Musik: Harte Zeiten

Der gute alte Rock ’n’ Roll feiert laut und selbstbewusst seine Wiederauferstehung – nicht zum ersten Mal. Doch die „New Rock“-Revolution erschöpft sich oft in hohlen Posen und politisch fragwürdigen Geisteshaltungen.

Das Jahr 2003 ist das aufregendste in der Geschichte des Rock ’n’ Roll überhaupt.“ So stand es geschrieben, schwarz auf weiß, doch geübte Leser des mit Superlativen gern verschwenderisch hausierenden britischen Musikblatts „NME“ („New Musical Express“) wussten diese Behauptung sehr wohl zu relativieren, stammte sie doch von keinem Geringeren als Sir Elton John. Der Schmusebarde („Candle in the Wind“) hatte sich entschlossen, aufs Trittbrett eines mit erheblichem Getöse durch die Musiklandschaft donnernden Zuges aufzuspringen.

„Im Moment gibt es eine Menge großartiger Rock-’n’-Roll-Bands, Gott sei Dank“, meinte der Mann, dessen eigenes Werk seit den Zeiten von „Saturday Night’s Allright For Fighting“ (1973) kaum mehr von erkennbar rockigen Präferenzen geprägt war. Er nannte auch gleich ein paar seiner neuen Lieblingsbands: „Kings Of Leon, The Darkness und das neue Album des Black Rebel Motorcycle Club. Ich glaube nicht, dass es je eine spannendere Zeit gegeben hat. Alles fing dieses Jahr mit dem Album der White Stripes an. Hoffentlich werden all diese mieselsüchtigen Typen wie Staind oder Creed sich jetzt brausen gehen.“

Sir Eltons Enthusiasmus in Ehren, doch der selbst ernannte Rock-Experte befindet sich im Irrtum. Als „Elephant“ von The White Stripes im Frühjahr 2003 auf Nummer eins der britischen Albumcharts landete, markierte dies zwar den kommerziellen Durchbruch einer neu aufgeflammten Rock-Hysterie, aber kaum deren Ursprung. Die Geschichte der gern als New Rock Revolution bezeichneten Restauration alter Rock-’n’-Roll-Mythen hatte bereits Jahre zuvor in der totgeglaubten Londoner Live-Szene begonnen. Als erste Vorreiter des Phänomens hatten die aus New York importierten The Strokes – mit viel PR-Druck – ihren Weg aus den verstunkenen Pub-Hinterzimmern an die mediale Oberfläche gefunden. Der Trendverdacht kam auf, als der in den neunziger Jahren aus der Mode gekommene Artikel „The“ vor den Namen geistesverwandter Bands gehäuft reaktiviert wurde.

Doch im Windschatten dieser oberflächlichen Wahrnehmung begann die Szene ihre eigenen Manifeste zu formulieren. „Wir hatten genug von der Toleranz“, erklärt Paul Cox vom E-Mail-Fanzine „Artrocker“: „Es war an der Zeit, einmal völlig dogmatisch zu sein und klar zu sagen: Wir wollen ausschließlich Rock ’n’ Roll!“ Paul Cox hatte als Chef des innovativen Independent-Labels Too Pure während der Neunziger selbst an der Synthese von Gitarrenmusik und Elektronik gearbeitet. Angetrieben von seinem wortstarken „Artrocker“-Kommilitonen Tom Fawcett, warf er sich nun mit voller Energie in die Veranstaltung puristisch rockender Konzertnächte von Bands mit Namen, die zum Großteil wie hysterische Kampfansagen klangen: The Yeah Yeah Yeahs, The Datsuns, The Kills, The Beatings, The Rocks, The Hells.

Dogmatisch. Die von den Artrockern wöchentlich als E-Newsmail verschickte Liste von Veranstaltungen in Großbritannien und New York wird stets von Fawcetts großmäuligen Editorials begleitet, in denen mit demagogischer Härte gegen die Feinde des „echten“ Rock ’n’ Roll agitiert wird. Keine Spur mehr von der defensiven Rhetorik einer Gitarrenszene, die sich während der letzten 15 Jahre von der dominanten Dance-Kultur halb inspiriert, halb usurpiert gefühlt hatte. Stattdessen versprüht der selbstzufriedene Chefideologe unter seinem Pseudonym Tom Artrocker offen Häme über den Publikumsschwund der britischen Superclubs.

Doch die Rückbesinnung auf live gespielten Rock ’n’ Roll als Alternative zur kommerzialisierten DJ-Szene hat auch ihre politischen Kehrseiten. Schließlich zelebrierte die Dance-Szene mit ihren Vermählungen ganz unterschiedlicher Stile das fiktive Ideal einer einzigen großen Party jenseits sexueller und rassistischer Grenzen. Diese Grenzen werden nun plötzlich wieder neu gezogen: Synchron zu ihrem Rückgriff auf die Kleidung der mittleren bis späten Siebziger – von spitzen Stiefeln und Glockenjeans bis zu Lederjacken und Punkzitaten – reflektieren Publikum und Bands der neuen Rock-’n’-Roll-Szene vorwiegend den weißen/heterosexuellen/männlichen Archetypus der alten Rock-Hegemonie.

Nicht zufällig geriert sich der Dogmatiker Tom Artrocker gern als ein zeitgenössisches Äquivalent zum „Taxi Driver“ Travis Bickle. Immer wieder beklagt er etwa die Unfähigkeit der Polizei in ihrem Vorgehen gegen die Crack-Dealer aus seiner von afrokaribischen Einwanderern dominierten Nachbarschaft im Südlondoner Stadtteil Brixton.

