Mythen: Letzte Unruhe

Unsterblich und nicht begraben: Eine Dokumentation begibt sich auf die Spuren der verstorbenen Hollywood-Diva Hedy Lamarr. Ihre Asche lagert in Wien – in einem Plastiksack.

Ihre letzte Wohnstätte in Florida gleicht einem Schrein, dessen Star sich hilflos gegen die eigene Vergänglichkeit stemmt. Die Wände sind voll gepflastert mit Fotos, auf denen Hedy Lamarr ihrem offiziellen PR-Slogan, die schönste Frau der Welt zu sein, gerecht zu werden sucht. Das grell geschminkte Gesicht der damals 82-Jährigen ist längst zur Fratze verkommen. Denn die Lamarr, bereits in jungen Jahren von Alterspanik verfolgt, hatte sich frühzeitig der Schönheitschirurgie ausgeliefert. „Ich bin ein Star, stimmt’s?!“, flüsterte sie 1996, vier Jahre vor ihrem Tod, mit gespanntem Lächeln in die Videokamera – um dann mit theatralischer Pose Gloria Swanson aus Billy Wilders Hollywood-Demontage „Sunset Boulevard“ zu zitieren: „Mr. DeMille, ich bin bereit für mein Close-up.“

Es ist eine der beklemmendsten Szenen in der eindrücklichen Dokumentation „Calling Hedy Lamarr“ des österreichischen Filmemachers Georg Misch (siehe Kasten): Obwohl Hedy Lamarr ironische Distanz zum Glamour-Wrack Norma Desmond vortäuschte, war sie der „Sunset Boulevard“-Hauptfigur wahrscheinlich nie so nah wie in diesem Moment.

Kein Grab. Vereinsamt und nahezu vergessen verstarb die gebürtige Wienerin Hedwig Maria Kiesler, Tochter eines jüdischen Bankdirektors und einer Konzertpianistin, im Jahr 2000 in Florida – und wurde nie begraben. Die Hälfte der Asche jener Frau, die, nackt durch einen Wald laufend, 1933 in Gustav Machatys österreichisch-tschechischem Expressionismus-Meisterwerk „Ekstase“ als erste unbekleidete Schauspielerin vor einer Kamera Filmgeschichte gemacht (und 1942 durch die Erfindung einer bahnbrechenden Funkfernsteuerung die Grundlagen für das moderne Mobiltelefon gelegt) hatte, befindet sich bis heute in einem Plastiksack einer amerikanischen Lebensmittelkette. Und dieser Plastiksack liegt in einem Schrank der Wiener Filmproduktion Mischief. Um den Inhalt vor der Entsorgung von Putzfrauen zu schützen, hat Regisseur und Produzent Georg Misch einen Zettel mit der Warnung „The ashes of Hedy Lamarr“ angebracht. Die Reliquie hatte ihm Hedy Lamarrs Sohn Anthony Loder anvertraut, der – wie die Dokumentation behutsam offen legt – seine ganze Existenz der abgöttischen Adoration einer Mutter, „die ich nie hatte“, widmet. Der 62-jährige Loder, ein mittelmäßig erfolgreicher Telefonhändler in Los Angeles, lebt inmitten unzähliger Kisten, bis zum Rand gefüllt mit Fotos, Briefen und Zeitschriften, deren Titelblätter der berühmteste Mittelscheitel der Filmgeschichte zierte. „Ich muss mir meine Mum so rekonstruieren“, erklärt er seinen Fanatismus, „denn in der Realität habe ich sie nie kennen gelernt.“ Der kleine Anthony war ebenso wie seine Schwester Denise vorwiegend in der Obhut von Kindermädchen aufgewachsen. Seinen Vater, den 1988 verstorbenen B-Schauspieler John Loder und dritten von Lamarrs insgesamt sechs Ehemännern, hatte Loder im Alter von zwei Jahren das letzte Mal gesehen. „Ich habe meine Therapie gemacht“, erklärt Denise, leitende Kaufhausangestellte, stoisch im Film: „Frauen wie meine Mutter hätten nie Kinder haben dürfen. Manchmal hatte ich solche Sehnsucht nach ihr, dass ich mir Hedy-Lamarr-Anziehpuppen aus Papier kaufte und dabei so weinte, dass sie bald ganz aufgeweicht waren.“

In gespenstischem Kontrast dazu steht eine ebenfalls im Film gezeigte Begegnung der österreichischen Filmjournalisten Helmut Dimko und Peter Hajek, die Hedy Lamarr 1970 in einem heruntergekommenen New Yorker Dauermieter-Hotel aufgestöbert hatten. Dort erzählte die offenbar tablettensüchtige Lamarr in weichem Wienerisch, dass ihr aller Ruhm nichts bedeute und ihre Kinder das Wichtigste seien. Als Misch 2003 mit seinem Filmprojekt an Loder herantrat, stieß er zuerst auf heftigen Widerstand. Schließlich hatte Loder das Drehbuch „über die Frau, die alle mit ihrer Schönheit überwältigte“, längst selbst geschrieben – ohne jedes Gegeninteresse.

