Multikulti macht gescheit

Barack Obama behauptet, er verstehe mehr von der Welt als seine Kontrahenten. Er dürfte damit Recht haben

Es stimmt ja: Barack Obama geht die weltpolitische Kompetenz ab, die viele US-Präsidenten besaßen, bevor sie ins Weiße Haus einzogen. Auch seine momentanen Kontrahenten sind ihm da überlegen. Darauf reiten sie auch immer wieder herum. John McCain, der als republikanischer Rivale Obama gegenübersteht, kann auf seinen Kampfeinsatz in Vietnam verweisen, auf seine Gefangenschaft beim Vietcong und auf fast zwei Jahrzehnte lange Mitarbeit in außen- und sicherheitspolitischen Kongressausschüssen: gute Voraussetzungen für einen US-Präsidenten, der ja auch Oberbefehls­haber der stärksten Armee dieser Welt ist. Auch Hillary Clinton, die überaus aktive und fleißige Senatorin von New York, hat Obama einiges an weltpolitischen Erfahrungen voraus. Immerhin war die aktuelle demokratische Mitbewerberin einst als First Lady politische Vertraute ihres Ehemannes Bill, begleitete ihn auf seinen Staatsbesuchen und kennt die Großen und Wichtigen der internationalen Politik.

All das will der schwarze Anwärter auf das höchste Amt nicht gelten lassen. Übermütig verkündete er kürzlich: „Die Außenpolitik ist jener Bereich, bei dem ich am sichersten bin, mehr zu wissen als Clinton und McCain.“ Und das begründet er mit seiner Biografie. Er kenne die Welt nicht so sehr aus den Gesprächen mit Machthabern in Staatskanzleien. Obama macht sich lustig über die Fact-finding Missions der Kongressdelegationen: „Vom Flughafen fährt man zur Botschaft … und dann geht es gleich wieder nach Hause.“ Obamas Weltsicht ist geprägt von seiner Erfahrung als Kind einer weißen amerikanischen Mutter, eines Vaters aus Kenia und eines Stiefvaters aus Indonesien.

In seinen Memoiren erzählt er davon, wie er in einer staubigen Straße in einer Vorstadt Djakartas aufwuchs, wie er Räuber und Gendarm in der lokalen Moschee spielte und den indonesischen Unterschicht-Slang lernte. Der spätere Harvard-Absolvent und US-Senator hat im Unterschied zu seinen Konkurrenten auch den Blick von unten, den Blick von außen gelernt. Das macht sensibel und ermöglicht ein tieferes und differenzierteres Verständnis der Welt, dia­gnostiziert Fareed Zakaria, einer der Superstars der amerikanischen Intellektuellenszene und Chefredakteur der internationalen Ausgabe von „Newsweek“. Er weiß, wovon er spricht: Er selbst stammt aus Bombay und wurde erst als Erwachsener US-Bürger. Personen mit solchem Multikulti-Hintergrund hätten auf dem Gebiet der internationalen Politik anderen etwas voraus, meint Zakaria: „Sie wissen, was es heißt, nicht Amerikaner zu sein.“ Aber das gilt nicht nur in der Außenpolitik. Ganz allgemein kann man sagen: Das Leben in mehreren Kulturen macht gescheit und kreativ. Nehmen wir Österreich: Die Kultur des Wiener Fin de Siècle wurde ja nicht von den Bodenständigen, von den seit Generationen hier Lebenden zur Hochblüte gebracht. Es waren vor allem die Zuwanderer aus Galizien, aus Böhmen, Mähren und Ungarn, die der österreichischen Metropole ihren damaligen Glanz verliehen: Sigmund Freud, Karl Kraus, Gustav Mahler, um nur drei der herausragenden Figuren dieser Zeit zu nennen, waren bekanntlich alle nicht „Einheimische“.

Wie überhaupt die viel gepriesenen intellektuellen und künstlerischen Leistungen der Juden auch darauf zurückzuführen sind, dass sie dazu tendieren, nicht eindimensional zu denken, sondern in der Lage sind, durch ihre – oft auch leidvolle – Lebenserfahrung an den Schnittstellen der Kulturen die Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln zu sehen. Das Aufeinanderprallen der verschiedenen Kulturen auch in den Individuen selbst lässt Funken sprühen, die Sachverhalte erhellen, die sonst im Dunkeln bleiben würden.
Und wenn man etwa die englischen Bestsellerlisten ­ansieht, dann registriert man unter den Autoren auffällig ­viele mit sehr unbritischen Namen: etwa Salman Rushdie, Hanif Kureishi oder V. S. Naipaul. Auch anderswo sind die Schriftsteller und anderen Künstler mit Migrationshintergrund immer mehr im Kommen.

Ein US-Präsident Barack Obama im Weißen Haus hieße aber, dass Multikulturalismus nun auch in der Politik kraftvollen Einzug hält. Gewiss: Henry Kissingers außenpolitische Meisterschaft war nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass er als jüdischer Emigrant aus Deutschland mehr kannte als nur die Vereinigten Staaten. Aber Multikulti im Weißen Haus – das wäre auch für das klassische Einwande­r­erland Amerika wirklich eine Premiere. Mindestens so bemerkenswert wie die Tatsache, dass die USA mit Obama den ersten schwarzen Präsidenten bekämen. Für eine der wichtigsten Aufgaben der USA in den kommenden Jahren – das verlorene Vertrauen der Welt wiederzugewinnen – wäre Obama jedenfalls die am besten geeignete Person: Sein Background gibt ihm jene Fähigkeit der Empathie, die bei internationalen Begegnungen und Verhandlungen, vor allem auch mit Gegnern, so wichtig ist – eine Fähigkeit, welche die jetzige Administration des George W. Bush so furchtbar vermissen lässt.

PS: Bei näherer Betrachtung haben die beiden stärksten und interessantesten Figuren der europäischen Politik gleichfalls einen Multikulti-Hintergrund. Zwar ist Nicolas Sarkozy in Frankreich geboren, viel französisches Blut fließt aber nicht in seinen Adern: Sein Vater war ein ungarischer Einwanderer, und seine Mutter kommt aus einer griechisch-jüdischen Familie. Angela Merkel wiederum ist zwar „rein deutsch“, ihre Weltsicht aber auch von mehreren Kulturen geprägt: Die Kanzlerin bringt die Erfahrung eines Lebens im SED-Kommunismus in die deutsche Politik ein.