Musik: Weil ich ein Mädchen bin

In „Starmania“ reichte es vor einem Jahr nur für Platz zwei. Mittlerweile ist Christina Stürmer Österreichs größter Popstar. Jetzt veröffentlicht sie ihr zweites Album und versucht trotzig, weiter den Anschein von Normalität zu wahren.

Im noblen Szenelokal am Donaukanal riecht es streng. „Gibt’s da eine Bosna?“ Christina Stürmer wird gleich ganz aufgeregt. „In Wien gibt’s doch gar keine Bosna! Noch nie hab ich da eine gefunden, und ich hab echt schon ziemlich viel herumgesucht. Dabei ist Bosna echt genial.“ Christina Stürmer hat eine Idee: „Das ist doch mal eine echte Marktlücke: Bosna verkaufen. Das könnt ich zum Beispiel machen, wenn’s mal nicht mehr so läuft mit dem ganzen Popstarsein.“
Und mit Marktlücken kennt sie sich aus. Schließlich hat sie selbst eine eröffnet, eine, von der vorher niemand mehr geglaubt hätte, dass es sie noch geben könnte: die Marktlücke Austropop.

Am 9. Juni feiert Christina Stürmer ihren 22. Geburtstag – zwei Tage nach der Veröffentlichung ihres zweiten Albums „Soll das wirklich alles sein“. Zweite war sie auch am Ende der ersten Staffel der ORF-Castingshow „Starmania“ im Frühjahr 2003 gewesen. Wenige Monate später jedoch war „Christl“ schon die Erste und „Starmania“-Sieger Michael Tschuggnall im Bierzelt-Abseits gestrandet. Stürmers Debütalbum „Freier Fall“ erreichte in sensationellen neun Tagen Platin-Status, über 100.000 Exemplare wurden von der CD insgesamt verkauft.

Dass der ORF sich seine Sprungbrettfunktion fürstlich abgelten lässt (drei Jahre lang gehen 30 Prozent sämtlicher Einnahmen, sei es aus CD-Verkäufen, Konzerten oder Merchandising, an die TV-Anstalt), wurmt die gebürtige Linzerin mittlerweile nicht wenig: „Am Anfang habe ich mir noch gedacht: Danke, danke, danke, lieber ORF! Mittlerweile denk ich mir eher: Aua, ein bisserl weniger könnt’s schon sein.“
Ein Blick auf die Erfolgsbilanz dürfte den Schmerz jedoch lindern: Insgesamt hat Stürmer, die Hitsingles „Ich lebe“, „Mama Ana Ahabak“ und „Geh nicht, wenn du kommst“ eingeschlossen, 220.000 Tonträger abgesetzt. Damit ist sie, neben Rainhard Fendrich, der größte österreichische Popstar der Gegenwart.

Dieser Ausnahmestatus hat die gelernte Buchhändlerin allem Anschein nach nicht aus der Bahn geworfen. „Klar ist das ganze Business am Anfang irre aufregend. Man schnüffelt da ja in eine völlig neue Welt rein. Aber man merkt halt jetzt, dass es zu einem Beruf geworden ist. Da seh ich nicht soo viel Unterschied: Genauso wie ich früher Bücher verkauft habe, nehme ich jetzt halt Platten auf. Natürlich ist es weniger eintönig.“

Zielgruppenprogramm. Ähnlich gelassen beschreibt Stürmer, beiläufig in einem Milchkaffee rührend, ihre musikalische Marktlückenforschung: „Nach ‚Starmania‘ hab ich überlegt: Was würde ich gern machen, was höre ich selber am liebsten, und was könnte auch den Leuten taugen? Und das hat ja dann doch gefehlt bis jetzt: Deutsch singt ja eigentlich keiner in Österreich, außer vielleicht den Ambrossen und Fendrichs. Aber unter den Jungen: praktisch keiner.“

Gerade „die Jungen“ sind es wohl auch, denen der Shootingstar seinen überwältigenden Erfolg verdankt – auch wenn Hannes Eder, Chef von Universal Österreich, wo Stürmers Album erscheint, das nicht ganz so eng sehen mag: „Wenn ich bei einem 40-jährigen Mann ins Auto steige und dort die Christl-Stürmer-CD herumliegt, dann ist das für mich doch ein starkes Indiz dafür, dass ihre Zielgruppe über die 10- bis 14-Jährigen hinausgeht. Jung ist die Zielgruppe natürlich in jedem Fall, aber wir reden jetzt nicht vom Kiddie-Contest.“

