Mythen: Wenn die Götter zürnen …

Die Gewalt des Wassers war immer schon mehr als nur ein Naturereignis.

Fast jedermann in der entwickelten Welt kennt jemanden, der in den Flutmassen sein Leben ließ oder gerade noch davongekommen ist. Das ist, neben der schieren Größe der Tsunami-Katastrophe, sicherlich ein Grund dafür, dass man in diesen Tagen in besonderem Maße erschüttert ist. Die Stärke unserer Emotionen dürfte aber noch einen anderen Grund haben: Die tragischen Ereignisse treffen auf archaische Bilder eines der zentralen Mythen der Menschheit.

Die biblische Geschichte von der Sintflut und der Errettung Noahs, seiner Familie und der mitgenommenen Tiere in der Arche, die etwa 700 v. Chr. aufgeschrieben wurde, gehört zu den späten Zeugnissen dieses Mythos.

Älter ist das babylonische Gilgamesch-Epos. Da erzürnt die Götter nicht so sehr, wie in der Noah-Story, die Verkommenheit der Menschen, sondern die Überbevölkerung. Immer wieder wird versucht, dem Wachstum der Menschheit Einhalt zu gebieten. Durch die Pest, durch eine Dürre und andere Plagen. Schließlich schickte der Himmel das große Wasser: „Eine Sintflut zu machen, entbrannte das Herz den großen Göttern“, heißt es im Epos. Auch hier wird ein Gerechter, Utnapishtim, gerettet, dem aufgetragen wird, ein Boot zu bauen und Getier und Handwerker mitzunehmen, um das Überleben der Menschheit zu sichern.

Die alten Griechen wuchsen mit der Geschichte von Deucalion und Pyhrra auf, die mit ihren Kindern und einer Reihe von Tieren in einem Schiff sicher am Gipfel des Parnassos landen. Bei Noah war’s der Ararat.

Der Topos von der alles verschlingenden göttlichen Flut ist nicht nur moralisch-religiöse Ermahnung. Zumindest im fruchtbaren Halbmond zwischen Tigris und Nil dürfte eine gewaltige Katastrophe wirklich stattgefunden haben. Nach den jüngsten Forschungen der US-Geologen William Ryan und Walter Pitman schwollen mit dem Ende der Eiszeit vor etwa 12.000 Jahren durch die Eisschmelze die Meere an. Vor 7000 Jahren sollen dann Wassermassen des Mittelmeers mit einer unvorstellbaren Wucht sich in das Schwarze Meer ergossen haben, das bis dahin ein von Agrikultur umgebener Süßwassersee war.

Der Flutmythos ist freilich universell. In Legenden der amerikanischen Indianer taucht er ebenso auf wie in afrikanischen und asiatischen Erzählungen. Auch in den nun von der Katastrophe unmittelbar betroffenen Gebieten.

  • Indien und Sri Lanka: Manu, der erste Mensch, findet, als er sich wäscht, einen kleinen Fisch. Der bittet um sein Leben. Manu zieht ihn auf. Als der Fisch groß ist, bringt er ihn zum Meer. Der Fisch warnt Manu vor einer großen Flut und sagt ihm, er möge ein Schiff bauen. Als das Wasser steigt, schlingt Manu ein Seil um das Horn des Fisches, der zieht das Boot zu den nördlichen Bergen. Manu überlebt als Einziger die Sintflut.
  • Thailand: Ein Bruder und eine Schwester erfahren von einer Maus von einer bevorstehenden Flutwelle. Sie sperren sich in eine Trommel. So, als die zwei einzigen Menschen, gerettet, hören sie einen Kuckuck singen: „Bruder und Schwester, umarmt euch.“ Sie schlafen miteinander. Nach sieben Jahren wird ein Kind in der Form eines Kürbisses geboren. Als sie Geräusche innerhalb des Kürbis hören, bohren sie ein Loch in die Schale: Heraus kommen in Scharen alle Völker der Erde.
  • Sumatra (Indonesien): Naga-Padoha, die riesige Schlange, auf der die Erde ruht, hatte es einmal satt, diese schwere Last zu tragen, und schüttelte sie ab – ins Meer. Gott Batara-Guru will seine Tochter vor dem Untergang retten und lässt einen Berg ins Wasser fallen. Die göttliche Tochter ist die Urmutter der Menschheit. Später wird die Erde wieder auf das Haupt der Schlange gehievt.

Das Wüten der Wasser wird im Mythos meist zur Parabel auf Schuld und Sühne. Und hat von Plato (Atlantis) bis Theodor Storm („Schimmelreiter“) die Philosophie und Literatur inspiriert.

In Tolkiens „Herr der Ringe“, der erfolgreichsten Fantasy-Story der Gegenwart, wird über den Aufstieg und Fall der Insel Numenor berichtet. Als deren König den Göttern unbequem wird, verschlingt der Ozean die Insel. Und in Roland Emmerichs Film „The Day after Tomorrow“ bringt der Mensch als Klimaschänder den Golfstrom zum Erliegen. New York geht in den Fluten unter.

In fast allen Versionen der Flutmythen sind die mörderischen Wassermassen die Strafe dafür, dass der Mensch die Götter herausgefordert hat. Gleichzeitig aber wirkt die Flut ambivalent. Sie reinigt und schafft Neues: Fast immer wächst nach dem Sündenfall und der darauffolgenden Strafe ein neues, ein besseres Menschengeschlecht. Das ist für die Betroffenen von heute kaum tröstlich. Für sie bleibt es die Strafe Gottes, grausames Schicksal.