Mülltrennung – mit Methoden aus der Kolonialzeit.

Das Wort „Säuberung“ hat seine Unschuld verloren. „Murambatsvina“ heißt Säuberung in der Sprache der Shona, und je nach politischem Temperament übersetzt man es heute mit „Müll wegschaffen“ oder „Ordnung herstellen“.

Die Bewohner der Armenviertel in den Städten Simbabwes haben für semantische Feinheiten derzeit keine Nerven. Sie nennen die „Operation Murambatsvina“, die über sie hereinbrach, schlicht „Operation Tsunami“, und so ähnlich muss sie sich auch angefühlt haben: Seit dem 19. Mai werden in allen Ballungsgebieten des Landes die Slums geschleift, Hütten, Baracken, Marktstände, Werkstätten. Mit Armeegewalt und Bulldozern, mit Knüppeln und vorgehaltenen Waffen. Die Menschen sollten „nach Hause aufs Land“, wiesen Soldaten sie an, manche zerrten sie einfach auf Lkws und schafften sie weg. Hunderttausende schlafen seither auf dem Schutt, in Zeltlagern, bei Verwandten, in Kirchen oder unter freiem Himmel.

Es ist Winter in Simbabwe, in der Nacht wird es kalt. „Ich bin so zornig, dass ich bereit bin, mich vor ein Gewehr zu stellen und erschießen zu lassen“, sagte der katholische Erzbischof von Bulawayo, Pius Ncube.
Einzelheiten hat die Weltöffentlichkeit kaum erfahren – denn Simbabwes greiser Autokrat Robert Mugabe hat nicht nur fast alle ausländischen Journalisten des Landes verwiesen, sondern lässt auch Hilfsorganisationen kaum mehr arbeiten. Die Strafe für alle, die „falsche staatskritische Meldungen verbreiten“, wurde jüngst auf 20 Jahre Gefängnis angehoben. Einige Augenzeugenberichte fanden dennoch ihren Weg in britische Medien, der kirchennahe Solidarity Peace Trust schaffte es, geheim gefilmtes Material außer Landes zu bringen.
Erst seit zehn Tagen gibt es nun jedoch etwas Klarheit. Der 100-seitige Bericht der UN-Sonderberichterstatterin Anna Tibaijuka, die von US-Generalsekretär Kofi Annan eilig vor Ort geschickt wurde, ist deutlicher, als diplomatische Dokumente es in der Regel sind: Die Operation Murambatsvina sei „willkürlich und ungerechtfertigt“; „ein desaströses Unternehmen“, das eine „Schneise der Verwüstung“ geschlagen habe. Das „polarisierte politische Klima, von Misstrauen und Angst geprägt“, habe sich gefährlich verschärft. Auch Zahlen liegen nun vor: 92.460 Wohnhäuser sowie 32.538 Geschäfte und Unternehmen wurden laut UN-Schätzung zerstört, 40.000 Menschen wurden verhaftet, 650.000 bis 700.000 obdachlos.

Verwüstung. Die weiter reichenden Verwüstungen lassen sich nur erahnen. Der Schulbesuch von Kindern ist in manchen Gegenden um ein Viertel eingebrochen, Kranke werden nicht mehr versorgt; ohne ihre Marktstände haben nicht nur die Marktfrauen, sondern auch deren Kunden nichts mehr zu essen. Mieten und Preise für Grundnahrungsmittel haben sich vervielfacht; indirekt seien 2,4 Millionen Menschen, 18 Prozent der Bevölkerung, von der Operation existenziell betroffen, schätzen die Vereinten Nationen.
Die Regierung kann darin nichts Verwerfliches sehen. Man habe Ordnung geschaffen und Schmutz beseitigt, jede Kritik daran sei „rassistische Propaganda“. „Die Menschen gehen glücklich durch Harare und freuen sich, dass die Stadt jetzt so schön ist“, sagt Didymus Mutasa, Minister für innere Sicherheit. „Die Weißen sind bloß neidisch, dass die Schwarzen jetzt ein geordnetes Leben haben“, sagt Verteidigungsminister Sydney Sekeramayi. Die staatliche Zeitung „Herald“ behauptete gar dreist, der britische Premier Tony Blair habe sich Mugabe zum Vorbild genommen und gleich auch die Londoner Armenviertel polizeilich räumen lassen.
Selbstverständlich gab es in den Slums einen „Schwarzmarkt“, wie Mugabe sagt. In Simbabwe ist der Schwarzmarkt das Einzige, was noch funktioniert. Seit sich die Wirtschaft im freien Fall befindet (siehe Kasten), hält nur der informelle Sektor – die Kioske, die fliegenden Händler, die kleinen Werkstätten, die Geldwechsler – das Land und seine Menschen am Leben. Die Fabriken stehen still, die Energieversorgung ist lahm gelegt, für Benzin steht man eine Woche lang an der Tankstelle Schlange. Auch die Landwirtschaft liegt – nach der Enteignung der weißen Farmer und zwei Dürreperioden – völlig darnieder. Die Arbeits- und Landlosen hatten gar keine andere Wahl, als Hütten am Rand der Städte zu bauen und sich dort ihre Arbeit selbst zu schaffen.

