"Müssen Lücke schließen"

AUA-Vorstandschef Vagn S¢rensen über Kostendruck, Kürzungspläne und die Chance, die Verhandlungen nach dem ersten Streik weiterzuführen.

profil: Der Betriebsrat hat erklärt, der von Ihnen gemachte Vorschlag zur Einsparung sei schlicht indiskutabel gewesen. Haben Sie das Scheitern der Gespräche absichtlich provoziert oder zumindest bewusst in Kauf genommen?
S¢rensen: Keinesfalls. Erstens muss man erinnern, es war eine Evaluierungsklausur, bei der die von beiden Seiten gemachten Vorschläge genau betrachtet werden sollten. Es war die Gegenseite, die uns nur einen Fünfzeiler übergeben hat, der in einigen Details sogar zu massiven Kostensteigerungen geführt hätte, gesamt aber keine ordentliche Bewertung möglich machte. Und es waren auch die Betriebsräte, die den Verhandlungstisch verlassen haben.
profil: Der Betriebsrat kritisiert, dass Sie als Vorstandsvorsitzender in den Gesprächen nicht präsent gewesen wären, sondern nur Ihre Vorstandskollegen in die Verhandlungen geschickt hätten. Können oder wollen Sie selbst nicht verhandeln?
S¢rensen: Für diese Kritik habe ich kein Verständnis. Unser Verhandlungsleiter ist mein Vorstandskollege Josef Burger. Ich habe die Dinge delegiert, war aber immer eingebunden. Und bei der Klausur waren sogar drei Vorstände drei Tage anwesend.
profil: Sind die von Ihnen postulierten Kosteneinsparungen von 35 Prozent ein unverrückbarer Wert?
S¢rensen: Diese 35 Prozent entsprechen unserem Wettbewerbsnachteil. Und diese Lücke müssen wir schließen. Natürlich gibt es immer Spielraum. Wir sind mit einem Einsparungsziel von 40 Prozent in die Verhandlungen gegangen, haben also schon deutlich nachgegeben.
profil: Sehen Sie nach dem Warnstreik noch Chancen für eine Fortsetzung der Verhandlungen?
S¢rensen: Ich sehe gute Chancen, weil ich glaube, dass jedem klar ist, dass es der Luftfahrt sehr schlecht geht. Wir reden bei den Piloten letztlich über die am besten verdienende Gruppe im Unternehmen. Die übrigen Mitarbeiter hätten daher wohl auch wenig Verständnis.
profil: Die Piloten scheinen aber, quer durch AUA, Lauda Air und Tyrolean, geschlossen hinter dem Betriebsrat zu stehen.
S¢rensen: Im Gegenteil. Wir orten sehr große Uneinigkeit, da sind bei weitem nicht alle Piloten auf einer Linie, vor allem bei Lauda Air und Tyrolean sind viele dagegen. Und es herrscht allgemein Einsicht darüber, dass wir über Kostensenkungen reden müssen. Wir haben die Hand ausgestreckt und suchen das konstruktive Gespräch. Ich sage aber auch deutlich, dass wir nicht bereit sind, unter Drohgebärden und Störungen zu verhandeln. Wenn jemand Gespräche abbricht, hat er auch die Pflicht, sie wieder aufzunehmen.
profil: Ein großes Problem sind auch die internen Diskrepanzen. Wie sagen Sie einem Tyrolean-Piloten, der ohnedies viel weniger verdient als seine Kollegen bei der AUA, dass er auch Abstriche machen muss?
S¢rensen: Wir haben nun einmal drei verschiedene Gesellschaften im Unternehmen, von denen zwei - Lauda Air und Tyrolean - wettbewerbsfähig sind. Unser Problem ist der Pilotenbereich bei Austrian Airlines.
profil: Dann lassen Sie doch die besseren Gesellschaften stärker zum Zug kommen.
S¢rensen: Das tun wir auch. Wir haben in den letzten Jahren vor allem bei Tyrolean expandiert. Die fliegt heute bereits mehr Flüge pro Tag als Austrian Airlines. Wir müssen aber in allen drei Bereichen wettbewerbsfähig werden.
profil: Seit 1993 verging kein Jahr, in dem nicht zumindest einmal mit Streik gedroht wurde. Wäre es nicht längst an der Zeit, dass der Vorstandsvorsitzende energisch durchgreift? Warum kündigen Sie nicht alle AUA-Piloten und bieten ihnen einen Lauda- oder Tyrolean-Vertrag an?
S¢rensen: Ich bevorzuge immer die konstruktive Lösung.
profil: Sie sagen aber selbst, dass die andere Seite nicht darauf eingegangen ist und die Gespräche abgebrochen hat.
S¢rensen: Ich gebe nicht auf. Ich spreche mit so vielen Einzelpersonen, die der Meinung sind, dass eine Lösung erzielbar ist. Die harte Konfrontation darf nur der letzte Ausweg sein.
profil: Beim Bodenpersonal haben Sie im Vorjahr aber 1000 Mitarbeiter abgebaut. Warum geht es bei den Piloten nicht? Sind die unantastbar?
S¢rensen: So kann man das nicht sehen. Ich schätze unser Pilotenkader sehr. Ich weiß auch nicht, warum scheinbar gerade immer mit Piloten gestritten wird. Das ist auch bei anderen Fluglinien so.
profil: Laut einem internationalen Gehaltsvergleich der Gewerkschaft verdienen die Piloten der AUA-Gruppe am schlechtesten.
S¢rensen: Es gibt viele Tabellen, ich möchte das gar nicht kommentieren. Was zählt, sind die Vorgaben des Marktes. Wir wissen, wo wir mit den Kosten hinmüssen, um profitabel agieren zu können. Da nützt es nichts, wenn man sich mit Air France oder Lufthansa vergleicht. Die machen doch auch alle Verluste. Und wir als vergleichsweise kleine Gruppe haben natürlich einen Nachteil gegenüber den Großen.
profil: Dann ist die AUA also Ihrer Einschätzung nach auf Dauer allein nicht überlebensfähig?
S¢rensen: Das glaube ich nicht. Austrian Airlines sind durchaus überlebensfähig. Aber das macht es umso mehr notwendig, dass wir in den Kosten wettbewerbsfähig werden.
profil: Diese Woche könnte es zu ersten dauerhaften Streiks kommen. Wie sind Sie auf etwaige Ausfälle vorbereitet?
S¢rensen: Wir sind sehr gut vorbereitet. Die Details möchte ich jetzt nicht nennen.
profil: Beim Streik 1993 wurden externe Flugzeuge samt Mannschaften gechartert.
S¢rensen: Das ist natürlich auch ein möglicher Weg.
profil: Der Betriebsrat kritisiert, Sie hätten im November einen zu ehrgeizigen Businessplan erstellt, den die Belegschaft jetzt ausbaden müsse.
S¢rensen: Aber überhaupt nicht. Wir haben auf der Kostenseite, mit Ausnahme der Piloten, mehr erreicht, als in diesem Plan festgehalten ist. Die Schwierigkeiten sind ausschließlich auf die Ertragsseite zurückzuführen. Und es war im Vorjahr für die gesamte Luftfahrtbranche nicht vorhersehbar, dass mit SARS, Irak-Krieg und der Wirtschaftsflaute solche großen Probleme auf uns zukommen würden.