Muss Österreich Kärnten werden?

Jörg Haider erklärt sein Land im Wahlkampf zur Erfolgsstory. Österreich muss Kärnten werden? Ein grimmiger Scherz.

Der Herr Landeshauptmann war böse: „Grüße aus dem Ihnen so verhassten Süden“, schloss er Ende Juli etwas bitter einen Brief an profil, in dem er gegen Passagen im Sommergespräch mit der gebürtigen Kärntnerin Elisabeth Engstler protestierte. Im Interview war zur Sprache gekommen, dass Kärnten bei vielen Wirtschaftsindikatoren am Tabellenende zu finden sei.

Wie blühend sich der von ihm regierte Landstrich in Wahrheit entwickle, versucht der BZÖ-Spitzenkandidat im gegenwärtigen Wahlkampf zu verdeutlichen. Aussendung des BZÖ-Pressediensts nach dem orangen Kampagnenauftakt: „Haider wies darauf hin, dass das BZÖ in Kärnten schon gezeigt hat, was für alle Österreicher und Österreicherinnen vorgesehen ist.“ „Wäre jedes Land der Welt wie Kärnten, gäbe es keinen Hunger, keine Armut und keine Missgunst, aber dafür endlich Weltfrieden“, ätzte der „Standard“ vergangene Woche, nachdem im neuen BZÖ-Wahlprogramm gleich ein halbes Dutzend Mal Forderungen mit dem Nachsatz „nach Kärntner Muster“ versetzt wurden. Tatsächlich ist die Bilanz in Haider-Land eher durchwachsen: Nach wie vor ist Kärnten – gemeinsam mit der Steiermark und dem Burgenland – Teil des „armen Südens“, einer Region also, die mit der wirtschaftlichen Dynamik Westösterreichs und Wiens nie recht mithalten konnte. Zu lange war der südöstliche Teil Österreichs eine tote Ecke, erst spät kamen die Sonderförderungen der EU. Und die alten Industrien – sofern es sie überhaupt gab – hatten keine Zukunft.

Bei der Messgröße „Wirtschaftsleistung je Einwohner“ – das so genannte „Bruttoregionalprodukt“ – liegt Kärnten an drittletzter Stelle, immerhin vor Niederösterreich und dem Burgenland. Anders gerechnet: In Kärnten wohnen 6,9 Prozent aller Österreicher, sie tragen aber nur 5,8 Prozent zur gesamtösterreichischen Wirtschaftsleistung bei. Verschlechtert sich das Wirtschaftsklima, merken das die ökonomisch schwachen Regionen zuerst. Und wenn die Konjunktur schnurrt, geht es in Österreichs Süden etwas langsamer aufwärts als anderswo, wie die entsprechenden Zahlen aus dem ersten Halbjahr 2008 belegen: Im Österreich-Durchschnitt gab es in den ersten sechs Monaten um 2,7 Prozent mehr Beschäftigte als im Vorjahr, in Kärnten nahm die Beschäftigtenzahl um 2,6 Prozent zu. Die Arbeitslosigkeit sank in Gesamtösterreich um 8,9 Prozent, in Kärnten nur um 7,3. Nur in den etwas untypischen Ländern Wien und Burgenland ist die Arbeitslosenrate etwas höher als in Kärnten.

Kaufkräftiger. Dennoch gibt es auch erfreuliche Aufwärtsbewegungen. So hatten etwa die Kärntner in den „Regiodata“-Studien der vergangenen Jahre meist die geringste Kaufkraft aller Österreicher. In der soeben erschienenen Studie über das erste Halbjahr 2008 liegt Kärnten bei dieser Messgröße immerhin an drittletzter Stelle, vor dem Burgenland und der Steiermark. Wenigstens die Wohnkosten – auch ein Indikator für die Attraktivität eines Standortes – sind in Kärnten gering. Nur 283 Euro monatlich betrugen sie laut der letzten Mikrozensus-Erhebung. Billiger wohnt man in Österreich nirgends. Ein hochaktueller Indikator für Kaufkraft und Entwicklungstempo einer Region ist der Grad der Ausstattung der Haushalte mit Computern. Am meisten davon gibt es in den Wohnungen Wiens und Oberösterreichs. Am wenigsten in Kärnten und im Burgenland. Freilich: Die wirtschaftlichen Megatrends können selbst nationale Regierungen nicht beeinflussen – ein Landeshauptmann steht da auf verlorenem Posten.

Wo die Politik aktiv werden kann , hat Haider den Spielraum durchaus genutzt. Bei der in Kärnten besonders forcierten Familienförderung sind die Erfolge auch messbar. Als er 1999 zum zweiten Mal sein Amt als Landeshauptmann antrat, gab es in Kärnten nur neun Kinderkrippen – heute sind es 79. Nur im ungleich bevölkerungsreicheren Wien gibt es mehr Betreuungsplätze für Kleinkinder als in Kärnten. Dass damit auch ein Bedarf gestillt wurde, illustriert der Umstand, dass sich die Zahl der in Kärnten betreuten Kinder seither vervierzehnfacht hat.

Weniger Babys. Unerwarteterweise wirken sich weder die großzügige finanzielle Förderung noch die beeindruckende Zahl von Betreuungsplätzen nachhaltig auf die Geburtenraten aus: Just seit 1999 gibt es in Haider-Land eine negative Geburtenbilanz, was seither – Ironie der Geschichte! – nur durch eine positive Zuwandererbilanz mühsam wettgemacht werden konnte. 2007 etwa sorgte nur die Zuwanderung dafür, dass zu Jahresende um 680 Menschen mehr in Kärnten lebten als zu Jahresbeginn. Die Geburtenrate ist trotz Haiders offensiver Familienpolitik mit 8,4 Babys pro 1000 Einwohnern auch geringer als in „Gesamtösterreich“ (9,2). Die Kärntner sind als Ergebnis dieser Entwicklung daher im Schnitt auch geringfügig älter als die „Restösterreicher“.

Haiders oft recht großzügige Förderungspolitik kostet natürlich Geld. Folgerichtig ist Kärnten, gemessen an der Einwohnerzahl, mit 1928 Euro pro Kopf das mit Abstand am höchsten verschuldete Bundesland Österreichs. Der Schuldenabbau wird nicht einfach, weil Haider die Filetstücke aus dem Portefeuille des Landes bereits verkauft hat.
Aber es gibt auch Disziplinen, in denen Österreichs Süden tatsächlich die Nase vorn hat. Bei der Produktion erneuerbarer Energie sind die Kärntner Musterschüler: Gemessen an der Kopfzahl produzieren sie am meisten grüne Power. Und nach dem Burgenland hat Kärnten sicher die größte Zahl zweisprachiger Ortstafeln. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Von Herbert Lackner