Als das politisch korrekte Rock-Establishment in Gestalt von Bands wie Blur, Travis oder Coldplay gegen den Irak-Feldzug Front machte, gefiel sich Artrocker in der kontroversiellen Pose des Kriegstreibers: „Bei diesem als Friedensprotest verkleideten Antiamerikanismus wird mir übel“, wetterte er vor der großen Londoner Friedensdemonstration vergangenen Februar. Seinen Hund Fido werde er jedenfalls an diesem Tag nicht ins West End lassen, weil der „auf Flöhe anfällig“ sei.

Wiederholte Breitseiten gegen die „Peaceniks“ brachten dem Artrocker zwar ein paar entrüstete Leserbriefe ein, doch eine echte Auseinandersetzung blieb aus. „Ist schließlich nur Politik“, so der schulterzuckende Kommentar des Kollegen Paul Cox, in dem sich die auffälligste Innovation des ansonsten konsequent an historischen Vorbildern orientierten New Rock manifestiert: Den Rock-’n’-Rollern des 21. Jahrhunderts ist nämlich der gegenkulturelle Grundkonsens früherer Generationen völlig abhanden gekommen. In Zeiten, in denen etwa der Jeans-Multi Levi’s das Logo von MC5 (der Proto-Punk-Stammband der linksradikalen White Panther Party aus den Sechzigern) auf seine T-Shirts druckt, haben dekorative Rebellenposen nicht mehr allzu viel Substanz.

Stilistisch und ästhetisch bezieht sich etwa Karen O, Frontfrau des Trios The Yeah Yeah Yeahs, eindeutig auf den Look feministischer Punk-Bands wie der Slits beziehungsweise der Rrriot-Grrl-Bands der frühen Neunziger. Doch ihre maskulin breitbeinigen Rockposen sollen wohl eher dokumentieren, dass Mädchen genauso gut wie Männer rocken können, und das immer wieder keck geschürzte Kleid ist einer latent voyeuristischen Rezeption zumindest nicht abträglich.

Die Londoner Band The Libertines entwarf auf ihrem Debütalbum „Up the Bracket“ vergangenes Jahr ungeniert die Vision eines fiktiven Albion, eines glücklich von der Außenwelt isolierten Paradieses namens England. Paradoxerweise hatte ihr Produzent Mick Jones ein Vierteljahrhundert zuvor mit den Reggae-Experimenten seiner Punk-Band The Clash genau dieses monokulturelle Selbstverständnis radikal infrage gestellt.

Kürzlich profilierte sich in einem „NME“-Interview gar die australische Band Jet mit der Entstaubung alter Anti-Disco-Parolen, wie man sie seit den dunklen Zeiten der späten Siebziger nicht mehr gehört hatte. Damals hatte sich der in Plattenverbrennungen gipfelnde Protest der so genannten „Disco Sucks“-Bewegung vorgeblich gegen das Diktat der glamourösen „Künstlichkeit“ gerichtet und dabei in Wahrheit die Bedrohung des weißen, straighten Rock durch eine schwarze Musikform gemeint, die noch dazu aus den Schwulendiscos in den Mainstream gelangt war.

Bis zur Selbstparodie. Nicht dass sich hinter der populistischen Rhetorik von Jet konkrete politische Ziele verbergen würden. Die von den Rolling Stones in Anerkennung ihrer steinzeitlichen Qualitäten als Vorband für deren Australientournee erwählte Band frönt vielmehr einer Art Hauruck-Hedonismus, wie er der Rockmusik bei ihrem letzten großen Aufbäumen zu Zeiten des depressiven Grunge-Booms Anfang der neunziger Jahre grimmig ausgetrieben worden war. Während damals ein Zerrissener wie Nirvana-Frontmann Kurt Cobain am eigenen Anspruch auf Authentizität zerbrach, ist im New Rock des Jahres 2003 der Mythos des Authentischen längst selbst zur Folklore mutiert.

In ihrem Verlangen nach musikalisch möglichst „unbesudelten“ Lebensläufen hat die Mainstream-taugliche zweite Brut der New-Rock-Bands bereits die Grenzen zur Selbstparodie erreicht. Oder wer kann ernsthaft glauben, dass die mit Langhaarfrisuren, Bärten und knackigen Jeans ausgestatteten Kings Of Leon tatsächlich ohne Zugriff auf Radio und Plattenspieler als Söhne eines Wanderpredigers aus Tennessee aufwuchsen? Und lachen The Darkness, die ihren Sänger angeblich entdeckten, als er bei einer Karaoke-Nacht „Bohemian Rhapsody“ von Queen intonierte, vielleicht gar heimlich über ihre Selbstpropaganda? Andererseits erklomm ihr von Heavy-Metal-Klischees strotzendes Album „Permission to Land“ nach ein paar bombastischen Festivalauftritten vergangene Woche die Spitze der britischen Charts. Innerhalb kürzester Zeit ist die New-Rock-Welle damit bereits von ihren Ursprüngen bis zur Dekadenz vor-gestoßen.

„Es ist schon in Ordnung, zu den Wurzeln des Rock ’n’ Roll zurückzukeh-ren, weil es sich lohnt, ins Gedächtnis zurückzurufen, wo der Funke zuerst herkam“, meint Robert Turner, Bassist des eher psychedelisch orientierten Black Rebel Motorcycle Club. Aber wenn es bei der bloßen Mythenpflege bleibe, werde der New Rock bald schon niemanden mehr interessieren. „Dann hörst du so eine Band und wartest auf den Refrain, und alles was kommt, ist ‚Come on baby, yeah, yeah, yeah‘.“ Zumindest Sir Elton würde immer noch freudig mitsummen.