Walter Gröbchen, als Journalist und Talente-Scout für die Musikindustrie langjähriger Beobachter der heimischen Popszene, widerspricht: „Ich würde behaupten, dass Christina Stürmer vor allem Jugend und Unbekümmertheit verkörpert – nicht zuletzt auch einen gewissen Scheißdrauf. Und das trifft einen bestimmten Nerv. Für die Altersgruppe zwischen 10 und 18 Jahren, ihre angestammte Zielgruppe also, verkörpert Christl diese Grundstimmung ziemlich genau. Man merkt ihr einfach an, dass sie irgendwie über dem Rummel steht, in und mit dem sie groß geworden ist, genauso gut wieder Buchhändlerin werden könnte, ohne sich aus dem Fenster zu stürzen.“

Christina Stürmer ist fraglos ein Star. Aber auch das Gegenteil davon. Sie kommuniziert ihre Anspruchslosigkeit ebenso offensiv, wie sie ihre Erdung im „wirklichen Leben“ hervorstreicht. Ausführlich berichtet sie etwa über die schlaflosen Nächte, die ihr der aktuelle Steuerbescheid bereitet, und fühlt sich durchaus ungerecht behandelt: „Eine Britney Spears kann wahrscheinlich ihre ganzen Bühnenklamotten abschreiben. Vielleicht sollte ich mir auch so Glitzerflitzerfummelchen zulegen. Aber was soll ich schon groß kaufen, ich brauch ja nix! Da sind auf einmal so viele Dinge, über die man sich den Kopf zerbrechen muss, schrecklich stressig ist das.“

Mit der selbstbewussten Normalität, die in solchen Statements mitschwingt, stellt Stürmer tatsächlich eine singuläre Erscheinung dar, manifestiert sich darin doch ein Styling-Widerwille, der im Mainstream selten ist und gerade dadurch Sympathie erregt. Christl ist, darauf legt sie glaubhaft Wert, „eine von uns“. Sie verweigert sich stellvertretend für ihr Publikum der Scheinwelt des Popzirkus und ist nicht zuletzt deswegen ein Star, weil sie in ehrlicher Empörung schildert, wie das „Business“ dem „normalen“ Menschen so mitspielt: „Du kommst ja recht unvermittelt rein in das Ganze und findest es zuerst einmal nur geil, dass jeder über dich Bescheid wissen will, und denkst: ,Voll super, die interessiert wirklich, was ich denke!‘ Im letzten halben Jahr habe ich aber gelernt, wie das alles wirklich funktioniert.“

Warum sie dann überhaupt mitgemacht hat im medialen Aufmerksamkeitsgeheische, inklusive breit ausgetretener Foto-Lovestory mit ihrem „Starmania“-Kollegen Lukas? „Na, wenn etwas so superschön ist, dann willst du es natürlich in die ganze Welt hinausposaunen. Und wenn’s dann eben nicht mehr so schön ist, tut es natürlich weh, wenn du darüber redest. Aber du musst ja darüber reden, weil du es ja vorher auch hinausposaunt hast. Mittlerweile ist mir meine Privatsphäre aber viel zu heilig. Natürlich wird man nie alles verheimlichen können. Aber ich glaube, dass es da einen Mittelweg gibt.“ Sie denkt nach und ergänzt dann mit Nachdruck: „Es muss ihn geben. Ich will, dass es da einen Mittelweg gibt.“

Balanceakt. Mittelweg eignet sich gut als Metapher für die Karriere von Christina Stürmer. So aufgeweckt, so sympathisch und unverstellt sie wirken mag – ein herausragendes Charisma ist ihr nicht eigen. Zu erdig und menschlich, allzumenschlich gibt sich Christl. Es scheint, als sei ihr gerade das sympathische Mittelmaß zum Markenzeichen geworden. Auf dem Mittelweg, da ist sie konsequent, da ist sie ganz bei sich selbst, da ist sie eine echte Persönlichkeit. So meint etwa der Musikproduzent und musikalische Leiter von „Starmania“, Thomas Rabitsch, über seinen ehemaligen Schützling: „Die Christl hat sich auch während der Castingshow immer vornehm zurückgehalten mit Meldungen und Nichtmeldungen, von wegen ,Das zipft mich an, das mag ich nicht‘. Sie war immer sehr still und stromlinienförmig eigentlich, im positiven Sinne natürlich.“

