oft einfach auf ihrer Trophäenliste „abhaken“ wollen, statt das Erlebnis zu genießen.

Lorenz empfindet die Massen am Berg als hohes Sicherheitsrisiko und hält Beschränkungen von maximal 400 Besteigungen pro Saison für sinnvoll. Wirklich hart ins Gericht geht er mit den Reiseveranstaltern: „Es gibt Agenturen, die Trekking-Touren um 490 Euro im Internet anbieten. Solche Preise sollten auch Konsumenten hinterfragen – hier kann es nicht mit rechten Dingen zugehen.“

Wer an solchen Angeboten noch etwas verdienen will, muss die Kosten drücken – und tut das vor allem beim Lohn der Sherpas und Träger. Vor allem Letztere werden unter solchen Bedingungen haltlos ausgebeutet. Der Südasien-Experte Marcus Nüsser von der Universität Heidelberg beleuchtet das Gesellschaftssystem: „Die sozialen Differenzen sind in Nepal sehr groß. Das Volk der Sherpa ist gesellschaftlich hoch angesehen und hat enorm vom Tourismus im Khumbu-Himalaya profitiert. Viele Nepali aus dem Tiefland und anderen Bergregionen begeben sich daher in dieses bekannteste Himalaya-Gebiet, um Arbeit zu finden. Sie sind häufig weniger gut vernetzt, haben daher auch nur geringen Rückhalt. Teilweise sind sie sicher auch weniger an die Höhe angepasst.“ Oft müssen bereits Minderjährige ihre Dienste anbieten, um ihre Familien über Wasser zu halten.

Ein solcher Träger verdient umgerechnet fünf bis acht Euro täglich – und das nur in wenigen Monaten des Jahres. Bergführerausbildner und Reiseanbieter Manfred Lorenz kritisiert: „Eine verantwortungsvolle Agentur müsste ihnen mindestens 50 bis 58 Euro täglich bezahlen, das würde auch eine Unfall- und Krankenversicherung inkludieren.“ Er findet diese Billig­löhne nicht tragbar und fordert von den Mitbewerbern ein verantwortungsvolleres Vorgehen. Denn durch die starke Abhängigkeit können sich unmöglich Gewerkschaften oder ähnliche Organisationen in der nepalesischen Bevölkerung bilden, wovon die Anbieter entsprechend profitieren.

Meist wird den Trägern, die sich aus Angst um ihre Existenz nicht wehren, zugemutet, weitaus mehr als das empfohlene Maximalgewicht von 25 Kilogramm zu tragen. Die Bezahlung ist nach Menge gestaffelt – und nach der Höhe, in die das Gepäck getragen wird.

profil wurden Fotos zugespielt, die belegen, dass mitunter Ladungen mit bis zu 120 Kilo von Trägern und Sherpas zur Versorgung der Lodges geschleppt werden müssen. Auf einigen der Aufnahmen sind außerdem Beschriftungen zu erkennen, die die überdimensionierten Gepäckladungen der österreichischen Extrembergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner und ihrem Ehemann und Kameraden Ralf Dujmovits zuordnen.

Ralf Dujmovits war bis 2011 Leiter und Inhaber der Agentur Amical alpin, die kommerzielle Bergreisen und Expeditionen veranstaltet. Warum ausgerechnet Träger, die offenbar von ihm angeheuert wurden, so derart überstrapaziert wurden, kann er derzeit nicht erklären. Er ist mit Gerlinde Kaltenbrunner gegenwärtig in Alaska unterwegs und war für keine Stellungnahme erreichbar.

Die Physiotherapeutin und Alpinistin Michaela Neubauer erklärt: „Sherpas und Träger sind körperlich äußerst fit und von klein auf das Tragen von solchen Lasten gewohnt. Wenn sie nie mehr als das erlaubte Maximalgewicht befördern, so können sie das lange tun, ohne Schäden davonzutragen.“ Sie selbst erlebte am Kilimandscharo genaue Kontrollstrukturen, damit die Träger nicht überbelastet werden.

Denn ein kontinuierliches Überge­wicht hat vielfältige Beschwerden zur Folge. Da es in Nepal keine umfassende Kranken- und Pensionsvorsorge oder Lebensversicherung gibt, bedeuten ramponierte Knie und eine kaputte Wirbelsäule oft existentielle Katastrophen für die Betroffenen.
Im Vergleich zu den Trägern verdienen die Sherpas in den Höhen fürstlich. Ihr Gehalt ist an die Gefahr und den Schwierigkeitsgrad ihrer Arbeit gebunden. Je höher sie steigen und je größer das Risiko ist, desto lukrativer gestaltet sich die Exkursion. Bringen sie einen Touristen zum Gipfel, erhalten sie einen zusätzlichen Bonus. Mitunter verdienen sie so 5500 Euro in einer Saison – das ist in Nepal das Jahresgehalt eines Lehrers. Doch für diesen Preis riskieren sie immer wieder ihr Leben.

Dies konnte der Schweizer Filmproduzent Otto C. Honegger in seiner dreiteiligen Dokumentarreihe „Sherpas – die wahren Helden am Berg“ eindrucksvoll aufzeigen. Für das Schweizer Fernsehen begleitete er eine Touristengruppe auf einer Everest-Expedition und konzentrierte seinen filmischen Blick dabei auf die Arbeit der Sherpas. Beim Zuschauen gewinnt man einen drastischen Eindruck, wie erschöpfend und anstrengend bereits Zelt­aufbauten in der eisigen Kälte und Höhe sind, die abgeschlossen sein müssen, bevor die Touristen eintreffen. Sogar das Kochen in den Höhen ist eine Herausforderung, von den gefährlichen Sicherungsarbeiten mit schwerem Gepäck ganz zu schweigen.

Ausgerechnet bei den Dreharbeiten ereignete sich ein Unglück, das zeigte, wie der Alpintourismus im Himalaya zu Gunsten von Profit oft von lebensgefährlichen Fehleinschätzungen überschattet wird.

Der Schweizer Amateurbergsteiger ­Gianni Goltz, der unbedingt ohne Sauerstoff den Gipfel erklimmen wollte, wurde nach seinem Gipfeltriumph beim Abstieg höhenkrank. Er war so verwirrt, dass er seine eigene Sauerstoffmaske zerstörte, die er dringend gebraucht hätte. Sein Begleiter, der Sherpa Migma, der mit Goltz erfolgreich den Gipfel erklommen hatte, versuchte 30 Stunden lang, den Schweizer zurück zum nächsten Höhenlager zu bringen. Doch Goltz musste seinen ehrgeizigen Versuch letztlich mit dem Leben ­bezahlen. Schwer gezeichnet und erschöpft von dem Erlebnis gab Migma unmittelbar danach im Lager dem ­Dokumentarfilmer ein Interview. Die Verzweiflung stand ihm ins Gesicht geschrieben: „Ich will nie wieder in die Berge gehen. Doch ich muss, denn ich habe keine Alternative. Ich muss meine Familie ernähren.“