Im Zuge der Zusammenarbeit jedoch fand Loder in dem heute 36-jährigen Filmemacher Georg Misch einen kongenialen Partner für seine Lebensmission, „Hedy“ dem Vergessen zu entreißen. Ihm gestand er auch, dass sich die Urne mit Lamarrs Asche, nach Jahren der Zwischenlagerung im Kleiderschrank seiner Schwester Denise Loder-Deluca in Seattle, mittlerweile wieder in seinem Haus befand. „In ihrem letzten Willen hatte Hedy den Wunsch geäußert, dass ihre Asche im Wienerwald verstreut wird“, erzählt Loder im profil-Interview. „Sie wollte nach Hause. Ich wusste, dass ich Hedy heimbringen musste.“ Misch lud die beiden Geschwister nach Wien ein, dem Wunsch der Mutter nachzukommen. Der USA-Korrespondent der „Kronen Zeitung“, Hans Janitschek, der das Blatt immer wieder mit rührendem Material aus dem Leben der alternden Diva versorgt hatte, witterte jetzt eine boulevardkompatible Story. Gegen Zusicherung eines Honorars von 2000 Dollar, von dem laut Loder jedoch nur die Hälfte überwiesen wurde, posierte der Sohn mit seiner Schwester und der Messingurne vor dem Stephansdom. Bei der feierlichen Verstreuung der Hälfte der Asche am Grinzinger „Himmel“ wollte man die „Krone“ allerdings nicht dabeihaben – die Hälfte der Asche deswegen, weil Loder inzwischen vom Gedanken beseelt war, den Rest in einem Ehrengrab in Wien bestatten zu lassen. Georg Misch durfte die Verabschiedung mitfilmen: „Es gab plötzlich einen starken Gegenwind“, erzählt er. „Und so flog ziemlich viel Asche auf Denise, die entsetzt schrie: ‚Oh, my god, I got Mum all over me!‘“

Nach seiner Rückkehr nach Los Angeles schrieb Loder einen Brief an den Wiener Bürgermeister Michael Häupl, in dem er sein Anliegen vortrug. Drei Monate lang kam keine Antwort. Schließlich ging ein Schreiben aus dem Büro des Kulturstadtrats Andreas Mailath-Pokorny ein, in dem man sich dem Ansinnen durchaus aufgeschlossen zeigte, allerdings darauf hinwies, dass sie mit Kosten in der Höhe von zirka 10.000 Euro zu rechnen hätten.

Menschliches Ornament. Loder war zornig, denn das Prinzip Ungerechtigkeit zog sich seiner Ansicht nach wie ein Leitmotiv durch das Leben von Hedy Lamarr. In mehr als 25 Filmen habe Hollywood sie als „menschliches Ornament“ missbraucht, um sie in dem Moment, „wo sie nicht mehr so schön“ war, kaltblütig zu entsorgen. Ihre geniale Idee, durch „Frequenz-Springen“ ferngelenkte Torpedos für den Feind quasi unsichtbar zu machen, war 1942 zwar unter ihrem Namen patentiert worden, doch das System wurde erst 17 Jahre später, lange nach Ablauf des Patents, erstmals realisiert: „Meine Mutter wäre auch die reichste Frau der Welt gewesen. Die gesamte drahtlose Datenübertragung – vom Handy bis zum Raketenabwehrsystem – basiert auf diesem Gedanken. Sie schenkte der US-Regierung die Idee, weil sie Hitler bekämpfen helfen wollte.“ Die revolutionäre Erfindung war sozusagen eine Spätfolge von Lamarrs Ehe mit dem jüdischen Waffenbaron Fritz Mandl. Im Alter von 18 Jahren hatte sie den Besitzer eines der damals größten Rüstungskonzerne der Welt 1933 in Wien geheiratet – um vier Jahre später aus dem goldenen Käfig nach Hollywood zu fliehen. Mandl wollte seiner schönen Frau nämlich jede Karriere verbieten.

Den Umgang Wiens mit seiner berühmten Tochter empfindet Loder als beschämend: „Nach diesem Bodybuilder wurde in Graz ein ganzes Fußballstadion benannt, und meine Mutter hat hier noch nicht einmal eine Straße bekommen.“ Kulturstadtrat Mailath-Pokorny kündigt gegenüber profil an, den „Unterausschuss für Straßenbenennungen“ mit der Causa zu befassen, kann allerdings nur die „Außenstadt“ anbieten. Was das Ehrengrab betrifft, verweist Mailath auf die Regelung, „dass die Stadt nur die Grabpflege übernimmt“. Die Kosten für das Grab müssten jedoch immer von den Hinterbliebenen selbst getragen werden.

Das Angebot des „Kronen Zeitung“-Herausgebers Hans Dichand wiederum, für die Kosten aufzukommen, haben die Loders abgelehnt. Sie wollten die letzte Ruhestätte ihrer Mutter nicht, so Anthony Loder zu Misch, von „einem Boulevardblatt gesponsert wissen, in dem nackte Mädchen abgebildet sind“. Bis auf Weiteres will er „Mum“ dort belassen, wohin sie ohnehin am besten passt: „Ich liebe den Gedanken, dass Hedy jetzt mit jungen Filmemachern in einem Schneideraum abhängt.“

Von Angelika Hager