Und trotzdem steht im Zentrum des öffentlichen Christl-Bildes die Anmutung von Unangepasstheit. Gern wird ihr bescheinigt, sich nichts sagen zu lassen, ihren Kopf durchzusetzen – in künstlerischen wie in geschäftlichen Angelegenheiten. Universal-Chef Eder sieht gerade darin einen wesentlichen Punkt für die anhaltende Popularität seines Haus-Stars: „Sie hat sich ganz einfach bestimmten Dingen verweigert, wollte nicht alles um jeden Preis machen.“ Was die Sängerin nur bestätigen kann: „Wenn ich sage, ich will drei Tage zu meinen Eltern fahren, weil die jetzt Zeit haben, dann kann sich das Management aufpudeln, wie es will, das ist mir dann wurscht. Da bin ich daheim, bei der Mama.“

Christina Stürmer, Österreichs größter Popstar, ist bei aller Unkompliziertheit im Ernstfall gern trotzig. Das erwies sich spätestens im „Starmania“-Finale im Februar 2003, als sie sich bei erstmals freier Liedwahl für einen waschechten Alternative-Song entschied: „Kompliment“ von den Münchner Garagen-Rockern „Sportfreunde Stiller“. Das TV-Publikum gab per Voting der Konsens-Schmuseballade von Michael Tschuggnall den Vorzug. Doch die zweitplatzierte Christl hatte ihr Medium gefunden. Eingängiger, refrainverliebter Gitarrenrock mit deutschen Texten wurde zu Stürmers Trademark-Sound – genau zur richtigen Zeit offenbar, denn im Frühsommer 2003 machte eine Band von sich reden, mit der Christina Stürmer ihre musikalischen Affinitäten teilt: „Wir sind Helden“ aus Berlin, eine Gruppe fröhlicher, betont „authentischer“ und vor allem Deutsch singender Indie-Rocker mit weit reichendem Mainstream-Appeal. Christl hatte den Zeitgeist getroffen, und der sprach erstaunlicherweise Deutsch.

Kompromisse. Die Nähe zum Powerpop von Bands wie „Sportfreunde Stiller“ oder „Wir sind Helden“, der sich in Deutschland als ausgesprochen markttauglich erwiesen hat, war wohl ausschlaggebend für die Entscheidung von Universal, Christina Stürmers zweites Album gleich auch im Nachbarland heftig zu promoten. Wobei Christl nicht sie selbst wäre, hätte sie die Notbremse nicht immer im Auge: „Ich möchte schon viel erreichen, und ich will auch unbedingt in Deutschland herauskommen, aber es gibt Dinge, die bei mir aus Prinzip immer drüberstehen. Freunde und Familie werden für mich immer ganz oben stehen. Da muss halt im Zweifelsfall die Karriere Kompromisse machen.“

Das klingt eine Spur zu naiv für eine, die im großen Popgeschäft mitmischen will. Andererseits klingt es ganz nach Christl, die das „wirkliche Leben“ immer noch über die Karriere stellt. Das wirkliche Leben ist für Stürmer nirgendwo so zu Hause wie in Altenberg bei Linz, ihrem Heimatort und ewigen Lebensmittelpunkt, wie sie nicht müde wird zu betonen. Hier wohnen ihre Familie und ihre Freunde, hier findet sie den Rückhalt, den sie braucht, um die große weite Popwelt mit ihrer Unangepasstheit verzaubern zu können. Tatsächlich steckt in Stürmers Habitus der Verweigerung ein recht biederer Kern. Ihre Lausmädelhaftigkeit kann sie gerade deshalb so glaubhaft kommunizieren, weil die Rückkehr in die heimatliche Provinz eine ernsthafte Option geblieben ist – bisher zumindest. Christl weiß: Solange sie Altenberg im Herzen trägt, kann sie unbeschwert Star sein. Danach wird es schwierig.