Von zwei auf 5,3 Millionen ist die Stadtbevölkerung Simbabwes seit 1985 angewachsen. Genau dort stieg in den vergangenen 15 Jahren der Unmut gegen das Regime, formierte sich der politische Widerstand. Die Oppositionspartei MDC hat ihre Hochburgen in den engen Zuwanderervierteln. Es ist wohl nicht aus der Luft gegriffen, wenn sie hinter der „Säuberung“ einen gezielten politischen Racheakt vermutet.
Zumal dies zu den Techniken des Machterhalts passt, die Mugabe im Angesicht des Bankrotts schon angewendet hat. Vor fünf Jahren wurden die weißen Farmer, die den Großteil des besten Bodens besaßen und profitabel bewirtschafteten, als „Rassisten“ und „Ausbeuter“ geächtet und entschädigungslos enteignet. Ihr Land wurde an Günstlinge des Regimes verteilt, die meisten Felder liegen brach. Heute werden die Slumbewohner als „Schädlinge“ ausgemacht. Es gebe keine Konsumgüter und kein Benzin, weil alles angeblich in den Slum-Hinterhöfen gebunkert wird. Es gebe horrende Inflation und keine Devisen, weil die Geldwechsler dort ihr Unwesen treiben. Und nichts zu essen, weil die Landarbeiter in die Stadt gezogen sind, statt auf dem Feld zu arbeiten. Polizeichef Augustine Chihuri nannte die Slumbewohner eine „kriechende Masse Maden“.

Ausbeuter. Die bittere Ironie der Geschichte: Mit solchen Worten und Methoden nähert sich Mugabe, gegen Ende seines Lebens, immer mehr jenen an, die er einst heldenhaft bekämpfte – den rassistischen Kolonialherren. Sogar der UN-Bericht deutet das an: „Die nationalistische Elite hat die koloniale Mentalität perpetuiert – den Vorteil von wenigen auf Kosten der Mehrheit.“ Sie benütze „Methoden, die in der Kolonialzeit als Instrument der sozialen Ausgrenzung dienten“. Beste Illustration dafür ist der Regional Town and Country Planning Act, der die rechtliche Grundlage für die Operation Murambatsvina darstellt: ein Gesetz aus der britischen Kolonialzeit, das vorschrieb, dass für jedes Haus in der Stadt ein Fließwasser- und Kanalanschluss vorhanden sein muss, bevor man bauen darf. Die weiße Minderheit hatte damit nichts anderes im Sinn, als Schwarze aus den Städten fern zu halten.
Robert Mugabe ist derartiger Kritik jedoch nicht mehr zugänglich. Die USA, die EU, der Commonwealth haben gegen Simbabwe Sanktionen verhängt, der Internationale Währungsfonds droht dem Land mit dem Ausschluss, nun geht auch die UNO auf Distanz – und sogar im treuen Südafrika mehren sich die Stimmen, den immer skrupelloseren Verbündeten doch endlich fallen zu lassen.

Doch vom Westen erwartet sich der alte Mann ohnehin nichts mehr. Während die Bulldozer vergangene Woche in Porta Farm, 40 Kilometer westlich von Harare, eine weitere Armensiedlung platt machten, weilte Mugabe im fernen Peking. Dort scheint er die Freunde gefunden zu haben, die ihn über seine letzten Jahre retten sollen: China interessiert sich für die Platin- und Mineralvorkommen in Simbabwe, will Kraftwerke bauen, die simbabwische Luftwaffe aufrüsten und bietet finanzielle und moralische Hilfe an.

Das Dach von Mugabes neuem Luxuspalast ist bereits mit chinesischen Kacheln gefliest, er selbst erhielt kürzlich eine Ehrenprofessur von einer chinesischen Universität. Die Zukunft, sagt er, liege im Osten. Sein Volk hat er bereits angehalten, Mandarin zu lernen.

Von Sibylle Hamann